alle mögen
igor levit. weil er erstens ein sympathischer kerl ist, dem die leicht
diabolischen züge der anderen jungen russischstämmigen piano-berserker abgehen.
und weil er zweitens eine meinung hat, eine haltung, weil er nicht schweigt zu
dingen jenseits der kunst. auch deshalb passt levit bestens zum diesjährigen
lucerne festival mit dem generalthema „macht“. frage im programmheft: „könnten
sie sich vorstellen, eine politische bewegung mit allen ihnen zur verfügung
stehenden mitteln zu unterstützen?“ antwort levit: „auf jeden fall. zum teufel
mit der künstlerischen neutralität! (…) doch natürlich muss ich die möglichkeit
haben, auch wieder abstand zu nehmen, wenn mir das gebaren der mächtigen
missfällt.“ als zugabe nach seinem zweiten rezital in luzern spielt levit paul
dessaus „guernica“, eine bedrückende meditation über sinnlose zerstörung,
inspiriert durch picassos gemälde, mit dem sich dieser gegen künstlerische
gleichgültigkeit wehrte, wenn die höchsten werte der humanität und zivilisation
auf dem spiel stehen. das ist ein signal, das ist levit. der mann geht aufs
ganze, auch künstlerisch: alle 32 klaviersonaten von ludwig van beethoven
spielt er dieses und nächstes jahr in luzern, ein kraftakt. doch es geht levit
nicht um den effekt, er nimmt die töne in sich auf, hört ihnen nach, bringt den
ganzen reichtum dieser klavierwerke zum klingen: verspieltes, verzehrendes,
versehrtes, verwundertes, verklärtes. fünf sonaten sind‘s diesmal, von der
aufmüpfigen in fis-dur (op. 78) bis zur melancholischen in es-dur („les adieux“,
op. 81a). levits interpretation erbringt den beweis, wie viel intimität der
grosse konzertsaal im kkl durchaus auch bieten kann, wie viel zartheit hier
möglich ist. man wähnt sich bei igor im salon.
Montag, 26. August 2019
Freitag, 16. August 2019
AVIGNON: UN AUTRE MONDE
was für ein zauber, was für eine
eleganz, was für eine sinnlichkeit. im fensterlosen dachboden der collection
lambert in avignon trifft der besucher auf eine rote neonröhre. sie windet sich
durch mehrere hintereinanderliegende kammern, wirkt schwebend, weil sie auf
fast unsichtbaren plexiröhrchen ruht, wirkt endlos, weil eine nebelmaschine die
konturen des langen raumes verschwinden lässt, wirkt magisch, weil gedimmte
bassklänge durch den nebel wummern. eine rote, gewundene neonröhre. ist es eine
grenze, eine flüchtlingsroute, eine lebenslinie, eine börsenkurve, die da im nichts verschwindet?
ist dieses nichts der anfang oder das ziel? was verbindet diese linie, was trennt
sie? «j’ai rêvé d’un autre monde» nennt der künstler claude lévêque das werk,
das er für diesen ort geschaffen hat. eine rote neonröhre, die auf anhieb
gefangen nimmt, fasziniert und zur kontemplation nicht nur einlädt, sondern geradezu verführt. man steht oder sitzt gebannt vor dieser schönheit und dieser
schlichtheit und kann sich nicht sattsehen. un autre monde ist auch das museum
an und für sich: die private collection lambert durfte sich mit staatlicher
unterstützung in zwei prächtigen stadtpalästen einrichten, im innenhof ein von
platanen beschattetes museumscafé. eine seitengasse nur von den grossen strömen
der papstpalast-pilgerer entfernt findet sich hier eine ruhige insel der kunst,
ein kraftort für geist und seele, un autre monde.
Samstag, 20. Juli 2019
MÜNCHEN: FRAU KULJIĆ IST HERR SUBUTEX
„ich
entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern.“ klare ansage. was
virginie despentes ihrer „king kong theorie“ vorangestellt hat, gilt auch für
„das leben des vernon subutex“, ihr gigantisches gesellschaftspanorama, das sie
rund um den bankrott gegangenen plattenhändler subutex entwickelt. einen mann
als hauptfigur hat sich die radikalfeministin ausgedacht, damit der roman
ernster genommen wird. diese taktik ist hundertprozentig aufgegangen. die
münchner kammerspiele drehen das nun noch eine runde weiter und lassen den mann
von einer frau spielen: jelena kuljić, ursprünglich jazzsängerin, ist eine
top-besetzung für diesen subutex. mit ihrer dunklen stimme liefert sie den
perfekten sound für diese milieustudie. die bühne, ihre bühne ist eine
überdimensionierte vinylplatte, die all die randexistenzen ins zentrum spielt.
