und schon wieder weltuntergang….. wotan hat`s nicht mehr im griff und den schicksalsgöttinnen ist der faden gerissen, der vergangenheit, gegenwart und zukunft verbindet, ende, aus, black. soweit, leicht zugespitzt, der inhalt der „götterdämmerung“. richard wagner braucht dafür viereinhalb stunden, das luzerner theater schafft’s in der box in 70 minuten. „gods‘ dawn“ nennt sich das jetzt neudeutsch und ist kein schwer verdaulicher opern-marathon, sondern ein rasantes, von gedankensplittern durchsetztes tanzstück, das sich mit viel jugendlicher energie an „die letzte strophe vor der katastrophe“ klammert. regisseurin brigitte dethier und choreograf ives thuwis haben aus dem finalen teil des „ring des nibelungen“ nur einzelne motive übernommen und wagner gemeinsam mit mitgliedern des schauspielensembles und studierenden der musical factory ins heute weiter gedacht. endlose rote stricke hängen und liegen im raum, zum power-sound von mo sommer entwickelt sich zwischen und mit diesen schicksalsfäden ein schweisstreibender tanz, diese menschen sind hin- und hergerissen zwischen den prägungen der vergangenheit und den zumutungen der gegenwart. sirenen heulen, die neusten schreckensnews werden verlesen und max faatz zählt in einem immer erregteren staccato-monolog sämtliche ängste auf, die junge menschen heutzutage umtreiben, gefühlt 250. angst, wut und witz überlagern sich, wenn etwa amélie hug sich vor kichern kaum halten kann beim gedanken an die „volksinitiative zur zwangssterilisation aller cis-männer“, womit sich dann das patriarchat in ein paar jahrzehnten endlich erledigt hätte und „alle anderen geschlechter“ am drücker wären. immer wieder ist zwischen den harten, dröhnenden beats platz für träume, utopien und sehr persönliche bekenntnisse, für umarmungen, für generationenübergreifende sorge und fürsorge. inmitten all der schicksalsfäden bewegt sich „gods‘ dawn“ zwischen totaler erschöpfung und der hoffnung, dass das ende vielleicht doch nicht das ende ist.
BRANDER LIVE .
DER KULTUR-BLOG. DER ES AUF DEN PUNKT BRINGT.
Freitag, 10. April 2026
Donnerstag, 9. April 2026
ZÜRICH: STURZ IN DIE SONNE
da erzählt einer vom weltuntergang. es wurde heisser und heisser auf der erde. er war selber dabei. die gletscher schmolzen, die menschen flüchteten wegen der hitze in die berge und brachten sich um, weil da zu wenig platz war für alle. vor 104 jahren schrieb der westschweizer autor c. f. ramuz „sturz in die sonne“, wo sich die erde wegen eines unfalls im gravitationssystem rasend schnell der sonne nähert. aus dem packenden, beängstigend prophetischen klimaroman macht der schauspieler martin butzke am theater neumarkt in zürich jetzt einen ebenso packenden soloabend. „schweigen sie, habe ich gesagt!“ mit böser stimme versucht der typ in der beiz abzuwenden, was er nicht wahrhaben will und was ihm doch angst macht. die vorahnung, das verdrängen, das allmähliche verzweifeln – butzke nähert sich erzählend der apokalypse, performt sich fulminant durch diesen bildstarken text, bewegt sich durch die ganz unterschiedlichen stimmungen, die der roman manchmal reportagehaft, manchmal mit philosophischer distanz beschreibt, deutet all die figuren an, die zynischen, die panischen, die aggressiven, wischt sich den schweiss ab, weil es immer heisser wird, kneift die augen zusammen, weil die sonne so erbarmungslos blendet. und immer wieder: „ist das wirklich wahr? ist das die wirklichkeit?“ mal ein irres lachen, mal ein nervöses zucken und mal ein video, das eine brennende schweizer fahne zeigt: ist das krieg oder ist das klima? „hier bei uns hat man nicht viel vorstellungskraft“, heisst es bei ramuz, und weil sich damals wie heute vielen die dramatik der situation nicht erschliesst, weil man die steigenden temperaturen nicht wahrnehmen oder nicht wahrhaben will, entfernt sich butzke einmal von ramuz‘ text für ein geradezu unheimliches intermezzo: unbeweglich steht er im halbdunkel und erzählt die katastrophennacht von crans-montana aus der sicht eines brandopfers, wie in trance gemeinsam dem tod entgegen. es wird heisser und heisser und heisser.
