Montag, 26. August 2019

LUZERN: IGOR LEVIT GEHT AUFS GANZE

alle mögen igor levit. weil er erstens ein sympathischer kerl ist, dem die leicht diabolischen züge der anderen jungen russischstämmigen piano-berserker abgehen. und weil er zweitens eine meinung hat, eine haltung, weil er nicht schweigt zu dingen jenseits der kunst. auch deshalb passt levit bestens zum diesjährigen lucerne festival mit dem generalthema „macht“. frage im programmheft: „könnten sie sich vorstellen, eine politische bewegung mit allen ihnen zur verfügung stehenden mitteln zu unterstützen?“ antwort levit: „auf jeden fall. zum teufel mit der künstlerischen neutralität! (…) doch natürlich muss ich die möglichkeit haben, auch wieder abstand zu nehmen, wenn mir das gebaren der mächtigen missfällt.“ als zugabe nach seinem zweiten rezital in luzern spielt levit paul dessaus „guernica“, eine bedrückende meditation über sinnlose zerstörung, inspiriert durch picassos gemälde, mit dem sich dieser gegen künstlerische gleichgültigkeit wehrte, wenn die höchsten werte der humanität und zivilisation auf dem spiel stehen. das ist ein signal, das ist levit. der mann geht aufs ganze, auch künstlerisch: alle 32 klaviersonaten von ludwig van beethoven spielt er dieses und nächstes jahr in luzern, ein kraftakt. doch es geht levit nicht um den effekt, er nimmt die töne in sich auf, hört ihnen nach, bringt den ganzen reichtum dieser klavierwerke zum klingen: verspieltes, verzehrendes, versehrtes, verwundertes, verklärtes. fünf sonaten sind‘s diesmal, von der aufmüpfigen in fis-dur (op. 78) bis zur melancholischen in es-dur („les adieux“, op. 81a). levits interpretation erbringt den beweis, wie viel intimität der grosse konzertsaal im kkl durchaus auch bieten kann, wie viel zartheit hier möglich ist. man wähnt sich bei igor im salon.

Freitag, 16. August 2019

AVIGNON: UN AUTRE MONDE

was für ein zauber, was für eine eleganz, was für eine sinnlichkeit. im fensterlosen dachboden der collection lambert in avignon trifft der besucher auf eine rote neonröhre. sie windet sich durch mehrere hintereinanderliegende kammern, wirkt schwebend, weil sie auf fast unsichtbaren plexiröhrchen ruht, wirkt endlos, weil eine nebelmaschine die konturen des langen raumes verschwinden lässt, wirkt magisch, weil gedimmte bassklänge durch den nebel wummern. eine rote, gewundene neonröhre. ist es eine grenze, eine flüchtlingsroute, eine lebenslinie, eine börsenkurve, die da im nichts verschwindet? ist dieses nichts der anfang oder das ziel? was verbindet diese linie, was trennt sie? «j’ai rêvé d’un autre monde» nennt der künstler claude lévêque das werk, das er für diesen ort geschaffen hat. eine rote neonröhre, die auf anhieb gefangen nimmt, fasziniert und zur kontemplation nicht nur einlädt, sondern geradezu verführt. man steht oder sitzt gebannt vor dieser schönheit und dieser schlichtheit und kann sich nicht sattsehen. un autre monde ist auch das museum an und für sich: die private collection lambert durfte sich mit staatlicher unterstützung in zwei prächtigen stadtpalästen einrichten, im innenhof ein von platanen beschattetes museumscafé. eine seitengasse nur von den grossen strömen der papstpalast-pilgerer entfernt findet sich hier eine ruhige insel der kunst, ein kraftort für geist und seele, un autre monde.    