rattenscharfe dialoge und witzig-abgründige soloeinlagen, düstere filmsequenzen
und immer wieder musik schaffen eine dichte atmosphäre, die dieses leben
zwischen gewalt und pornographie, zwischen xenophobie und cybermobbing verdaut
und verarbeitet. szenenapplaus gibt´s für annette paulmann, die als clochard im
motörhead-t-shirt und springmilbengilet herzergreifend adeles bond-song „let the
sky fall“ schmettert. in diesem hervorragenden ensemble, das sie stützt und
trägt, bleibt jelena kuljić das epizentrum, die starke figur, die bei allen
existenzängsten nie die selbstachtung verliert. genau so ein mensch muss der
autorin vorgeschwebt haben, als sie subutex im dritten band zum guru einer
friedlichen weltverbesserersekte aufsteigen lässt. was für ein jahrmarkt der
hoffnungen und abgründe. regisseur stefan pucher gelingt hier ein sehr
vielschichtiger abend, musikalisch, poetisch, melancholisch, deprimierend. eine
gefühlsgranate, fast wie in der oper.
Mittwoch, 17. Juli 2019
MÜNCHEN: WOLKEN.HEIM.
elfriede
jelinek schrieb diesen text 1988. „wolken.heim.“ beschäftigt sich mit der
deutschen romantik und damit, wie der deutsche idealismus ungebremst zum
deutschen nationalismus führt. die deutsche seele leidet und kommt nicht zur
ruhe. 1988 liegt 31 jahre zurück, würde man allzu gerne denken, doch dieses
zeitzeugnis ist unvermindert aktuell, jelinek könnte dieses stück auch 2019
geschrieben haben. das macht den abend so beklemmend. regisseur matthias
rippert, so alt wie der text, verteilt diesen im marstall des münchner
residenztheaters auf fünf personen. in einem sterilen grauen und grell
ausgeleuchteten wartesaal arbeiten sich die fünf ausschliesslich grau
gekleideten an jelineks wortmonster ab. ab und zu öffnen sie hinten zwei türen,
dort glüht und lodert es. die hölle? die zukunft? der deutsche wald? angesichts
dieser ungewissheiten versuchen sich die grauen mäuse ihrer identität zu
vergewissern, sehr viel „wir“ lässt da sehr wenig platz für die anderen. „wir
brauchen nur uns.“ oder: „wir haben nicht die einheit ausser uns, wir haben sie
gefunden.“ oder: „der geist ist das bei sich selbst sein. wie wir. wie wir.“
hölderlin und kleist, heidegger und die raf-terroristen haben jelinek material
geliefert – material für all die dummen, all die geifernden, all die
gefährlichen. ob sie einen schuhplattler hinlegen oder blutverschmiert aus dem
krieg heimtorkeln, immer dampft alles von überlegenheit und überheblichkeit.
auch wenn oder gerade weil es, das gelingt der regie und den fünf schauspielern
ganz ausgezeichnet, so beiläufig daherkommt. die dummen biedern sich bei den
geifernden an, die gefährlichen bei den dummen. und ja, es bleibt kein
deutsches phänomen, dieses falsch verstandene wir-gefühl.
Freitag, 5. Juli 2019
GISWIL: GROSSE REINIGUNG
ganz knapp haben wir’s unter das
grosse zelt im gsang bei giswil geschafft. dann entlädt sich ein mordsgewitter.
es prasselt aufs zeltdach, dass man kaum sein gegenüber versteht. mehr prasseln
geht gar nicht. mehr hält das zelt nicht aus. denkt man. und dann knallt wieder
ein donner und es prasselt noch mehr. ein apokalyptischer einstieg in die 14.
ausgabe des volkskulturfests „obwald“.
nach dem aperoplättli ist die atmosphäre rund um den sarnersee keimfrei
gereinigt und pünktlich zum konzertbeginn scheint die sonne in die bäume hinter
der bühne. jetzt beginnt das mazaher ensemble aus ägypten mit der spirituellen
reinigung. wie eine hohepriesterin steht die 68jährige sängerin om sameh auf
der bühne, setzt mit ihrer tiefen stimme, sterotypen tanzschritten und
tranceartigem trommeln zur veränderung unseres bewusstseinszustandes an. die
traditionelle zar-musik will uns mit den geistern und mit uns selbst versöhnen.
