Freitag, 24. April 2026

LUZERN: MIND THE GAP

zukunftsimaginationskompetenz - 11 vokale, 18 konsonanten, grossartiges wort, entdeckt im coolen wirtschaftsmagazin „brand eins“ (04/26). dieses buchstabenmonster gehört ab sofort ins repertoire. in der zukunftsimaginationskompetenz sieht stephan a. jansen, professor für management und innovation in karlsruhe, die zentrale fähigkeit in diesen konfusen zeiten. was das konkret bedeutet, ist derzeit im luzerner theaterpavillon zu besichtigen bei „mind the gap“. 23 junge frauen beschäftigen sich im rahmen des theaterlabors der pädagogischen hochschule mit dem gender gap. unter der regie von ursula ulrich haben sie haufenweise fakten zusammengetragen, was alles schief läuft zwischen den geschlechtern, dass zum beispiel nur 28,8 prozent der frauen eine führungsposition erreichen, obwohl sie die männer in der hochschulbildung übertreffen, dass die altersrente der frauen in der schweiz 31,2 prozent geringer ist als die der männer, dass es laut dem global gender gap report noch 123 jahre dauert, bis menschen weltweit unabhängig von ihrem geschlecht gleichgestellt sein werden. tönt nach wikipedia, wird aber zu einer höchst kurzweiligen show mit viel drive und fetziger musik. „ech mach jetz mis ding“ lautet das motto, loslegen, die zukunft ausprobieren, die 123 gap-jahre verkürzen. in wilden, temporeichen assoziationen reflektieren sie alte muster und rollenbilder, suchen kämpferische vorbilder aus der vergangenheit und erfinden ein spiel, das sie zu neuen sichtweisen und haltungen bringt, „frech, unbequem, ungehorsam“ wollen sie ihre ziele verfolgen. einmal stampft die ganze bande mit stöcken, das kollektiv als kraftwerk, empowerment, der protest wird zum kampf. da steckt unheimlich viel junge energie drin, die hoffen lässt. die 23 frauen machen es vor: wer die letzten tage der menschheit nicht noch selber miterleben will, sollte an seiner zukunftsimaginationskompetenz arbeiten. und sinnvollerweise auch – noch so ein zauberhaftes wort – an seiner ambiguitätstoleranz.

Donnerstag, 23. April 2026

SCUOL: MIT TRÄUMEN

1904 wurde am piz pisoc hoch über tarasp im unterengadin die letzte bärin auf schweizer gebiet erlegt – und dann im grand hotel unten am inn als festmahl verspeist. das badehaus gleich nebenan hat die fundaziun nairs scuol 1988 zu einem kunstlabor umfunktioniert und die künstlerinnen und künstler, die hier jeweils für längere zeit residieren, berichten immer wieder, dass sie an diesem ort – der fluss! die berge! – besonders viel und wild träumen. und es verwundert kaum, dass oft tiere durch diese nächtlichen phantasien streifen, bären, ziegen, spinnen. diese erfahrungen greift die fundaziun nairs jetzt auf in der ausstellung „mit träumen“. angelika annen, benjamin egger, june fischer, stefanie salzmann, sophie schmidt und vital z’brun gewähren einblicke in ihre traumwelten: einer mikrowelle wachsen haare, einem in der limmat treibenden legt sich ein biber auf die brust, eine qualle fliegt am himmel, ein delphin sitzt allein in einem kino und betrachtet auf der leinwand ein steckenpferd, ein mann hat dutzende von zigaretten gleichzeitig im mund, schwarzkrustige hunde lachen über die menschheit, die sie überlebt haben. „träume ich? spielt es eine rolle, ob ich wach bin oder träume?“ fragt angelika annen in einem auf den boden projizierten video. oder ist es ein fisch, der das fragt? auch tiere träumen, auch tiere haben ein bewusstsein, warum also nicht die festgefahrene hierarchie zwischen mensch und tier überdenken? „mit träumen“ ist eine verspielte einladung, das destabilisierende und das transformierende potenzial von träumen in und auf uns wirken zu lassen. träume kann man deuten, das muss nicht sein, man kann sie auch als inspirationsquelle sehen: die nacht als lieferantin ganz neuer perspektiven für den alltag.  

