Mittwoch, 17. Juli 2019
MÜNCHEN: WOLKEN.HEIM.
elfriede
jelinek schrieb diesen text 1988. „wolken.heim.“ beschäftigt sich mit der
deutschen romantik und damit, wie der deutsche idealismus ungebremst zum
deutschen nationalismus führt. die deutsche seele leidet und kommt nicht zur
ruhe. 1988 liegt 31 jahre zurück, würde man allzu gerne denken, doch dieses
zeitzeugnis ist unvermindert aktuell, jelinek könnte dieses stück auch 2019
geschrieben haben. das macht den abend so beklemmend. regisseur matthias
rippert, so alt wie der text, verteilt diesen im marstall des münchner
residenztheaters auf fünf personen. in einem sterilen grauen und grell
ausgeleuchteten wartesaal arbeiten sich die fünf ausschliesslich grau
gekleideten an jelineks wortmonster ab. ab und zu öffnen sie hinten zwei türen,
dort glüht und lodert es. die hölle? die zukunft? der deutsche wald? angesichts
dieser ungewissheiten versuchen sich die grauen mäuse ihrer identität zu
vergewissern, sehr viel „wir“ lässt da sehr wenig platz für die anderen. „wir
brauchen nur uns.“ oder: „wir haben nicht die einheit ausser uns, wir haben sie
gefunden.“ oder: „der geist ist das bei sich selbst sein. wie wir. wie wir.“
hölderlin und kleist, heidegger und die raf-terroristen haben jelinek material
geliefert – material für all die dummen, all die geifernden, all die
gefährlichen. ob sie einen schuhplattler hinlegen oder blutverschmiert aus dem
krieg heimtorkeln, immer dampft alles von überlegenheit und überheblichkeit.
auch wenn oder gerade weil es, das gelingt der regie und den fünf schauspielern
ganz ausgezeichnet, so beiläufig daherkommt. die dummen biedern sich bei den
geifernden an, die gefährlichen bei den dummen. und ja, es bleibt kein
deutsches phänomen, dieses falsch verstandene wir-gefühl.
Freitag, 5. Juli 2019
GISWIL: GROSSE REINIGUNG
ganz knapp haben wir’s unter das
grosse zelt im gsang bei giswil geschafft. dann entlädt sich ein mordsgewitter.
es prasselt aufs zeltdach, dass man kaum sein gegenüber versteht. mehr prasseln
geht gar nicht. mehr hält das zelt nicht aus. denkt man. und dann knallt wieder
ein donner und es prasselt noch mehr. ein apokalyptischer einstieg in die 14.
ausgabe des volkskulturfests „obwald“.
nach dem aperoplättli ist die atmosphäre rund um den sarnersee keimfrei
gereinigt und pünktlich zum konzertbeginn scheint die sonne in die bäume hinter
der bühne. jetzt beginnt das mazaher ensemble aus ägypten mit der spirituellen
reinigung. wie eine hohepriesterin steht die 68jährige sängerin om sameh auf
der bühne, setzt mit ihrer tiefen stimme, sterotypen tanzschritten und
tranceartigem trommeln zur veränderung unseres bewusstseinszustandes an. die
traditionelle zar-musik will uns mit den geistern und mit uns selbst versöhnen.
wäre da nicht ab und zu ihr schelmisches augenzwinkern in die vordersten
reihen, könnte einen glatt die angst packen vor dieser dunkel-diabolischen
ägypterin. so aber sind wir der inneren harmonie schon wieder einige takte näher
– und bereit für den ersten naturjuiz mit einer obwaldner formation, die genau
so tönt wie sie heisst: heiterluft. das absolute highlight des abends ergibt
sich dann aus der kombination der appenzeller streichmusik vielseitig (fünf
junge mädels) mit dem ägyptischen tarab quintett (fünf ältere herren), die sich
tags zuvor erstmals begegnet sind. beide mit einem hackbrett im zentrum,
beginnen sich die zehn musikalisch subtil zu umgarnen, mal dominiert
nordafrika, mal die ostschweiz, pure spiellust führt zu faszinierenden
klangwelten und einer rasenden standing ovation. gewitter, gesänge,
glücksgefühle – reinigung komplett gelungen.
