es gibt schöne autos und es gibt hässliche autos. das war schon immer so. die bmw-welt in münchen zeigt derzeit 20 „art-cars“, das sind schnittige alte bmw-modelle, die von weltbekannten künstlern ab 1975 zu rollenden skulpturen umgestaltet wurden. schnittige, elegante bmw´s – das war einmal. das verhältnis zwischen schönen und hässlichen autos verschiebt sich gerade massiv: wie viele andere marken setzen die münchner neuerdings auf eine überfall-ästhetik, eine mischung zwischen panzer und pistenfahrzeug, protzig bis zum platzen. der neue bmw i7 m70 startet zum frontalangriff mit einem furchteinflössenden kühlergrill, den eine rüstungsfirma wie rheinmetall oder oerlikon-bührle nicht besser hingekriegt hätte und der nur noch von ferne an die ikonische nierenform früherer bmw-kühler erinnert. die deutsche autoindustrie steckt in einer tiefen krise, wen wundert´s? gerhard matzig hält in einer brillanten analyse in der „süddeutschen zeitung“ fest, dass daran nicht nur trump und die chinesen und die spritpreise und die faulen mitarbeiter und die bürokratie und die grünen schuld sind, wie immer alle jammern, sondern auch dieses völlig aus dem ruder gelaufene deutsche autodesign, dem jede eleganz, jedes weniger-ist-mehr abhanden gekommen ist. die autokrise ist durchaus auch selbstgemacht, lautet sein fazit: „übrig bleiben nun auf deutschen halden kaum verkäufliche und überteuerte muscle-cars, die oft so unfassbar peinlich und auf boshafte weise rüpelhaft aussehen, dass man an der ampel in den erblindungswunsch getrieben wird.“ der neue siebener von bmw, dieses auto zum fremdschämen, bietet übrigens 680 ps und kostet sagenhafte 182´400 euro. was den herrn matzig an den französischen philosophen roland barthes und seine „mythen des alltags“ erinnert: „das automobil ist heute das, was einst die grossen kathedralen waren: ein monument seiner epoche, geboren aus der glühenden vorstellungskraft namenloser schöpfer, vom volk bestaunt und begehrt, das in ihm ein objekt fast übernatürlicher verheissung erkennt.“ auto, auto über alles. und dann protzt und blocht dieses volk ohne tempolimit und ohne ende – und wundert sich über den hitzesommer.
BRANDER LIVE .
DER KULTUR-BLOG. DER ES AUF DEN PUNKT BRINGT.
Sonntag, 16. August 2026
Freitag, 14. August 2026
MÜNCHEN: PUTSCH
„anleitung zur zerstörung einer demokratie“ lautet der nicht eben zuversichtlich stimmende untertitel des stücks von alistair beaton und dietmar jacobs im münchner metropol-theater, und der titel: „putsch“. nur knappe zwei stunden brauchen die autoren – und dann ist die demokratie dahin….. mit beissendem witz werden die mechanismen der macht und die zerbrechlichkeit sicher geglaubter strukturen brutal seziert. die inszenierung von hausherr jochen schölch setzt auf tempo und schärfe und macht aus der vorlage eine satirische show über den ernstfall, es geht schlag auf schlag: ein skandal, der keiner ist, aber gnadenlos hochgejazzt wird, dauerempörte wutbürger, social-media-hetze, spaltung, unruhe, chaos, wahlen, neuwahlen – und schon sind die an der macht, die da nicht hingehören. klara milkowski ist eine konservative stand-up-comedian und influencerin mit eigener tv-show („klaratext“); beängstigend unappetitlich spielt ina meling diese moralisch sehr elastische frau, deren lieblingsfeindbild muslime und transmenschen sind, und sie führt vor, wie diese klara immer mehr glaubt, ganz offiziell die stimme des volkes zu sein, und sich folgerichtig überzeugen lässt, als kanzlerkandidatin für die extreme partei uhd (unser haus deutschland) anzutreten. die geheimen, gemeinen, gefährlichen spiele im hintergrund orchestriert allerdings uhd-parteichef oskar falk, von michele cuciuffo grossartig gespielt als xxl-schleimer, charmant und zurückhaltend am anfang, dann immer hinterfotziger und radikaler, ein kotzbrocken als staatsmann („unruhe ist unser freund“, schmunzelt er genüsslich). der staat wird in windeseile umgebaut, wir sehen, was wir ahnen, die bitteren pointen jagen sich, man lacht viel in diesem stück, doch – uff – es ist einem nicht wohl dabei. in drei wochen finden die landtagswahlen in sachsen-anhalt statt, wo die afd gemäss neusten umfragen bei über 40 prozent liegt. dieses stück ist ein erschreckendes kondensat der laufenden und bevorstehenden ereignisse. und eine warnung.