Samstag, 20. Juli 2019

MÜNCHEN: FRAU KULJIĆ IST HERR SUBUTEX

„ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern.“ klare ansage. was virginie despentes ihrer „king kong theorie“ vorangestellt hat, gilt auch für „das leben des vernon subutex“, ihr gigantisches gesellschaftspanorama, das sie rund um den bankrott gegangenen plattenhändler subutex entwickelt. einen mann als hauptfigur hat sich die radikalfeministin ausgedacht, damit der roman ernster genommen wird. diese taktik ist hundertprozentig aufgegangen. die münchner kammerspiele drehen das nun noch eine runde weiter und lassen den mann von einer frau spielen: jelena kuljić, ursprünglich jazzsängerin, ist eine top-besetzung für diesen subutex. mit ihrer dunklen stimme liefert sie den perfekten sound für diese milieustudie. die bühne, ihre bühne ist eine überdimensionierte vinylplatte, die all die randexistenzen ins zentrum spielt. rattenscharfe dialoge und witzig-abgründige soloeinlagen, düstere filmsequenzen und immer wieder musik schaffen eine dichte atmosphäre, die dieses leben zwischen gewalt und pornographie, zwischen xenophobie und cybermobbing verdaut und verarbeitet. szenenapplaus gibt´s für annette paulmann, die als clochard im motörhead-t-shirt und springmilbengilet herzergreifend adeles bond-song „let the sky fall“ schmettert. in diesem hervorragenden ensemble, das sie stützt und trägt, bleibt jelena kuljić das epizentrum, die starke figur, die bei allen existenzängsten nie die selbstachtung verliert. genau so ein mensch muss der autorin vorgeschwebt haben, als sie subutex im dritten band zum guru einer friedlichen weltverbesserersekte aufsteigen lässt. was für ein jahrmarkt der hoffnungen und abgründe. regisseur stefan pucher gelingt hier ein sehr vielschichtiger abend, musikalisch, poetisch, melancholisch, deprimierend. eine gefühlsgranate, fast wie in der oper.

Mittwoch, 17. Juli 2019

MÜNCHEN: WOLKEN.HEIM.

elfriede jelinek schrieb diesen text 1988. „wolken.heim.“ beschäftigt sich mit der deutschen romantik und damit, wie der deutsche idealismus ungebremst zum deutschen nationalismus führt. die deutsche seele leidet und kommt nicht zur ruhe. 1988 liegt 31 jahre zurück, würde man allzu gerne denken, doch dieses zeitzeugnis ist unvermindert aktuell, jelinek könnte dieses stück auch 2019 geschrieben haben. das macht den abend so beklemmend. regisseur matthias rippert, so alt wie der text, verteilt diesen im marstall des münchner residenztheaters auf fünf personen. in einem sterilen grauen und grell ausgeleuchteten wartesaal arbeiten sich die fünf ausschliesslich grau gekleideten an jelineks wortmonster ab. ab und zu öffnen sie hinten zwei türen, dort glüht und lodert es. die hölle? die zukunft? der deutsche wald? angesichts dieser ungewissheiten versuchen sich die grauen mäuse ihrer identität zu vergewissern, sehr viel „wir“ lässt da sehr wenig platz für die anderen. „wir brauchen nur uns.“ oder: „wir haben nicht die einheit ausser uns, wir haben sie gefunden.“ oder: „der geist ist das bei sich selbst sein. wie wir. wie wir.“ hölderlin und kleist, heidegger und die raf-terroristen haben jelinek material geliefert – material für all die dummen, all die geifernden, all die gefährlichen. ob sie einen schuhplattler hinlegen oder blutverschmiert aus dem krieg heimtorkeln, immer dampft alles von überlegenheit und überheblichkeit. auch wenn oder gerade weil es, das gelingt der regie und den fünf schauspielern ganz ausgezeichnet, so beiläufig daherkommt. die dummen biedern sich bei den geifernden an, die gefährlichen bei den dummen. und ja, es bleibt kein deutsches phänomen, dieses falsch verstandene wir-gefühl.