wäre da nicht ab und zu ihr schelmisches augenzwinkern in die vordersten
reihen, könnte einen glatt die angst packen vor dieser dunkel-diabolischen
ägypterin. so aber sind wir der inneren harmonie schon wieder einige takte näher
– und bereit für den ersten naturjuiz mit einer obwaldner formation, die genau
so tönt wie sie heisst: heiterluft. das absolute highlight des abends ergibt
sich dann aus der kombination der appenzeller streichmusik vielseitig (fünf
junge mädels) mit dem ägyptischen tarab quintett (fünf ältere herren), die sich
tags zuvor erstmals begegnet sind. beide mit einem hackbrett im zentrum,
beginnen sich die zehn musikalisch subtil zu umgarnen, mal dominiert
nordafrika, mal die ostschweiz, pure spiellust führt zu faszinierenden
klangwelten und einer rasenden standing ovation. gewitter, gesänge,
glücksgefühle – reinigung komplett gelungen.
Samstag, 8. Juni 2019
ZÜRICH: DIE GROSSE GEREIZTHEIT
der
schiffbau des zürcher schauspielhauses ist diesmal eine mit bezaubernden
details aufwartende zauberberg-installation (bravo, thilo reuter): auf den
gerüsten zu drei seiten die betten für die liegekuren, da ein paar
salontischchen mit salontischlämpchen, dort ein weisses tütü in einer badewanne,
neben vielen jesussen auch viele blutflecken an den gekachelten wänden, röntgenbilder,
totenköpfe, bergpanoramen, einer trinkt rotwein aus der urinflasche. „die grosse
gereiztheit“ nennt karin henkel ihre adaption des thomas-mann-stoffes, nach dem
titel des letzten kapitels. sie lässt die zuschauertribüne immer wieder hineinfahren
in diese verhustete, kranke welt. wir sind die zu den heruntergekommenen
hinaufgekommenen und werden gleich gewarnt: „unser fieber ist gekommen um zu
bleiben.“ das fabelhafte ensemble röchelt und schlurft und jodelt und tanzt
durch diese szenerie. so unterhaltsam kann tiefsinniges theater sein. es ist
ein kaleidoskop der dekadenz, des stumpfsinns und der weltflucht, die letzten
tage der menschheit quasi. bezeichnend (und erschreckend), wie diese
sanatoriums-clique immer wieder versucht, das grosse ganze zu denken, über die
richtige demokratie schwafelt und über die richtige zukunft - und doch immer nur
bei der eigenen krankengeschichte landet. hans castorp, in einer viele
möglichkeiten öffnenden doppelbesetzung mit der staunenden carolin conrad und
der unterkühlten lena schwarz, bleibt einer, der diese gesellschaft nicht
verstehen kann und nicht verstehen will. der grosse krieg, der am schluss über
diese kranke welt hereinbricht, wird zum sprechchor, vom ganzen ensemble wie
kanonendonner frontal ins publikum gebrüllt. so kommt auch hans castorp dieser
welt abhanden. aus.
Donnerstag, 6. Juni 2019
GENÈVE: UN BALLO IN MASCHERA
es
ist eine unmögliche, eine verbotene beziehung: der schwedische könig liebt
heimlich eine verheiratete frau, die gattin seines besten freundes. in der
grossen liebesszene im zweiten akt von „un ballo in maschera“ findet giuseppe
verdi für diese dynamik der emotionen leidenschaftliche, schaurige, grandiose
melodien. das ist unbestritten best of verdi, das lässt keinen kalt. irina churilova
und ramón vargas singen sich am grand théâtre genève ebenso harmonisch wie
dramatisch durch dieses wechselbad der gefühle, zwei menschen ganz allein auf
dieser riesigen, fast leeren, dunkel-vernebelten bühne, zwei sänger mit
brillanten stimmen und einer phänomenalen ausstrahlung, sie singen sich
buchstäblich in ekstase, diese liebe elektrisiert den ganzen weiten raum, es sind magische momente. wenn sich
vargas beim musikalischen kulminationspunkt kurz abwendet und eine träne
abwischt, ist nicht ganz klar, ob dies zur rolle gehört oder ob ihn dieser
melodienrausch auch als profi und auch beim x-ten mal immer noch überwältigt.
