Mittwoch, 31. Mai 2023

LUZERN: HAMLET VON HINTEN

hamlet im luzerner kleintheater? ja, hamlet im kleintheater! nun, ein bisschen anders kommt das dann doch daher. auf der bühne ist eine sehr originelle, sehr chaotische theatergarderobe aufgebaut. zwischen schminktischen, sofas, kleiderständern und kaffemaschine wuselt das hamlet-ensemble herum, macht sich bereit für die bühne, kommt zurück vom auftritt, zieht sich um für den nächsten. kurz: wir sehen „hamlet“ von hinten. und dieses ensemble hat´s in sich: leute von fetter vetter, ohne rolf, theater aeternam, die tänzerin i-fen lin und susanne-dampf-in-allen-gassen kunz haben sich zum finale der kleintheater-co-leitung vereint, eine extrem bunte all-star-truppe also. mit grösster lust spielen sie, was halt so läuft hinter der bühne: einer muss kurzfristig umbesetzt werden, einer liest james joyce in den wartezeiten, andere spielen scrabble, das porträt von bruno ganz bewegt sich geisterhaft an der wand, alle lästern über den regisseur, jemand fragt nach den fünf trauerstufen nach kübler-ross, ohne rolf blättern sich durch rosenkranz und güldenstern - und ja: „wir haben uns auseinandergespielt.“ kein wunder, nach 400 hamlet-aufführungen. eine truppe am ende! das ganze brainstorming zu diesem thema wird hier während zweieinhalb stunden auf die bühne gekippt. als nächstes dann vielleicht ein open-air-„heidi“ für die saudis auf dem bürgenstock? prompt hat einer (heiner müller lässt grüssen) bereits die „heidi-maschine“ zur hand, den kritischen kommentar zum spyri-original. und ebenso prompt kotzt die diva dieses manuskript bei der nächsten gelegenheit voll. das ist ein herzhafter blick hinter die kulissen – mit einem bisschen shakespeare, einem bisschen komödie, einem bisschen requiem, einem bisschen klamauk, einem bisschen grusical – und vor allem ist es: eine bedingungslose liebeserklärung ans theater.

Donnerstag, 25. Mai 2023

MÜNCHEN: ERFOLG

ein erstklassiges salonorchester versetzt uns im münchner residenztheater 100 jahre zurück. hübscher tingeltangel, doch die zeiten sind hart. dr. martin krüger, missliebiger museumsdirektor, wird nach einem politisch motivierten prozess eingesperrt. jetzt windet er sich in einer viel zu engen zelle; thiemo strutzenberger zeigt bewegt und bewegend diesen kampf zwischen ratten und wahn und dem wunsch nach büchern. drei jahre später, während denen freunde seine unschuld zu beweisen suchen, versagt sein herz in dieser zelle. mit über 100 figuren entwickelte lion feuchtwanger ein gigantisches panorama dieser drei jahre, der zeit des aufkeimenden nationalsozialismus: "erfolg" ist der grosse bayern-roman, je nach ausgabe 750 bis 900 seiten. er habe diesen stoff unterschätzt, sagte regisseur stefan bachmann (früher basel, jetzt köln, bald burgtheater) im vorfeld. ja, hat er tatsächlich. er reduziert das personal auf 14 figuren, die er vor trostlosen strassenlaternen recht künstlich an der rampe rezitieren lässt, monologe, lange monologe, dutzendweise. damit das nicht zu fad kommt, wird revuemässig aufgepeppt, mit tango und jodel, federboas und scherzchen. auf der drehbühne bewegt sich der bayrische menschenzoo in kantigen choreographien, die vom glockenspiel am marienplatz inspiriert sein dürften. viel dekorative oberfläche also, selbst das morbide glänzt hier, wichtiges dagegen wird nur hingetupft, rupert kutzner (das hitler-pendant im buch) gar ganz gestrichen. die frage, weshalb feuchtwanger trotz seinem scharfen blick auf die „wahrhaft deutschen“ das ausmass des desasters nicht voraussah, oder die frage, ob sich geschichte wiederholt, die bachmann laut programmheft auch interessiert – bleibt alles auf der strecke. trotzdem gibt's vom premièrenpublikum reichlich applaus. die innovative bayern-revue allerdings ist der ultimative bayern-roman hier nicht geworden.

