dieses überhebliche im blick, dieses stechende, dieses zynische, es verheisst nichts gutes. matthias neukirch spielt am schauspielhaus zürich den mathematiker john von neumann, einen der einflussreichsten des 20. jahrhunderts, und er lässt keinen zweifel: viel wissen, wenig gewissen. von neumann berechnete für die atombombe von hiroshima die optimale abwurfhöhe um maximale zerstörungskraft zu entfalten. in seinem roman „maniac“ versammelt der chilenische schriftsteller benjamín labatut diesen von neumann und andere superhirne, die sich bei go-partien ihre hybris antrainieren, und starregisseur calixto bieito verdichtet den roman am schauspielhaus in waberndem nebel zu einer art tanz der dämonen. ein maniac ist ein besessener und von neumann nannte bezeichnenderweise auch den von ihm erfundenen monströsen universalrechner „maniac“ (mathematical and numerical integrator and computer). daran erinnern die riesigen gitterrohre, die sich auf der bühne heben und senken, ein maschinenraum des grauens, wo diese wissenschaftler kaum miteinander sprechen, sie monologisieren, sie deklamieren an der rampe, sehr dicht, sehr abgehoben, der blick zurück als irre polyphonie. das hervorragende ensemble führt lauter beängstigend riskante egos vor, deren ziel es ist, „das entscheidungsverhalten von menschen zu modellieren“. sie berauschen sich an der puren freude, das undenkbare zu denken. wohin das im extremfall führen kann, interessiert sie nicht gross, zweifel sind nicht vorgesehen, für einstein, der als marionette auftaucht, haben sie ein müdes lächeln übrig. die möglichkeit abertausender von toten berührt von neumann nicht, nur der gedanke an seinen eigenen tod verunsichert ihn zutiefst. sein maniac war der urgrossvater der künstlichen intelligenz, mit maniac begannen von neumann und seine bande die mathematisierung der kommunikation. diese fratzen der gewissenlosigkeit, wieder und wieder tauchen sie auf aus den nebeln der wissenschaft und blicken überlegen grinsend auf uns herab. wir sind ihre spielfiguren.
BRANDER LIVE .
DER KULTUR-BLOG. DER ES AUF DEN PUNKT BRINGT.
Samstag, 9. Mai 2026
Dienstag, 5. Mai 2026
ALTDORF: BESTIE, BELLEZZE E ALTRE COMPAGNE
männer kommen hier keine vor. geht ganz gut auch ohne. dafür jede menge frauen, hexen, geister, engel und tiere. „bestie, bellezze e altre compagne“ heisst die ausstellung im haus für kunst uri, sie beschert mit diesen tieren, biestern, schönheiten und anderen gefährtinnen einen umfassenden einblick ins schaffen der mittlerweile 83jährigen basler künstlerin annette barcelo. da geht es zu wie in den wildesten träumen, das unbewusste, das beängstigende und verdrängte findet seinen niederschlag auf der leinwand. ihr werk wird hier ausgesprochen grosszügig präsentiert, in sechs räumen auf zwei etagen, üppig, aber nicht überladen. es sind kräftige bilder in kräftigen farben – und die erklärte lieblingsfarbe von barcelo ist schwarz. so düster, wie das möglicherweise klingen mag, wirkt diese schau in die abgründe der nacht aber keineswegs, sondern viel eher archaisch, mysteriös und auch kauzig und witzig: „ich tanze mit meiner schildkröte“ heisst ein bild, „zum fressen gern“ ein anderes. frauen mit spitzen brüsten und viel zu vielen zähnen liegen unter getüpfelten bettdecken, bewacht von monstern mit ebenfalls völlig überdimensionierten gebissen. der tod schaut als fledermaus vorbei und ist, klar, eher eine tödin. fabeltiere lecken an engeln, die die jugend schon ein weilchen hinter sich haben. barcelos phantasiewelt erinnert mit ihrem unerschöpflichen reichtum an shakespeare-stücke, gut und böse, reich und arm, könig und narr, tag und traum und tod, alles in inniger beziehung. zu den rätselhaften bildern dringt aus dem dachstock der geheimnisvolle sound einer installation von aio frei, ein elektronisch verfremdeter betruf, wolfstöne, flackerndes. das haus für kunst bietet also eine volle dosis mit sagenhaften figuren, seelentieren, mythen, klängen, naturgewalten. mehr uri geht nicht.
