Freitag, 19. Juni 2026

GENÈVE: 200 MOTELS

zum grossen finale humpelt trump über die bühne, mit einem mini-pimmel (der ja die ursache allen übels sein dürfte), dazu singt der chor „penis dimension“ und schenkt ihm einen richtig grossen, hui wie er sich freut – und dann wird trump in einer bio-tonne entsorgt. ok, das ist politisch eher unkorrekt, doch politisch korrekt wollte auch frank zappa, die amerikanische rock-ikone, zuallerletzt sein. in einer rauschhaft-überbordenden inszenierung von daniel kramer zeigt das grand théâtre de genève jetzt zappas „200 motels“ von 1970/71, das musikalisch-theatralische tagebuch einer tournee („touring can make you crazy“, heisst eine nummer). seine band „the mothers of invention“ zieht von stadt zu stadt, von exzess zu exzess, von delirium zu delirium. diese band hat die genfer oper mit robin adams, peter hoare, edward hogg und ziad nehme fulminant besetzt, ein auf höchstem niveau durchgeknalltes quartett. grandios arbeiten sich die vier durch das chaotische labyrinth von geschichten und figuren, grandios bewältigen sie die enorme musikalische palette, balladeskes und brutales, hard und soft rock, zeitgenössische oper, beatles-parodie. diesen soundtrack des wahnsinns mixt der wohl vielseitigste schweizer dirigent titus engel mit dem orchestre de la suisse romande, dem impro-trio steamboat switzerland und acht (!!) perkussionisten, ja, ohrstöpsel werden reichlich verteilt. dazu kommt eine prächtige orgie absurd-schräger kostüme (shalva nikvashvili) und wildester video-kreationen (sophie lux). nichts, wirklich gar nichts wird in diesem update von „200 motels“ ausgelassen: miss piggy und jesus, ketchup und sperma, ein blutiges ku-klux-klan-ballett und ein perverser wrestling-kampf. frank zappa erlebte auf seinen tourneen the dark side of america und wollte seinem land den spiegel vorhalten. diese abrechnung packt sich die genfer oper jetzt im richtigen moment, zeigt uns die usa als toxisches konzentrat und liefert den ultimativen beweis: mit diesem land ist einiges schief gelaufen.

nebenbei: das ist der 1000. text in diesem blog. und ein weilchen geht’s noch weiter.

Freitag, 12. Juni 2026

LUGANO: PINA BAUSCH LEBT

pina bausch lebt wieder. pina bausch lebt weiter. dass sich wildfremde menschen nach einer vorstellung anstrahlen, alle tief berührt und beglückt, das erlebt, auch wer oft ins theater geht, doch eher selten. „kontakthof“ heisst die legendäre choreografie, die pina bausch 1978 mit ihrem wuppertaler ensemble einstudierte: zu sentimental-schrägen tangoschlagern entwickelte sie in einem fin-de-siècle-ballsaal eine abgründige reflexion über beschwingtes und beschwerliches anbandeln, über das auf und ab von paarbeziehungen, über geschlechterhierachie. 2009 starb pina bausch viel zu früh. die australierin meryl tankard, die 1978 mittanzte, reanimierte das hinreissende stück vor eineinhalb jahren, mit sieben weiteren mitgliedern der originalbesetzung, alle jetzt menschen mit falten, die jüngste 70, der älteste 79. das ganze heisst nun „kontakthof – echoes of ‘78“ und gastierte diese woche beim lugano dance project. riesig flimmert die originalchoreografie als schwarz-weiss-projektion über die wände des ballsaals, dazu tanzen die acht attraktiven betagten teilweise synchron ihre schritte und bewegungen von damals, jugend und alter überlagern sich spielerisch. der hüftschwung gelingt den drei männern nicht mehr so subtil wie einst, die peinlichen tanzschul-annäherungen wirken noch etwas steifer, beim boogie geraten sie ausser atem – und alles wird immer wieder ironisch gebrochen. liebling, wie die zeit vergeht….. diese performance ist eine grandiose lektion, wie man trotz einschränkungen mit eleganz, stil und freude alt werden kann. am berührendsten sind die sequenzen, wo sich zwei im schwarz-weissen original aneinander schmiegen, liebevoll die hand auf die schulter des anderen legen, und wo der eine nach fünf jahrzehnten jetzt fehlt, nicht mehr dabei ist oder tot: dann tanzen sie allein weiter, verträumt, schmiegen sich ans nichts, legen die hand liebevoll auf nichts, umarmen die erinnerung. abschied, einsamkeit, versäumtes glück? zum heulen schön, überall im publikum tränen der rührung, eine sternstunde.