Freitag, 5. Juli 2019

GISWIL: GROSSE REINIGUNG

ganz knapp haben wir’s unter das grosse zelt im gsang bei giswil geschafft. dann entlädt sich ein mordsgewitter. es prasselt aufs zeltdach, dass man kaum sein gegenüber versteht. mehr prasseln geht gar nicht. mehr hält das zelt nicht aus. denkt man. und dann knallt wieder ein donner und es prasselt noch mehr. ein apokalyptischer einstieg in die 14. ausgabe des volkskulturfests „obwald“.  nach dem aperoplättli ist die atmosphäre rund um den sarnersee keimfrei gereinigt und pünktlich zum konzertbeginn scheint die sonne in die bäume hinter der bühne. jetzt beginnt das mazaher ensemble aus ägypten mit der spirituellen reinigung. wie eine hohepriesterin steht die 68jährige sängerin om sameh auf der bühne, setzt mit ihrer tiefen stimme, sterotypen tanzschritten und tranceartigem trommeln zur veränderung unseres bewusstseinszustandes an. die traditionelle zar-musik will uns mit den geistern und mit uns selbst versöhnen. wäre da nicht ab und zu ihr schelmisches augenzwinkern in die vordersten reihen, könnte einen glatt die angst packen vor dieser dunkel-diabolischen ägypterin. so aber sind wir der inneren harmonie schon wieder einige takte näher – und bereit für den ersten naturjuiz mit einer obwaldner formation, die genau so tönt wie sie heisst: heiterluft. das absolute highlight des abends ergibt sich dann aus der kombination der appenzeller streichmusik vielseitig (fünf junge mädels) mit dem ägyptischen tarab quintett (fünf ältere herren), die sich tags zuvor erstmals begegnet sind. beide mit einem hackbrett im zentrum, beginnen sich die zehn musikalisch subtil zu umgarnen, mal dominiert nordafrika, mal die ostschweiz, pure spiellust führt zu faszinierenden klangwelten und einer rasenden standing ovation. gewitter, gesänge, glücksgefühle – reinigung komplett gelungen.  

Samstag, 8. Juni 2019

ZÜRICH: DIE GROSSE GEREIZTHEIT

der schiffbau des zürcher schauspielhauses ist diesmal eine mit bezaubernden details aufwartende zauberberg-installation (bravo, thilo reuter): auf den gerüsten zu drei seiten die betten für die liegekuren, da ein paar salontischchen mit salontischlämpchen, dort ein weisses tütü in einer badewanne, neben vielen jesussen auch viele blutflecken an den gekachelten wänden, röntgenbilder, totenköpfe, bergpanoramen, einer trinkt rotwein aus der urinflasche. „die grosse gereiztheit“ nennt karin henkel ihre adaption des thomas-mann-stoffes, nach dem titel des letzten kapitels. sie lässt die zuschauertribüne immer wieder hineinfahren in diese verhustete, kranke welt. wir sind die zu den heruntergekommenen hinaufgekommenen und werden gleich gewarnt: „unser fieber ist gekommen um zu bleiben.“ das fabelhafte ensemble röchelt und schlurft und jodelt und tanzt durch diese szenerie. so unterhaltsam kann tiefsinniges theater sein. es ist ein kaleidoskop der dekadenz, des stumpfsinns und der weltflucht, die letzten tage der menschheit quasi. bezeichnend (und erschreckend), wie diese sanatoriums-clique immer wieder versucht, das grosse ganze zu denken, über die richtige demokratie schwafelt und über die richtige zukunft - und doch immer nur bei der eigenen krankengeschichte landet. hans castorp, in einer viele möglichkeiten öffnenden doppelbesetzung mit der staunenden carolin conrad und der unterkühlten lena schwarz, bleibt einer, der diese gesellschaft nicht verstehen kann und nicht verstehen will. der grosse krieg, der am schluss über diese kranke welt hereinbricht, wird zum sprechchor, vom ganzen ensemble wie kanonendonner frontal ins publikum gebrüllt. so kommt auch hans castorp dieser welt abhanden. aus.