Samstag, 8. Juni 2019
ZÜRICH: DIE GROSSE GEREIZTHEIT
der
schiffbau des zürcher schauspielhauses ist diesmal eine mit bezaubernden
details aufwartende zauberberg-installation (bravo, thilo reuter): auf den
gerüsten zu drei seiten die betten für die liegekuren, da ein paar
salontischchen mit salontischlämpchen, dort ein weisses tütü in einer badewanne,
neben vielen jesussen auch viele blutflecken an den gekachelten wänden, röntgenbilder,
totenköpfe, bergpanoramen, einer trinkt rotwein aus der urinflasche. „die grosse
gereiztheit“ nennt karin henkel ihre adaption des thomas-mann-stoffes, nach dem
titel des letzten kapitels. sie lässt die zuschauertribüne immer wieder hineinfahren
in diese verhustete, kranke welt. wir sind die zu den heruntergekommenen
hinaufgekommenen und werden gleich gewarnt: „unser fieber ist gekommen um zu
bleiben.“ das fabelhafte ensemble röchelt und schlurft und jodelt und tanzt
durch diese szenerie. so unterhaltsam kann tiefsinniges theater sein. es ist
ein kaleidoskop der dekadenz, des stumpfsinns und der weltflucht, die letzten
tage der menschheit quasi. bezeichnend (und erschreckend), wie diese
sanatoriums-clique immer wieder versucht, das grosse ganze zu denken, über die
richtige demokratie schwafelt und über die richtige zukunft - und doch immer nur
bei der eigenen krankengeschichte landet. hans castorp, in einer viele
möglichkeiten öffnenden doppelbesetzung mit der staunenden carolin conrad und
der unterkühlten lena schwarz, bleibt einer, der diese gesellschaft nicht
verstehen kann und nicht verstehen will. der grosse krieg, der am schluss über
diese kranke welt hereinbricht, wird zum sprechchor, vom ganzen ensemble wie
kanonendonner frontal ins publikum gebrüllt. so kommt auch hans castorp dieser
welt abhanden. aus.
Donnerstag, 6. Juni 2019
GENÈVE: UN BALLO IN MASCHERA
es
ist eine unmögliche, eine verbotene beziehung: der schwedische könig liebt
heimlich eine verheiratete frau, die gattin seines besten freundes. in der
grossen liebesszene im zweiten akt von „un ballo in maschera“ findet giuseppe
verdi für diese dynamik der emotionen leidenschaftliche, schaurige, grandiose
melodien. das ist unbestritten best of verdi, das lässt keinen kalt. irina churilova
und ramón vargas singen sich am grand théâtre genève ebenso harmonisch wie
dramatisch durch dieses wechselbad der gefühle, zwei menschen ganz allein auf
dieser riesigen, fast leeren, dunkel-vernebelten bühne, zwei sänger mit
brillanten stimmen und einer phänomenalen ausstrahlung, sie singen sich
buchstäblich in ekstase, diese liebe elektrisiert den ganzen weiten raum, es sind magische momente. wenn sich
vargas beim musikalischen kulminationspunkt kurz abwendet und eine träne
abwischt, ist nicht ganz klar, ob dies zur rolle gehört oder ob ihn dieser
melodienrausch auch als profi und auch beim x-ten mal immer noch überwältigt.
dieser tenor ist 59 jahre alt, dirigent pinchas steinberg 74, regisseur
giancarlo del monaco 76. man könnte diese neu-inszenierung an der genfer oper
also durchaus als altherren-produktion bezeichnen. man könnte. doch nicht nur
der tenor beweist überzeugend, was gewisse ältere herren noch draufhaben. del monaco
fokussiert präzis auf die tragik der einzelnen figuren; das spiel mit masken,
verkleidungen und verstellungen taucht nicht erst beim finalen, für den könig
tödlichen ball auf, sondern zieht sich als psychologisches grundmotiv durch den
ganzen abend. und steinberg dirigiert das orchestre de la suisse romande
elegant, bisweilen geheimnisvoll, nie zu effekthascherisch. eine sternstunde der oper.
