Mittwoch, 10. Juni 2026

SACHSELN: FLUSS(AB)FLUSS

ein bett versinkt in den fluten. august 2005, es regnete und regnete, hänge begannen zu rutschen, bäche wurden zu reissenden flüssen, überall geröll und schlamm, engelbergeraa, melchaa und sarnersee traten über die ufer, überschwemmten das land und zerstörten dörfer: der schock im kanton obwalden war gross und er wirkt nach. „flut“ heisst die neue videoarbeit von judith albert, sie beginnt mit einem alten doppelbett, hübsch weiss angezogen, daneben zwei nachttischchen, auf beiden schön akkurat eine vase mit lila blumen, das ganze leicht unscharf, das bett gerät in bewegung, neigt sich leicht, eine sturzflut ergiesst sich über die weissen laken, das bild jetzt immer verzerrter, eine braune brühe, immer heftiger, alles wackelt, die naturgewalt erobert den privaten, intimen ort, aussen und innen verschwimmen und lösen sich auf, sieben apokalyptische minuten, ein albtraum. diese grossformatige und grossartige projektion ist teil der ausstellung „fluss(ab)fluss“ im museum bruder klaus in sachseln. die katastrophe 2005 und die inbetriebnahme des hochwasser-entlastungsstollens jetzt anfangs juni gaben den impuls dazu und zum 400seitigen prachtband „das unerwartete“, sowohl ausstellung wie buch sorgfältig kuratiert vom luzerner verleger und galeristen gianni paravicini. neben judith albert versammelt er zehn weitere künstlerinnen und künstler, was zu einem vieldimensionalen panorama über die kraft des wassers führt, nicht nur die bedrohliche, zerstörerische, auch die inspirierende, lebensspendende, poetische. überall strömt und sprudelt und tropft es – bei der installation „leak“ von jul dillier und arthur fussy auf alte pfannen, giesskannen, musikinstrumente in einem boot, es tropft geradezu melancholisch dem zerfall und der vergänglichkeit entgegen. was ist der mensch gegen die natur? was macht der mensch mit der natur? „entgleitet uns die welt“, fragt altmeister kurt sigrist auf einem seiner bilder, ohne fragezeichen. 

Mittwoch, 3. Juni 2026

MÜNCHEN: LAPIDARIUM

da schreibt sich einer dem tod entgegen: rainald goetz (*1954) ist ein krasser autor (bei der lesung zum ingeborg-bachmann-preis schlitzte er sich mit einer rasierklinge die stirn auf) und er schrieb jetzt fürs münchner residenztheater ein krasses stück übers sterben, übers erinnern, loslassen, kaputtgehen. „lapidarium“, so der titel, bezeichnet eine sammlung von steinskulpturen und genau so versammelt goetz konkrete figuren und rohe brocken aus seinem leben in diesem grandios wilden text. 250 namen tauchen auf, die einen flüchtig, die anderen prägend: sein literarischer ziehvater michael rutschky, der demente herr geiser aus max frischs „holozän“ mit seinen zetteln, hölderlin und kierkegard, albert camus und harry styles, dann die kreative energie der „münchner schule“, achternbusch, bierbichler, polt, kroetz. mit helmut dietl diskutiert goetz, fiktiv, ein filmprojekt, das mash-up der legendären münchner serien „kir royal“ und „monaco franze“, eine ode an die vergangenheit. ziemlich viel, das alles, tagebuch, drehbuch, selbstporträt, lyrik, requiem – ein eigentlich unspielbarer koloss, denkt man. regisseurin elsa-sophie jach beweist das gegenteil. mit einem sechsköpfigen top-ensemble und zwei basstuba-spielerinnen, die bayrisches kolorit und tristezza beisteuern, wirft sie sich unverkrampft auf den goetzschen kosmos und öffnet ihn für uns in einer vielstimmigen mischung aus philosophie, poesie und parodie. zwischen ein paar schilfstreifen vom starnbergersee und scheinwerfern aus einem filmstudio entwickeln sie ein atmosphärisch dichtes spiel, sentimental und abgründig, und laufen immer wieder zu grossen monologen auf: wenn steven scharf zu einer wutrede ausholt, wie einem als vater durch kinder das eigene leben abhanden kam, wenn vincent zur linden nackt und verletzlich im strömenden regen einen suizid durchzudenken versucht, wenn sibylle canonica reglos auf kohlestücken liegt und das leben nur noch ein staccato abgehackter phrasen hergibt. welcome to the final show! „man steht am see und jemand tippt einem von hinten auf die schulter. man ahnt, es ist der tod, aber man dreht sich noch nicht um.“

Sonntag, 31. Mai 2026

BERN: L'AGAMENNONE

die berner oper hat einen echten coup gelandet: der 79jährige italiener salvatore sciarrino gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen komponisten, die berner durften jetzt sein neustes werk zur uraufführung bringen und das gelingt ihnen auf höchstem niveau. «l’agamennone» ist eine anspruchsvolle, verstörende oper über die nicht endende spirale der gewalt. ein steg führt von ganz hinten auf der bühne nach ganz hinten im zuschauerraum, von troja nach argos. im orchestergraben wabern nebel, das grosse orchester ist für einmal prominent auf der bühne platziert. der sieger von troja kehrt nach zehn jahren zurück in die heimat, doch er ist ein gebrochener mann: der bariton timothy connor zeigt und singt agamemnon physisch und psychisch schwerst versehrt, mit armprothese und auf vierfusskrücken schleppt er sich über den langen steg, mit stottergesang antwortet er auf die eiskalte begrüssung seiner gattin klytaimnestra, die ihn kurz darauf umbringen wird, weil er ihre tochter iphigenie geopfert hat. alle sind täter, alle sind opfer. sciarrino komponierte düstere und hochdramatische melodien, der junge dirigent clément lonca lotet sie mit dem berner symphonieorchester und dem chor in allen dimensionen aus, klagende streicher, heulende bläser, dumpfe schläge, schreie, wimmern, alles scheint schwer zu atmen, es ist der soundtrack des grauens und der verzweiflung. iris van wijnen als klytaimnestra flirrt in ihren gesängen vor falschheit, patricia westley als seherin kassandra ist voll panischer ahnung dem wahn nahe. regisseur david hermann beschränkt sich auf schlichte bilder und bewegungen, so kann die musik ihre bedrückende wirkung voll entfalten. nach agamemnons tod wird das theater mit blutrotem licht geflutet, aus einem zwischenreich taucht der ermordete noch einmal auf, bedauert seine taten, hofft auf ein ende der gewalt. zu spät, sohn orest als schwarzer todesengel in motorradfahrer-vollmontur ist bereits unterwegs zum nächsten mord. wir müssen uns der tragödie, dem wahnsinn, dem schmerz stellen, schreibt sciarrino im vorwort zu seiner partitur, «nur so können wir hoffen, uns selbst zu retten.» diese oper ist ein mahnmal.