zwei starke frauen, zwei cousinen, die zu hitzigen rivalinnen werden, machtkämpfe und intrigen inclusive – der stoff hat´s in sich. mary stuart und elizabeth tudor, die im 16. jahrhundert fatal verstrickten königinnen von schottland und england, fesselten schon schiller, donizetti, zweig – und nun auch den australischen komponisten brett dean: „of one blood“ (vom selben blut) heisst sein neues werk, jetzt uraufgeführt an der bayerischen staatsoper. musik von heute verbindet die beiden frauen von einst, die sich im wirklichen leben nie begegnet sind. brett deans frau heather betts schrieb ihm, ausgehend vom briefwechsel zwischen elizabeth und mary, ein psychologisch ausgefeiltes libretto. der prozess des briefeschreibens, das kratzen des federkiels auf papier, fand auch eingang in den reichen musikalischen kosmos, auch das flattern eines raben füllt den zuschauerraum, elektronische zuspielungen bereichern den intensiven, düsteren, gelegentlich schrillen fluss der melodien, den vladimir jurowski mit dem staatsorchester so präzis wie effektvoll auskostet. in einem aseptischen kontrollraum nähern sich stumme assistenten in weissen overalls und mit weissen helmen den protagonistinnen, umstellen sie, studieren sie, bewegen sie – eine laborsituation. die regie von claus guth will nicht einfach historie illustrieren, sondern unseren umgang damit. wie entsteht unser bild von menschen, die wir persönlich nicht kennen? welches bild entwarfen mary und elizabeth voneinander, ausschliesslich auf briefe und gerüchte gestützt? johanni van oostrum lädt elizabeth mit enormer verzweiflung und verbitterung auf, immer wieder klingt ihr wunsch an, eine ganz gewöhnliche frau sein zu dürfen. vera-lotte boecker als mary verdeutlicht die tragik ihrer figur mit einem enormen stimmlichen spektrum, von lyrischer zartheit zu dramatischer wucht. zwei in jeder phase exzellente sopranistinnen. elizabeth singt auf der linken bühnenhälfte, mary auf der rechten, oft singen sie gleichzeitig, doch nicht zusammen, kein duett, sondern ein pathologisch aufgeladenes duell. zeitgenössische oper kann immens packend sein.
BRANDER LIVE .
DER KULTUR-BLOG. DER ES AUF DEN PUNKT BRINGT.
Dienstag, 30. Juni 2026
Samstag, 27. Juni 2026
GISWIL: DUDUK UND NATURJUIZ
der durchhaltewille war grösser als die defizite der ersten jahre. zum glück. jetzt findet das volkskulturfest obwald in der waldlichtung gsang bei giswil bereits zum 20. mal statt und zieht tausende an aus stadt und land. eine absolute erfolgsgeschichte. das rezept für diesen erfolg formuliert obwald-präsident tobias lengen sehr treffend: „ein programm, das gegensätze nicht versteckt, sondern feiert und gerade dadurch verbindendes schafft. vielleicht ist das heute wichtiger denn je.“ weiss gott. 20 jahre also, 20 jahre verbindendes geschafft zwischen menschen, kulturen, ländern, erdteilen. und dieses jubiläum wird mit dem gastland armenien nicht nur würdig begangen, sondern grossartig. schon zu beginn – und nicht wie früher erst im verlauf des abends – stehen gastgeberinnen und gäste gemeinsam auf der bühne und dann immer wieder: armenische vokaltradition und naturjuiz, schwyzerörgeli aus nidwalden und sopransaxofon aus dem osten, das herzerfrischende bärgtalcherli aus lungern und das melancholische nairyan quartett, alphorn und duduk und asymmetrische klangtüfteleien, von generation zu generation überliefertes und exklusive weltpremièren – und auf dem tisch hindersimagronä oder khashlama karmir plaf. dieses miteinander, dieses spiel mit gegensätzen entwickelt jahr für jahr eine magische kraft, die das ganze publikum erfasst. wenn etwa simone felber ohne echo vom eierstock, dafür mit vier frauen aus jerewan und drei aus zürich den traditionellen "heuwfuederer" zu einer ballade arrangiert, die sich zwischen gurgelndstem jodel und spirituell-meditativem gesang bewegt, dann berührt diese emotionalität nicht nur mich, sondern ganz viele ganz tief. und karen asatrian aus armenien hat, aufbauend auf einer schlichten melodie, ein mitreissendes finale komponiert, das gäste und gastgeberinnen, alle stimmen, alle instrumente, alle formationen noch einmal spektakulär vereint, „von berg zu berg“ heisst es. das ist obwald - seit 20 jahren und hoffentlich noch lange: ein wald, wo alle grenzen lustvoll überwunden werden und wo die welt für ein paar stunden ein besserer ort ist.
