Sonntag, 13. September 2026

LUZERN: DIE PFEFFERFRAUEN

„pfäffer im füdli, salz uf de zonge“ – diese 48 frauen haben es in sich! „pfäffer im füdli, salz uf de zonge“, immer wieder singen sie das, laut! selbstbewusst!! kämpferisch!!! und das publikum in der luzerner peterskapelle hängt ihnen geradezu andächtig an den lippen. das echo vom eierstock, der erste feministische jodelchor der schweiz, liebt es gerne provokativ (und wird dafür nicht immer von allen zurückgeliebt) und vor allem auch innovativ. das beweisen die eierstöcke auch mit ihrem neusten streich, der uraufführung von „die luzerner pfefferfrauen 1844/45“. der gewinn dieser künstlerischen initiative ist ein doppelter: einerseits erzählen sie eine bekannte historische episode für einmal aus der perspektive engagierter frauen, anderseits bereichern sie die musikliteratur mit einer anspruchsvollen chorischen suite, für die liliana heimberg mit material der historikerin heidi bossard-borner ein saftiges libretto verfasste. als die konservative luzerner regierung die jesuiten an die höheren schulen holte, wehrten sich die liberalen, es kam zu den blutigen freischarenzügen, viele starben, wurden inhaftiert oder flohen. die liberalen frauen mussten nicht nur das überleben der familien sichern, sie wurden auch politisch aktiv („mer sind parat, uf üs esch verlass“), mit manifestationen und unterstützung für die gefangenen, sie suchten den bischof auf, damit er vermittle, und setzten sich für die rettung des zum tod verurteilten freischarenführers jakob robert steiger ein. es waren hochemotionale zeiten, für die jean-françois michel hochemotionale melodien komponierte, bewegter und bewegender gesang und aufmüpfiger jodel in stetem wechsel. simone felber dirigiert ihren im raum verteilten chor präzis und packend, alle hellwach, zielstrebige frauen von heute leihen ihre kraftvollen stimmen den zielstrebigen frauen von damals, deren kampf in die ganze schweiz ausstrahlte, ihr kampf für freiheit und mehr rechte. „s’hed si bruucht, die pfäfferwiiber – s’hed si bruucht.“ ein erhebender naturjodel unterstreicht das beim grossen finale, das werk wird zum musikalischen denkmal für diese mutigen frauen, die viel bewegten.

Freitag, 11. September 2026

BASEL: GESPENSTER

frontal blickt das publikum im basler schauspielhaus auf die fassade einer gutbürgerlichen villa. die symbolik ist offensichtlich, denn fassade bedeutet alles im leben der familie alving. doch die fassade entschwindet in die höhe und im gepflegten salon dahinter kommt der ganze wahnsinn zutage. henrik ibsens „gespenster“ sind krasse kost: ehebruch, missbrauch, gewalt – und eine frau, die sich 19 jahre lang damit quälte, trotz den ausschweifungen ihres mannes den schein zu wahren. doch jetzt ist der herr des hauses tot, jetzt rechnet helene alving ab mit dem patriarchat, den gesellschaftlichen konventionen, den gespenstern der vergangenheit. sie tauchen auf hinter vorhängen, in halboffenen türen, als projektionen, auch mal in einem weltfremden tanz, all die versager, der verlogene pastor, der verkommene tischler, der eigene sohn, der vom vater die syphilis erbte – atmosphärisch dicht gelingt regisseurin anna bergmann diese parade der wiedergänger. carina braunschmidt ist mit ihrer rauchig-tiefen stimme und schwer verschatteten augenhöhlen (edvard munchs „schrei“ stand pate) die top-besetzung für diese frau, die ein leben lang geschwiegen, gelogen und gelitten hat und jetzt nur noch eisige kälte ausstrahlt. mit erbarmungslosem, bitterem staccato konfrontiert sie alle mit der wahrheit, schleudert die sätze wie pfeile in offene wunden, auch in ihre eigenen. die wörter „liebe“ und „lebensfreude“, die immer wieder auftauchen, klingen aus ihrem mund mal wie fremdwörter, mal wie schimpfwörter. den link vom 144 jahre alten stück ins heute schafft die regie über das dienstmädchen, ebenfalls ergebnis einer affäre des hausherrn. sie, die in ibsens original kaum text hat, blickt hier auf die ganze geschichte zurück, ein albtraum, textlich unterfuttert mit passagen aus „strangeland“, der autobiographie der künstlerin tracey emin, auch sie ein missbrauchsopfer. weshalb dieses dienstmädchen, auf bestem weg zur selbstermächtigung, allerdings als blondes zuckerpüppchen irgendwo zwischen marilyn monroe und disney-dornröschen auftreten muss, bleibt ein rätsel in dieser sonst schlüssigen, überzeugenden inszenierung.

Freitag, 4. September 2026

BERLIN: LARS EIDINGER ALS RICHARD III.