Mittwoch, 10. Juni 2026

SACHSELN: FLUSS(AB)FLUSS

ein bett versinkt in den fluten. august 2005, es regnete und regnete, hänge begannen zu rutschen, bäche wurden zu reissenden flüssen, überall geröll und schlamm, engelbergeraa, melchaa und sarnersee traten über die ufer, überschwemmten das land und zerstörten dörfer: der schock im kanton obwalden war gross und er wirkt nach. „flut“ heisst die neue videoarbeit von judith albert, sie beginnt mit einem alten doppelbett, hübsch weiss angezogen, daneben zwei nachttischchen, auf beiden schön akkurat eine vase mit lila blumen, das ganze leicht unscharf, das bett gerät in bewegung, neigt sich leicht, eine sturzflut ergiesst sich über die weissen laken, das bild jetzt immer verzerrter, eine braune brühe, immer heftiger, alles wackelt, die naturgewalt erobert den privaten, intimen ort, aussen und innen verschwimmen und lösen sich auf, sieben apokalyptische minuten, ein albtraum. diese grossformatige und grossartige projektion ist teil der ausstellung „fluss(ab)fluss“ im museum bruder klaus in sachseln. die katastrophe 2005 und die inbetriebnahme des hochwasser-entlastungsstollens jetzt anfangs juni gaben den impuls dazu und zum 400seitigen prachtband „das unerwartete“, sowohl ausstellung wie buch sorgfältig kuratiert vom luzerner verleger und galeristen gianni paravicini. neben judith albert versammelt er zehn weitere künstlerinnen und künstler, was zu einem vieldimensionalen panorama über die kraft des wassers führt, nicht nur die bedrohliche, zerstörerische, auch die inspirierende, lebensspendende, poetische. überall strömt und sprudelt und tropft es – bei der installation „leak“ von jul dillier und arthur fussy auf alte pfannen, giesskannen, musikinstrumente in einem boot, es tropft geradezu melancholisch dem zerfall und der vergänglichkeit entgegen. was ist der mensch gegen die natur? was macht der mensch mit der natur? „entgleitet uns die welt“, fragt altmeister kurt sigrist auf einem seiner bilder, ohne fragezeichen. 

Mittwoch, 3. Juni 2026

MÜNCHEN: LAPIDARIUM

da schreibt sich einer dem tod entgegen: rainald goetz (*1954) ist ein krasser autor (bei der lesung zum ingeborg-bachmann-preis schlitzte er sich mit einer rasierklinge die stirn auf) und er schrieb jetzt fürs münchner residenztheater ein krasses stück übers sterben, übers erinnern, loslassen, kaputtgehen. „lapidarium“, so der titel, bezeichnet eine sammlung von steinskulpturen und genau so versammelt goetz konkrete figuren und rohe brocken aus seinem leben in diesem grandios wilden text. 250 namen tauchen auf, die einen flüchtig, die anderen prägend: sein literarischer ziehvater michael rutschky, der demente herr geiser aus max frischs „holozän“ mit seinen zetteln, hölderlin und kierkegard, albert camus und harry styles, dann die kreative energie der „münchner schule“, achternbusch, bierbichler, polt, kroetz. mit helmut dietl diskutiert goetz, fiktiv, ein filmprojekt, das mash-up der legendären münchner serien „kir royal“ und „monaco franze“, eine ode an die vergangenheit. ziemlich viel, das alles, tagebuch, drehbuch, selbstporträt, lyrik, requiem – ein eigentlich unspielbarer koloss, denkt man. regisseurin elsa-sophie jach beweist das gegenteil. mit einem sechsköpfigen top-ensemble und zwei basstuba-spielerinnen, die bayrisches kolorit und tristezza beisteuern, wirft sie sich unverkrampft auf den goetzschen kosmos und öffnet ihn für uns in einer vielstimmigen mischung aus philosophie, poesie und parodie. zwischen ein paar schilfstreifen vom starnbergersee und scheinwerfern aus einem filmstudio entwickeln sie ein atmosphärisch dichtes spiel, sentimental und abgründig, und laufen immer wieder zu grossen monologen auf: wenn steven scharf zu einer wutrede ausholt, wie einem als vater durch kinder das eigene leben abhanden kam, wenn vincent zur linden nackt und verletzlich im strömenden regen einen suizid durchzudenken versucht, wenn sibylle canonica reglos auf kohlestücken liegt und das leben nur noch ein staccato abgehackter phrasen hergibt. welcome to the final show! „man steht am see und jemand tippt einem von hinten auf die schulter. man ahnt, es ist der tod, aber man dreht sich noch nicht um.“