nur noch bis sonntag, 10. mai
Montag, 4. Mai 2026
LUZERN: DER UMZUGSKOORDINATOR
würden sie sich einen film mit dem titel „die dentalhygienikerin“ anschauen? ganz ähnlich ging es mir bei „der umzugskoordinator“. der titel wirkt, nun ja, nicht gerade magnetisch. doch dahinter verbirgt sich ein absolut sehenswertes porträt der luzerner dokumentarfilmerin ursula brunner über andrea capella: der kurz vor der pensionierung stehende erledigt im auftrag der sozialen dienste der stadt luzern umzüge für menschen, die es allein nicht mehr schaffen, ältere und suchtkranke und geistig unsortierte. die übungsanlage für diesen film könnte leicht zu einem missgriff ins voyeuristische verleiten, denn man bewegt sich durch die wohnungen dieser menschen, durch chaos und kitsch und müll, doch im zentrum steht immer umzugskoordinator capella, sein organisieren, sein zupacken, sein verständnis für heikle momente. so wird dieses porträt zu einem regelrechten lehrstück über das loslassen und vor allem über die hilfe beim loslassen. andrea capella ist mehr psychologe und philosoph als zügelmann, er hat in seiner eigenen biografie schwierige phasen bewältigen müssen, und es berührt in jedem der gezeigten fälle von neuem, mit welcher empathie er den klientinnen und klienten begegnet. einen begleitet er auf dem schwierigen gang in die psychiatrie nach st. urban und bringt danach seine messie-höhle wieder auf vordermann („der mensch braucht eine höhle“). capella zeigt viel feingefühl für diese menschen, für ihre ängste, lässt ihnen zeit, stellt subtile fragen – und scheut sich trotzdem nicht vor klaren ansagen. mit vielen liebevollen details zeigt der film, wie diese menschen dem umzugskoordinator ans herz wachsen und wie umgekehrt sie seine unterstützung und seine direkte art schätzen. man lernt einen faszinierenden mann kennen und bekommt anschauungsunterricht: nicht um den brei herumreden, auch wenn’s schwierig ist. das funktioniert, das gegenüber fühlt sich ernst genommen.
am freitag, 8. mai, um 14 uhr noch einmal im stattkino in luzern
am donnerstag, 14. mai, um 20.10 uhr auf srf 1
Dienstag, 28. April 2026
GENÈVE: EIN DENKMAL FÜR SIMONE WEIL
die einen stehen plaudernd in der schlange bei der food-ausgabe, andere lernen esperanto, viele malen und basteln, einer schläft auf einem karton in der kino-ecke, einige philosophieren intensiv, gleich neben dem eingang gibt’s boxtraining – und viele fühlen sich ganz einfach wohl hier und lümmeln rum auf den mit klebeband entstellten sofas und fauteuils. alkohol gibt’s keinen mehr zu kaufen, weil das zu problemen führte, deshalb bringen ihn jetzt einige selber mit. für 78 tage richtete der berner installationskünstler thomas hirschhorn im genfer acacias-quartier unter dem ebenso elegant wie auffällig geschwungenen betondach der ehemaligen firma sicli, die auf feuerbekämpfung spezialisiert war, den „pavillon simone weil“ ein, ein denkmal für die französische philosophin (1909-1943). simone weil dachte viel über gesellschaft und ethik nach, über das, „was menschen einander schuldig sind“, und setzte ihre ideen selber um, konkretes engagement, gelebte philosophie. hirschhorn bewundert diese radikale, kämpferische frau, „weil sie auch heute viel zu sagen hat.“ und das soll auch gehört werden. was läge da näher als ein niederschwelliger treffpunkt ganz unterschiedlicher menschen, geschichten, ideen. das funktioniert, das lebt, es ist ein grossartiges gewusel, wo sich reflexion und kreativität verbinden und wo simone weil und ihre gedanken auf dutzenden von pappschildern gegenwärtig sind. das belebt auch das umliegende quartier und strahlt aus auf die ganze stadt: die zeitung „le courrier“ publiziert jeden tag einen simone-weil-post, ein zitat als denkfutter für den alltag. „aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste form der grosszügigkeit“, steht in grossen lettern an der fassade des pavillons, en français natürlich. ein attraktiveres, lebendigeres, substanzielleres denkmal hätte sich simone weil nicht wünschen können.
