Mittwoch, 3. Juni 2026

MÜNCHEN: LAPIDARIUM

da schreibt sich einer dem tod entgegen: rainald goetz (*1954) ist ein krasser autor (bei der lesung zum ingeborg-bachmann-preis schlitzte er sich mit einer rasierklinge die stirn auf) und er schrieb jetzt fürs münchner residenztheater ein krasses stück übers sterben, übers erinnern, loslassen, kaputtgehen. „lapidarium“, so der titel, bezeichnet eine sammlung von steinskulpturen und genau so versammelt goetz konkrete figuren und rohe brocken aus seinem leben in diesem grandios wilden text. 250 namen tauchen auf, die einen flüchtig, die anderen prägend: sein literarischer ziehvater michael rutschky, der demente herr geiser aus max frischs „holozän“ mit seinen zetteln, hölderlin und kierkegard, albert camus und harry styles, dann die kreative energie der „münchner schule“, achternbusch, bierbichler, polt, kroetz. mit helmut dietl diskutiert goetz, fiktiv, ein filmprojekt, das mash-up der legendären münchner serien „kir royal“ und „monaco franze“, eine ode an die vergangenheit. ziemlich viel, das alles, tagebuch, drehbuch, selbstporträt, lyrik, requiem – ein eigentlich unspielbarer koloss, denkt man. regisseurin elsa-sophie jach beweist das gegenteil. mit einem sechsköpfigen top-ensemble und zwei basstuba-spielerinnen, die bayrisches kolorit und tristezza beisteuern, wirft sie sich unverkrampft auf den goetzschen kosmos und öffnet ihn für uns in einer vielstimmigen mischung aus philosophie, poesie und parodie. zwischen ein paar schilfstreifen vom starnbergersee und scheinwerfern aus einem filmstudio entwickeln sie ein atmosphärisch dichtes spiel, sentimental und abgründig, und laufen immer wieder zu grossen monologen auf: wenn steven scharf zu einer wutrede ausholt, wie einem als vater durch kinder das eigene leben abhanden kam, wenn vincent zur linden nackt und verletzlich im strömenden regen einen suizid durchzudenken versucht, wenn sibylle canonica reglos auf kohlestücken liegt und das leben nur noch ein staccato abgehackter phrasen hergibt. welcome to the final show! „man steht am see und jemand tippt einem von hinten auf die schulter. man ahnt, es ist der tod, aber man dreht sich noch nicht um.“

Sonntag, 31. Mai 2026

BERN: L'AGAMENNONE

die berner oper hat einen echten coup gelandet: der 79jährige italiener salvatore sciarrino gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen komponisten, die berner durften jetzt sein neustes werk zur uraufführung bringen und das gelingt ihnen auf höchstem niveau. «l’agamennone» ist eine anspruchsvolle, verstörende oper über die nicht endende spirale der gewalt. ein steg führt von ganz hinten auf der bühne nach ganz hinten im zuschauerraum, von troja nach argos. im orchestergraben wabern nebel, das grosse orchester ist für einmal prominent auf der bühne platziert. der sieger von troja kehrt nach zehn jahren zurück in die heimat, doch er ist ein gebrochener mann: der bariton timothy connor zeigt und singt agamemnon physisch und psychisch schwerst versehrt, mit armprothese und auf vierfusskrücken schleppt er sich über den langen steg, mit stottergesang antwortet er auf die eiskalte begrüssung seiner gattin klytaimnestra, die ihn kurz darauf umbringen wird, weil er ihre tochter iphigenie geopfert hat. alle sind täter, alle sind opfer. sciarrino komponierte düstere und hochdramatische melodien, der junge dirigent clément lonca lotet sie mit dem berner symphonieorchester und dem chor in allen dimensionen aus, klagende streicher, heulende bläser, dumpfe schläge, schreie, wimmern, alles scheint schwer zu atmen, es ist der soundtrack des grauens und der verzweiflung. iris van wijnen als klytaimnestra flirrt in ihren gesängen vor falschheit, patricia westley als seherin kassandra ist voll panischer ahnung dem wahn nahe. regisseur david hermann beschränkt sich auf schlichte bilder und bewegungen, so kann die musik ihre bedrückende wirkung voll entfalten. nach agamemnons tod wird das theater mit blutrotem licht geflutet, aus einem zwischenreich taucht der ermordete noch einmal auf, bedauert seine taten, hofft auf ein ende der gewalt. zu spät, sohn orest als schwarzer todesengel in motorradfahrer-vollmontur ist bereits unterwegs zum nächsten mord. wir müssen uns der tragödie, dem wahnsinn, dem schmerz stellen, schreibt sciarrino im vorwort zu seiner partitur, «nur so können wir hoffen, uns selbst zu retten.» diese oper ist ein mahnmal.

Freitag, 29. Mai 2026

LUZERN: ATEMBERAUBEND! DIESE WELT!

mister verkehrshaus nannten ihn alle, denn das erfolgreichste museum der schweiz war sein lebenswerk. quasi im alleingang, ohne führungserfahrung und ohne projekterfahrung startete der ehemalige sbb-beamte alfred waldis im sumpf beim luzerner lido diese erfolgsgeschichte, 1959 wurde das verkehrshaus eröffnet, 20 jahre lang war waldis dessen direktor, danach präsident und ehrenpräsident. ein aussergewöhnlicher mann, eine aussergewöhnliche leistung. der luzerner dokumentarfilmer beat bieri setzt waldis mit „atemberaubend! diese welt!“ jetzt ein filmisches denkmal. mit überbordendem archivmaterial, gesprächen mit waldis‘ söhnen, nachfolgenden verkehrshaus-direktoren und anderen zeitzeugen entsteht ein umfassendes bild, das als anforderungsprofil für einen erfolgreichen macher herhalten kann: eine grenzenlose leidenschaft für die sache, unermüdlicher innovationsgeist, hartnäckigkeit – und die lust und die energie, unmögliches möglich zu machen. waldis holte bundesräte ins boot, lud die apollo-astronauten ein, liess eine swissair-coronado von alpnachstad über den see zum verkehrshaus transportieren, baute das erste planetarium der schweiz, eine attraktion nach der anderen, ja, atemberaubend. von a bis z alles nur toll? nein. waldis konnte schlecht delegieren, er reagierte auf die negativen seiten der technik-euphorie erst mit verzögerung, er konnte nach seinem abgang nicht loslassen und am allermeisten litt seine familie. er lebte fürs verkehrshaus, war praktisch nie zuhause, obwohl die familie durch eine jahrzehntelange, schwere krankheit seiner frau sehr gefordert war. dass er alles seinem beruf, seiner berufung geopfert hatte – das zeigt der film anhand eines mehrseitigen briefes aus dem nachlass sehr eindrücklich –, trieb ihn in existenzielle nöte und lag wie ein grosser schatten über seinen letzten jahren. pioniergeist hat risiken und nebenwirkungen, der film von beat bieri weicht ihnen nicht aus.