989 tote, 2400 verletzte, 40´000 obdachlose – das war, vor jetzt 50 jahren, die bilanz der erdbeben im friaul. rombo nennen die italiener das beängstigende tiefe grollen, das einem erdbeben vorausgeht. und „rombo“ heisst der vielbeachtete roman, den esther kinsky vor drei jahren schrieb und den jakob altmayer im regiestudiengang der bayerischen theaterakademie jetzt als masterarbeit inszeniert hat. der junge mann versteht sein handwerk: mit dem dröhnen, dem donnern, dem grollen strukturiert und übertönt er kinskys textflächen, die – über lautsprecherboxen eingespielt – für ein erdbeben der stärke 6,5 auf der richter-skala erstaunlich emotionslos wirken. gewaltige steinbrocken, mehrere dutzend, lässt altmayer in der reaktorhalle zu beginn auf die bühne stürzen und in diesem trümmerhaufen schickt er zwei frauen und zwei männer auf eine expedition, mit stirnlampen, zehenschuhen, einer drohne. die vier sprechen wenig, dafür sprechen die steine, im wörtlichen sinn, diese brocken sind ein speicher der erinnerung. so wird der text zur partitur für sinnlich überwältigende klänge und bilder. mal versetzen sich die suchenden in ziegen, die die geologischen irritationen früher wahrnehmen als der mensch, mal studieren sie einen der volkstänze ein, die im tal des tagliamento eine lange tradition haben, mal sitzen sie um ein lagerfeuer – und immer wieder werden sie von diesem ganz und gar unheimlichen rombo überrascht und weggefegt. was ist sicherheit? was ist vertrauen, vorahnung, veränderung? mit zeitlupenartiger langsamkeit sortieren die vier die trümmer immer wieder anders, neue bilder entstehen, doch die landschaft vergisst nicht, die narben bleiben. so destilliert diese inszenierung die erdbeben vom mai und september 1976 zur existenziellen metapher: wem einmal der boden unter den füssen wegbricht, der wird ein anderer, sein leben („die liebe, die arbeit, die nachbarschaft, die musik“) teilt sich in ein davor und ein danach.
BRANDER LIVE .
DER KULTUR-BLOG. DER ES AUF DEN PUNKT BRINGT.
Donnerstag, 5. März 2026
Freitag, 27. Februar 2026
BERLIN: 30 SEKUNDEN, 3 SEKUNDEN
alles über die aufmerksamkeitsökonomie nach 25 jahren im dritten jahrtausend:
"früher, wenn ich zum beispiel einen werbespot fürs fernsehen geschrieben habe, war klar, dass am ende der 30 sekunden die pointe kommt. wie bei einem witz. so viel zeit hat man heute nicht mehr. man muss die pointe in den ersten drei sekunden bringen, damit die leute überhaupt dranbleiben."
alf frommer, 57, kreativdirektor bei der berliner kommunikationsagentur ressourcenmangel im interview mit "brand eins" 02/26 (titelthema: "like mich am arsch!")
Mittwoch, 25. Februar 2026
LUZERN: HOFFNUNGSKONZERT
1461 tage krieg. zwei hohe töne spielt oleksandr panchenko auf dem flügel in der kirche st. karl in luzern, ununterbrochen diese zwei hohen töne. ist es die sirene eines polizeiautos? eine alte wanduhr im wohnzimmer? das ticken einer zeitbombe? dann mischen sich dunkle akkorde unter diesen monotonen zweiklang, sie werden immer lauter, ein beängstigendes grollen erfasst den kirchenraum, immer dissonanter, immer explosiver, das ist das chaos, das ist der krieg, das ist die verzweiflung und der tod. „mariupol“ heisst diese eigenkomposition, die panchenko hier ein erstes mal spielt. der blutjunge pianist wühlt auf mit seinem werk, das in die abgründe weist, in die die ukraine gestürzt wurde. am schluss wieder die zwei hohen töne, immer wieder die zwei hohen töne, endlos: zählt hier einer die sekunden? bis zum tod? bis zum frieden? oder sind es kinderstimmen? ist es die hoffnung auf eine andere zukunft? „mariupol“ steht im zentrum des konzerts, das der in luzern beheimatete ukrainische chor prostir zum vierten jahrestag des russischen überfalls veranstaltet. sie nennen es hoffnungskonzert: „musik kann erinnern, verbinden und hoffnung schenken.“ unter der so sympathischen wie professionellen leitung des jungen dirigenten oleksii yatsiuk, der zuerst in charkiw und dann in luzern studierte, singen sie alte und neue lieder aus ihrer heimat, sie singen an diesem tag auch gebete, sie singen lieder aus der schweiz („aus dankbarkeit für die solidarität der menschen hier“), ukrainisch, rätoromanisch, französisch, deutsch – die welt, wie sie sein könnte, in ihrer vielfalt. die neun frauen und drei männer singen aus vollem herzen, die musik ist ein wichtiger teil der ukrainischen identität und die kraft dieser musik steckt an, die jungen sängerinnen und sänger und das publikum. die hoffnung ist stärker als die trauer, seit 1461 tagen. was für ein bewundernswertes, starkes volk. slava ukraini! stay with ukraine!
