Sonntag, 25. Oktober 2026

BERN: EWIGE SONNE

wie auf einem überdimensionierten schachbrett bewegen sich die sieben figuren in der vidmar-halle der bühnen bern. die 64 felder sind nicht schwarz-weiss, sondern alle blau, denn der himmel spielt in „ewige sonne“ eine hauptrolle. regisseur tilmann köhler und dramaturgin felicitas zürcher haben dafür zwei düstere romane von charles ferdinand ramuz destilliert: die beiden geschichten über menschen, die auf die apokalypse zurasen („sturz in die sonne“, 1922) und nach dem tod aus ihren gräbern steigen und in einem zwiespältigen paradies landen, ebenso makellos wie langweilig („dorf im himmel“, 1921). dieses drama der vergänglichkeit, und wie die gesellschaft und der einzelne damit umzugehen versuchen, spielt das starke ensemble nicht chronologisch, sondern zeigt es als grosses tableau zwischen textperformance und totentanz. mit viel energie und spiellust illustrieren die sieben (2w/4m/1d) das verhalten des menschen angesichts einer bevorstehenden katastrophe, ketten sich aneinander, lösen sich voneinander, verzweifeln kollektiv, verzweifeln individuell, sie tanzen sich frei, sie erinnern sich, sie heulen, sie singen, sie albern im himmel herum – ein puzzle aus wortkaskaden und beachtlichem körpereinsatz. der fast dreistündige abend wird so zu einer überbordenden étude über die suche nach dem glück. immer wieder fixieren die sieben auch menschen im publikum: ja, ihr seid mitgemeint. was bedeutet glück in einer übersatten gesellschaft? und was, wenn man dabei die nahende katastrophe übersieht oder verdrängt? „hier bei uns hat man nicht viel vorstellungskraft“, sagt einer bei ramuz. ist leider so. doch die inszenierung bietet tüchtig nachhilfe, faszinierend, ausufernd, chaotisch, rätselhaft, wie eine zeitgemässe umsetzung der surrealen visionen des hieronymus bosch. das grosse, das umfassende glück? eine illusion! ramuz‘ rat: versucht’s wenigstens mit dem kleinen.

Dienstag, 20. Oktober 2026

CAROUGE: LA MÉNAGERIE DE VERRE

leise, wie aus einer fernen welt, erklingen immer wieder opern und alte schlager vom kratzenden grammophon. es sind die schallplatten, die der vater zurückliess, als er von einem tag auf den anderen entschwand. erinnerungen….. „die glasmenagerie“ von tennessee williams ist, stark autobiografisch grundiert, ein spiel mit den erinnerungen einer verletzten, zerbrechlichen rest-familie. dieses packend geschriebene meisterwerk wählte jean liermier für seine letzte inszenierung nach 18 jahren als direktor des théâtre de carouge. die beengten verhältnisse der familie wingfield illustriert er ganz traditionell mit kleinbürgerlich dimensionierten räumen auf der drehbühne; zwischen küche, salon und schlafzimmer tigern mutter, tochter und sohn hin und her, drei unglückliche menschen, gefangen im neurosen-dschungel. mit atemloser energie zeigt das starke ensemble den permanenten überdruck dieser konstellation, die zerfleischenden dialoge, zu denen dieses sich-nicht-ausweichen-können führt. die sammlung zerbrechlicher glastierchen, zu der sich die längst erwachsene tochter flüchtet, steht hier nicht in ihrem zimmer, sondern senkt sich einmal glitzernd aus dem bühnenhimmel, ein magischer moment, symbolisch für all die unerfüllten träume. doch die glasmenagerie verschwindet wieder im dunkeln, genauso wie der schulkollege, den der sohn mit seiner schwester verkuppeln möchte, um sie aus ihrer phantasiewelt zu befreien. die vergangenheit lastet auf allen so schwer, dass sie den anschluss an die zukunft nicht schaffen: psychologischer realismus pur, das geht unter die haut. – das théâtre de carouge ist ein neubau aus hellem backstein, das foyer mit restaurant und der zuschauerraum gleichermassen einladend und elegant, die rund 500 plätze bei unserer vorstellung ausverkauft. eröffnet wurde es vor fünf jahren, im gleichen herbst wie die ebenfalls toll gelungene und nur ein paar kilometer entfernte comédie de genève. mit dem luzerner theater-desaster im hinterkopf kann man da nur neidisch werden. 