Freitag, 24. April 2026
LUZERN: MIND THE GAP
zukunftsimaginationskompetenz - 11 vokale, 18 konsonanten, grossartiges wort, entdeckt im coolen wirtschaftsmagazin „brand eins“ (04/26). dieses buchstabenmonster gehört ab sofort ins repertoire. in der zukunftsimaginationskompetenz sieht stephan a. jansen, professor für management und innovation in karlsruhe, die zentrale fähigkeit in diesen konfusen zeiten. was das konkret bedeutet, ist derzeit im luzerner theaterpavillon zu besichtigen bei „mind the gap“. 23 junge frauen beschäftigen sich im rahmen des theaterlabors der pädagogischen hochschule mit dem gender gap. unter der regie von ursula ulrich haben sie haufenweise fakten zusammengetragen, was alles schief läuft zwischen den geschlechtern, dass zum beispiel nur 28,8 prozent der frauen eine führungsposition erreichen, obwohl sie die männer in der hochschulbildung übertreffen, dass die altersrente der frauen in der schweiz 31,2 prozent geringer ist als die der männer, dass es laut dem global gender gap report noch 123 jahre dauert, bis menschen weltweit unabhängig von ihrem geschlecht gleichgestellt sein werden. tönt nach wikipedia, wird aber zu einer höchst kurzweiligen show mit viel drive und fetziger musik. „ech mach jetz mis ding“ lautet das motto, loslegen, die zukunft ausprobieren, die 123 gap-jahre verkürzen. in wilden, temporeichen assoziationen reflektieren sie alte muster und rollenbilder, suchen kämpferische vorbilder aus der vergangenheit und erfinden ein spiel, das sie zu neuen sichtweisen und haltungen bringt, „frech, unbequem, ungehorsam“ wollen sie ihre ziele verfolgen. einmal stampft die ganze bande mit stöcken, das kollektiv als kraftwerk, empowerment, der protest wird zum kampf. da steckt unheimlich viel junge energie drin, die hoffen lässt. die 23 frauen machen es vor: wer die letzten tage der menschheit nicht noch selber miterleben will, sollte an seiner zukunftsimaginationskompetenz arbeiten. und sinnvollerweise auch – noch so ein zauberhaftes wort – an seiner ambiguitätstoleranz.
Donnerstag, 23. April 2026
SCUOL: MIT TRÄUMEN
1904 wurde am piz pisoc hoch über tarasp im unterengadin die letzte bärin auf schweizer gebiet erlegt – und dann im grand hotel unten am inn als festmahl verspeist. das badehaus gleich nebenan hat die fundaziun nairs scuol 1988 zu einem kunstlabor umfunktioniert und die künstlerinnen und künstler, die hier jeweils für längere zeit residieren, berichten immer wieder, dass sie an diesem ort – der fluss! die berge! – besonders viel und wild träumen. und es verwundert kaum, dass oft tiere durch diese nächtlichen phantasien streifen, bären, ziegen, spinnen. diese erfahrungen greift die fundaziun nairs jetzt auf in der ausstellung „mit träumen“. angelika annen, benjamin egger, june fischer, stefanie salzmann, sophie schmidt und vital z’brun gewähren einblicke in ihre traumwelten: einer mikrowelle wachsen haare, einem in der limmat treibenden legt sich ein biber auf die brust, eine qualle fliegt am himmel, ein delphin sitzt allein in einem kino und betrachtet auf der leinwand ein steckenpferd, ein mann hat dutzende von zigaretten gleichzeitig im mund, schwarzkrustige hunde lachen über die menschheit, die sie überlebt haben. „träume ich? spielt es eine rolle, ob ich wach bin oder träume?“ fragt angelika annen in einem auf den boden projizierten video. oder ist es ein fisch, der das fragt? auch tiere träumen, auch tiere haben ein bewusstsein, warum also nicht die festgefahrene hierarchie zwischen mensch und tier überdenken? „mit träumen“ ist eine verspielte einladung, das destabilisierende und das transformierende potenzial von träumen in und auf uns wirken zu lassen. träume kann man deuten, das muss nicht sein, man kann sie auch als inspirationsquelle sehen: die nacht als lieferantin ganz neuer perspektiven für den alltag.
Mittwoch, 22. April 2026
LUZERN: VISION THEATERWERKPLATZ
„wie kann der neustart am theaterplatz gelingen?“ gute frage. der theaterclub luzern suchte im rahmen eines mehrteiligen podiums antworten darauf. nun, es gibt eine gute und eine schlechte nachricht zu vermelden. beginnen wir mit der schlechten: hinter den kulissen wird zwar eifrig gearbeitet an der „vision theaterwerkplatz luzern“, in einem jahr sollen die ergebnisse vorliegen, doch da ist immer noch dieser elefant im raum, diese unangenehme wahrheit, die niemand anzusprechen wagt, dass nämlich das alte theater das grösste hindernis ist auf dem weg zu einem neuen. sowohl die bevölkerung wie die politik wollen am heutigen standort im zentrum der stadt an der reuss festhalten. das ist erfreulich. nur müsste endlich jemand hinstehen und den menschen erklären, dass es ein tolles neues theater an diesem tollen ort nicht geben kann, wenn das alte einbezogen werden muss, denn dafür ist schlicht zu wenig platz. es gibt städte, die neue theater bauten, und es gibt städte, die alte theater für neue bedürfnisse umbauten. ich kenne aber keine stadt, die einen altbau und einen neubau auf engem raum gelungen kombinierten. beim kkl war luzern mutig, der alte meili-bau wurde zugunsten eines grossen wurfs abgerissen, dieser mut fehlt jetzt total. und nun die gute nachricht: auch wenn die lage in luzern verzwickt ist, theater ist keine aussterbende kunstform, theater wird`s auch künftig geben, da waren sich alle einig. jacqueline holzer, die direktorin der abteilung design film kunst der hochschule luzern, formulierte es ganz unmissverständlich: „theater ist die absolute zukunftskunst – als gegenpol zur digitalen welt.“ je grösser die reizüberflutung, je grösser die ki-verunsicherung, desto mehr wachse das bedürfnis vieler menschen nach analogen erfahrungsmomenten. begegnung und austausch im zentrum der stadt, das wollen auch die neuen co-leiterinnen des luzerner theaters, katja langenbach (bisher schauspielchefin) und wanda puvogel (bisher tanzchefin), mit ihren programmen bieten, „das theater von den menschen her definieren“. theater ist live-kunst und live-momente haben zukunft. auch in luzern?
