Samstag, 18. April 2026

MÜNCHEN: CABARET

berlin in den 1930ern, eine stadt im fieber, es geht drunter und drüber, in den bars und in den betten, intellektuell und sexuell – eine steilvorlage für ein musical und, na klar, „cabaret“ wurde ein welterfolg. das münchner residenztheater ist eine schauspiel- und keine musicalbühne und claus guth ist ein opern- und kein musicalregisseur, doch man tat sich zusammen und wagte „cabaret“ reloaded. guth verdoppelt den amerikanischen schriftsteller clifford bradshow, der sich als junger (thomas hauser) neugierig auf das pulsierende grossstadtleben stürzt – und jetzt als älterer herr (michael goldberg) diesen grossen zeiten nachhängt, die ganze inszenierung als sentimental journey: die heissen mädels und jungs tanzen jetzt nicht mehr in den verrauchten clubs, sondern in bradshows kopf, in seinem einsamen hotelzimmer, auf seinem bett, in den schränken, kreuz und quer, kreuz und queer….. trotz einem genialen conférencier (vincent glander, in jeder szene in neuer knackig-kecker kostümierung) und einem sehr spielfreudigen, jazz-und-ragtime-versierten orchesterchen will die inszenierung zu beginn nicht recht fahrt aufnehmen, nicht zuletzt weil vassilissa reznikoff ihre grosse rolle als chansondiva sally bowles (remember liza minelli) arg tussihaft anlegt. claus guth kann mehr und das beweist er dann vor allem im zweiten teil des abends, als sich der schatten der nazis über das leichte leben legt und zivilcourage gefragt wäre, die sich aber zunehmend verflüchtigt. der frivole conférencier wird blutig geprügelt und den grossen hit „money makes the world go around“ verwandelt die regie mit dem ganzen ensemble in eine veritable geisterstunde: in einer vergifteten, gespenstischen atmosphäre fressen alle das geld in sich hinein, bis zur übelkeit, bis zum erbrechen. „life is a cabaret“, eine flucht vor der realität und nicht immer mit happy-end.

Freitag, 17. April 2026

MÜNCHEN: ABSCHIED

„kennen sie das?“ immer wieder fixiert der schauspieler moritz treuenfels jemanden im publikum, zwinkert ihr oder ihm zu: „das kennen sie doch auch, oder?“ die euphorie des abschieds, ja, das kennt man, die grossen gefühle beim adieu, beim weggehen, beim loslassen. „abschied“ heisst der wunderbar zartbittere roman, den der grosse historiker und publizist sebastian haffner 1932 als junger mann schrieb und der erst 2025 publiziert wurde, nachdem ihn haffners sohn im nachlass entdeckt hatte. moritz treuenfels spielt raimund pretzel, den ich-erzähler, haffners alter ego, den 24jährigen, der nach paris fährt, um seine grosse liebe teddy zu treffen und dann nur noch wenig zeit hat bis zur rückkehr nach berlin („um 22 uhr geht mein zug“). diese paar stunden, das schwelgen in erinnerungen, das vibrierende und inspirierende dieser weltstadt, die neckereien und streitereien der beiden und dann das wissen, dass sie als jüdin nie wieder nach deutschland zurückkehren wird, dass man sich also zum allerletzten mal sieht, das alles spielt treuenfels in der inszenierung von matthias rippert ganz allein und ganz fabelhaft, ein grosses solo auf der grossen bühne des residenztheaters. subtil trifft er den ton, die stimmung des romans, dieses mäandern zwischen hoffnung und realität, zwischen glück und tränen („gott, wie ich sie liebte…..“). lang dauert es, bis er auch noch in die tasten des flügels greift, an dem er sitzt, doch dann holt er aus zu einer stürmischen improvisation, verwandelt diesen abschied auch noch in musik, das ende einer liebe, das ende einer epoche, den wechsel aller emotionen von dur zu moll. einmal nimmt er seine hand und führt sie, als wäre es ihre, liebevoll über sein gesicht, eine verspielte geste, ein intensiver moment, einer von vielen. am schluss tosender applaus. da setzt sich treuenfels noch einmal an den flügel (zugabe! wann gab´s das zuletzt bei einem schauspiel?) und singt „la bohème“, das chanson über den abschied vom unbeschwerten pariser künstlerleben, er singt es noch inniger als einst charles aznavour. sagt meine frau. und sie hat recht. 