Samstag, 17. Oktober 2026

ENTLEBUCH: DER VOGELHÄNDLER

adam, der vogelhändler aus tirol, ist im richtigen leben verlagsfachmann, seine briefchristel arbeitet als logopädin, die kurfürstin marie als primarlehrerin, graf stanislaus als kunsttherapeut. jede und jeder im tal kennt bei der operette im hotel port in entlebuch jemanden auf der bühne, den vater der schwiegertochter, die firmgotte, die coiffeuse von nebenan. es sind lauter laien, die die bald 200jährige operetten-tradition hochhalten, das ist das höchst beachtliche charakteristikum hier, lauter laien und lauter musikalisches eigengewächs, sie kommen aus entlebuch, schüpfheim, hasle oder angrenzenden ländereien und überzeugen zunächst einmal mit brillanten stimmen, die keinen vergleich zu scheuen brauchen. chapeau! und auch die junge generation arbeitet sich stilsicher in die hauptrollen vor. „der vogelhändler“ ist für dieses operettenselige völklein natürlich eine steilvorlage. unter der leitung von regisseurin claudia fischer und dirigentin katja lassauer stürzen sie sich mit offensichtlicher lust auf den kontrast zwischen der bäuerlich-derben welt der tiroler und dem elegant-höfischen gehabe in der kurpfalz und all die verwirrungen und verwechslungen, bevor sich die christel und der adam dann endlich doch noch kriegen, sie jagen wildschweine und jungfrauen, sie schwofen und schwelgen mit herzblut durch polkas und walzer: „schenkt man sich rosen in tirol“, „wie mei‘ ahnerl zwanzig war“, „kämpfe nie mit frau’n“, diese ohrwürmer haben es in sich….. und carl zeller verstand sich ausgesprochen gut darauf, feinen humor und spott in seine melodien hineinzukomponieren. kurzum: „der vogelhändler“ ist eine pikant gewürzte heimatoperette, die mit viel charme menschliche schwächen entlarvt. für den vater der schwiegertochter und die rund 180 weiteren mitwirkenden auf und hinter der bühne und im orchestergraben gibt’s tosenden und wohlverdienten applaus. der beweis ist einmal mehr erbracht: das entlebuch hat die operette in den genen.

Freitag, 9. Oktober 2026

MURNAU: JUGO

der vater heisst matuško, der sohn heisst matusko, der hatschek auf dem s ist im verlauf der familienbiografie verlorengegangen, einfach weggeflogen, nein, nicht einfach so….. mit seinem roman „jugo“ (im suhrkamp-verlag) gelingt ilija matusko das kunststück, die schwierige beziehung zu seinem vater ausgesprochen sorgfältig, ja liebevoll zu beschreiben. der vater kam 1974 aus dem sozialistischen jugoslawien nach oberbayern, grafrath, grainau, murnau – sprachlosigkeit und einsamkeit am rand der alpen. hier wuchs der sohn auf. in murnau fand auch seine allererste lesung statt. seine heimat! der vater führte als koch gasthäuser, sieben tage die woche, „durchgehend warme küche“, weder zeit noch energie für die kinder, kaum gespräche, und wenn: „wenn ich anderer meinung bin, sagst du immer, ich würde es nicht verstehen.“ den ganzen roman schreibt ilija matusko in du-form, holt den vater so näher zu sich: du warst, du konntest, du hast, du wolltest….. nach jahrzehnten, er ist da schon geschieden, packt der vater überraschend seine sporttasche und fährt zurück nach plat bei dubrovnik. seine heimat! jetzt sieht ihn der sohn nur noch einmal im jahr, ein paar wochen im sommer, es ist kompliziert, doch die beiden beginnen zu reden, führen längst fällige gespräche, fahren an orte, die dem vater wichtig sind, streiten und raufen sich wieder zusammen. ein alter mann, der wenig worte macht, und ein junger mann, der worte liebt und von ihnen lebt. einmal fahren sie gemeinsam zurück nach bayern, elf stunden: „auf der autobahn, zwischen den orten, im unterwegssein, spüre ich, dass wir gerade hier, in der bewegung, im dazwischen, im nicht-hier, am ehesten zuhause sind.“ die beiden haben zwei verschiedene heimaten, sie sprechen zwei verschiedene sprachen und doch sind und bleiben sie trotz und mit dieser distanz vater und sohn. „jugo“ ist eine neuerscheinung, die es verdient, im trubel dieses bücherherbstes, neben dem literaturnobelpreis für anne carson und dem deutschen buchpreis für shida bazyar, nicht einfach unterzugehen. „jugo“ ist ein brillantes, kleines fundstück.