Sonntag, 2. Juni 2019
MÜNCHEN: ADOPTIERTE TIROLER
das publikum meist mittleren alters, sehr urban. auf der bühne junge menschen, ausgesprochen urban. wir sind im münchner volkstheater, das sujet: jodeln. genau genommen: "laut yodeln vol. 2". so heisst das sympathische kleine festival, das die urbanen menschen in scharen anzieht. es bietet eine abenteuerliche reise durch verschiedene jodelwelten von balkan bis bluegrass. natürlich fehlt auch die schweizer crash-jodlerin erika stucky nicht, diesmal zusammen mit fm einheit, dem ehemaligen schlagwerker der einstürzenden neubauten, ein - vorsichtig formuliert - waghalsiges duo. für feinere töne, immer melancholisch, nie kitschig, sorgen "alma" aus wien: zwei geigerinnen, ein geiger, eine kontrabassistin und eine handharmonikaspielerin. sie sehen nicht wie volksmusikantinnen aus, sondern eher wie werbetexterinnen oder influencerinnen, und haben einen beeindruckenden musikalischen horizont. ihre töne und melodien finden sie in den bergen und in den tälern, in der vergangenheit und in der gegenwart, auf der strasse und im kopf. wenn sie dann so lustvoll beseelt zusammen musizieren, ist das erstens lebendige tradition und zweitens wunderschön, für urbane und rurale ohren gleichermassen. zu jedem stück sagen sie was, meist sehr persönliches. zum beispiel, dass der jodel jetzt dann gleich tönen wird wie von einem jungen aus den tiroler bergen, der in die stadt adoptiert wurde. man schliesst die augen, hört's - und wünscht sich mehr adoptierte tiroler jungs.
Samstag, 1. Juni 2019
MÜNCHEN: BEGEHREN
landstrasse, nacht und nebel. „sie“ (hanna
scheibe) ist unterwegs vom wochenendhaus zum supermarkt, da taucht im
scheinwerferkegel ihres autos plötzlich ein mann auf (philip dechamps). das gleiche ist
ihr an der gleichen stelle schon zweimal passiert. er habe eine panne, sagt er,
und nein, er sei noch nie hier gewesen, er lebe weit weg. noch nie hier? dabei hat „sie“ ihn doch…? er redet in rätseln, alles sehr eigenartig,
geheimnisvoll, latent bedrohlich. was will er von ihr? oder will etwa „sie“?
verstört fährt „sie“ zurück zu ihrem gatten (arthur klemt), der reagiert wie
viele gatten nach 15 jahren ehe, erst desinteressiert, dann hilflos. der
katalane josep maria benet i jornet hat mit „begehren“ einen stark vom film
noir inspirierten text geschrieben. und mirjam loibl inszeniert diesen text im
marstall des münchner residenztheaters mit viel sinn für alle kleinen und
grossen effekte. immer wieder diese lichtkegel, immer wieder diese anonymen,
stummen anrufe im wochenendhaus, immer wieder diese beiläufig hingesagten und
doch irgendwie hinterhältigen sätze: „so schlimm ist es doch nicht, vierzig zu
werden.“ oder: „ich bin ein mann wie jeder, man kann mich leicht verwechseln.“
benet i jornet ist ein erfolgreicher telenovela-texter, die dialoge kriegt er
mit leichter hand hin. doch er kann und will mehr: er spielt mit der wahrnehmung seiner
figuren und mit der wahrnehmung des publikums. eine frau (barbara romaner)
taucht auch noch auf in einem kiosk an der landstrasse, der mann scheint sie zu
kennen, sie erzählt von ihrem leben, ihrer grossen liebe, sie will „sie“
anfassen. die beiden begegnen sich am schluss noch einmal, im nebel reicht sie ihr die
hand. dann ist die frau weg und „sie“ hat massiv blut an den fingern. ein
taumel zwischen begehren und abscheu. ein traum nur?
Mittwoch, 29. Mai 2019
CHUR: DIE WEISE VON LIEBE UND TOD
„schade, dass selten so schön
gesungen wird in der oper“, schrieb „der spiegel“ einmal über die
mezzosopranistin maria riccarda wesseling. sie ist international tätig, an den
grossen häusern, und jetzt für ein wunschprojekt zu ihren wurzeln
zurückgekehrt, nach graubünden, ans theater chur. der westschweizer komponist
frank martin vertonte mitten im zweiten weltkrieg rainer maria rilkes erzählung
„die weise von liebe und tod des cornets christoph rilke“, jenes buch also, das
in den kriegen tausende von jungen soldaten im tornister trugen, weil es den
nerv traf, ihren nerv, ihre verzweifelte situation zwischen der ersten grossen
liebe und dem dienst fürs vaterland, der nur zu oft tödlich endete. martin
schrieb diese musik für eine tiefe frauenstimme und kammerorchester, eine expressive
und suggestive musik, die die geschichte des jungen fahnenträgers aus der sicht
der zurückgebliebenen frauen erzählt, der mutter, der geliebten, vielleicht der
huren. um diese multi-perspektive zu unterstreichen, gibt regisseur nigel
lowery der sängerin die schauspielerin ursina hartmann zur seite. in einer
absolut nicht zwingenden burgzimmer-szenerie lässt er die beiden in wallenden
weissen kleidern geisterhaft um tisch, falltüre und kerzenständer herumschleichen
wie in einer uralten lucia-di-lammermoor-inszenierung. zu zweit arbeiten sie
sich szenisch ab an den erinnerungen. doch das ereignis ist maria riccarda wesseling,
ist diese stimme: 75 minuten lang singt sie, alle facetten dieser komplexen
musik trifft sie, von der kammerphilharmonie graubünden unter philippe bach
subtil begleitet, sie glüht, sie leidet, sie verzweifelt, sie nimmt uns mit auf
eine reise durch seelenlandschaften. diese frau singt, in der tat, seltenschön.