Montag, 22. Juni 2026
LUZERN: CHRISTINE
am schluss werfen sie pflastersteine nach ihr: christine, die fremde, die aussenseiterin, die hauptfigur in „die schwarze spinne“ von jeremias gotthelf. pflastersteine knallen auf die bühnenbretter im voralpentheater, das fährt ein. der luzerner autor kurt bösch befreite gotthelfs novelle von zu viel biedermeier und schrieb für die theatergruppe greyhounds eine lebenspralle mundartfassung über die soziale dynamik dieser dorfgemeinschaft, die von einem tyrannen terrorisiert wird und keinen ausweg findet aus dieser not. „mier hend üs no immer sälber ghulfe“ schreien sie, ein ebenso lauter wie hilfloser mob, das arbeitet die inszenierung von reto ambauen sehr bildhaft heraus, die nahtlos zwischen saftigem laienspiel und chorischem erzählen switcht. die durch ihre schlichtheit bestechende bühne von bernadette meier (eine kirchenglocke, eine bretterwand im hintergrund, darüber schwere gewitterwolken) und der suggestive soundteppich von christov rolla tragen viel bei zur packenden atmosphäre in diesem spiel um macht und ohnmacht, um folgenschwere entscheidungen und unlösbare dilemmas. christine, die zugezogene, will helfen, ergreift als einzige die initiative, sucht nach einer lösung; ausgesprochen differenziert spielt susanne hajas eberle das ringen dieser frau, die im dienste des gemeinwohls einen verhängnisvollen pakt eingeht mit dem teufel, den markus roos als charmant-schelmischen verführer zeigt. es klappt nicht, die pläne scheitern, der teufel schickt die schwarze spinne und damit den tod. doch dies ist nicht das scheitern einer einzelnen, sondern das scheitern der gesamten dorfgemeinschaft – und trotzdem wird christine zum sündenbock gemacht, verleumdet und gejagt. die fremde als projektionsfläche für alle ängste, tabus und abgeschobene verantwortung. wichtige themen, die alle betreffen, in einer kraftvollen sprache, die alle verstehen, umgesetzt in starke bilder, die alle berühren: das ist volkstheater im allerbesten sinn.
Freitag, 19. Juni 2026
GENÈVE: 200 MOTELS
zum grossen finale humpelt trump über die bühne, mit einem mini-pimmel (der ja die ursache allen übels sein dürfte), dazu singt der chor „penis dimension“ und schenkt ihm einen richtig grossen, hui wie er sich freut – und dann wird trump in einer bio-tonne entsorgt. ok, das ist politisch eher unkorrekt, doch politisch korrekt wollte auch frank zappa, die amerikanische rock-ikone, zuallerletzt sein. in einer rauschhaft-überbordenden inszenierung von daniel kramer zeigt das grand théâtre de genève jetzt zappas „200 motels“ von 1970/71, das musikalisch-theatralische tagebuch einer tournee („touring can make you crazy“, heisst eine nummer). seine band „the mothers of invention“ zieht von stadt zu stadt, von exzess zu exzess, von delirium zu delirium. diese band hat die genfer oper mit robin adams, peter hoare, edward hogg und ziad nehme fulminant besetzt, ein auf höchstem niveau durchgeknalltes quartett. grandios arbeiten sich die vier durch das chaotische labyrinth von geschichten und figuren, grandios bewältigen sie die enorme musikalische palette, balladeskes und brutales, hard und soft rock, zeitgenössische oper, beatles-parodie. diesen soundtrack des wahnsinns mixt der wohl vielseitigste schweizer dirigent titus engel mit dem orchestre de la suisse romande, dem impro-trio steamboat switzerland und acht (!!) perkussionisten, ja, ohrstöpsel werden reichlich verteilt. dazu kommt eine prächtige orgie absurd-schräger kostüme (shalva nikvashvili) und wildester video-kreationen (sophie lux). nichts, wirklich gar nichts wird in diesem update von „200 motels“ ausgelassen: miss piggy und jesus, ketchup und sperma, ein blutiges ku-klux-klan-ballett und ein perverser wrestling-kampf. frank zappa erlebte auf seinen tourneen the dark side of america und wollte seinem land den spiegel vorhalten. diese abrechnung packt sich die genfer oper jetzt im richtigen moment, zeigt uns die usa als toxisches konzentrat und liefert den ultimativen beweis: mit diesem land ist einiges schief gelaufen.
nebenbei: das ist der 1000. text in diesem blog. und ein weilchen geht’s noch weiter.