Mittwoch, 12. August 2026
LOCARNO: TODOS MIS VIAJES.....
„das habe ich so noch nie erlebt“, sagt mir eine besucherin am locarno film festival, die kaum einen film verpasst. gibt es aber doch, dass ein teil des publikums den saal verlässt, nicht einfach einzelne, die halt mal müssen, und auch nicht ganze scharen, aber doch ziemlich viele und zwar tröpfchenweise, alle paar minuten wieder einige mehr, der saal ist in bewegung, eine permanente unruhe begleitet den film des kolumbianischen regisseurs manuel ponce de león, der im cineasti-del-presente-wettbewerb läuft. „todos mis viajes son viajes de regreso“ (alle meine reisen sind reisen der rückkehr) ist tatsächlich nicht jedermanns und -fraus sache, er wirkt wie ein abenteuerfilm ohne abenteuer und in zeitlupe: ein boot gleitet im 19. jahrhundert auf dem kolumbianischen amazonas, darauf ein junges paar aus schweden auf der suche nach – ja, wonach eigentlich? gold? verwandte? seelenverwandte? oder das 21. jahrhundert? das boot gleitet und die beiden reden und schweigen und schlafen und das boot gleitet in ellenlangen einstellungen weiter. meistens passiert nichts, ab und zu begegnen sie auf einer sandbank einer schrägen gestalt, mal einem mexikanischen general im exil, mal einem schiffbrüchigen, historische realität und persönliche fiktion vermischen sich, aus dem jenseits meldet sich auch noch der vater der jungen frau. ob das eine suche nach dem ich und seinen wurzeln ist oder eine flucht vor diesem ich oder die suche nach einem anderen ich, das alles bleibt rätselhaft. langsam wie der fluss treibt die story dahin. das kann einen in kontemplative stimmung und melancholische reflexion versetzen oder man kann es verstörend und langweilig finden. ich wage mal die prognose, dass dieser film nicht zum breiten publikum finden wird. mir hat er gefallen, mir konnte die unruhe im saal die ruhe, die diese seltsame geschichte verströmt, nicht nehmen.
Montag, 10. August 2026
BASEL: LEBENS(T)RAUM MATTHÄUS
„mehr raum für menschen – statt für blech“ steht auf dem unübersehbaren banner, das sich über den anfang der matthäusstrasse in kleinbasel spannt. das matthäus ist ein quirliges quartier, x nationalitäten, x kneipen, x lebensentwürfe auf engem raum. ein jahr lang testet der kanton basel-stadt hier das superblock-modell: sechs verkehrsberuhigte strassen sollen ein nachhaltigeres und klimagerechteres wohnumfeld ermöglichen, parkplätze wurden (provisorisch) aufgehoben, liegestühle, blumentöpfe, pingpongtische und picknickecken möblieren jetzt fahrbahnen und trottoirs. das quartier erhielt ein völlig neues, sympathischeres gesicht. so richtig in fahrt kam der superblock dann dank einem umfassenden, höchst abwechslungsreichen kulturprogramm. diese private initiative einiger engagierter quartierbewohnerinnen und -bewohner belebt die freundliche umgebung, sie fördert die identifikation und den zusammenhalt und regt auf vielfältige weise an zum austausch über gemeinsamkeiten und unterschiede. das auffälligste, da permanent sichtbare projekt ist die partizipative fotoausstellung „lebens(t)raum matthäus“. alle im quartier waren eingeladen, fotos einzusenden. so kamen mehr als 300 momentaufnahmen zusammen, schulklassen beteiligten sich und altersheime, eine kleine jury wählte dann 74 bilder aus, die jetzt auf 20 plakattafeln überall im quartier gezeigt werden, 74 sehr persönliche und authentische blicke aufs matthäus, ein überaus kurzweiliges und anregendes stimmungsbarometer: kinder, die mit witzigen spielen hässliche betonarchitektur beleben; vier erwachsene, die – wie die beatles einst die abbey road – die feldbergstrasse queren; ein hund bei der morgengymnastik..... das kulturprogramm bietet aber auch körpermusik-workshops neben dem bio-markt, geschichtenwerkstätten, betreutes singen, parkplatzmalen, konzerte mit coolen cover-bands – ein toller groove, so geht quartierleben. wie die stadt dann allerdings weitermacht nach dem versuch, ist noch offen. da muss sich die initiative kulturgruppe wohl an das gedicht von hilde domin halten, das im rahmen von „lyrik für den superblock“ (noch ein projekt) an einem kleinen bäumchen am bläsiring hängt: „nicht müde werden, sondern dem wunder leise wie einem vogel die hand hinhalten.“