Mittwoch, 22. Mai 2019
EMMENBRÜCKE: GEDÄCHTNISPALAST
sie
sammelten 200 leere heliomalt-büchsen und dutzende von heiligenbildern und
aufblasbare weltkugeln fürs schwimmbad und ausgestopftes gefieder. sie
sammelten alles, sinnvolles und sinnloses, und türmten es in ihr haus in
küssnacht, vom keller bis unters dach. drei geschwister, aus ärmlichen
verhältnissen, die sich in ein eigenes universum verabschiedet hatten. jetzt
sind sie tot. und ein grosses team um die theaterfrau annette windlin
verfrachtete den wunderlichen kram nach emmenbrücke, in die viscosistadt. in der ehemaligen garnfabrik basteln sie daraus ein gesamtkunstwerk mit dem titel „gedächtnispalast“: 5000 quadratmeter theater, performance, soundexperimente,
kunstinstallationen, gedankensplitter. der besucher wird teils geführt durch
dieses labyrinth der erinnerungen, teils sucht er sich selber seinen weg über
die fünf etagen, lässt sich treiben, irrt umher. es ist ein lustvoller parcours
durch ein raritäten-kabinett. als roten faden hat die autorin martina
clavadetscher rund 60 kurze szenen geschrieben über einen wohlhabenden mann,
eine einfache frau und ihre komplizierte beziehung; man hat sie am ende des
abends kaum alle gesehen, mal blitzt da eine sequenz auf, mal spielen die
profis und laien in einer anderen ecke, mal bekommt man nur noch den schluss
mit, was soll’s? der „gedächtnispalast“ ist ein faszinierendes puzzle und immer
wieder erinnern diese ziemlich schrägen exponate und episoden an eigene erfahrungen,
man sinniert über glück, über heimat, über vergänglichkeit, über suchen und
finden. und man bekommt lust, im eigenen keller zu wühlen. auch wenn der nicht
so zauberhaft eingerichtet und so märchenhaft ausgeleuchtet ist wie der „gedächtnispalast“.
Samstag, 18. Mai 2019
LUZERN: TELL - WIE ES WIRKLICH WAR
„es
galt jetzt, die eigenen waffenknechte abzuhalten von irgendeiner dummheit, wie
sie bewaffneten leicht unterläuft; es braucht wenig, dass bewaffnete sich
bedroht fühlen.“ was für ein kluges und weitsichtiges büchlein max frisch 1971
doch vorgelegt hat mit seinem „wilhelm tell für die schule“. zum glück kramt es
immer mal wieder wer aus der suhrkamp-ecke seiner bücherwand hervor. jetzt zum
beispiel der schauspieler sigi arnold und der musiker beat föllmi (im luzerner
kleintheater und auf anderen zentralschweizer bühnen). arnold spielt einerseits
einen vorleser auf tournee, der frischs tell in die säle und unter die leute
bringt, und anderseits einen hardcore-urner, der das alles träf kommentiert,
bezüge zur heutigen zeit herstellt, sich zum beispiel diebisch freut bei dem
gedanken, dass der teufelsstein für den bau der zweiten gotthardröhre
möglicherweise noch einmal für viel geld umplatziert werden muss, „kein problem
für die steinreichen urner“. föllmi sitzt daneben und liefert aus seiner
gigantischen klangwerk-küche einen ebenso stimmungsvollen wie witzigen
soundtrack zu dieser mythen-exegese: im putzkessel entstehen die wellen des
urnersees, kabelrohre pfeifen den föhn und die nächte in attinghausen sind auch
nicht ohne. es gibt viel zu schmunzeln an diesem abend. trotz dem ernst der
lage. irgendwie hatte frisch ja wohl schon recht: zum apfelschuss kam’s eher
nicht wegen einem sadistischen landvogt, sondern wohl weil tell als hartgesottener stierengrind die situation
eskalieren liess. und dann ein fieser mord aus dem hinterhalt als ausgangspunkt
für die befreiungsgeschichte der schweiz. fragezeichen. ausrufezeichen. der
vorleser sieht jetzt ein wenig zerknittert aus.