Mittwoch, 24. Mai 2023

SOKOŁOWSKO: OLGAS RACHE

„der starke wille des mannes hilft, manchen verlockungen des wahnsinns einhalt zu gebieten, dem weibe aber fehlt dieser wille nahezu völlig.“ - „in philosophischem sinne können wir das weib nicht als vollkommenes, in seiner entwicklung abgeschlossenes subjekt betrachten.“ - „es ist ein altes leiden, dass frauen ohne männer an hysterie erkranken.“ - „die mütter impfen dem kind eine übermässige emotionalität ein, was später zu zahlreichen krankheiten und schwächen des geistes führt.“ ok, das dürfte reichen….. wir sind im lieblichen luftkurort görbersdorf in niederschlesien (heute sokołowsko). die runde, die da 1913 im „gästehaus für herren“ abend für abend speist und debattiert, lässt nix aus, aber gar nix, wenn’s um frauen geht. dieses aberwitzige sammelsurium sämtlicher frauenfeindlichkeiten gönnt sich nobelpreisträgerin olga tokarczuk in ihrem neuen roman „empusion“. der ist feministische zauberberg-replik und gruselgeschichte in einem – und vor allem ein grandioser lesespass. das beste kommt auch hier zum schluss, als schlichte „notiz der autorin“, wo tokarczuk outet, dass all die misogynen männerphantasien nicht etwa ihrer dunklen seite entsprangen, sondern dass sie da einfach texte von 35 (!!) bekannten autoren paraphrasierte, darunter augustinus, darwin, freud, kerouac, nietzsche, racine, sartre, schopenhauer, shakespeare, strindberg, wagner. so ist das, liebe männer. und übrigens, empusen sind (ja, ich musste auch googeln) mythische angstgöttinnen vulgo schreckgespenster. diese polnischen tuntschis lässt tokarczuk jetzt auf uns los: die „empusion“ ist olgas hammerhafte rache.

Montag, 22. Mai 2023

MÜNCHEN: ANTI WAR WOMEN

immer wieder wird im hintergrund, bühnenhoch und bühnenbreit und schwarz-weiss, das bild vom grossen frauenfriedenskongress 1915 in den haag eingeblendet: auf dem podium 13 sehr unterschiedliche frauen aus 13 zum teil gegeneinander kämpfenden ländern. davor, auf der bühne der münchner kammerspiele, performen vier frauen und zwei männer in bunten overalls, mit viel rüschenfummel, viel make-up und aufwendig gestylten frisuren eine feministische geschichtslektion, die die regisseurin jessica glause gemeinsam mit ihnen konzipiert hat: „anti war women“, der titel war und ist programm. der erste weltkrieg („der kulminationspunkt männlicher raff- und zerstörungswut“) unterbrach den kampf der frauen ums wahlrecht, den kampf um sexuelle selbstbestimmung, um ein freieres leben. mitten im krieg versammelten sich deshalb 1500 frauen in den haag, um den kampf für gleichberechtigung, frieden, nationale souveränität fortzusetzen. das ensemble tanzt und singt („jenseits von eden“) und rezitiert aus reden und resolutionen von diesem kongress der starken bewegten frauen: „wir werden durch krieg vergewaltigt.“ nicht verbissen, sondern mit power, lust und visionen machen sie – damals und heute – klar, dass es reicht, und suchen über alle grenzen hinweg nach anderen möglichkeiten und wegen. das war vom inhalt und vom stil her – vor 108 jahren!! – ein klarer kontrapunkt zu männlicher politik. die kammerspiele haben es sich zum ziel gesetzt, solch vergessene kapitel der frauenbewegung ans licht zu holen. ein grosses verdienst. allerdings ist eine theatralische recherche noch kein theater, eine doku kein drama. so bleibt dieser abend letztlich eine wikipedia-performance, auf durchaus professionellem, attraktivem niveau.  