Mittwoch, 22. April 2026

LUZERN: VISION THEATERWERKPLATZ

„wie kann der neustart am theaterplatz gelingen?“ gute frage. der theaterclub luzern suchte im rahmen eines mehrteiligen podiums antworten darauf. nun, es gibt eine gute und eine schlechte nachricht zu vermelden. beginnen wir mit der schlechten: hinter den kulissen wird zwar eifrig gearbeitet an der „vision theaterwerkplatz luzern“, in einem jahr sollen die ergebnisse vorliegen, doch da ist immer noch dieser elefant im raum, diese unangenehme wahrheit, die niemand anzusprechen wagt, dass nämlich das alte theater das grösste hindernis ist auf dem weg zu einem neuen. sowohl die bevölkerung wie die politik wollen am heutigen standort im zentrum der stadt an der reuss festhalten. das ist erfreulich. nur müsste endlich jemand hinstehen und den menschen erklären, dass es ein tolles neues theater an diesem tollen ort nicht geben kann, wenn das alte einbezogen werden muss, denn dafür ist schlicht zu wenig platz. es gibt städte, die neue theater bauten, und es gibt städte, die alte theater für neue bedürfnisse umbauten. ich kenne aber keine stadt, die einen altbau und einen neubau auf engem raum gelungen kombinierten. beim kkl war luzern mutig, der alte meili-bau wurde zugunsten eines grossen wurfs abgerissen, dieser mut fehlt jetzt total. und nun die gute nachricht: auch wenn die lage in luzern verzwickt ist, theater ist keine aussterbende kunstform, theater wird`s auch künftig geben, da waren sich alle einig. jacqueline holzer, die direktorin der abteilung design film kunst der hochschule luzern, formulierte es ganz unmissverständlich: „theater ist die absolute zukunftskunst – als gegenpol zur digitalen welt.“ je grösser die reizüberflutung, je grösser die ki-verunsicherung, desto mehr wachse das bedürfnis vieler menschen nach analogen erfahrungsmomenten. begegnung und austausch im zentrum der stadt, das wollen auch die neuen co-leiterinnen des luzerner theaters, katja langenbach (bisher schauspielchefin) und wanda puvogel (bisher tanzchefin), mit ihren programmen bieten, „das theater von den menschen her definieren“. theater ist live-kunst und live-momente haben zukunft. auch in luzern?

Dienstag, 21. April 2026

MÜNCHEN: TIDE

einatmen, ausatmen, gaaaaanz langsam, ganz bewusst, ganz synchron: flach liegen die elf tänzerinnen und tänzer auf den sechs flachen bühnenelementen, die sich später wie tektonische platten aneinander reiben, auf und ab. das synchrone atmen bringt die elf in den flow, in die energie, mit der sie sich dann eine stunde lang aufs lustvollste und total verausgaben. „tide“ heisst das stück im münchner volkstheater, eine kraftvolle tänzerische meditation über zeit und gezeiten, über das auf und ab, das ein und aus in der natur, in der zivilisation und in uns selber („there are tides in the body“, wird virginia woolf im programmheft zitiert). zu einem sound, der von tropfen, wellen und stürmen inspiriert ist, haben sophie haydee colindres zühlke, serhat saïd perhat und der auf groundmovement spezialisierte lukas robitschko mit der ebenso grossartigen wie diversen truppe assoziative bilder und stimmungen entwickelt, dynamische powermoves, die auf den beweglichen tanzflächen zu bewegten skulpturen werden, oft von schwindelerregender akrobatik, oft von umwerfender schönheit, immer rasant, immer packend. dem raumgreifend rhythmischen, dieser schier unerschöpflichen energie auf der bühne kann und will man sich nicht entziehen. und das magische von „tide“ besteht nicht zuletzt darin, dass alle im publikum etwas anderes wahrnehmen, etwas anderes dazu denken: die kraft der ozeane? die kraft der jugend? die zukunft? gravitationskräfte? strömungen? welche strömungen? energieraubende? energiestiftende? unsichtbare? tanz kann sehr, sehr anregend sein – und hochpolitisch.