Donnerstag, 6. Juni 2019

GENÈVE: UN BALLO IN MASCHERA

es ist eine unmögliche, eine verbotene beziehung: der schwedische könig liebt heimlich eine verheiratete frau, die gattin seines besten freundes. in der grossen liebesszene im zweiten akt von „un ballo in maschera“ findet giuseppe verdi für diese dynamik der emotionen leidenschaftliche, schaurige, grandiose melodien. das ist unbestritten best of verdi, das lässt keinen kalt. irina churilova und ramón vargas singen sich am grand théâtre genève ebenso harmonisch wie dramatisch durch dieses wechselbad der gefühle, zwei menschen ganz allein auf dieser riesigen, fast leeren, dunkel-vernebelten bühne, zwei sänger mit brillanten stimmen und einer phänomenalen ausstrahlung, sie singen sich buchstäblich in ekstase, diese liebe elektrisiert den ganzen weiten raum, es sind magische momente. wenn sich vargas beim musikalischen kulminationspunkt kurz abwendet und eine träne abwischt, ist nicht ganz klar, ob dies zur rolle gehört oder ob ihn dieser melodienrausch auch als profi und auch beim x-ten mal immer noch überwältigt. dieser tenor ist 59 jahre alt, dirigent pinchas steinberg 74, regisseur giancarlo del monaco 76. man könnte diese neu-inszenierung an der genfer oper also durchaus als altherren-produktion bezeichnen. man könnte. doch nicht nur der tenor beweist überzeugend, was gewisse ältere herren noch draufhaben. del monaco fokussiert präzis auf die tragik der einzelnen figuren; das spiel mit masken, verkleidungen und verstellungen taucht nicht erst beim finalen, für den könig tödlichen ball auf, sondern zieht sich als psychologisches grundmotiv durch den ganzen abend. und steinberg dirigiert das orchestre de la suisse romande elegant, bisweilen geheimnisvoll, nie zu effekthascherisch. eine sternstunde der oper.

Sonntag, 2. Juni 2019

MÜNCHEN: ADOPTIERTE TIROLER

das publikum meist mittleren alters, sehr urban. auf der bühne junge menschen, ausgesprochen urban. wir sind im münchner volkstheater, das sujet: jodeln. genau genommen: "laut yodeln vol. 2". so heisst das sympathische kleine festival, das die urbanen menschen in scharen anzieht. es bietet eine abenteuerliche reise durch verschiedene jodelwelten von balkan bis bluegrass. natürlich fehlt auch die schweizer crash-jodlerin erika stucky nicht, diesmal zusammen mit fm einheit, dem ehemaligen schlagwerker der einstürzenden neubauten, ein - vorsichtig formuliert - waghalsiges duo. für feinere töne, immer melancholisch, nie kitschig, sorgen "alma" aus wien: zwei geigerinnen, ein geiger, eine kontrabassistin und eine handharmonikaspielerin. sie sehen nicht wie volksmusikantinnen aus, sondern eher wie werbetexterinnen oder influencerinnen, und haben einen beeindruckenden musikalischen horizont. ihre töne und melodien finden sie in den bergen und in den tälern, in der vergangenheit und in der gegenwart, auf der strasse und im kopf. wenn sie dann so lustvoll beseelt zusammen musizieren, ist das erstens lebendige tradition und zweitens wunderschön, für urbane und rurale ohren gleichermassen. zu jedem stück sagen sie was, meist sehr persönliches. zum beispiel, dass der jodel jetzt dann gleich tönen wird wie von einem jungen aus den tiroler bergen, der in die stadt adoptiert wurde. man schliesst die augen, hört's - und wünscht sich mehr adoptierte tiroler jungs.