Montag, 15. Mai 2023

MÜNCHEN: WIR WAREN KUMPEL

martina war mal ein mann. ok, noch so eine trans-geschichte, die gefühlt zweihundert-siebenunddreissigste. doch die geschichte von martina ist anders, sie berührt besonders, weil sie in einem besonderen umfeld stattfindet: martina war mark und mark war ein kumpel, im bergbau. eines tages tauchte er inmitten seiner kollegen als martina auf, die einzige frau unter 400 kumpels, kein einfaches coming-out. „wir waren kumpel“, der neue film des luzerners christian johannes koch und seines kumpels jonas matauschek, hatte jetzt première am dok.fest münchen. die geschichte von martina ist darin eine von mehreren episoden. als in deutschland die steinkohleförderung eingestellt wurde, haben koch und matauschek fünf kumpels begleitet, die drei oder vier jahrzehnte unter tag arbeiteten. „du arbeitest wie ein pferd und wirst bezahlt wie ein esel“, sagt einer. und dann ist schluss, ende, aus. mit scherzen und sprüchen decken sie ihre unsicherheit zu. gibt es ein leben jenseits der zeche? was werden sie machen mit der ganzen zeit? was werden sie machen ohne einander? wenn der letzte kohlestaub aus dem gesicht und unter den fingernägeln weggerubbelt ist? die bilder der leeren zeche, überwältigend trostlos, kontrastieren mit sehr privaten sequenzen. eindrücklich, wie nahe die filmemacher da rangehen. und eindrücklich, wie nahe die harten jungs sie ranlassen. harte jungs? „wir sind nicht so hart wie ihr alle denkt“, sagt einer – und das spürt man in jeder einstellung. dem einen macht die grosse leere zu schaffen, bei einem anderen sind es die grossen utopien, für die er aber die energie nicht mehr hat. zwei fahren im gemieteten wohnmobil an die atlantikküste, ein geradezu liebevolles ablenkungsmanöver. dieser film ist ein visual poem über die zeit, die war, und die zeit, die kommt. sehenswert und anregend für alle, die über eine schwelle gehen. also alle.

Samstag, 13. Mai 2023

MÜNCHEN: LUISA MILLER

dieser bewegende moment: wenn der kirgisische tenor jenish ysmanov als rodolfo die grosse arie „quando le sere al placido“ anstimmt, wenn er fälschlicherweise glaubt, dass ihm seine grosse liebe untreu geworden ist, ihn verraten hat, wenn er voller verzweiflung an der rampe umherirrt, wenn er dann von eifersucht und leidenschaft getrieben seine spitzentöne in alle richtungen schleudert – dann hält das publikum im staatstheater am gärtnerplatz den atem an. über 700 menschen. kollektive gänsehaut. ein packender moment, eine packende inszenierung von „luisa miller“. zwei junge menschen, die sich lieben, zwei väter, die diese liebe verhindern, indem sie vorgeben, nur das beste für ihren nachwuchs zu wollen, dann intrige, gift, tod. schillers sturm-und-drang-drama „kabale und liebe“ war für verdi eine steilvorlage: lyrische passagen, rasante eskalation, dramatische gipfel. dirigent anthony bramall gestaltet das alles mit spannung und furor und einem hervorragenden ensemble: neben jenish ysmanov vor allem auch mária celeng als luisa, alexander grassauer als miller und levente páll als intrigant wurm. mit ihnen arbeitet regisseur torsten fischer die zahllosen konflikte präzis heraus, zeigt sie wie in nahaufnahme, ein kammerspiel, das immer wieder unter die haut geht. so sehr ihm diese intime, private ebene liegt (und die latente todesnähe), so sehr geraten ihm die chorszenen ins plakative: mal tänzeln sie wie „im weissen rössl“, mal tragen sie glitterkram wie in „hello dolly“ und wurm muss da als kreuzung aus joker und glöckner von notre-dame rumschleimen, gärtnerplatz-dna halt… doch lassen wir das mäkeln, es bleibt dabei: diese oper wird zu selten gespielt, diese oper wird massiv unterschätzt. „luisa miller“ ist verdi at his best, richtig grosses drama und, pardon, richtig geile musik.