Dienstag, 21. April 2026
MÜNCHEN: TIDE
einatmen, ausatmen, gaaaaanz langsam, ganz bewusst, ganz synchron: flach liegen die elf tänzerinnen und tänzer auf den sechs flachen bühnenelementen, die sich später wie tektonische platten aneinander reiben, auf und ab. das synchrone atmen bringt die elf in den flow, in die energie, mit der sie sich dann eine stunde lang aufs lustvollste und total verausgaben. „tide“ heisst das stück im münchner volkstheater, eine kraftvolle tänzerische meditation über zeit und gezeiten, über das auf und ab, das ein und aus in der natur, in der zivilisation und in uns selber („there are tides in the body“, wird virginia woolf im programmheft zitiert). zu einem sound, der von tropfen, wellen und stürmen inspiriert ist, haben sophie haydee colindres zühlke, serhat saïd perhat und der auf groundmovement spezialisierte lukas robitschko mit der ebenso grossartigen wie diversen truppe assoziative bilder und stimmungen entwickelt, dynamische powermoves, die auf den beweglichen tanzflächen zu bewegten skulpturen werden, oft von schwindelerregender akrobatik, oft von umwerfender schönheit, immer rasant, immer packend. dem raumgreifend rhythmischen, dieser schier unerschöpflichen energie auf der bühne kann und will man sich nicht entziehen. und das magische von „tide“ besteht nicht zuletzt darin, dass alle im publikum etwas anderes wahrnehmen, etwas anderes dazu denken: die kraft der ozeane? die kraft der jugend? die zukunft? gravitationskräfte? strömungen? welche strömungen? energieraubende? energiestiftende? unsichtbare? tanz kann sehr, sehr anregend sein – und hochpolitisch.
Samstag, 18. April 2026
MÜNCHEN: CABARET
berlin in den 1930ern, eine stadt im fieber, es geht drunter und drüber, in den bars und in den betten, intellektuell und sexuell – eine steilvorlage für ein musical und, na klar, „cabaret“ wurde ein welterfolg. das münchner residenztheater ist eine schauspiel- und keine musicalbühne und claus guth ist ein opern- und kein musicalregisseur, doch man tat sich zusammen und wagte „cabaret“ reloaded. guth verdoppelt den amerikanischen schriftsteller clifford bradshow, der sich als junger (thomas hauser) neugierig auf das pulsierende grossstadtleben stürzt – und jetzt als älterer herr (michael goldberg) diesen grossen zeiten nachhängt, die ganze inszenierung als sentimental journey: die heissen mädels und jungs tanzen jetzt nicht mehr in den verrauchten clubs, sondern in bradshows kopf, in seinem einsamen hotelzimmer, auf seinem bett, in den schränken, kreuz und quer, kreuz und queer….. trotz einem genialen conférencier (vincent glander, in jeder szene in neuer knackig-kecker kostümierung) und einem sehr spielfreudigen, jazz-und-ragtime-versierten orchesterchen will die inszenierung zu beginn nicht recht fahrt aufnehmen, nicht zuletzt weil vassilissa reznikoff ihre grosse rolle als chansondiva sally bowles (remember liza minelli) arg tussihaft anlegt. claus guth kann mehr und das beweist er dann vor allem im zweiten teil des abends, als sich der schatten der nazis über das leichte leben legt und zivilcourage gefragt wäre, die sich aber zunehmend verflüchtigt. der frivole conférencier wird blutig geprügelt und den grossen hit „money makes the world go around“ verwandelt die regie mit dem ganzen ensemble in eine veritable geisterstunde: in einer vergifteten, gespenstischen atmosphäre fressen alle das geld in sich hinein, bis zur übelkeit, bis zum erbrechen. „life is a cabaret“, eine flucht vor der realität und nicht immer mit happy-end.