Samstag, 1. Juni 2019

MÜNCHEN: BEGEHREN

landstrasse, nacht und nebel. „sie“ (hanna scheibe) ist unterwegs vom wochenendhaus zum supermarkt, da taucht im scheinwerferkegel ihres autos plötzlich ein mann auf (philip dechamps). das gleiche ist ihr an der gleichen stelle schon zweimal passiert. er habe eine panne, sagt er, und nein, er sei noch nie hier gewesen, er lebe weit weg. noch nie hier? dabei hat „sie“ ihn doch…? er redet in rätseln, alles sehr eigenartig, geheimnisvoll, latent bedrohlich. was will er von ihr? oder will etwa „sie“? verstört fährt „sie“ zurück zu ihrem gatten (arthur klemt), der reagiert wie viele gatten nach 15 jahren ehe, erst desinteressiert, dann hilflos. der katalane josep maria benet i jornet hat mit „begehren“ einen stark vom film noir inspirierten text geschrieben. und mirjam loibl inszeniert diesen text im marstall des münchner residenztheaters mit viel sinn für alle kleinen und grossen effekte. immer wieder diese lichtkegel, immer wieder diese anonymen, stummen anrufe im wochenendhaus, immer wieder diese beiläufig hingesagten und doch irgendwie hinterhältigen sätze: „so schlimm ist es doch nicht, vierzig zu werden.“ oder: „ich bin ein mann wie jeder, man kann mich leicht verwechseln.“ benet i jornet ist ein erfolgreicher telenovela-texter, die dialoge kriegt er mit leichter hand hin. doch er kann und will mehr: er spielt mit der wahrnehmung seiner figuren und mit der wahrnehmung des publikums. eine frau (barbara romaner) taucht auch noch auf in einem kiosk an der landstrasse, der mann scheint sie zu kennen, sie erzählt von ihrem leben, ihrer grossen liebe, sie will „sie“ anfassen. die beiden begegnen sich am schluss noch einmal, im nebel reicht sie ihr die hand. dann ist die frau weg und „sie“ hat massiv blut an den fingern. ein taumel zwischen begehren und abscheu. ein traum nur?

Mittwoch, 29. Mai 2019

CHUR: DIE WEISE VON LIEBE UND TOD

„schade, dass selten so schön gesungen wird in der oper“, schrieb „der spiegel“ einmal über die mezzosopranistin maria riccarda wesseling. sie ist international tätig, an den grossen häusern, und jetzt für ein wunschprojekt zu ihren wurzeln zurückgekehrt, nach graubünden, ans theater chur. der westschweizer komponist frank martin vertonte mitten im zweiten weltkrieg rainer maria rilkes erzählung „die weise von liebe und tod des cornets christoph rilke“, jenes buch also, das in den kriegen tausende von jungen soldaten im tornister trugen, weil es den nerv traf, ihren nerv, ihre verzweifelte situation zwischen der ersten grossen liebe und dem dienst fürs vaterland, der nur zu oft tödlich endete. martin schrieb diese musik für eine tiefe frauenstimme und kammerorchester, eine expressive und suggestive musik, die die geschichte des jungen fahnenträgers aus der sicht der zurückgebliebenen frauen erzählt, der mutter, der geliebten, vielleicht der huren. um diese multi-perspektive zu unterstreichen, gibt regisseur nigel lowery der sängerin die schauspielerin ursina hartmann zur seite. in einer absolut nicht zwingenden burgzimmer-szenerie lässt er die beiden in wallenden weissen kleidern geisterhaft um tisch, falltüre und kerzenständer herumschleichen wie in einer uralten lucia-di-lammermoor-inszenierung. zu zweit arbeiten sie sich szenisch ab an den erinnerungen. doch das ereignis ist maria riccarda wesseling, ist diese stimme: 75 minuten lang singt sie, alle facetten dieser komplexen musik trifft sie, von der kammerphilharmonie graubünden unter philippe bach subtil begleitet, sie glüht, sie leidet, sie verzweifelt, sie nimmt uns mit auf eine reise durch seelenlandschaften. diese frau singt, in der tat, seltenschön.