Montag, 22. April 2019
LUZERN: ALKESTIS
(kleines jubiläum, dies ist der 500.
post von BRANDER LIVE)
Samstag, 20. April 2019
BERLIN: RUDERN MIT THEODOR FONTANE
zu beginn des grossen theodor-fontane-jahres bringt der theodor-fontane-forscher dieter stolz das werk theodor fontanes in der süddeutschen zeitung auf den punkt: "dass die nie miteinander schlafen, sondern immer an den see fahren müssen, um zu rudern, hat mich schon gestört."
Sonntag, 31. März 2019
BASEL: MADAMA BUTTERFLY
das erfreuliche zuerst: talise
trevigne (butterfly), otar jorjikia (pinkerton), domen krizaj (sharpless) und
kristina stanek (suzuki) verfügen alle über brillante stimmen. das theater
basel hat für puccinis „madama butterfly“ ein sensationelles
ensemble verpflichtet, das in den klangfarben grandios harmoniert. dirigent
antonello allemandi und das sinfonieorchester sind akkurate begleiter, nicht
das schwelgerisch-exotische der musik hervorstreichend, sondern das
zartbittere und herbe. es lässt allerdings wenig gutes erahnen, dass der
russische regisseur vasily barkhatov die butterfly ihre auftrittsarie in ihrem
chicen nagasaki-pavillon hinter einer scheibe singen lässt, smart-glass, das
prompt im falschesten moment in den milchglas-modus kippt und auch den
restlichen abend amok läuft. so arbeitet barkhatov: viel oberflächlicher und
ärgerlicher schnickschnack, wenig gespür für die intentionen des komponisten. pinkerton,
der amerikanische offizier, der sich ein japanisches püppchen aussucht,
schwängert, abreist und sie so zur verzweiflung und in den suizid
treibt, wird zum touri-trottel degradiert, kurze hosen, schuhe auf den tisch,
er äfft die japanischen zeremonien nach und fuchtelt pausenlos mit der selfiestange
durch die gegend. man ist fassungslos und fragt sich, woher da die echte, tiefe zuneigung einer
sensiblen geisha kommen soll. das liebesduett am ende des ersten aktes,
ein höhepunkt der oper, wirkt nach diesem setting nur unglaubwürdig,
sternenhimmel hin oder her. erst gegen ende, wenn pinkerton nach drei jahren samt us-ehefrau zurückkehrt und sein kind abholen will, gelingen einige
wirklich starke bilder: wie schachfiguren bewegen sich die protagonisten in
dieser konfliktsituation, kammerspielartig konzentriert, endlich fern aller klischees
und nahe an der musik. zu spät.
Montag, 25. März 2019
HAMBURG: NABUCCO, FERNGESTEUERT
seit
august 2017 steht der russische regisseur kirill serebrennikov wegen zum teil
absurden vorhaltungen unter hausarrest. doch er lässt sich von der willkür der
russischen justiz nicht unterkriegen und inszeniert weiter. im
abwesenheitsverfahren. ein akt des widerstands, den serebrennikov mutig und
konsequent durchzieht: die ideen und konzepte aus moskau werden von hin
und her reisenden assistenten und dramaturgen umgesetzt. nach „hänsel und gretel“
in stuttgart und „così fan tutte“ in zürich kam auf diese ungewöhnliche weise jetzt
in hamburg verdis „nabucco“ auf die bühne, zum ersten mal also ein
hochpolitischer stoff. die geschichte der jüdischen gefangenen in assyrien wird
hier ins heute weitergedacht, schauplatz ist der sitzungssaal des
sicherheitsrats der vereinten nationen, einziges traktandum die weltweite
flüchtlingskrise. die macht- und liebesspiele der protagonisten bilden nur das
gerüst (was auch angesichts der sehr unterschiedlichen qualität im ensemble
kein verlust ist), ins zentrum wird dominant das schicksal der migrantinnen und
migranten gerückt, mit news-videos, demonstrationen, led-schlagzeilen und grossformatigen
porträts. das ist teilweise völlig überladen, aber immer ein klares statement.