Freitag, 3. April 2026
LUGANO: K-NOW!
k-pop, k-fashion, k-food, k-beauty, k-drama: die ausstellung «hallyu! the korean wave» im museum rietberg in zürich hat vor einem jahr lustvoll und üppig gezeigt, wie stilbildend die koreanischen einflüsse die welt erobern, lokale hits werden globale trends (stichwort gangnam style). jetzt setzt das masi, das museo d’arte della svizzera italiana in lugano, einen weiteren akzent: «k-now!» wirft einen blick auf die aktuelle koreanische videokunst. diese schau kommt weniger schrill daher als die in zürich, denn sie wirft gleichsam einen blick in die koreanische seele. am meisten raum erhält «citizen’s forest» von chan-kyong park. auf einem gegen 20 meter breiten screen zeigt er, schwarz-weiss, menschen in einem wald, 26 minuten lang und wie in zeitlupe: drei jugendliche tragen eine bahre, in einer prozession gehen einige mit einbandagierten köpfen, einige trommeln, einige entfachen ein feuer (eine hochzeit? eine trauerfeier?), jemand mit einem wolf taucht auf, ein brennendes floss zieht auf einem fluss davon, alle stehen isoliert und winken mit hibiscus, der nationalblume. «citizen’s forest» ist eine inszenierung, eine meditation, die sich zwischen spirituellen traditionen und kollektiven erinnerungen bewegt, die nicht illustriert, sondern bloss angedeutet werden. kriege, die teilung der halbinsel entlang des 38. breitengrads, bauernaufstände, das fährunglück von 2014 mit 250 toten schülerinnen und schülern – es sind diese nationalen traumata, die hinter der grellbunten oberfläche von hallyu immer auch mitschwingen. und nicht immer führen sie wie bei chan-kyong park zu langsamen, bedächtigen reflexionen. andere arbeiten sind hektisch und verstörend, der zeitgeist kämpft mit unverdautem: sungsil ryu parodiert die überschwemmung mit tipps von influencerinnen aufs bitterste, ayoung kim jagt eine lieferfahrerin durch seoul und fragt sich, wo in einer welt der fiktion noch platz für die realität ist. «k-now!» bietet viele koreanische perspektiven auf fragen, die uns alle umtreiben. man nennt das auch horizonterweiterung…..
Sonntag, 29. März 2026
STUTTGART: DIALOGUES DES CARMÉLITES
das muss man aushalten: 16 mal saust die guillotine nieder im letzten akt von "dialogues des carmélites", ein irres klacken durchfährt mal für mal die musik, 16 frauen sterben für ihre überzeugung. es sind die nonnen des klosters compiègne, weggefegt von der französischen revolution. an der staatsoper stuttgart erzählt die polnische regisseurin ewelina marciniak (in bester erinnerung für ihren feministischen blick auf wagners "ring" in bern) die geschichte von 1794 mit menschen und bildern von heute: die nonnen sind jetzt ein verschworener haufen kämpferischer frauen, lange mähnen in allen farben, punk- und hippie-klamotten mit aufgesprayten power-parolen, alle ausgesprochen zugewandt - und tendenziell leicht überkarikiert. die amerikanische mezzosopranistin rachael wilson ist blanche, die hauptfigur, mit ihren langen blonden locken könnte sie eine influencerin sein, aber sie wird - stimmgewaltig, hochdramatisch - von angstzuständen gemartert und sucht in dieser frauengruppe ruhe. francis poulenc schuf mit "dialogues des carmélites" 1956/57 eine zutiefst berührende oper, eine seelenmusik über das urmenschliche bedürfnis nach nähe, zugehörigkeit, solidarität. marciniak toppt das noch: die frauen umarmen und küssen sich, empowerment wieder und wieder. dirigent cornelius meister gestaltet die partitur mit den vielen, durchs band herausragenden solistinnen und dem staatsorchester zu einem packenden ereignis, permanent zwischen thriller und "salve regina" switchend. blanche findet, 1794 und 2026, ruhe erst im tod. die guillotine wird in dieser vorbildlich konsequenten inszenierung zum zeitlosen symbol für das radikale ende aller träume, visionen, utopien. ihre demoschilder hatten die 16 frauen zuvor bereits resigniert weggeräumt. singend gehen sie in den tod. blutverschmiert liegen sie am ende nebeneinander an der bühnenrampe. "the future is female!" stand auf einem der schilder. aber nein, wieder nicht!! gott hat uns aufgegeben, heisst es bei poulenc, dieu nous a abandonné.