er war der „jedermann“ in salzburg, er feierte grosse erfolge in kinofilmen („alle anderen“, „nahschuss“, „personal shopper“ mit kristen stewart), er spielt an der schaubühne in berlin seit 2008 „hamlet“, bereits über 250 mal, und seit 2015 auch noch „richard III.“, ebenfalls marathonmässig, alles immer ausverkauft. lars eidinger ist ein theatertier und ein publikumsmagnet. langweilt sich so einer nicht bei der x-ten vorstellung? langweilt er das publikum? was ist da noch kunst und was blosse routine? um es kurz zu machen: man schaut diesem richard III. über zweieinhalb pausenlose stunden lang gebannt zu. in der regie von thomas ostermeier und auf einer spielfläche, die shakespeares globe-theatre nachempfunden ist, zieht lars eidinger sich und die zuschauenden immer tiefer hinein in diesen kosmos des bösen, der rache, des hasses, „ein diener der hölle“. schmierig lächelt er sich all seine intrigen zurecht, um auf den thron zu gelangen. dieser mann ist körperlich und moralisch verkrüppelt: im weissen t-shirt, mit klumpfuss und wegen dem massiven buckel nur einem hosenträger, turnt er über leichen, dann wälzt er im smarten slim-fit-anzug aalglatt und verschlagen die widerlichsten worte, wechselt vom geheuchelt vertraulichen ton in nullkommanichts zum jähzornigen brüllen, eine heavy performance, die ihren höhepunkt erreicht, als er im wahn all seinen toten opfern begegnet. das ist, auch elf jahre nach der première, hohe schauspielkunst. und was nicht allen grossen stars gelingt und diesen eidinger deshalb umso sympathischer macht: er spielt die anderen nicht an die wand, sondern reisst sie mit seiner unerschöpflichen energie mit und lässt ihnen raum für charakterstarke figurenentwicklungen. so bleibt dieser „richard III.“ nicht als one-man-show in erinnerung, sondern als fabelhafte ensemble-leistung, shakespeare vom feinsten.

Donnerstag, 3. September 2026

BERLIN: KYJIWS KULTURSTREITKRÄFTE

einmal mehr: die ukraine verteidigt nicht nur ihr territorium, sie verteidigt auch ihre reiche kultur. auch die "cultural forces", wie sie eine schriftstellerin nannte, sind seit über vier jahren im einsatz, widerständig und unermüdlich. während kyjiw derzeit immer heftiger von russischen raketen und drohnen angegriffen wird, findet die kyjiw biennale in berlin statt, im exil: "a bird that cannot land" lautet vielsagend das leitmotiv. 40 kunstschaffende, nicht nur aus der ukraine, dokumentieren und reflektieren im kw institute for contemporary art kriegsereignisse, kriegsfolgen, zermürbungserfahrungen. in "grey earth", einem animationsfilm von dana kavelina aus melitopol, kriecht ein erschöpfter soldat in der dunkelheit am boden und beginnt mit der erde zu sprechen, seiner heimaterde, was sie war, was sie ihm bedeutet, wie man sie ihm stehlen will. es wird hell am himmel, der erschöpfte dreht sich nach oben, doch das licht bringt keine hoffnung, er sieht eine drohne - direkt über sich. dunkelheit dominiert in vielen werken, vielschichtig, als reale oder als psychische erfahrung. diese intensiven zeugnisse zeigen, die kuratoren formulieren das sehr treffend, "wie konflikte die dunkelheit in einen raum der verletzlichkeit verwandeln, während sie zugleich die überreste von geschichten bewahrt, die sich weigern, zu verschwinden". anna zvyagintseva aus dnipro hat einige ihrer skizzen aus friedenszeiten mit massiven metalldrähten raumhoch nachgebildet, zum beispiel eine frau mit einem kind, das sich an sie schmiegt. das bild an der wand ist unvollständig, metallteile sind abgefallen, liegen chaotisch am boden, die stabilität ist brüchig. und doch: hier dominiert nicht dunkelheit, sondern die gleissend weisse wand dahinter, die die schwarzen drähte trotz den fehlenden teilen als ganzes bild wirken und leuchten lässt. was bleibt zählt, nicht was fehlt. ein starkes symbol.

Samstag, 29. August 2026

LUZERN: MAD KING & MEDEA

zwei menschen am abgrund eröffnen die saison am luzerner theater, zwei monodramen werden zu einem bewegenden abend zusammengefügt. „eight songs for a mad king“ von peter maxwell davis (1969) führt krass das innenleben von george III. vor, einem erfolgreichen und geschätzten könig, der vor 200 jahren in geistige umnachtung fiel. mit schrillen akkorden und verzerrten menuetten begleitet das luzerner sinfonieorchester unter der leitung von maria radzikhovskiy diese reise in den wahnsinn. robert maszl als könig reizt das spektrum seiner tenorstimme bis zum äussersten aus, abrupte register- und rhythmuswechsel, er spricht mit einem blumenkohl, will vögeln das singen beibringen, erbricht sich an seinem volk, zerschmettert die violine eines orchestermusikers. regisseurin marie lambert-le bihan zeichnet mit maszl ein eindrückliches, anrührendes porträt. mit leeren augen endet dieser könig in einem verzweifelten «i am alone». hoffnungslos allein fühlt sich auch medea im zweiten teil des abends: «mein name ist der fluch» heisst der heftige monolog der basler autorin ariane koch, worin die heimatlose zauberin und kindsmörderin die rezeption ihrer ambivalenten geschichte aus heutiger sicht hinterfragt und folgerichtig beim «bevölkerungsdienst» einen antrag auf namensänderung stellt, den fluch mit dem namen loswerden will. als auftragswerk des luzerner theaters vertonte die britische komponistin bushra el-turk dieses zwischen deutsch und altgriechisch, zwischen poesie und bürokratie mäandernde libretto. das orchester lässt sie flirrend und flüsternd und kakophonisch die extremzustände der menschlichen psyche ausmalen, ein melodischer reichtum, zu dem der gesangspart stark kontrastiert, ein oft monotoner sprechgesang voller verzweiflung, von der mezzosopranistin solenn’ lavanant linke eindringlich interpretiert. diese frau lehnt ab, was über sie geschrieben steht. «mad king & medea» passt bestens in eine welt, die menschen zunehmend in eine psychische enge treibt. wie schrieb schon elie wiesel: «wahnsinn ist eine frage, keine antwort.»