Samstag, 18. April 2026

MÜNCHEN: CABARET

berlin in den 1930ern, eine stadt im fieber, es geht drunter und drüber, in den bars und in den betten, intellektuell und sexuell – eine steilvorlage für ein musical und, na klar, „cabaret“ wurde ein welterfolg. das münchner residenztheater ist eine schauspiel- und keine musicalbühne und claus guth ist ein opern- und kein musicalregisseur, doch man tat sich zusammen und wagte „cabaret“ reloaded. guth verdoppelt den amerikanischen schriftsteller clifford bradshow, der sich als junger (thomas hauser) neugierig auf das pulsierende grossstadtleben stürzt – und jetzt als älterer herr (michael goldberg) diesen grossen zeiten nachhängt, die ganze inszenierung als sentimental journey: die heissen mädels und jungs tanzen jetzt nicht mehr in den verrauchten clubs, sondern in bradshows kopf, in seinem einsamen hotelzimmer, auf seinem bett, in den schränken, kreuz und quer, kreuz und queer….. trotz einem genialen conférencier (vincent glander, in jeder szene in neuer knackig-kecker kostümierung) und einem sehr spielfreudigen, jazz-und-ragtime-versierten orchesterchen will die inszenierung zu beginn nicht recht fahrt aufnehmen, nicht zuletzt weil vassilissa reznikoff ihre grosse rolle als chansondiva sally bowles (remember liza minelli) arg tussihaft anlegt. claus guth kann mehr und das beweist er dann vor allem im zweiten teil des abends, als sich der schatten der nazis über das leichte leben legt und zivilcourage gefragt wäre, die sich aber zunehmend verflüchtigt. der frivole conférencier wird blutig geprügelt und den grossen hit „money makes the world go around“ verwandelt die regie mit dem ganzen ensemble in eine veritable geisterstunde: in einer vergifteten, gespenstischen atmosphäre fressen alle das geld in sich hinein, bis zur übelkeit, bis zum erbrechen. „life is a cabaret“, eine flucht vor der realität und nicht immer mit happy-end.

Freitag, 17. April 2026

MÜNCHEN: ABSCHIED

„kennen sie das?“ immer wieder fixiert der schauspieler moritz treuenfels jemanden im publikum, zwinkert ihr oder ihm zu: „das kennen sie doch auch, oder?“ die euphorie des abschieds, ja, das kennt man, die grossen gefühle beim adieu, beim weggehen, beim loslassen. „abschied“ heisst der wunderbar zartbittere roman, den der grosse historiker und publizist sebastian haffner 1932 als junger mann schrieb und der erst 2025 publiziert wurde, nachdem ihn haffners sohn im nachlass entdeckt hatte. moritz treuenfels spielt raimund pretzel, den ich-erzähler, haffners alter ego, den 24jährigen, der nach paris fährt, um seine grosse liebe teddy zu treffen und dann nur noch wenig zeit hat bis zur rückkehr nach berlin („um 22 uhr geht mein zug“). diese paar stunden, das schwelgen in erinnerungen, das vibrierende und inspirierende dieser weltstadt, die neckereien und streitereien der beiden und dann das wissen, dass sie als jüdin nie wieder nach deutschland zurückkehren wird, dass man sich also zum allerletzten mal sieht, das alles spielt treuenfels in der inszenierung von matthias rippert ganz allein und ganz fabelhaft, ein grosses solo auf der grossen bühne des residenztheaters. subtil trifft er den ton, die stimmung des romans, dieses mäandern zwischen hoffnung und realität, zwischen glück und tränen („gott, wie ich sie liebte…..“). lang dauert es, bis er auch noch in die tasten des flügels greift, an dem er sitzt, doch dann holt er aus zu einer stürmischen improvisation, verwandelt diesen abschied auch noch in musik, das ende einer liebe, das ende einer epoche, den wechsel aller emotionen von dur zu moll. einmal nimmt er seine hand und führt sie, als wäre es ihre, liebevoll über sein gesicht, eine verspielte geste, ein intensiver moment, einer von vielen. am schluss tosender applaus. da setzt sich treuenfels noch einmal an den flügel (zugabe! wann gab´s das zuletzt bei einem schauspiel?) und singt „la bohème“, das chanson über den abschied vom unbeschwerten pariser künstlerleben, er singt es noch inniger als einst charles aznavour. sagt meine frau. und sie hat recht.