man sieht wellen, die im nächtlichen licht schimmern, man hört ihr sanftes rauschen. und dann plötzlich: platsch! da ist jemand ins wasser gestürzt, man sieht nicht wo, man sieht nicht wer. nacht, nebel, ungewissheit – so beginnt „der blinde passagier“ am münchner volkstheater. die wiener jüdin maria lazar (1895-1948) schrieb dieses stück über eine flucht 1938, es steht für das schicksal tausender, geriet zu unrecht in vergessenheit und wurde vor einigen jahren wiederentdeckt. die atmosphärische dichte des anfangs vermag die inszenierung von adrian figueroa bis zum schluss zu halten, auch dank einer imposanten kulisse: irina schicketanz hat ihm einen in die jahre gekommenen dänischen küstenfrachter gebaut, und je nachdem wie sich die grosse drehbühne dreht (und sie dreht sich zu oft), blickt man in die kajüte, in die kombüse, in den frachtraum. die enge auf diesem schiff wirkt immer bedrückender, zwischen physischer nähe und psychischem stress verschärft sich das drama. welches drama? carl, der sohn des kapitäns, hat den ertrinkenden, einen jüdischen arzt auf der flucht aus deutschland, gerettet und auf dem schiff versteckt. der junge, von cedric stern mit erfrischender vehemenz gespielt, sieht eine moralische pflicht, diesem mann zu helfen. carls vater, seine schwester und ihr bräutigam realisieren erst nach und nach und jeder anders, dass sie einen blinden passagier an bord haben, das hervorragende ensemble führt das ganze spektrum möglicher reaktionen vor: aggressiv, solidarisch, hilflos. das dilemma, entweder ein menschenleben zu retten oder von der hafenpolizei erwischt zu werden und damit die eigene zukunft zu gefährden, überfordert und spaltet die familie, der streit um gesetz und gewissen eskaliert. die hektik der diskussion lässt dem publikum allerdings kaum zeit für reflexion. silas breiding als blinder passagier bleibt der ruhende pol, er beobachtet, er hört zu, er bleibt immer freundlich. einmal sagt er ganz bei sich: „es gibt menschen, von denen verlangt man, dass sie nirgends sind.“ dann geht er auf deck und erschiesst sich.
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