dieser tenor ist 59 jahre alt, dirigent pinchas steinberg 74, regisseur
giancarlo del monaco 76. man könnte diese neu-inszenierung an der genfer oper
also durchaus als altherren-produktion bezeichnen. man könnte. doch nicht nur
der tenor beweist überzeugend, was gewisse ältere herren noch draufhaben. del monaco
fokussiert präzis auf die tragik der einzelnen figuren; das spiel mit masken,
verkleidungen und verstellungen taucht nicht erst beim finalen, für den könig
tödlichen ball auf, sondern zieht sich als psychologisches grundmotiv durch den
ganzen abend. und steinberg dirigiert das orchestre de la suisse romande
elegant, bisweilen geheimnisvoll, nie zu effekthascherisch. eine sternstunde der oper.
Sonntag, 2. Juni 2019
MÜNCHEN: ADOPTIERTE TIROLER
das publikum meist mittleren alters, sehr urban. auf der bühne junge menschen, ausgesprochen urban. wir sind im münchner volkstheater, das sujet: jodeln. genau genommen: "laut yodeln vol. 2". so heisst das sympathische kleine festival, das die urbanen menschen in scharen anzieht. es bietet eine abenteuerliche reise durch verschiedene jodelwelten von balkan bis bluegrass. natürlich fehlt auch die schweizer crash-jodlerin erika stucky nicht, diesmal zusammen mit fm einheit, dem ehemaligen schlagwerker der einstürzenden neubauten, ein - vorsichtig formuliert - waghalsiges duo. für feinere töne, immer melancholisch, nie kitschig, sorgen "alma" aus wien: zwei geigerinnen, ein geiger, eine kontrabassistin und eine handharmonikaspielerin. sie sehen nicht wie volksmusikantinnen aus, sondern eher wie werbetexterinnen oder influencerinnen, und haben einen beeindruckenden musikalischen horizont. ihre töne und melodien finden sie in den bergen und in den tälern, in der vergangenheit und in der gegenwart, auf der strasse und im kopf. wenn sie dann so lustvoll beseelt zusammen musizieren, ist das erstens lebendige tradition und zweitens wunderschön, für urbane und rurale ohren gleichermassen. zu jedem stück sagen sie was, meist sehr persönliches. zum beispiel, dass der jodel jetzt dann gleich tönen wird wie von einem jungen aus den tiroler bergen, der in die stadt adoptiert wurde. man schliesst die augen, hört's - und wünscht sich mehr adoptierte tiroler jungs.
Samstag, 1. Juni 2019
MÜNCHEN: BEGEHREN
landstrasse, nacht und nebel. „sie“ (hanna
scheibe) ist unterwegs vom wochenendhaus zum supermarkt, da taucht im
scheinwerferkegel ihres autos plötzlich ein mann auf (philip dechamps). das gleiche ist
ihr an der gleichen stelle schon zweimal passiert. er habe eine panne, sagt er,
und nein, er sei noch nie hier gewesen, er lebe weit weg. noch nie hier? dabei hat „sie“ ihn doch…? er redet in rätseln, alles sehr eigenartig,
geheimnisvoll, latent bedrohlich. was will er von ihr? oder will etwa „sie“?
verstört fährt „sie“ zurück zu ihrem gatten (arthur klemt), der reagiert wie
viele gatten nach 15 jahren ehe, erst desinteressiert, dann hilflos. der
katalane josep maria benet i jornet hat mit „begehren“ einen stark vom film
noir inspirierten text geschrieben. und mirjam loibl inszeniert diesen text im
marstall des münchner residenztheaters mit viel sinn für alle kleinen und
grossen effekte. immer wieder diese lichtkegel, immer wieder diese anonymen,
stummen anrufe im wochenendhaus, immer wieder diese beiläufig hingesagten und
doch irgendwie hinterhältigen sätze: „so schlimm ist es doch nicht, vierzig zu
werden.“ oder: „ich bin ein mann wie jeder, man kann mich leicht verwechseln.“
benet i jornet ist ein erfolgreicher telenovela-texter, die dialoge kriegt er
mit leichter hand hin. doch er kann und will mehr: er spielt mit der wahrnehmung seiner
figuren und mit der wahrnehmung des publikums. eine frau (barbara romaner)
taucht auch noch auf in einem kiosk an der landstrasse, der mann scheint sie zu
kennen, sie erzählt von ihrem leben, ihrer grossen liebe, sie will „sie“
anfassen. die beiden begegnen sich am schluss noch einmal, im nebel reicht sie ihr die
hand. dann ist die frau weg und „sie“ hat massiv blut an den fingern. ein
taumel zwischen begehren und abscheu. ein traum nur?