Donnerstag, 26. März 2026
MÜNCHEN: KASPAR UND DIE KRAFT DER SPRACHE
auch peter handke war mal jung. 1967 schrieb er, mit gerade mal 25, sein stück „kaspar“, inspiriert vom mythos um kaspar hauser, der zu beginn des 19. jahrhunderts in völliger isolation aufwuchs und als 16jähriger noch nicht sprechen konnte. handkes jugendwerk folgt keiner klassischen stückdramaturgie, sondern ist eine wilde, in 65 sequenzen zerlegte sprach- und sprechorgie. mit einem ins mark gehenden schrei werfen sich im akademietheater in münchen drei kaspare in dieses spiel mit wörtern und sätzen, ein existenzieller moment. sie winden sich, tasten sich behutsam vor in die sprache, werfen sich satzfetzen zu, beobachten die reaktion. yunus wieacker, im masterstudium regie an der bayerischen theaterakademie august everding, setzt das mit grossem gespür für rhythmus und redundanz in szene und kombiniert das mundwerk geschickt mit handwerk: einer der drei kaspare arbeitet als steinhauer, einer mit holz, einer mit stoffen, und zwei klangkünstler im hintergrund strukturieren die textlawine mit suggestiven intermezzi. dann kommt ein vierter kaspar auf die bühne, die dynamik verändert sich, das suchen nach einer gemeinsamen sprache erhält eine neue dimension: wer spricht mit wem, wer konzentriert sich worauf, wer gibt welchem wort welche bedeutung, wer beeinflusst wen, wer wird verunsichert, wer durch sprache ausgeschlossen? handke sah sein sprachkunstwerk durchaus als „belastungsprobe“ fürs publikum, es ist auch eine fürs junge ensemble, das diese aufgabe hier auf hohem niveau absolut bravourös erledigt und besteht. irgendwann beginnen die vier (drei frauen, ein mann), ihre körper ebenso ausgelassen über die bühne zu wirbeln wie sie es zuvor mit der sprache taten. so gelingt es der inszenierung von yunus wieacker immer wieder, aus dem philosophisch-experimentellen text ausgesprochen sinnliches und dringliches theater zu machen. in zeiten von ki, fakenews, lügen und anderen manipulationstechniken ist es durchaus angebracht, mit handke wieder einmal über die kraft und die macht der sprache nachzudenken.
Mittwoch, 25. März 2026
LEIPZIG: DIE LETZTE WELLE
als erstes kriegt man eine taschenlampe in die hand gedrückt. denn düsteres steht bevor. "where do we go when the final wave hits" heisst die ausstellung in der "halle 14", dem leipziger zentrum für zeitgenössische kunst: es sind krasse bilder zum klimawandel. vier jahre lang war der indische fotograf arko datto in den sundarbans unterwegs, dem riesigen mangrovenwalddelta zwischen westbengalen und bangladesch. die wälder schwinden, weil der meeresspiegel steigt, und die menschen, die am wenigsten verantwortlich sind für den klimawandel, weil ihr ökologischer fussabdruck nach null tendiert, spüren ihn am heftigsten. arko datto zeigt häuser, die wegschwimmen, einen schakal, der in den wassermassen die orientierung verloren hat, er zeigt menschen, die nur noch über tausende von sandsäcken zu ihren dörfern gelangen, und andere, die in plastiktaschen ihre habseligkeiten zu retten versuchen, das meer steigt und mit ihm die verzweiflung. datto fotografierte ausschliesslich nachts und mit blitzlicht, alles beunruhigend, alles gespenstisch, also genau so wie es diese menschen tag für tag erleben. die "halle 14" präsentiert dattos grossformate in einem dunklen raum, man kann die farbintensiven bilder nur mit taschenlampe betrachten, viele hängen nicht, sondern stehen schief angelehnt an den wänden oder liegen zwischen vielen sandsäcken am boden - wie angeschwemmt, die katastrophe als installation. ja, wohin gehen diese menschen im sundarbandelta, wenn die letzte welle zuschlägt, wenn die sandsäcke nicht mehr helfen? vielleicht zu denen, die den klimawandel verursachen, vielleicht zu uns. das meer wird millionen menschen in andere gegenden, andere länder, andere erdteile schwemmen. arko dattos bilder dokumentieren den beginn einer gigantischen klima-migration.