Freitag, 12. Juni 2026
LUGANO: PINA BAUSCH LEBT
pina bausch lebt wieder. pina bausch lebt weiter. dass sich wildfremde menschen nach einer vorstellung anstrahlen, alle tief berührt und beglückt, das erlebt, auch wer oft ins theater geht, doch eher selten. „kontakthof“ heisst die legendäre choreografie, die pina bausch 1978 mit ihrem wuppertaler ensemble einstudierte: zu sentimental-schrägen tangoschlagern entwickelte sie in einem fin-de-siècle-ballsaal eine abgründige reflexion über beschwingtes und beschwerliches anbandeln, über das auf und ab von paarbeziehungen, über geschlechterhierachie. 2009 starb pina bausch viel zu früh. die australierin meryl tankard, die 1978 mittanzte, reanimierte das hinreissende stück vor eineinhalb jahren, mit sieben weiteren mitgliedern der originalbesetzung, alle jetzt menschen mit falten, die jüngste 70, der älteste 79. das ganze heisst nun „kontakthof – echoes of ‘78“ und gastierte diese woche beim lugano dance project. riesig flimmert die originalchoreografie als schwarz-weiss-projektion über die wände des ballsaals, dazu tanzen die acht attraktiven betagten teilweise synchron ihre schritte und bewegungen von damals, jugend und alter überlagern sich spielerisch. der hüftschwung gelingt den drei männern nicht mehr so subtil wie einst, die peinlichen tanzschul-annäherungen wirken noch etwas steifer, beim boogie geraten sie ausser atem – und alles wird immer wieder ironisch gebrochen. liebling, wie die zeit vergeht….. diese performance ist eine grandiose lektion, wie man trotz einschränkungen mit eleganz, stil und freude alt werden kann. am berührendsten sind die sequenzen, wo sich zwei im schwarz-weissen original aneinander schmiegen, liebevoll die hand auf die schulter des anderen legen, und wo der eine nach fünf jahrzehnten jetzt fehlt, nicht mehr dabei ist oder tot: dann tanzen sie allein weiter, verträumt, schmiegen sich ans nichts, legen die hand liebevoll auf nichts, umarmen die erinnerung. abschied, einsamkeit, versäumtes glück? zum heulen schön, überall im publikum tränen der rührung, eine sternstunde.
Mittwoch, 10. Juni 2026
SACHSELN: FLUSS(AB)FLUSS
ein bett versinkt in den fluten. august 2005, es regnete und regnete, hänge begannen zu rutschen, bäche wurden zu reissenden flüssen, überall geröll und schlamm, engelbergeraa, melchaa und sarnersee traten über die ufer, überschwemmten das land und zerstörten dörfer: der schock im kanton obwalden war gross und er wirkt nach. „flut“ heisst die neue videoarbeit von judith albert, sie beginnt mit einem alten doppelbett, hübsch weiss angezogen, daneben zwei nachttischchen, auf beiden schön akkurat eine vase mit lila blumen, das ganze leicht unscharf, das bett gerät in bewegung, neigt sich leicht, eine sturzflut ergiesst sich über die weissen laken, das bild jetzt immer verzerrter, eine braune brühe, immer heftiger, alles wackelt, die naturgewalt erobert den privaten, intimen ort, aussen und innen verschwimmen und lösen sich auf, sieben apokalyptische minuten, ein albtraum. diese grossformatige und grossartige projektion ist teil der ausstellung „fluss(ab)fluss“ im museum bruder klaus in sachseln. die katastrophe 2005 und die inbetriebnahme des hochwasser-entlastungsstollens jetzt anfangs juni gaben den impuls dazu und zum 400seitigen prachtband „das unerwartete“, sowohl ausstellung wie buch sorgfältig kuratiert vom luzerner verleger und galeristen gianni paravicini. neben judith albert versammelt er zehn weitere künstlerinnen und künstler, was zu einem vieldimensionalen panorama über die kraft des wassers führt, nicht nur die bedrohliche, zerstörerische, auch die inspirierende, lebensspendende, poetische. überall strömt und sprudelt und tropft es – bei der installation „leak“ von jul dillier und arthur fussy auf alte pfannen, giesskannen, musikinstrumente in einem boot, es tropft geradezu melancholisch dem zerfall und der vergänglichkeit entgegen. was ist der mensch gegen die natur? was macht der mensch mit der natur? „entgleitet uns die welt“, fragt altmeister kurt sigrist auf einem seiner bilder, ohne fragezeichen.