Mittwoch, 29. Mai 2019
CHUR: DIE WEISE VON LIEBE UND TOD
„schade, dass selten so schön
gesungen wird in der oper“, schrieb „der spiegel“ einmal über die
mezzosopranistin maria riccarda wesseling. sie ist international tätig, an den
grossen häusern, und jetzt für ein wunschprojekt zu ihren wurzeln
zurückgekehrt, nach graubünden, ans theater chur. der westschweizer komponist
frank martin vertonte mitten im zweiten weltkrieg rainer maria rilkes erzählung
„die weise von liebe und tod des cornets christoph rilke“, jenes buch also, das
in den kriegen tausende von jungen soldaten im tornister trugen, weil es den
nerv traf, ihren nerv, ihre verzweifelte situation zwischen der ersten grossen
liebe und dem dienst fürs vaterland, der nur zu oft tödlich endete. martin
schrieb diese musik für eine tiefe frauenstimme und kammerorchester, eine expressive
und suggestive musik, die die geschichte des jungen fahnenträgers aus der sicht
der zurückgebliebenen frauen erzählt, der mutter, der geliebten, vielleicht der
huren. um diese multi-perspektive zu unterstreichen, gibt regisseur nigel
lowery der sängerin die schauspielerin ursina hartmann zur seite. in einer
absolut nicht zwingenden burgzimmer-szenerie lässt er die beiden in wallenden
weissen kleidern geisterhaft um tisch, falltüre und kerzenständer herumschleichen
wie in einer uralten lucia-di-lammermoor-inszenierung. zu zweit arbeiten sie
sich szenisch ab an den erinnerungen. doch das ereignis ist maria riccarda wesseling,
ist diese stimme: 75 minuten lang singt sie, alle facetten dieser komplexen
musik trifft sie, von der kammerphilharmonie graubünden unter philippe bach
subtil begleitet, sie glüht, sie leidet, sie verzweifelt, sie nimmt uns mit auf
eine reise durch seelenlandschaften. diese frau singt, in der tat, seltenschön.
Mittwoch, 22. Mai 2019
EMMENBRÜCKE: GEDÄCHTNISPALAST
sie
sammelten 200 leere heliomalt-büchsen und dutzende von heiligenbildern und
aufblasbare weltkugeln fürs schwimmbad und ausgestopftes gefieder. sie
sammelten alles, sinnvolles und sinnloses, und türmten es in ihr haus in
küssnacht, vom keller bis unters dach. drei geschwister, aus ärmlichen
verhältnissen, die sich in ein eigenes universum verabschiedet hatten. jetzt
sind sie tot. und ein grosses team um die theaterfrau annette windlin
verfrachtete den wunderlichen kram nach emmenbrücke, in die viscosistadt. in der ehemaligen garnfabrik basteln sie daraus ein gesamtkunstwerk mit dem titel „gedächtnispalast“: 5000 quadratmeter theater, performance, soundexperimente,
kunstinstallationen, gedankensplitter. der besucher wird teils geführt durch
dieses labyrinth der erinnerungen, teils sucht er sich selber seinen weg über
die fünf etagen, lässt sich treiben, irrt umher. es ist ein lustvoller parcours
durch ein raritäten-kabinett. als roten faden hat die autorin martina
clavadetscher rund 60 kurze szenen geschrieben über einen wohlhabenden mann,
eine einfache frau und ihre komplizierte beziehung; man hat sie am ende des
abends kaum alle gesehen, mal blitzt da eine sequenz auf, mal spielen die
profis und laien in einer anderen ecke, mal bekommt man nur noch den schluss
mit, was soll’s? der „gedächtnispalast“ ist ein faszinierendes puzzle und immer
wieder erinnern diese ziemlich schrägen exponate und episoden an eigene erfahrungen,
man sinniert über glück, über heimat, über vergänglichkeit, über suchen und
finden. und man bekommt lust, im eigenen keller zu wühlen. auch wenn der nicht
so zauberhaft eingerichtet und so märchenhaft ausgeleuchtet ist wie der „gedächtnispalast“.