Donnerstag, 11. Mai 2023

ZÜRICH: FÜR SEKA

wieder aufregende schweizer literatur. wieder ein junger mensch, der seine komplexe biographie schreibend zu ergründen sucht. wieder formale und sprachliche experimentierlust. wieder ein wuchtiges buch. ein halbes jahr nach kim de l´horizons „blutbuch“ hat die 24jährige zürcherin mina hava jetzt „für seka“ nachgeschoben, ihren erstling – und den gleich im suhrkamp-verlag. „sie lag im bett und trug worte an die decke, schlug sie weiss auf schwarzen grund neben die lampe und drehte sich schliesslich auf den bauch, damit sie verschwanden.“ bosnien, die heimat ihrer eltern, kriege, gefangenenlager, eine zerbrochene familie. „für seka“ ist eher literarisches puzzle als roman, inspiriert ganz offenkundig von w.g. sebalds „korrespondenz mit sich selbst“. mina/seka recherchiert, sie spannt fäden in die vergangenheit, sie sucht ein anderes leben, sie löst sich und leidet – und sie schreibt. und wie sie schreibt! in dem buch stösst man immer wieder auf formulierungen und sätze, die inhaltlich und sprachlich oft nur minimal vom mainstream abweichen und gerade deshalb nachhaltig irritieren: über die zeit „als jugoslawien in seine kriege zerfiel“, über familientreffen, „an denen sie nicht mehr teilnahm, weil sie nicht wusste, worüber sie schweigen sollte“, und immer wieder über die liebe, die fehlende liebe: „was von der liebe übrig geblieben war, zerfiel in ein stechendes gefühl, das sich abends von schlaflosigkeit nährte.“ gefühle und gedanken, denen man gebannt folgt. „sie stellte sich vor, wie es wäre, darüber zu lesen, dass ein leben mit mann nur zulasten des intellekts geführt werden könne, und sah bereits, wie sie zustimmend nickte.“ was für ein gedanke, was für ein satz, was für ein buch! 

Dienstag, 2. Mai 2023

MÜNCHEN: EINE UKRAINISCHE ODYSSEE

penelope – die frau, die wartet! eigentlich müsste dieses stück „penelope“ heissen und nicht „odyssee“, denn anders als homer stellt der ukrainische dramatiker pavlo arie nicht den kämpfer ins zentrum, sondern seine frau, die zehn jahre auf das ende des trojanischen krieges wartet und dann noch zehn jahre auf die rückkehr ihres mannes. mit dieser feministisch überschriebenen „odyssee“ gastiert das schauspielhaus düsseldorf jetzt beim radikal-jung-festival des münchner volkstheaters. auf der bühne: kein mann. sondern: elf frauen und fünf jugendliche in einem tristen wartesaal in düsseldorf. sie protokollieren die bittere realität in der ukraine, teils ihre eigene, teils basierend auf interviews, die arie mit zurückgebliebenen geführt hat. er gibt den frauen, die heute warten, eine stimme. anders als die passiv leidende penelope werden sie aktiv, sie fordern, sie planen die zukunft, sie fällen entscheidungen, kleine und grosse. marta bezpaliuk erzählt, wie sie kurz vor der première noch zurück in die ukraine fuhr, um ihren bruder zu beerdigen. sie wollte nach dem krieg ans meer reisen mit ihm, weil er es noch nie sah: „ein einziger tag hat alles verändert.“ verluste, massenvergewaltigungen, endlose bilder von zerstörten städten, listen mit den namen toter und vermisster, schmerz, desorientierung – die inszenierung von stas zhyrkov treibt alle an emotionale grenzen, auf der bühne und im saal. verzweifelte summchöre in moll und wilde gitarrenduelle bilden das spektrum auch musikalisch ab. hoffnung? vielleicht, manchmal lachen sie, es ist ein bitteres lachen. und ist es hoffnung, wenn der elfjährige renat aus irpin sein skateboard unter den arm klemmt und still ins publikum spricht: „ich finde das, was gerade passiert, hat einen sinn, weil wir etwas lernen, das uns später helfen kann.“ er macht eine lange pause. „wir lernen, uns in einen besonderen zustand zu versetzen, in so eine art starre: was, wenn das alles gar nichts mit mir zu tun hat?“