Montag, 23. März 2026
MÜNCHEN: SQUIRREL - FOR 100 YEARS
was für eine schauspielerin: 100 minuten steht vitalina bibliv auf der bühne, ganz allein, 100 minuten ununterbrochenes erinnern und erzählen, grinsen, heulen, flirten, trauern, schielen, singen, blinzeln, leuchten. in der ukraine ist vitalina bibliv ein star. jetzt gastiert sie mit ihrer unerschöpflichen energie in der pasinger fabrik in münchen. „squirrel, who has lived for 100 years“ heisst das stück von oleh michajlow, meisterhaft inszeniert von stas zhyrkov. es ist die zu herzen gehende geschichte einer hochbetagten, die sagt, sie könne sich nur noch an die eichhörnchen im park erinnern, zwischen realität und imagination dann selber zum eichhörnchen mutiert – und plötzlich ist alles wieder da: das ganze leben, glasklar. vitalina bibliv nimmt uns mit, nein, sie reisst uns mit auf diese reise durch das 20. jahrhundert, in ihrer einfachen einbauküche taumelt sie durch die erinnerungen, ein eichhörnchen vergisst nichts. sie erzählt vom vater, der immer lachte, und niemand wusste worüber, von der schwester, bei der das „gesetz zur sterilisation von minderwertigen“ angewandt wurde, von der liebe zu einem jungen, aus der nichts wurde, weil alle sie auch für einen jungen hielten, von ihrer arbeit mit kindern in einer nervenklinik, von ihrem fabelhaften julius und immer wieder von den bäumen im park. das immerwährende auf und ab des menschseins, 100 jahre in 100 minuten. privateste und absurdeste details geraten bibliv zu metaphern fürs grosse ganze. einmal gab´s eine demo, weil die bäume für den bau einer u-bahn gefällt werden sollten, eine riesige demo: „es ist ein menschliches bedürfnis, das zu verteidigen, was einem wertvoll ist.“ da erfasst eine grosse stille den raum. das publikum besteht zu wohl 90 prozent aus ukrainerinnen und ukrainern. „verteidigen, was einem wertvoll ist.“ vitalina biblivs gastspiel ist ein höhepunkt im rahmen des ukrainischen kammertheaterfestivals, das festival heisst „die starken“.
Donnerstag, 19. März 2026
MÜNCHEN: AUF UND AB
ist es zufall? vorsehung? oder einfach dumm gelaufen? darum drehen sich die zwei todtraurigen geschichten, die die bayerische theaterakademie im prinzregententheater in münchen zu einem operndoppel mit dem titel „auf und ab“ verpackt: in „i due timidi“ von nino rota (1950) müssen mariuccia und raimondo die falschen heiraten, weil sie immer und immer wieder den richtigen moment verpassen, sich ihre grosse liebe zu gestehen. in „le pauvre matelot“ von darius milhaud (1927) ermordet eine frau unwissentlich den eigenen gatten, der nach 15 jahren auf den weltmeeren zurückkehrt und sie überraschen will. regisseur ingo kerkhof gelingt das kunststück, die zwei einakter zu einem ganzen zu verbinden, optisch durch eine an fellini angelehnte ästhetik auf einer permanent hin und her kippenden guckkastenbühne, inhaltlich durch eingestreute diskurse und projektionen über kettenreaktionen, missverständnisse, determinismus, inclusive schrödingers „the total number of minds in the universe is one“. so entsteht ein gelegentlich etwas überladenes, doch immer anregendes philosophisch-poetisches variété, oper mit beipackzettel sozusagen. musikalisch sind die beiden werke sehr unterschiedlich: nino rota, der später mit seinen filmmusiken zu weltruhm gelangte („la strada“, „il gattopardo“, „der pate“), komponierte „i due timidi“ als radiooper und noch stark von puccini beeinflusst; sie wird hier erstmals szenisch aufgeführt. darius milhaud dagegen war offenkundig auf der suche nach einer neuen musiksprache. bei beiden partituren bringt peter rundel mit dem münchner rundfunkorchester transparent und frisch den ganzen musikalischen reichtum zum klingen. die absolventinnen und absolventen des masterstudiengangs gesang interpretieren die hauptpartien, vielversprechende stimmen auf höchstem niveau, kurz: es singen hier die stars von morgen.
