Dienstag, 3. Februar 2026

ZÜRICH: UND DANN ROMY SCHNEIDER

100 minuten romy schneider – ohne eine einzige filmsequenz, ohne ein einziges bild. trotzdem gelingt es dem theater neumarkt in zürich, romy in nahaufnahme zu zeigen. der mit der theaterleitung befreundete autor guillaume poix hat eine hommage an die grosse diva geschrieben: „und dann romy schneider“, ausschliesslich text, text, text. regisseurin manon krüttli arrangiert dieses wortungetüm mit vier schauspielerinnen und drei schauspielern, die - verteilt im saal - mal miteinander sprechen, mal durcheinander, mal in langen temporeichen monologen: ausschnitte aus interviews, sätze aus drehbüchern (romy schneider wirkte in 63 filmen mit), aussagen von regisseuren und freunden plus als zückerchen die parodie auf einen nie gedrehten film, den elfriede jelinek romy schneider auf den leib geschrieben haben soll. das alles ergibt ein gigantisches puzzle, ein facettenreiches bild dieser frau, die mit ihrem grossen talent und ihrem makellosen gesicht zuerst den deutschsprachigen raum eroberte („sissi“ à gogo) und dann für anspruchsvollere drehs nach frankreich wechselte. und die trotz allen erfolgen viel litt in diesem business: immer von den launen der männer abhängig zu sein, die regie führten, empfand sie oft wie eine vergewaltigung, immer nur als figur, als rolle und kaum als mensch wahrgenommen zu werden, immer wieder auf die äussere erscheinung reduziert zu werden („eine frau über 40 zu sein, heisst ein gespenst zu sein“) – romy schneider war, so heisst es einmal, eine misshandelte frau, die ihr leben liebte. ein leben, das dann zwischen scham und schmerz, zwischen medikamenten und alkohol zugrunde gerichtet wurde. „und dann romy schneider“ ist ein packendes sprachkonzert. mit grossen augen fixieren die schauspielerinnen und schauspieler immer wieder einzelne menschen im publikum, das an den rändern der spielfläche sitzt, sie fixieren uns ganz eindringlich, ganz ernst, dieser text geht nahe, man kann sich ihm nicht entziehen.

Montag, 26. Januar 2026

SOLOTHURN: KWEKU - THE NARRATIVE

jetzt fährt er mit seinem pick-up in ghana ananas, mandarinen und mangos durch die gegend und produziert mit ein paar frauen smoothies. kweku adoboli, der mann, der 2011 am etf-desk der ubs in london 2,3 milliarden in den sand setzte, betrachtet die wirtschaft nun von unten – und erzählt darüber auch in einer eigenen, viel beachteten radio-show. in ihrem film „the narrative“, der jetzt an den solothurner filmtagen première hatte, zeichnen die beiden dokumentarfilmer martin schilt und bernard weber die irre geschichte von kweku adoboli nach. „es war, als wolle man einen jumbo-jet mit vier brennenden triebwerken unter kontrolle bringen“, erinnert sich der heute 45jährige an die fehlspekulationen, die sein leben veränderten. er wollte sich nie persönlich bereichern, er wollte profit machen für die bank. adoboli übernahm die volle verantwortung und wurde in einem weltweit beachteten prozess zu sieben jahren gefängnis verurteilt und ausgeschafft: „ich wurde vom gericht für genau die eigenschaften bestraft, für die ich in der bank hochgelobt wurde.“ die ubs liess ihn erbarmungslos fallen, ein gieriger high-performer, ein sündenbock. doch alle in der bank wussten, wie es läuft, alle trieben die jungen trader an, alle jagten nach immer gigantischeren gewinnen, keiner schaute genau hin, fehlerkultur null. 17 mal wurde adobolis direkter vorgesetzter zu compliance-trainings aufgeboten, 17 mal ignorierte er die einladung. mit lauter schwarzen arrangierten die filmemacher und adoboli in ghana auch ein reenactment seines prozesses, das brutal verdeutlicht, wie niemand in der bank etwas gewusst haben will. doch das narrativ vom perfiden einzeltäter stimmt nicht, adobolis geschichte ist die geschichte eines skrupellosen, kranken systems. überstanden hat er das alles, das zeigt der film sehr schön, weil freundinnen und freunde aus der studienzeit in england immer zu ihm hielten. sie müssen ihn heute in ghana besuchen.