Montag, 1. Mai 2023

LUZERN: BEI WAGNERS ZUHAUSE

da sitzen wir nun also. in diesen edel gepolsterten sesseln, auf dieser ausnehmend einladenden chaiselongue, grossartige aussicht auf see und berge. in diesem salon empfing richard wagner 1867 franz liszt, der ihm die liaison mit seiner tochter cosima auszureden gedachte. doch dann setzte sich liszt an den erard-flügel, auf dem wagners eben vollendete „meistersinger“-partitur lag, begann zu spielen, den ersten akt, den zweiten akt, alles prima vista und mit einer begeisterung, die in hochachtung überging. und jetzt sitzen wir da, nicht am flügel, aber auf dem sofa. was sonst in museen streng verboten ist, ist im neu gestalteten richard-wagner-museum auf tribschen jetzt ausdrücklich erwünscht: man soll eben nicht nur gedanklich, sondern auch sinnlich eintauchen in wagners welt. bilder des ursprünglichen interieurs existieren nicht, deshalb haben architekt roger kraushaar und restauratorin liselotte wechsler die räume aufgrund von tagebuchnotizen, korrespondenzen und zeitgeschichtlichen referenzen nach wagners geschmack hergerichtet: viel dunkles rot, viel helles grün, florale muster, gediegene stoffe, alles akribisch und liebevoll bis ins letzte detail. ein schmuckkästchen! wer jetzt denkt, dass das streitbare genie in dieser idylle zurückgezogen komponierte, irrt gewaltig. eine riesige entourage sorgte für pralles leben: „ich hab cosima, ihre drei kinder, erzieherin, kindsmagd bei mir, dazu vreneli, steffen, jost, marie und louise – die toulouser köchin.“ dazu pfauen und hunde und viele prominente besuche. das landhaus tribschen war 1866 bis 1872 ein richtiger hotspot. die miete (3000 franken im jahr) beglich übrigens könig ludwig II. und beim anschliessenden umzug nach bayreuth half einer, der 23 mal zu gast war auf tribschen: friedrich nietzsche, philosoph und zügelmann.

Freitag, 28. April 2023

ASCONA: NANDA VIGO

der enorm coole sessel „chair due più” ist das bekannteste objekt der mailänder architektin und designerin nanda vigo (1936-2020): zwei fellbespannte rollen auf unterschiedlicher höhe, die durch ein stahlrohrgestell verbunden werden. das museo comunale d´arte moderna in ascona (ja, das gibt´s, gut versteckt im alten ortsteil) zeigt jetzt in einer grossen retrospektive, was die dame sonst noch drauf hatte. dass sie schon als jugendliche total auf science fiction stand, vor allem flash gordon hatte es ihr angetan, beeinflusste ihr ganzes üppiges schaffen. vor allem ihre ungewohnten lichtobjekte aus den sechziger und siebziger jahren müssen dem damaligen publikum tatsächlich wie signale aus der zukunft erschienen sein. was auf den ersten blick wie art pour l’art wirken mag, gewagte installationen aus spiegeln und meist knallfarbigen neonröhren, oft auch hart an der grenze zum kitsch, waren nanda vigos experimente mit licht und reflexionen. „cronotopia“ hiess die devise, die fusion von zeit und raum, sie wollte damit stimmungen generieren, ihr publikum triggern. einzelne objekte oder ganze räume spielen mit der dynamik des lichts, werden zu magischen orten: die impulse, die das auge aufnimmt, sollen zu „viaggi delle memorie e della mente“ führen. derart suggestive beleuchtung hielt dann, jahre später, auch in allen angesagten theatern einzug, die lichtdesigner lösten vielerorts die bühnenbildner als stimmungszauberer ab. nanda vigo hinterliess spuren. ein schwarz-weiss-bild in der ausstellung zeigt sie 1964 in der jenny-bar im mailänder künstlerviertel brera. 17 männer – architekten, maler, designer – und eine frau. eine einzige, ziemlich abgeklärte frau. auch dieses bild beweist: nanda vigo war eine der ersten, sie war früher da als andere.

