Dienstag, 5. Mai 2026

ALTDORF: BESTIE, BELLEZZE E ALTRE COMPAGNE

männer kommen hier keine vor. geht ganz gut auch ohne. dafür jede menge frauen, hexen, geister, engel und tiere. „bestie, bellezze e altre compagne“ heisst die ausstellung im haus für kunst uri, sie beschert mit diesen tieren, biestern, schönheiten und anderen gefährtinnen einen umfassenden einblick ins schaffen der mittlerweile 83jährigen basler künstlerin annette barcelo. da geht es zu wie in den wildesten träumen, das unbewusste, das beängstigende und verdrängte findet seinen niederschlag auf der leinwand. ihr werk wird hier ausgesprochen grosszügig präsentiert, in sechs räumen auf zwei etagen, üppig, aber nicht überladen. es sind kräftige bilder in kräftigen farben – und die erklärte lieblingsfarbe von barcelo ist schwarz. so düster, wie das möglicherweise klingen mag, wirkt diese schau in die abgründe der nacht aber keineswegs, sondern viel eher archaisch, mysteriös und auch kauzig und witzig: „ich tanze mit meiner schildkröte“ heisst ein bild, „zum fressen gern“ ein anderes. frauen mit spitzen brüsten und viel zu vielen zähnen liegen unter getüpfelten bettdecken, bewacht von monstern mit ebenfalls völlig überdimensionierten gebissen. der tod schaut als fledermaus vorbei und ist, klar, eher eine tödin. fabeltiere lecken an engeln, die die jugend schon ein weilchen hinter sich haben. barcelos phantasiewelt erinnert mit ihrem unerschöpflichen reichtum an shakespeare-stücke, gut und böse, reich und arm, könig und narr, tag und traum und tod, alles in inniger beziehung. zu den rätselhaften bildern dringt aus dem dachstock der geheimnisvolle sound einer installation von aio frei, ein elektronisch verfremdeter betruf, wolfstöne, flackerndes. das haus für kunst bietet also eine volle dosis mit sagenhaften figuren, seelentieren, mythen, klängen, naturgewalten. mehr uri geht nicht.

nur noch bis sonntag, 10. mai 

Montag, 4. Mai 2026

LUZERN: DER UMZUGSKOORDINATOR

würden sie sich einen film mit dem titel „die dentalhygienikerin“ anschauen? ganz ähnlich ging es mir bei „der umzugskoordinator“. der titel wirkt, nun ja, nicht gerade magnetisch. doch dahinter verbirgt sich ein absolut sehenswertes porträt der luzerner dokumentarfilmerin ursula brunner über andrea capella: der kurz vor der pensionierung stehende erledigt im auftrag der sozialen dienste der stadt luzern umzüge für menschen, die es allein nicht mehr schaffen, ältere und suchtkranke und geistig unsortierte. die übungsanlage für diesen film könnte leicht zu einem missgriff ins voyeuristische verleiten, denn man bewegt sich durch die wohnungen dieser menschen, durch chaos und kitsch und müll, doch im zentrum steht immer umzugskoordinator capella, sein organisieren, sein zupacken, sein verständnis für heikle momente. so wird dieses porträt zu einem regelrechten lehrstück über das loslassen und vor allem über die hilfe beim loslassen. andrea capella ist mehr psychologe und philosoph als zügelmann, er hat in seiner eigenen biografie schwierige phasen bewältigen müssen, und es berührt in jedem der gezeigten fälle von neuem, mit welcher empathie er den klientinnen und klienten begegnet. einen begleitet er auf dem schwierigen gang in die psychiatrie nach st. urban und bringt danach seine messie-höhle wieder auf vordermann („der mensch braucht eine höhle“). capella zeigt viel feingefühl für diese menschen, für ihre ängste, lässt ihnen zeit, stellt subtile fragen – und scheut sich trotzdem nicht vor klaren ansagen. mit vielen liebevollen details zeigt der film, wie diese menschen dem umzugskoordinator ans herz wachsen und wie umgekehrt sie seine unterstützung und seine direkte art schätzen. man lernt einen faszinierenden mann kennen und bekommt anschauungsunterricht: nicht um den brei herumreden, auch wenn’s schwierig ist. das funktioniert, das gegenüber fühlt sich ernst genommen. 

am freitag, 8. mai, um 14 uhr noch einmal im stattkino in luzern
am donnerstag, 14. mai, um 20.10 uhr auf srf 1