Samstag, 18. Mai 2019
LUZERN: TELL - WIE ES WIRKLICH WAR
„es
galt jetzt, die eigenen waffenknechte abzuhalten von irgendeiner dummheit, wie
sie bewaffneten leicht unterläuft; es braucht wenig, dass bewaffnete sich
bedroht fühlen.“ was für ein kluges und weitsichtiges büchlein max frisch 1971
doch vorgelegt hat mit seinem „wilhelm tell für die schule“. zum glück kramt es
immer mal wieder wer aus der suhrkamp-ecke seiner bücherwand hervor. jetzt zum
beispiel der schauspieler sigi arnold und der musiker beat föllmi (im luzerner
kleintheater und auf anderen zentralschweizer bühnen). arnold spielt einerseits
einen vorleser auf tournee, der frischs tell in die säle und unter die leute
bringt, und anderseits einen hardcore-urner, der das alles träf kommentiert,
bezüge zur heutigen zeit herstellt, sich zum beispiel diebisch freut bei dem
gedanken, dass der teufelsstein für den bau der zweiten gotthardröhre
möglicherweise noch einmal für viel geld umplatziert werden muss, „kein problem
für die steinreichen urner“. föllmi sitzt daneben und liefert aus seiner
gigantischen klangwerk-küche einen ebenso stimmungsvollen wie witzigen
soundtrack zu dieser mythen-exegese: im putzkessel entstehen die wellen des
urnersees, kabelrohre pfeifen den föhn und die nächte in attinghausen sind auch
nicht ohne. es gibt viel zu schmunzeln an diesem abend. trotz dem ernst der
lage. irgendwie hatte frisch ja wohl schon recht: zum apfelschuss kam’s eher
nicht wegen einem sadistischen landvogt, sondern wohl weil tell als hartgesottener stierengrind die situation
eskalieren liess. und dann ein fieser mord aus dem hinterhalt als ausgangspunkt
für die befreiungsgeschichte der schweiz. fragezeichen. ausrufezeichen. der
vorleser sieht jetzt ein wenig zerknittert aus.
Montag, 22. April 2019
LUZERN: ALKESTIS
(kleines jubiläum, dies ist der 500.
post von BRANDER LIVE)
Samstag, 20. April 2019
BERLIN: RUDERN MIT THEODOR FONTANE
zu beginn des grossen theodor-fontane-jahres bringt der theodor-fontane-forscher dieter stolz das werk theodor fontanes in der süddeutschen zeitung auf den punkt: "dass die nie miteinander schlafen, sondern immer an den see fahren müssen, um zu rudern, hat mich schon gestört."
Sonntag, 31. März 2019
BASEL: MADAMA BUTTERFLY
das erfreuliche zuerst: talise
trevigne (butterfly), otar jorjikia (pinkerton), domen krizaj (sharpless) und
kristina stanek (suzuki) verfügen alle über brillante stimmen. das theater
basel hat für puccinis „madama butterfly“ ein sensationelles
ensemble verpflichtet, das in den klangfarben grandios harmoniert. dirigent
antonello allemandi und das sinfonieorchester sind akkurate begleiter, nicht
das schwelgerisch-exotische der musik hervorstreichend, sondern das
zartbittere und herbe. es lässt allerdings wenig gutes erahnen, dass der
russische regisseur vasily barkhatov die butterfly ihre auftrittsarie in ihrem
chicen nagasaki-pavillon hinter einer scheibe singen lässt, smart-glass, das
prompt im falschesten moment in den milchglas-modus kippt und auch den
restlichen abend amok läuft. so arbeitet barkhatov: viel oberflächlicher und
ärgerlicher schnickschnack, wenig gespür für die intentionen des komponisten. pinkerton,
der amerikanische offizier, der sich ein japanisches püppchen aussucht,
schwängert, abreist und sie so zur verzweiflung und in den suizid
treibt, wird zum touri-trottel degradiert, kurze hosen, schuhe auf den tisch,
er äfft die japanischen zeremonien nach und fuchtelt pausenlos mit der selfiestange
durch die gegend. man ist fassungslos und fragt sich, woher da die echte, tiefe zuneigung einer
sensiblen geisha kommen soll. das liebesduett am ende des ersten aktes,
ein höhepunkt der oper, wirkt nach diesem setting nur unglaubwürdig,
sternenhimmel hin oder her. erst gegen ende, wenn pinkerton nach drei jahren samt us-ehefrau zurückkehrt und sein kind abholen will, gelingen einige
wirklich starke bilder: wie schachfiguren bewegen sich die protagonisten in
dieser konfliktsituation, kammerspielartig konzentriert, endlich fern aller klischees
und nahe an der musik. zu spät.
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