Montag, 16. März 2026
AUGSBURG/LUZERN: VON DER OPER LERNEN
kein schwein geht mehr in die oper. okay, timothée chalamet („wonka“, „marty supreme“) formulierte es ein bisschen anständiger und trotzdem wurde und wird er für diese aussage massiv beshitstormt – und sie hat ihn möglicherweise jetzt sogar seinen ersten oscar gekostet. dabei hat der junge mann gar nicht unrecht, zumindest was die u50 betrifft; die sucht man (ausnahme „zauberflöte“) in den opernhäusern tatsächlich oft vergebens. dabei könnten all die, denen die zukunft noch bevorsteht, sich einiges abgucken bei der oper. sally du randt aus südafrika singt bei „un ballo in maschera“ am staatstheater augsburg die amelia, kate allen aus irland die ulrica, olena sloia aus rumänien den oscar, max jota aus brasilien den riccardo, wiard witholt aus den niederlanden den renato, avtandil kaspeli aus georgien den tom und am pult steht ivan demidov, ein dirigent aus usbekistan. am luzerner theater gehören eine brasilianerin, eine isländerin, eine spanierin, ein ukrainer zum kernensemble, der chefdirigent kommt aus england. und meine persönlichen allzeit-favoriten auf den opernbühnen sind eine aserbaidschanerin und ein libanese. menschen aus x nationen arbeiten da also intensiv zusammen. oper ist eine hochkomplexe angelegenheit – und die kriegen das hin. total unterschiedliche sprachen und total unterschiedliche mentalitäten geraten während den proben und auf der bühne aneinander – und sie kriegen das hin, abend für abend, das ist internationale teamarbeit über alle grenzen und schwierigkeiten hinweg. oper ist gelungene globalisierung. vorbildlich. die menschheit kann hier viel lernen.
Sonntag, 15. März 2026
AUGSBURG: UN BALLO IN MASCHERA
er war ein totaler theaterfreak, er war ein schlechter politiker und er wurde bei einem maskenball ermordet: gustav III., könig von schweden (1746-1792). giuseppe verdi setzte ihm als riccardo in „un ballo in maschera“ ein musikalisches denkmal. und weil dieser könig selber stücke schrieb und liebend gerne die hauptrolle spielte darin, macht regisseur roman hovenbitzer am augsburger staatstheater aus diesem gustav/riccardo einen von sich selbst berauschten regisseur, der vom regiepult aus, mitten im parkett, seinen eigenen untergang in szene setzt. theater im theater mal wieder, bei dieser historischen vorlage eine nachvollziehbare idee, doch die umsetzung gerät vor allem ärgerlich: die verhängnisvolle liebe riccardos zur frau seines besten freundes und seine unterbewusste todessehnsucht werden hier im stil der commedia dell’arte hektisch und dümmlich dargeboten, man kriecht unter den tisch, man kasperlt mit perücken, man fuchtelt mit pistolen. das ist ein grandioses missverständnis, weil: „un ballo in maschera“ ist vieles, nur ganz bestimmt keine komödie. das zweite missverständnis: hovenbitzer überfrachtet sämtliche szenen auch noch mit videosequenzen, sprayereien und gesprochenen texten aus dem off, das hat verdi nicht nötig, seine musik sagt alles und sie sagt es besser. immerhin lässt sich dirigent ivan demidov vom geschehen auf der bühne nicht unterkriegen und formt mit den glänzend disponierten augsburger philharmonikern einen intensiven, emotionalen, affektgeladenen verdi-klang. auf hohem niveau auch die stimmen aller, wirklich aller protagonistinnen und protagonisten. mit geschlossenen augen ist dieser „ballo“ eine pure freude. der todeskampf gustavs III. nach dem attentat dauerte in wirklichkeit 13 tage, verdi verdichtet ihn im finale auf ein paar wenige hochdramatische minuten. die wirken für sich, die brauchen keinen überambitionierten regisseur.