zwei menschen am abgrund eröffnen die saison am luzerner theater, zwei monodramen werden zu einem bewegenden abend zusammengefügt. „eight songs for a mad king“ von peter maxwell davis (1969) führt krass das innenleben von george III. vor, einem erfolgreichen und geschätzten könig, der vor 200 jahren in geistige umnachtung fiel. mit schrillen akkorden und verzerrten menuetten begleitet das luzerner sinfonieorchester unter der leitung von maria radzikhovskiy diese reise in den wahnsinn. robert maszl als könig reizt das spektrum seiner tenorstimme bis zum äussersten aus, abrupte register- und rhythmuswechsel, er spricht mit einem blumenkohl, will vögeln das singen beibringen, erbricht sich an seinem volk, zerschmettert die violine eines orchestermusikers. regisseurin marie lambert-le bihan zeichnet mit maszl ein eindrückliches, anrührendes porträt. mit leeren augen endet dieser könig in einem verzweifelten «i am alone». hoffnungslos allein fühlt sich auch medea im zweiten teil des abends: «mein name ist der fluch» heisst der heftige monolog der basler autorin ariane koch, worin die heimatlose zauberin und kindsmörderin die rezeption ihrer ambivalenten geschichte aus heutiger sicht hinterfragt und folgerichtig beim «bevölkerungsdienst» einen antrag auf namensänderung stellt, den fluch mit dem namen loswerden will. als auftragswerk des luzerner theaters vertonte die britische komponistin bushra el-turk dieses zwischen deutsch und altgriechisch, zwischen poesie und bürokratie mäandernde libretto. das orchester lässt sie flirrend und flüsternd und kakophonisch die extremzustände der menschlichen psyche ausmalen, ein melodischer reichtum, zu dem der gesangspart stark kontrastiert, ein oft monotoner sprechgesang voller verzweiflung, von der mezzosopranistin solenn’ lavanant linke eindringlich interpretiert. diese frau lehnt ab, was über sie geschrieben steht. «mad king & medea» passt bestens in eine welt, die menschen zunehmend in eine psychische enge treibt. wie schrieb schon elie wiesel: «wahnsinn ist eine frage, keine antwort.»
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DER KULTUR-BLOG. DER ES AUF DEN PUNKT BRINGT.
Samstag, 29. August 2026
Freitag, 28. August 2026
BEROMÜNSTER: FRÜEHNER, FRÄCHER, MÖISCHTER
er dachte, das sei eine clevere idee: 1902 versteckte sich der 29jährige leutnant michael kopp während einem manöver in einer kiste mit gedörrten apfelschnitzen vor dem feind. er wurde trotzdem entdeckt – und was ihm danach blieb, lebenslänglich, war der übername „schnetzmechu“. dieser kopp war gemeindeammann von möischter, also beromünster, korporationspräsident, grossrat, major – und ein schelm durch und durch, die ideale figur somit für die neue ortsführung „früehner – frächer – möischter“. der schnetzmechu, bei uns am premierenabend von adrian wüthrich als original im vollsaft gespielt, führt durch gassen, in hinterhöfe, über treppen und erzählt dabei die legendärsten anekdoten aus dem vergangenen jahrhundert. ursula koch-egli vom „anzeiger michelsamt“ recherchierte und schrieb das kurzweilige drehbuch für diese volkskundliche „streichtour“, nina halpern inszenierte mit viel gespür fürs lokalkolorit: man erfährt, wie lateinschüler einen kübel mit gülle so präparierten, dass er ihrem lehrer im richtigen moment ins haus kippte, wie der lokführer eichenberger seinen zug zwischen menziken und beromünster auf offener strecke anhielt, um sich bei einer bauernfamilie ein kafi schnaps zu genehmigen, wie der rektor der alten kanti die regierung in luzern überlistete, um einen neubau zu erwirken (man kopierte einfach die kantonsschule willisau und halbierte so die projektkosten), wie sich zwei gangs von 12/13-jährigen im märz 1973 zur „schlacht auf der schanz“ verabredeten, was mit einer spitaleinweisung zwecks entfernung eines geschosses endete, undundund….. das ist, im besten sinne, geschichte von unten, die lebensrealität der einfachen bevölkerung. ja, und wenn es dem schnetzmechu langweilig war in seiner gemeindekanzlei, dann schoss er auch mal aus der halbgeschlossenen jalousie auf milchkesseli, um passantinnen zu erschrecken. „sind wir heute zu brav?“ fragt er während der führung schelmisch. wer beromünster nur mit der stiftskirche und dem auffahrtsumritt verbindet, kennt beromünster nicht…..