Donnerstag, 22. Januar 2026

SOLOTHURN: MEHR LICHT

normalerweise finden sich in jeder kunstausstellung als garnitur auch ein, zwei videos, bisschen bewegung, bisschen auflockerung, tut immer gut. und jetzt: ein ganzes museum, drei etagen voll mit videos, das ist vielleicht eine lust. „mehr licht“ heisst die grosse schau im kunstmuseum solothurn, eine bestandesaufnahme der videokunst von ihren anfängen (mit schweren videorecordern und teuren magnetbändern) bis heute, mit videos und videoinstallationen von über 30 künstlerinnen und künstlern. das führt von reinhard manz‘ aufmüpfigem happening „entschriftung der greifengasse“ in basel (1983) über pipilotti rists legendären „pickelporno“ (1994) und élodie pongs „secrets for sale“ (2003), die die grenzen von privatheit und öffentlichkeit sprengen, zu judith alberts hochpoetischer „engstlenalp“ (2021). besonders prominent ausgestellt wird christoph rütimanns „tetrasphereline“: er baute sich eine riesige skulptur aus stahlrohr, eine verschlungene endlosschlaufe, auf die er eine kamera montierte, die auf dieser schlaufe ihre runden drehte. das ganze fuhr auf einem güterwagen die bernina-strecke von landquart bis tirano ab. man wird hier also teil einer expedition der besonderen art, die bahn in bewegung, die kamera in bewegung, die welt mal von oben, mal von unten, mal seitlich vorbeirauschend, immer neue blickwinkel, eine permanente wechselwirkung von raum und zeit. oft spielt die videokunst mit sich selbst und immer spielt sie mit uns und den grenzen unserer wahrnehmung. dieses medium verwandelt die kritik an den zuständen in einen gigantischen bilderrausch und fordert uns heraus, diesen rausch zu ertragen, die rätsel zu entschlüsseln, kurz: die welt mit anderen augen zu sehen. das ist abwechslungsreich, kurzweilig, anregend, man kann sich hier stundenlang verweilen und verlieren – und das ist noch nicht alles: „mehr licht“ wurde als doppelausstellung konzipiert. die zweite, komplementäre hälfte startet ende monat im aargauer kunsthaus.

Sonntag, 18. Januar 2026

BASEL: DIE WAHLVERWANDTSCHAFTEN

"da gehen die ersten", stellt die darstellerin der ottilie mit scharfem blick in den zuschauerraum nach 25 minuten ganz trocken fest. da gehen tatsächlich schon die ersten. goethes "wahlverwandtschaften" in der version der mehrfach preisgekrönten regisseurin leonie böhm sind nicht jedermanns sache: die versuchsanordnung goethes mit dem adligen paar eduard und charlotte, dessen ehe durch zwei gäste völlig aus den fugen gerät, dient böhm am theater basel bloss als gerüst. aus ganz heutiger sicht untersucht sie die anziehenden und abstossenden kräfte in beziehungen: begehren, liebe, kontrolle, schuld. auf der völlig leeren bühne experimentieren die figuren während 100 minuten, das hat was von impro-theater, sie jagen assoziationen nach, singen, küssen, tanzen, umschlingen sich, albern mit dem publikum rum, fallen in löcher, kriechen wieder hervor, sie probieren in wechselnden konstellationen nähe und distanz, versuchen zusammenzubleiben, auch wenn es schwierig ist, und das alles immer auch ausgesprochen körperlich. die umwerfende maja beckmann, mit der die regisseurin schon mehrfach arbeitete, und vera flück vom basler ensemble sind das quirlige kraftzentrum dieser durchaus gewöhnungsbedürftigen übungsanlage, kay kysela und dominic hartmann können da in sachen energie und artikulation nicht immer mithalten. das absolut faszinierende an dieser inszenierung - achtung, jetzt kommt's - ist die textebene, die besteht nämlich weitestgehend aus original-goethe. das funktioniert, denn goethes sentenzen - über 200 jahre alt - sind von zeitloser klarheit, die liebe als permanenter kampf zwischen gefühl und vernunft. "je mehr ich deines herzens gewahr werde, desto tiefer blicke ich in meines." dieser sperrige abend bietet überraschend viel gedankenfutter. wer ihn nach 25 minuten verliess, hat etwas verpasst.

Samstag, 17. Januar 2026

LUZERN: JAMES BROWN TRUG LOCKENWICKLER

ein pelzmantel liegt am boden und wartet auf seine bestimmung, die bühne ist in verführerisches blau getaucht, lichterketten, discokugel, sterne am himmel: auftritt céline dion. respektive: auftritt jacob hutner, der sich für céline dion hält, nächstens zur welttournée aufbrechen will und also in pathologischer sorge um seine stimmbänder ist. seine eltern bringt das zur verzweiflung – und jacob in die psychiatrie. „james brown trug lockenwickler“ heisst die geniale, zwischen irrsinn und melancholie pendelnde komödie der französischen starautorin yasmina reza, die das theater nawal jetzt im luzerner theaterpavillon zeigt. wenn die welt spinnt, findet man das glück möglicherweise nur noch im eigenen kopf. in jacobs kopf wimmelt es von mikrofonen, scheinwerfern, showelementen. in diese surreale welt lässt regisseur reto ambauen das ensemble eintauchen und herumirren, die fünf erledigen das mit viel französischem charme und einem enormen feeling für absurde pointen. die auftritte von jacobs psychiaterin werden immer schräger („ich fahre von paris nach san remo ohne ein einziges mal zu bremsen“), die auftritte von jacobs vater erschreckend aggressiv, womit sich zunehmend die frage stellt, wer eigentlich die wirklich durchgeknallten sind. und vor allem: wer bestimmt, wer auf welche weise glücklich sein darf? jacob/céline findet einen freund in der klinik, philippe, einen bleichen jüngling, der sich als schwarzer aus amerikas süden erlebt. es ist ein genuss, den beiden zuzuschauen, wie sie sich necken, wie sie liebevoll ihre meinungsverschiedenheiten austragen, wie sie es gut haben, einfach gut. doch céline verabschiedet sich, von philippe, von ihren eltern, von der psychiaterin: sie muss ja auf welttournée….. komödie, soll sie richtig sitzen, gehört zum schwierigsten im theater. komödie mit tiefgang und von laien gespielt ist noch um einen dreh anspruchsvoller. dem theater nawal ist es geglückt. chapeau!