die schönheit und das vergnügen und die zeit und die ernüchterung haben´s nicht immer einfach miteinander. georg friedrich händel liebte allegorien und arrangierte mit diesen vier symbolfiguren „il trionfo del tempo e del disinganno“ (1707), sein von weltlichen und geistlichen motiven durchsetztes oratorium, kurz: die bekehrung der schönheit zu den wahren werten. so eine bekehrung dauert natürlich, bei händel gut zweieinhalb stunden, für die bayerische theaterakademie schufen der musikalische leiter joachim tschiedel und regisseur wolfgang nägele jetzt ein ebenso kurzweiliges wie stimmiges konzentrat: „il trionfo – inventar eines lebens“. mit viel esprit und frische (motto: let´s händel it…..) stürzen sich vier absolventinnen des studiengangs operngesang in dieses spiel der verlockungen und konflikte und bewältigen die zum teil hochvirtuose gesangsakrobatik mit hingabe und bravour – ein famoses quartett. so wird die inszenierung zu einem klingenden archiv der erfahrungen und irrtümer des lebens. die bühne ist ein hochregallager, auf dem einerseits das ebenfalls brillante instrumentalensemble geparkt ist und anderseits die requisiten der lebensabschnitte, die dann zum spielmaterial der allegorischen figuren werden. mal packen sie sich eine puppe, mal drücken sie widerwillig eine schulbank, mal schieben sie ein ehebett ins zentrum und gegen ende einen rollstuhl. händels wohl berühmteste arie teilen sich die vier - ungewohnt, aber schlüssig - unter sich auf, versammelt ums totenbett, sehr berührend: „lascia la spina, cogli la rosa“ (lass den dorn, pflücke die rose). was bleibt von einem leben? was hat bedeutung? was gilt es zu bewahren? rocking the barock, funktioniert bestens, die grossen fragen sind die selben geblieben. wer der schönheit mit wahrheit begegnet, trifft auf die vergänglichkeit.
BRANDER LIVE .
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Samstag, 7. November 2026
Sonntag, 25. Oktober 2026
BERN: EWIGE SONNE
wie auf einem überdimensionierten schachbrett bewegen sich die sieben figuren in der vidmar-halle der bühnen bern. die 64 felder sind nicht schwarz-weiss, sondern alle blau, denn der himmel spielt in „ewige sonne“ eine hauptrolle. regisseur tilmann köhler und dramaturgin felicitas zürcher haben dafür zwei düstere romane von charles ferdinand ramuz destilliert: die beiden geschichten über menschen, die auf die apokalypse zurasen („sturz in die sonne“, 1922) und nach dem tod aus ihren gräbern steigen und in einem zwiespältigen paradies landen, ebenso makellos wie langweilig („dorf im himmel“, 1921). dieses drama der vergänglichkeit, und wie die gesellschaft und der einzelne damit umzugehen versuchen, spielt das starke ensemble nicht chronologisch, sondern zeigt es als grosses tableau zwischen textperformance und totentanz. mit viel energie und spiellust illustrieren die sieben (2w/4m/1d) das verhalten des menschen angesichts einer bevorstehenden katastrophe, ketten sich aneinander, lösen sich voneinander, verzweifeln kollektiv, verzweifeln individuell, sie tanzen sich frei, sie erinnern sich, sie heulen, sie singen, sie albern im himmel herum – ein puzzle aus wortkaskaden und beachtlichem körpereinsatz. der fast dreistündige abend wird so zu einer überbordenden étude über die suche nach dem glück. immer wieder fixieren die sieben auch menschen im publikum: ja, ihr seid mitgemeint. was bedeutet glück in einer übersatten gesellschaft? und was, wenn man dabei die nahende katastrophe übersieht oder verdrängt? „hier bei uns hat man nicht viel vorstellungskraft“, sagt einer bei ramuz. ist leider so. doch die inszenierung bietet tüchtig nachhilfe, faszinierend, ausufernd, chaotisch, rätselhaft, wie eine zeitgemässe umsetzung der surrealen visionen des hieronymus bosch. das grosse, das umfassende glück? eine illusion! ramuz‘ rat: versucht’s wenigstens mit dem kleinen.
Dienstag, 20. Oktober 2026
CAROUGE: LA MÉNAGERIE DE VERRE
leise, wie aus einer fernen welt, erklingen immer wieder opern und alte schlager vom kratzenden grammophon. es sind die schallplatten, die der vater zurückliess, als er von einem tag auf den anderen entschwand. erinnerungen….. „die glasmenagerie“ von tennessee williams ist, stark autobiografisch grundiert, ein spiel mit den erinnerungen einer verletzten, zerbrechlichen rest-familie. dieses packend geschriebene meisterwerk wählte jean liermier für seine letzte inszenierung nach 18 jahren als direktor des théâtre de carouge. die beengten verhältnisse der familie wingfield illustriert er ganz traditionell mit kleinbürgerlich dimensionierten räumen auf der drehbühne; zwischen küche, salon und schlafzimmer tigern mutter, tochter und sohn hin und her, drei unglückliche menschen, gefangen im neurosen-dschungel. mit atemloser energie zeigt das starke ensemble den permanenten überdruck dieser konstellation, die zerfleischenden dialoge, zu denen dieses sich-nicht-ausweichen-können führt. die sammlung zerbrechlicher glastierchen, zu der sich die längst erwachsene tochter flüchtet, steht hier nicht in ihrem zimmer, sondern senkt sich einmal glitzernd aus dem bühnenhimmel, ein magischer moment, symbolisch für all die unerfüllten träume. doch die glasmenagerie verschwindet wieder im dunkeln, genauso wie der schulkollege, den der sohn mit seiner schwester verkuppeln möchte, um sie aus ihrer phantasiewelt zu befreien. die vergangenheit lastet auf allen so schwer, dass sie den anschluss an die zukunft nicht schaffen: psychologischer realismus pur, das geht unter die haut. – das théâtre de carouge ist ein neubau aus hellem backstein, das foyer mit restaurant und der zuschauerraum gleichermassen einladend und elegant, die rund 500 plätze bei unserer vorstellung ausverkauft. eröffnet wurde es vor fünf jahren, im gleichen herbst wie die ebenfalls toll gelungene und nur ein paar kilometer entfernte comédie de genève. mit dem luzerner theater-desaster im hinterkopf kann man da nur neidisch werden.