Mittwoch, 22. Mai 2019

EMMENBRÜCKE: GEDÄCHTNISPALAST

sie sammelten 200 leere heliomalt-büchsen und dutzende von heiligenbildern und aufblasbare weltkugeln fürs schwimmbad und ausgestopftes gefieder. sie sammelten alles, sinnvolles und sinnloses, und türmten es in ihr haus in küssnacht, vom keller bis unters dach. drei geschwister, aus ärmlichen verhältnissen, die sich in ein eigenes universum verabschiedet hatten. jetzt sind sie tot. und ein grosses team um die theaterfrau annette windlin verfrachtete den wunderlichen kram nach emmenbrücke, in die viscosistadt. in der ehemaligen garnfabrik basteln sie daraus ein gesamtkunstwerk mit dem titel „gedächtnispalast“: 5000 quadratmeter theater, performance, soundexperimente, kunstinstallationen, gedankensplitter. der besucher wird teils geführt durch dieses labyrinth der erinnerungen, teils sucht er sich selber seinen weg über die fünf etagen, lässt sich treiben, irrt umher. es ist ein lustvoller parcours durch ein raritäten-kabinett. als roten faden hat die autorin martina clavadetscher rund 60 kurze szenen geschrieben über einen wohlhabenden mann, eine einfache frau und ihre komplizierte beziehung; man hat sie am ende des abends kaum alle gesehen, mal blitzt da eine sequenz auf, mal spielen die profis und laien in einer anderen ecke, mal bekommt man nur noch den schluss mit, was soll’s? der „gedächtnispalast“ ist ein faszinierendes puzzle und immer wieder erinnern diese ziemlich schrägen exponate und episoden an eigene erfahrungen, man sinniert über glück, über heimat, über vergänglichkeit, über suchen und finden. und man bekommt lust, im eigenen keller zu wühlen. auch wenn der nicht so zauberhaft eingerichtet und so märchenhaft ausgeleuchtet ist wie der „gedächtnispalast“. 

Samstag, 18. Mai 2019

LUZERN: TELL - WIE ES WIRKLICH WAR

„es galt jetzt, die eigenen waffenknechte abzuhalten von irgendeiner dummheit, wie sie bewaffneten leicht unterläuft; es braucht wenig, dass bewaffnete sich bedroht fühlen.“ was für ein kluges und weitsichtiges büchlein max frisch 1971 doch vorgelegt hat mit seinem „wilhelm tell für die schule“. zum glück kramt es immer mal wieder wer aus der suhrkamp-ecke seiner bücherwand hervor. jetzt zum beispiel der schauspieler sigi arnold und der musiker beat föllmi (im luzerner kleintheater und auf anderen zentralschweizer bühnen). arnold spielt einerseits einen vorleser auf tournee, der frischs tell in die säle und unter die leute bringt, und anderseits einen hardcore-urner, der das alles träf kommentiert, bezüge zur heutigen zeit herstellt, sich zum beispiel diebisch freut bei dem gedanken, dass der teufelsstein für den bau der zweiten gotthardröhre möglicherweise noch einmal für viel geld umplatziert werden muss, „kein problem für die steinreichen urner“. föllmi sitzt daneben und liefert aus seiner gigantischen klangwerk-küche einen ebenso stimmungsvollen wie witzigen soundtrack zu dieser mythen-exegese: im putzkessel entstehen die wellen des urnersees, kabelrohre pfeifen den föhn und die nächte in attinghausen sind auch nicht ohne. es gibt viel zu schmunzeln an diesem abend. trotz dem ernst der lage. irgendwie hatte frisch ja wohl schon recht: zum apfelschuss kam’s eher nicht wegen einem sadistischen landvogt, sondern wohl weil tell als hartgesottener stierengrind die situation eskalieren liess. und dann ein fieser mord aus dem hinterhalt als ausgangspunkt für die befreiungsgeschichte der schweiz. fragezeichen. ausrufezeichen. der vorleser sieht jetzt ein wenig zerknittert aus.