Sonntag, 23. April 2023

LUZERN: DÜRRENMATT UND DAS NEUE THEATER

und was meint eigentlich friedrich dürrenmatt zum geplanten theaterneubau? „es spricht nicht gegen die stadt, dass die pläne noch nicht verwirklicht sind. besser kein theaterleben als ein hochsubventioniertes mittelmässiges, wie es in der deutschen schweiz getrieben wird.“ hoppla. besser kein theaterleben, sagt einer, der vom theater lebt. der kritische einwand galt natürlich nicht den plänen in luzern, sondern jenen in seiner wahlheimat neuchâtel. dürrenmatt formulierte ihn in seinem autobiografischen text „vallon de l’ermitage“ in den achtziger jahren. der alte meister lebt nicht mehr, schnee von gestern also? immerhin mag die dürrenmattsche intervention zu gedanken über das verhältnis von verpackung und inhalt anregen, über die architektur und die kunst, die darin produziert wird. garantiert ein bau auf der höhe der zeit auch für theater auf der höhe der zeit? oder ist es nicht gerade umgekehrt so, dass bescheidene räume und mittel zu kreativen höchstleistungen führen? beides ist möglich, für beides gibt es grossartige beispiele. kein theaterleben, lieber dürrenmatt, ist keine option. theater spiegeln die gesellschaft und beleben sie, sie sind vitaminspritzen für eine stadt. luzern braucht dringend ein neues theater, über verpackung und inhalt darf weiter gestritten werden, damit eben nicht hochsubventioniertes mittelmass resultiert. das neue théâtre du passage in neuchâtel wurde dann übrigens doch noch realisiert. zur einweihung spielte man „die ehe des herrn mississippi“, ein stück von – genau! – dürrenmatt. der war da schon zehn jahre tot. 

Samstag, 22. April 2023

NEUCHÂTEL: DIE SIXTINISCHE KAPELLE

ein einarmiger fisch, ein papst im kleinformat und mit gefährlich-grünlichem gesicht, ein wankender babylonischer turm, ein urinierendes skelett und überall fratzen, düstere fratzen. wo bitte sind wir da? auf der toilette von friedrich dürrenmatt, zweieinhalb quadratmeter gross, gibt 14 quadratmeter wand- und deckenfläche, die der hausherr minutiös vollgepinselt hat. der begnadete dichter war ja auch ein begnadeter maler und nirgendwo treffen sein literarisches und sein künstlerisches schaffen so unmittelbar zusammen wie an diesem stillen örtchen, das die dürrenmatts schalkhaft ihre „sixtinische kapelle“ nannten. michelangelos meisterwerk hatte dürrenmatt bei seiner romreise 1966 nachhaltig beeindruckt - und ihn wenig später zu seinem spontanen toiletten-fresko animiert. dutzende, vielleicht hunderte figuren und motive aus seinen texten tauchen hier auf engstem raum auf, ohne zusammenhang, farbenfroh und grauenvoll, witzig und bitterbös: „the happy pessimist“ wurde er in new york mal genannt. mario botta hat die toilette prominent in seinen umbau des centre dürrenmatt in neuchâtel integriert. aber toilette bleibt toilette, also eng. deshalb widmet das centre der sixtinischen kapelle jetzt eine sonderausstellung, die den vielen sujets und bezügen in einem anderen raum nun angemessen platz gibt. das kleine geschäft wird zum grossen welttheater und macht enorm lust, dürrenmatt wieder aus dem bücherregal zu holen, den grossen grantler und noch grösseren visionär. apropos visionen: im nächsten raum hängt zentral ein deprimierend-dunkles ölgemälde mit dem titel „letzte generalversammlung der eidgenössischen bankanstalt“. dürrenmatt malte es vor 57 jahren.   

Donnerstag, 20. April 2023

STANS: PALABRAS URGENTES

nächsten monat wird sie 79. man könnte jetzt schreiben, dass sie bedeutend jünger aussieht, dass man ihr dieses alter nie geben würde – doch vielmehr ist es so: susana baca, die peruanische sängerin, scheint ein altersloses wesen zu sein. in einem strahlend weissen kleid mit einem strahlend weissen schal betritt sie wie eine magierin aus einer fernen welt die bühne im theater an der mürg, wo sie den eröffnungsabend der stanser musiktage bestreitet. sie betritt die bühne? auch das trifft es nicht: susana baca schwebt, tänzelt und schlängelt zu den afro-peruanischen rhythmen und wie in zeitlupe legt sie mal den kopf mit der eleganten grauen kurzhaarfrisur in den nacken oder bewegt ihre schlanken arme kreisförmig und ausladend. „palabras urgentes“ lautet der titel ihres programms, ihre lieder handeln von kämpferischen frauen, vom recht auf bildung, von widerstand, von freiheit. auch gedichte von pablo neruda hat sie vertont. zwei, drei worte sagt baca jeweils zu den songs, im flüsterton, fast meditativ und doch so eindringlich, dass ihre persönliche betroffenheit immer mitschwingt. susana baca war immer auch politisch engagiert, unter anderem als peruanische kulturministerin. dies ganze viereinhalb monate lang, bis sie mit dem gesamten kabinett aus protest gegen ein umstrittenes bergbauprojekt demissionierte. der kämpferische ton lebt in der stimme dieser grazilen diva weiter; eine stimme, so frisch und präsent wie die sechs jungs ihrer band, die ihre söhne oder enkel sein könnten und diesen mix aus folk und jazz, aus lateinamerika und afrika ganz formidabel begleiten und beleben. susana und ihre musiker, das ist ein generationenübergreifendes projekt der mitreissenden art.