Freitag, 20. Februar 2026
HAMBURG: INTO THE UNSEEN
6500 werke bedeutender fotografinnen und fotografen aus der ganzen welt umfasst die walther collection, ein phantastischer schatz. und der wandert demnächst als schenkung ans metropolitan museum of art in new york. letzte gelegenheit, eine eindrückliche auswahl davon noch einmal in europa zu sehen, bieten noch bis ende april die deichtorhallen in hamburg. „into the unseen“ zeigt sowohl zeitgenössische wie auch historische aufnahmen, häufig alltägliche situationen, tanzende menschen, wartende menschen, menschen von hinten, nebel, überschwemmungen – und sie will uns bewusst machen, was wir nicht sehen. was verbirgt sich hinter dem gesehenen? worauf warten diese menschen? warum diese überschwemmung? diese bilder spielen ganz gezielt mit unserer phantasie: das unsichtbare, das ungesehene, das verborgene, das unscharfe, das verdrängte, das ambivalente, das abwesende, das dunkle, das vielschichtige, das verschwommene – was macht das mit uns? wie gehen wir damit um? oder haben wir in der bilderflut, in der wir täglich versinken, verlernt, genau hinzusehen und über die bilder hinauszudenken? die ausstellung zitiert in diesem zusammenhang den indischen schriftsteller amitav gosh, der die fortschreitende umweltzerstörung dem umstand zuschreibt, dass unsere kolletive vorstellungskraft schwierigkeiten hat, langfristige effekte zu begreifen, er bezeichnet die klimakrise deshalb auch als eine „krise der imagination“. wir müssen wieder lernen, nicht nur über das gesehene nachzudenken, sondern auch über das, was wir nicht oder noch nicht sehen.
Sonntag, 15. Februar 2026
MÜNCHEN: FAUST
verführerische wärme und diabolische dunkelheit liegen in der stimme des amerikanischen baritons kyle ketelsen, womit er für die rolle des méphistophélès in charles gounods „faust“ absolut prädestiniert ist. es ist eine teuflische lust, diesem bösen buben zuzuhören und zuzuschauen, der tänzelnd alle fäden zieht, hinter jeder ecke lauert und mischelt und zunächst entsetzen heuchelt, wenn der mensch wieder mal ins unheil stolpert, um dann genüsslich grinsend mit seinem eleganten pferdeschwanz zu spielen. dieser ketelsen ist ein sängerdarsteller der extraklasse. seine phänomenale performance als charmeur aus der hölle bringt die absicht von regisseurin lotte de beer etwas in schieflage, die in ihrer inszenierung an der bayerischen staatsoper eigentlich die unglückliche liebe zwischen faust und marguerite und ihr uneheliches kind ins zentrum rücken wollte als grosses drama über verantwortung und gemeinschaftssinn. der teufel stiehlt ihr die show – was der teufel in uns allen ja auch immer wieder gerne versucht. immerhin sind faust (jonathan tetelman mit feurigem tenor) und marguerite (olga kulschynska mit introvertierter zartheit) ebenfalls erstklassig besetzt, womit die dreiecksgeschichte mit méphistophélès sowohl stimmlich wie auch psychologisch dauerhaft unter hochspannung steht. weniger geglückt sind die massenszenen (volksfest, kriegsheimkehrer, walpurgisnacht): die regie arrangiert sie auf der sonst eindrücklich schlichten bühne alle zu opulenten, aber ziemlich statischen tableaux und weiss mit dem riesigen chor erstaunlich wenig anzufangen, und dirigentin nathalie stutzmann trägt mit dem staatsorchester bei diesen gelegenheiten etwas gar dick auf – akustisch und optisch also alles sehr plakativ. in bester erinnerung bleiben dagegen die intimen momente, in denen gounods suggestive melodik und sein gespür für dramatische effekte die stimmen der solisten leuchten lassen, das ist dann romantik vom feinsten.
Donnerstag, 12. Februar 2026
HAMBURG: DIE UNRUHENDEN
in diesem mit schwerem holz getäfelten wartesaal, den sich christoph marthaler und sein bühnenbildner duri bischoff für die staatsoper hamburg ausgedacht haben, wartet man nicht auf den nächsten zug, sondern auf den tod. zwei damen und drei herren reiben sich die augen und dann reiben sie ihre medaillen, ganz verzückt in vergangenen zeiten schwelgend, vielleicht sind die fünf ehemalige nobelpreisträger, vielleicht denken sie das nur. sie schubsen und sie setzen sich, stehen auf und stehen rum, wechseln die plätze, sie sind „die unruhenden“. christoph marthaler widmet sich mit diesem „abend in zimmerlautstärke“ ganz und gar gustav mahler, der an der hamburger oper von 1891 bis 1897 erster kapellmeister und groben anfeindungen ausgesetzt war. doch es ist kein abend über mahler, sondern einer mit mahler. kongenial lässt sich marthaler in dieser inszenierung auf die brüche in dessen musik ein, auf disharmonien, auf pausen, auf die vielen klänge aus der ferne. die sängerinnen, die schauspieler und ein paar musikerinnen des philharmonischen staatsorchesters werden in ein spiel mit melancholischen fragmenten verwickelt, in dem die grossen mahlerschen motive immer wieder anders anklingen: „oh mensch, gib acht“ aus der dritten symphonie, „aufersteh‘n, ja aufersteh’n“ aus der zweiten. einer der nobelpreisträger schnappt sich verzweifelt das blutdruckmessgerät, eine der hochbetagten hochbegabten schreibt leidenschaftlich liebesgedichte, einer realisiert, dass er nicht mehr alles realisiert. das ist traurig und komisch und leicht und schwer und also zutiefst menschlich. dieser abend ist eine zartbittere choreografie des abschiednehmens, die unruhenden verlieren sich in ihrer vergänglichkeit. „hören wir gerade eine symphonie? oder träumen wir sie?“ zu dieser musik läuft christoph marthaler als transzendenter zeitlupenkünstler noch einmal zu höchstform auf: entwischen wir gerade dem tod? sind wir noch da? oder schon drüben?