Montag, 22. April 2019

LUZERN: ALKESTIS

(kleines jubiläum, dies ist der 500. post von BRANDER LIVE)

„was willst du? lass mich los.“ alkestis liegt bereits auf der bahre. sie opfert sich anstelle ihres gatten admetos, der sterben müsste, weil er artemis ein opfer versagte, aber gerettet werden kann, wenn er jemanden findet, der für ihn in den tod geht. „was willst du? lass mich los.“ sie hat sich entschieden, dem mann zuliebe, für den tod. doch die todgeweihte wird von ihrem gatten bedrängt. er kann nicht loslassen, er will, dass sie lebt, er hält sie fest, ein bizarrer kampf entwickelt sich auf der bahre, sie spricht griechisch, er spricht deutsch, leben und tod umgarnen und umarmen sich. mit „alkestis“ hat euripides weder tragödie noch komödie geschrieben, sondern ein seltsames spiel voller rätsel. in einer surrealen szenerie mit ballsaal-leuchtern, in farbe getauchten nebelschwaden und müden fichten findet das griechische regie-duo angeliki papoulia und christos passalis am luzerner theater poetische, geheimnisvolle und wuchtige bilder zum abschied von einem geliebten menschen, zu schmerz und wut und verzweiflung. den höhepunkt bildet die begräbnisprozession, bei der das publikum alkestis‘ gladiolengeschmückten sarg vor die jesuitenkirche folgt, wo er von einer barke abgeholt wird und zu melancholischen bläsersätzen reussabwärts entschwindet. nach der pause bringt halbgott herakles, der alte sauf- und raufbold, alkestis zurück ins leben. da weicht der bedächtige rhythmus, ein dionysischer spuk entwickelt sich, rote teppiche werden ausgerollt zwischen den fichten, greek pop dröhnt, masken fallen. ist sie es wirklich? lebt sie? gibt es die grenzen zwischen leben und tod nicht mehr? steht hinter jedem tod ein leben, das befreit werden will? totentanz und lebensfest, das passt bestens zu ostern.

Samstag, 20. April 2019

BERLIN: RUDERN MIT THEODOR FONTANE

zu beginn des grossen theodor-fontane-jahres bringt der theodor-fontane-forscher dieter stolz das werk theodor fontanes in der süddeutschen zeitung auf den punkt: "dass die nie miteinander schlafen, sondern immer an den see fahren müssen, um zu rudern, hat mich schon gestört."

Sonntag, 31. März 2019

BASEL: MADAMA BUTTERFLY

das erfreuliche zuerst: talise trevigne (butterfly), otar jorjikia (pinkerton), domen krizaj (sharpless) und kristina stanek (suzuki) verfügen alle über brillante stimmen. das theater basel hat für puccinis „madama butterfly“ ein sensationelles ensemble verpflichtet, das in den klangfarben grandios harmoniert. dirigent antonello allemandi und das sinfonieorchester sind akkurate begleiter, nicht das schwelgerisch-exotische der musik hervorstreichend, sondern das zartbittere und herbe. es lässt allerdings wenig gutes erahnen, dass der russische regisseur vasily barkhatov die butterfly ihre auftrittsarie in ihrem chicen nagasaki-pavillon hinter einer scheibe singen lässt, smart-glass, das prompt im falschesten moment in den milchglas-modus kippt und auch den restlichen abend amok läuft. so arbeitet barkhatov: viel oberflächlicher und ärgerlicher schnickschnack, wenig gespür für die intentionen des komponisten. pinkerton, der amerikanische offizier, der sich ein japanisches püppchen aussucht, schwängert, abreist und sie so zur verzweiflung und in den suizid treibt, wird zum touri-trottel degradiert, kurze hosen, schuhe auf den tisch, er äfft die japanischen zeremonien nach und fuchtelt pausenlos mit der selfiestange durch die gegend. man ist fassungslos und fragt sich, woher da die echte, tiefe zuneigung einer sensiblen geisha kommen soll. das liebesduett am ende des ersten aktes, ein höhepunkt der oper, wirkt nach diesem setting nur unglaubwürdig, sternenhimmel hin oder her. erst gegen ende, wenn pinkerton nach drei jahren samt us-ehefrau zurückkehrt und sein kind abholen will, gelingen einige wirklich starke bilder: wie schachfiguren bewegen sich die protagonisten in dieser konfliktsituation, kammerspielartig konzentriert, endlich fern aller klischees und nahe an der musik. zu spät.