ganz in schwarz und frontal ins publikum singt der von paolo carignani
dirigierte chor der staatsoper das „va pensiero“, während sich von allen seiten
echte flüchtlinge mit ihren farbigen kleidern und zerfetzten zelten stumm unter
die sängerinnen und sänger mischen und die freiheitshymne später selber
intonieren – eine version des gefangenenchores, die man so schnell nicht
vergessen wird. und zwischen den akten stimmen hana alkourbah und abed harsony
mit seiner oud klagelieder aus syrien an. verdis themen sind auch serebrennikovs themen, so entsteht eine tiefschürfende und unbequeme meditation über heimat,
freiheit und krieg.
Samstag, 23. März 2019
HAMBURG: MIT IVAN KRPAN IN DIE HÖLLE
lächeln ist nicht seine sache. der junge mann trägt einen grauen anzug und wirkt irgendwie steif darin, er blickt ins publikum als ob es ihn blenden würde, nicht sympathien heischend, eher kühl distanziert. der junge mann kommt aus kroatien, ist 21 und heisst ivan krpan. er setzt sich im kleinen saal der elbphilharmonie an den flügel und läuft sich mit zwei beethoven-sonaten warm, hoch konzentriert, hoch virtuos, elegant und warm. und dann langt er richtig hin. mit ferruccio busonis rastloser sonatina seconda, mit "pensée des morts" und "après une lecture de dante" von franz liszt zieht er uns mit in dunkle abgründe, mit seinen gefühlten 40 fingern zielt er, hämmernd und federnd, direkt in die hölle. wer die augen schliesst, muss zur überzeugung gelangen, dass da mindestens sechs klavierberserker oder -innen an mindestens drei flügeln am werk sind. ein junger mann veranstaltet einen akustischen orkan, wild und laut und raumfüllend. nicht mehr kühl distanziert wirkt er jetzt, sondern völlig entfesselt. den namen ivan krpan wird man noch oft hören. beim schlussapplaus lächelt er dann doch noch oder deutet es zumindest an, irgendwie erlöst, der hölle noch einmal ganz knapp entronnen zu sein.
Freitag, 22. März 2019
HAMBURG: DIE STADT DER BLINDEN
ein verlassenes irrenhaus dreht sich auf der riesigen bühne des hamburger schauspielhauses, morbide stimmung, dann werden hier blinde interniert, zunächst nur ein paar wenige, dann immer mehr, die blindheit breitet sich epidemisch aus, also quarantäne, brutal autoritär kontrolliert. josé saramago hat mit "die stadt der blinden" (1995) einen beklemmenden roman geschrieben über eskalation, chaos und den verlust von würde in einer ausnahmesituation. einen essay über die blindheit der herzen. regisseur kay voges macht daraus ein von pessimismus und aggression triefendes theater-video-performance-gesamtkunstwerk mit viel kotze und kacke, ausbeutung und erniedrigung, vergewaltigung und mord. diese menschen ersparen sich in ihrer enge und ihrer verzweiflung gar nichts. frauen lassen sich zu sex erpressen, weil sie und ihre männer sonst nichts mehr zu essen kriegen. die inszenierung ist ein drastisches konzentrat von metaphern für eine kaputte welt. eine bewusst provozierende grenzerfahrung, selbst für geübte theatergänger. saramagos roman besticht auch durch die präzise zeichnung der total unterschiedlichen reaktionen und strategien der einzelnen figuren. diese differenziertheit bringt das enorm geforderte riesenensemble (23 leute!) allen blut- und fäkalexzessen zum trotz hervorragend auf die bühne. die einzige sehende (sandra gerling, herausragend) beginnt in diesem desaster, folgerichtig, zunehmend zu pendeln zwischen retterin und rächerin. theater ist live-kunst und berührt wie keine andere kunstform auch physisch. dieses elend und diese widerwärtigkeiten landen ungebremst im kopf und im bauch. die apokalyptischen bilder brennen sich auf unserer netzhaut ein, nicht nur während der finalen 20-minütigen stroboskop-orgie, sondern weit darüber hinaus. wie blind sind wir in dieser welt?
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