Montag, 9. Februar 2026
HAMBURG: MONSTER'S PARADISE
vampi und bampi und der weltuntergang: so geht oper 2026. sylvie rohrer spielt literaturnobelpreisträgerin elfriede jelinek als vampi, ruth rosenfeld spielt die komponistin olga neuwirth als bampi, zwei "vampiretten", die sich - wie statler und waldorf in der muppet show - aus distanz die welt begucken und schnell checken: the end is near, monster regieren, wärmetod des universums. "monster's paradise" haben die widerständigen künstlerinnenfreundinnen neuwirth und jelinek für die staatsoper hamburg geschrieben, ein genial abgründiges werk, absurd und dunkel. intendant tobias kratzer inszeniert die uraufführung dieser "grand guignol opéra", kasperltheater für erwachsene also, mit allem drum und dran, trash und crash und grusel: ein höllenritt zwischen oval-office-kitsch, brennenden wäldern, zerbombten häusern und einer utopischen insel. die einen monster sind völlig durchgeknallt, die anderen müde. gorgonzilla, der die welt retten will, frisst trump ("die heilige einfaltigkeit") und verschluckt sich dabei. immer wieder schaltet sich die grosse charlotte rampling per video als göttin mahnend ein - und verhallt ungehört. die hochkomplexe partitur mit üppig dröhnendem schlagwerk, dissonanten bläsersätzen und elektronisch verfremdeten stimmen entfaltet dank dem meisterhaften dirigat von titus engel einen unheimlichen sog. auf einem massiv verstimmten bösendorfer-flügel, der übers meer treibt, in dem gerade die elbphilharmonie versinkt, klimpern vampi und bampi am ende vierhändig schuberts f-moll-fantasie, völlig entstellt, das chaos klimpert dem allerletzten sonnenuntergang entgegen. die welt entgleitet und entgleist und wir sitzen im parkett und schauen zu. eine horror-komödie ohne hoffnung.
Dienstag, 3. Februar 2026
ZÜRICH: UND DANN ROMY SCHNEIDER
100 minuten romy schneider – ohne eine einzige filmsequenz, ohne ein einziges bild. trotzdem gelingt es dem theater neumarkt in zürich, romy in nahaufnahme zu zeigen. der mit der theaterleitung befreundete autor guillaume poix hat eine hommage an die grosse diva geschrieben: „und dann romy schneider“, ausschliesslich text, text, text. regisseurin manon krüttli arrangiert dieses wortungetüm mit vier schauspielerinnen und drei schauspielern, die - verteilt im saal - mal miteinander sprechen, mal durcheinander, mal in langen temporeichen monologen: ausschnitte aus interviews, sätze aus drehbüchern (romy schneider wirkte in 63 filmen mit), aussagen von regisseuren und freunden plus als zückerchen die parodie auf einen nie gedrehten film, den elfriede jelinek romy schneider auf den leib geschrieben haben soll. das alles ergibt ein gigantisches puzzle, ein facettenreiches bild dieser frau, die mit ihrem grossen talent und ihrem makellosen gesicht zuerst den deutschsprachigen raum eroberte („sissi“ à gogo) und dann für anspruchsvollere drehs nach frankreich wechselte. und die trotz allen erfolgen viel litt in diesem business: immer von den launen der männer abhängig zu sein, die regie führten, empfand sie oft wie eine vergewaltigung, immer nur als figur, als rolle und kaum als mensch wahrgenommen zu werden, immer wieder auf die äussere erscheinung reduziert zu werden („eine frau über 40 zu sein, heisst ein gespenst zu sein“) – romy schneider war, so heisst es einmal, eine misshandelte frau, die ihr leben liebte. ein leben, das dann zwischen scham und schmerz, zwischen medikamenten und alkohol zugrunde gerichtet wurde. „und dann romy schneider“ ist ein packendes sprachkonzert. mit grossen augen fixieren die schauspielerinnen und schauspieler immer wieder einzelne menschen im publikum, das an den rändern der spielfläche sitzt, sie fixieren uns ganz eindringlich, ganz ernst, dieser text geht nahe, man kann sich ihm nicht entziehen.