Sonntag, 12. April 2026

BASEL: KASIMIR UND KAROLINE UND.....

wir sind auf dem oktoberfest. doch statt festbänke stehen hier kirchenbänke, statt gaudi gibt’s zwischenmenschliches desaster, schwarz ist die vorherrschende farbe bei „kasimir und karoline und der tanz mit dem tod“ im theater basel. zwischen den kirchenbänken quälen sich die abgehängten, die überzähligen, die unverstandenen. regisseurin karin henkel verbindet ödön von horváths trostlose geschichte vom eben entlassenen kasimir und seiner karoline, die sich von streit zu streit immer mehr entzweien, mit der noch trostloseren von elisabeth aus „glaube liebe hoffnung“, die wegen geldsorgen ihren leichnam dem anatomischen institut zum kauf anbietet und dann ins wasser geht. wirtschaftskrise, sozialer abstieg, existenzkampf – die wahre geisterbahn auf diesem rummelplatz sind die mitmenschen mit ihren fratzen und ihrer herzlosigkeit. die inszenierung schafft auf der grossen, fast leeren bühne ein überwältigendes panoptikum der lebenden toten, das der saftig-prallen sprache von horváths figuren den zentralen platz einräumt – und ihrer sprachlosigkeit. ein ensemble der extraklasse bietet während dreieinhalb stunden schauspielkunst auf höchstem niveau und lässt sich auch vom ausnahmedarsteller martin wuttke, der als gast in sieben verschiedenen rollen (vom präparator in der anatomie bis zur frau amtsgerichtsrat) geifert und schreit und winselt und wuttket, nicht in den schatten oder an die wand spielen. stellvertretend sei hier gala othero winter als elisabeth erwähnt, sie zeigt eine frau voller zartheit, deren lebenswille sich zwischen enttäuschungen und missverständnissen zunehmend verflüchtigt wie die schminke auf ihrem verweinten gesicht. der inhalt dieses abends macht nicht glücklich, die inszenierung umso mehr: zwei zeitlos starke stücke, verwoben zu einem sprach- und bildgewaltigen requiem, einem abgesang auf jegliche empathie und hoffnung.

Samstag, 11. April 2026

ZÜRICH: MONSTER

das schauspielhaus zürich kämpft mit leeren reihen, die auslastung ist an manchen abenden besorgniserregend - und das dürfte sich so schnell nicht ändern. „monster“ heisst die neuste produktion, laut homepage-promo erschliesst sie „die verknüpfungen von universeller subjektpsychologie und individueller selbstwerdung auf sozialpolitischer ebene“. weckt man mit derartigen phrasen die lust auf theater? so reden und schreiben dramaturginnen, die das adorno/horkheimer-seminar nicht gut verdaut haben. wir gingen trotzdem hin. mit „monster“ arbeitet sich das regisseurinnen-trio anta helena recke, anna froelicher und maxi menja lehmann an der beziehung zwischen mutter und kind ab, an übermüttern und monstermüttern. sieben ziemlich coole kinder tummeln sich auf der bühne, spielen mit stofftieren und baseballschlägern, verlieren sich zwischen idolen (madonna) und albträumen (ein riesiger polizist) und: sie haben fragen, viele fragen an die mütter. doch diese, drei schauspielerinnen, reagieren nicht auf die fragen, sondern sprachlos, hilflos oder mit monologen, die mit den kinderfragen nichts zu tun haben. dazwischen werden in zeitlupe betten herumgeschoben und stoffberge gewälzt, alles wird bedeutungsschwanger aufgeladen und läuft doch nur ins leere: das kollektive unbewusste oder pure banalität? die sieben kinder sind dunkelhäutig, die drei schauspielerinnenmütter nicht, denn auch „der öffentliche diskurs über weisse mütter und nicht-weisse kinder“ soll hier noch reingepackt werden. das mag für die dunkelhäutige unter den regisseurinnen ein zentrales lebensthema sein, im schweizer alltag gehört es nicht zu den virulentesten problemen. und auch diesem „diskurs“ fehlt auf der bühne jede tiefe. der überambitionierten ankündigung des schauspielhauses folgt also ein unterkomplexer abend, der das publikum weder auf der sinnlichen noch auf der geistigen ebene sonderlich bereichert und berührt. adorno würde sich langweilen.