Dienstag, 18. August 2026
OBERNDORF: DER BESTE BAHNWITZ
wieder mal stecken geblieben, im ic 185, auf offener strecke in einer gottverlassenen gegend bei oberndorf. wissen sie, wo das liegt? ich wusste es auch nicht. jetzt weiss ich es: am neckar, in der trostlosen württembergischen pampa. zuerst passiert gar nichts, dann rennt das bahnpersonal ebenso aufgeregt wie wortlos hin und her, dann passiert immer noch nichts, dann schleppt sich der intercity im schritttempo mehrere kilometer zum nächsten bahnhof, dann wird der ganze zug evakuiert, brandgefahr wegen eines überhitzten rads, mehrere hundert menschen, die eigentlich von stuttgart nach zürich wollten, stehen im nieselregen. ein prosit der gemütlichkeit! doch aufgepasst, liebe deutsche freunde: auch bei den schweizerischen bundesbahnen, die in den deutschen medien immer als zuverlässig, vorbildlich, fehlerfrei gelobt werden, kommt so was vor, auch bei den sbb gibt´s ausfälle, verspätungen, umleitungen, fahrleitungsstörungen, defekte toiletten, türblockaden – und sie häufen sich. doch darum geht´s hier gar nicht. sondern um den besten witz über die deutsche bahn, der mir je begegnet ist (im rahmen eines durchaus ernsthaft grundierten theaterabends neulich in münchen). er geht so: „die chinesen….. die chinesen überrollen und überholen uns….. die bauen jetzt die neue seidenstrasse bis ins herz von europa. das heisst, dass in ein paar jahren am hauptbahnhof von duisburg am einen bahnsteig der ice aus köln ankommt und parallel am bahnsteig nebenan der chinesische zug aus peking. und der wahnsinn: die sind gleichzeitig losgefahren.“
Sonntag, 16. August 2026
MÜNCHEN: AUTOS ZUM FREMDSCHÄMEN
es gibt schöne autos und es gibt hässliche autos. das war schon immer so. die bmw-welt in münchen zeigt derzeit 20 „art-cars“, das sind schnittige alte bmw-modelle, die von weltbekannten künstlern ab 1975 zu rollenden skulpturen umgestaltet wurden. schnittige, elegante bmw´s – das war einmal. das verhältnis zwischen schönen und hässlichen autos verschiebt sich gerade massiv: wie viele andere marken setzen die münchner neuerdings auf eine überfall-ästhetik, eine mischung zwischen panzer und pistenfahrzeug, protzig bis zum platzen. der neue bmw i7 m70 startet zum frontalangriff mit einem furchteinflössenden kühlergrill, den eine rüstungsfirma wie rheinmetall oder oerlikon-bührle nicht besser hingekriegt hätte und der nur noch von ferne an die ikonische nierenform früherer bmw-kühler erinnert. die deutsche autoindustrie steckt in einer tiefen krise, wen wundert´s? gerhard matzig hält in einer brillanten analyse in der „süddeutschen zeitung“ fest, dass daran nicht nur trump und die chinesen und die spritpreise und die faulen mitarbeiter und die bürokratie und die grünen schuld sind, wie immer alle jammern, sondern auch dieses völlig aus dem ruder gelaufene deutsche autodesign, dem jede eleganz, jedes weniger-ist-mehr abhanden gekommen ist. die autokrise ist durchaus auch selbstgemacht, lautet sein fazit: „übrig bleiben nun auf deutschen halden kaum verkäufliche und überteuerte muscle-cars, die oft so unfassbar peinlich und auf boshafte weise rüpelhaft aussehen, dass man an der ampel in den erblindungswunsch getrieben wird.“ der neue siebener von bmw, dieses auto zum fremdschämen, bietet übrigens 680 ps und kostet sagenhafte 182´400 euro. was den herrn matzig an den französischen philosophen roland barthes und seine „mythen des alltags“ erinnert: „das automobil ist heute das, was einst die grossen kathedralen waren: ein monument seiner epoche, geboren aus der glühenden vorstellungskraft namenloser schöpfer, vom volk bestaunt und begehrt, das in ihm ein objekt fast übernatürlicher verheissung erkennt.“ auto, auto über alles. und dann protzt und blocht dieses volk ohne tempolimit und ohne ende – und wundert sich über den hitzesommer.
Freitag, 14. August 2026
MÜNCHEN: PUTSCH
„anleitung zur zerstörung einer demokratie“ lautet der nicht eben zuversichtlich stimmende untertitel des stücks von alistair beaton und dietmar jacobs im münchner metropol-theater, und der titel: „putsch“. nur knappe zwei stunden brauchen die autoren – und dann ist die demokratie dahin….. mit beissendem witz werden die mechanismen der macht und die zerbrechlichkeit sicher geglaubter strukturen brutal seziert. die inszenierung von hausherr jochen schölch setzt auf tempo und schärfe und macht aus der vorlage eine satirische show über den ernstfall, es geht schlag auf schlag: ein skandal, der keiner ist, aber gnadenlos hochgejazzt wird, dauerempörte wutbürger, social-media-hetze, spaltung, unruhe, chaos, wahlen, neuwahlen – und schon sind die an der macht, die da nicht hingehören. klara milkowski ist eine konservative stand-up-comedian und influencerin mit eigener tv-show („klaratext“); beängstigend unappetitlich spielt ina meling diese moralisch sehr elastische frau, deren lieblingsfeindbild muslime und transmenschen sind, und sie führt vor, wie diese klara immer mehr glaubt, ganz offiziell die stimme des volkes zu sein, und sich folgerichtig überzeugen lässt, als kanzlerkandidatin für die extreme partei uhd (unser haus deutschland) anzutreten. die geheimen, gemeinen, gefährlichen spiele im hintergrund orchestriert allerdings uhd-parteichef oskar falk, von michele cuciuffo grossartig gespielt als xxl-schleimer, charmant und zurückhaltend am anfang, dann immer hinterfotziger und radikaler, ein kotzbrocken als staatsmann („unruhe ist unser freund“, schmunzelt er genüsslich). der staat wird in windeseile umgebaut, wir sehen, was wir ahnen, die bitteren pointen jagen sich, man lacht viel in diesem stück, doch – uff – es ist einem nicht wohl dabei. in drei wochen finden die landtagswahlen in sachsen-anhalt statt, wo die afd gemäss neusten umfragen bei über 40 prozent liegt. dieses stück ist ein erschreckendes kondensat der laufenden und bevorstehenden ereignisse. und eine warnung.