Dienstag, 18. April 2023

MÜNCHEN: GREEN CORRIDORS

die frisch manikürte hand einer frau, die tot am boden liegt – dieses bild aus butscha, das viral ging, wird in den münchner kammerspielen gross an die wand projiziert. darunter entwickelt sich eine diskussion über nagellack, eine frau möchte die selbe farbe. es ist diese absurdität, dieses unmittelbare nebeneinander von krieg und alltag, das sich durch „green corridors“ zieht. die ukrainische dramatikerin natalia vorozhbyt hat dieses stück im auftrag der kammerspiele für das festival „female peace palace“ geschrieben, das sich dem mut und den visionen von frauen im widerstand widmet. vier sehr unterschiedliche frauen (drei von ihnen werden von ukrainerinnen gespielt) sind auf den zivilen fluchtkorridoren unterwegs in ein anderes leben: eine mit drei kindern, eine mit zwei katzen und russischer mentalität, eine mit einem tonnenschweren ego und eine, die nicht aus angst weggeht, sondern weil es ihre erste möglichkeit ist, sich von der mutter zu lösen. vorozhbyt erzählt diese transit-biografien mit schwarzem humor und regisseur jan-christoph gockel lässt sie so frontal spielen, dass sie massiv einfahren. „wo hat europa seine augen?“ steht als frage immer im raum. europa wird personifiziert in der figur einer beamten, die sich den flüchtlingen gegenüber zuerst peinlich verhält, dann durchdreht, und schliesslich tut ihr – zu spät – alles leid. ja, europa! ein subtil-suggestiver soundtrack und comicartige live-zeichnungen begleiten die reise durch die träume und albträume dieser frauen, und spotartig wird auch noch der gewaltsame tod dreier persönlichkeiten aus der ukrainischen geschichte abgehandelt. der abend ist überfrachtet – und er ist berührend und beängstigend und chaotisch wie das leben in zeiten des krieges.

Freitag, 7. April 2023

ZÜRICH: DAS GEWITTER UND DIE KUNST DES STERBENS

das kleine theater neumarkt in zürich legt gerade das grandioseste theatergewitter hin: in sekundenbruchteilen verdunkelt sich die szenerie, aus den boxen pisst es massivst, aggressive stroboskopblitze durchzucken den raum, der donner grollt und knallt bedrohlich, minutenlang, die perfekte illusion – und kein tropfen wasser. der österreichische regisseur franz-xaver mayr präsentiert mit „das gewitter“ ein stück, nein, eine performance über das enden der zeit. sofia elena borsani, sascha özlem soydan und robert rožić spielen total speedig-spleenig drei junge menschen, die auf der flucht vor einem gewitter unterschlupf in einem gruselhaus finden und hier, während der sand unaufhörlich von der decke rieselt, auf sich selbst zurückgeworfen werden, auf ihre vergänglichkeit und endlichkeit. noch einmal erinnern sie sich, an den campari am meer, an die schrägsten orgasmusgeräusche, an mehr-generationen-überforderungsprojekte und wie weinen ihr leben bereichert hat. spielend bewältigen sie wahnwitzige textkaskaden und, das war die vorgabe der regie, in den lücken zwischen den worten lauert der tod. die lücken haben es also in sich: es ist zeit, abschied zu nehmen. immer wieder muss man an herrn geiser aus max frischs „holozän“ denken, der beim gewittersturm im valle onsernone in endzeit-panik gerät. doch im gegensatz zu dem einsamen, alten mann sind die drei fragezeichen, pardon, die drei freunde nicht auf ihre eigene endlichkeit fixiert, hier punktet die neue generation, sie denkt über sich hinaus: alles geht zu ende, der wald bedankt sich bei den spielenden kindern und verabschiedet sich, die sonne kündigt ihr auslöschen an. zwischen pop und poesie weitet dieses famose bühnengedicht unseren blick auf die kunst des sterbens.