Mittwoch, 17. Juli 2019

MÜNCHEN: WOLKEN.HEIM.

elfriede jelinek schrieb diesen text 1988. „wolken.heim.“ beschäftigt sich mit der deutschen romantik und damit, wie der deutsche idealismus ungebremst zum deutschen nationalismus führt. die deutsche seele leidet und kommt nicht zur ruhe. 1988 liegt 31 jahre zurück, würde man allzu gerne denken, doch dieses zeitzeugnis ist unvermindert aktuell, jelinek könnte dieses stück auch 2019 geschrieben haben. das macht den abend so beklemmend. regisseur matthias rippert, so alt wie der text, verteilt diesen im marstall des münchner residenztheaters auf fünf personen. in einem sterilen grauen und grell ausgeleuchteten wartesaal arbeiten sich die fünf ausschliesslich grau gekleideten an jelineks wortmonster ab. ab und zu öffnen sie hinten zwei türen, dort glüht und lodert es. die hölle? die zukunft? der deutsche wald? angesichts dieser ungewissheiten versuchen sich die grauen mäuse ihrer identität zu vergewissern, sehr viel „wir“ lässt da sehr wenig platz für die anderen. „wir brauchen nur uns.“ oder: „wir haben nicht die einheit ausser uns, wir haben sie gefunden.“ oder: „der geist ist das bei sich selbst sein. wie wir. wie wir.“ hölderlin und kleist, heidegger und die raf-terroristen haben jelinek material geliefert – material für all die dummen, all die geifernden, all die gefährlichen. ob sie einen schuhplattler hinlegen oder blutverschmiert aus dem krieg heimtorkeln, immer dampft alles von überlegenheit und überheblichkeit. auch wenn oder gerade weil es, das gelingt der regie und den fünf schauspielern ganz ausgezeichnet, so beiläufig daherkommt. die dummen biedern sich bei den geifernden an, die gefährlichen bei den dummen. und ja, es bleibt kein deutsches phänomen, dieses falsch verstandene wir-gefühl.

Freitag, 5. Juli 2019

GISWIL: GROSSE REINIGUNG

ganz knapp haben wir’s unter das grosse zelt im gsang bei giswil geschafft. dann entlädt sich ein mordsgewitter. es prasselt aufs zeltdach, dass man kaum sein gegenüber versteht. mehr prasseln geht gar nicht. mehr hält das zelt nicht aus. denkt man. und dann knallt wieder ein donner und es prasselt noch mehr. ein apokalyptischer einstieg in die 14. ausgabe des volkskulturfests „obwald“.  nach dem aperoplättli ist die atmosphäre rund um den sarnersee keimfrei gereinigt und pünktlich zum konzertbeginn scheint die sonne in die bäume hinter der bühne. jetzt beginnt das mazaher ensemble aus ägypten mit der spirituellen reinigung. wie eine hohepriesterin steht die 68jährige sängerin om sameh auf der bühne, setzt mit ihrer tiefen stimme, sterotypen tanzschritten und tranceartigem trommeln zur veränderung unseres bewusstseinszustandes an. die traditionelle zar-musik will uns mit den geistern und mit uns selbst versöhnen. wäre da nicht ab und zu ihr schelmisches augenzwinkern in die vordersten reihen, könnte einen glatt die angst packen vor dieser dunkel-diabolischen ägypterin. so aber sind wir der inneren harmonie schon wieder einige takte näher – und bereit für den ersten naturjuiz mit einer obwaldner formation, die genau so tönt wie sie heisst: heiterluft. das absolute highlight des abends ergibt sich dann aus der kombination der appenzeller streichmusik vielseitig (fünf junge mädels) mit dem ägyptischen tarab quintett (fünf ältere herren), die sich tags zuvor erstmals begegnet sind. beide mit einem hackbrett im zentrum, beginnen sich die zehn musikalisch subtil zu umgarnen, mal dominiert nordafrika, mal die ostschweiz, pure spiellust führt zu faszinierenden klangwelten und einer rasenden standing ovation. gewitter, gesänge, glücksgefühle – reinigung komplett gelungen.  

Samstag, 8. Juni 2019

ZÜRICH: DIE GROSSE GEREIZTHEIT

der schiffbau des zürcher schauspielhauses ist diesmal eine mit bezaubernden details aufwartende zauberberg-installation (bravo, thilo reuter): auf den gerüsten zu drei seiten die betten für die liegekuren, da ein paar salontischchen mit salontischlämpchen, dort ein weisses tütü in einer badewanne, neben vielen jesussen auch viele blutflecken an den gekachelten wänden, röntgenbilder, totenköpfe, bergpanoramen, einer trinkt rotwein aus der urinflasche. „die grosse gereiztheit“ nennt karin henkel ihre adaption des thomas-mann-stoffes, nach dem titel des letzten kapitels. sie lässt die zuschauertribüne immer wieder hineinfahren in diese verhustete, kranke welt. wir sind die zu den heruntergekommenen hinaufgekommenen und werden gleich gewarnt: „unser fieber ist gekommen um zu bleiben.“ das fabelhafte ensemble röchelt und schlurft und jodelt und tanzt durch diese szenerie. so unterhaltsam kann tiefsinniges theater sein. es ist ein kaleidoskop der dekadenz, des stumpfsinns und der weltflucht, die letzten tage der menschheit quasi. bezeichnend (und erschreckend), wie diese sanatoriums-clique immer wieder versucht, das grosse ganze zu denken, über die richtige demokratie schwafelt und über die richtige zukunft - und doch immer nur bei der eigenen krankengeschichte landet. hans castorp, in einer viele möglichkeiten öffnenden doppelbesetzung mit der staunenden carolin conrad und der unterkühlten lena schwarz, bleibt einer, der diese gesellschaft nicht verstehen kann und nicht verstehen will. der grosse krieg, der am schluss über diese kranke welt hereinbricht, wird zum sprechchor, vom ganzen ensemble wie kanonendonner frontal ins publikum gebrüllt. so kommt auch hans castorp dieser welt abhanden. aus.

Donnerstag, 6. Juni 2019

GENÈVE: UN BALLO IN MASCHERA

es ist eine unmögliche, eine verbotene beziehung: der schwedische könig liebt heimlich eine verheiratete frau, die gattin seines besten freundes. in der grossen liebesszene im zweiten akt von „un ballo in maschera“ findet giuseppe verdi für diese dynamik der emotionen leidenschaftliche, schaurige, grandiose melodien. das ist unbestritten best of verdi, das lässt keinen kalt. irina churilova und ramón vargas singen sich am grand théâtre genève ebenso harmonisch wie dramatisch durch dieses wechselbad der gefühle, zwei menschen ganz allein auf dieser riesigen, fast leeren, dunkel-vernebelten bühne, zwei sänger mit brillanten stimmen und einer phänomenalen ausstrahlung, sie singen sich buchstäblich in ekstase, diese liebe elektrisiert den ganzen weiten raum, es sind magische momente. wenn sich vargas beim musikalischen kulminationspunkt kurz abwendet und eine träne abwischt, ist nicht ganz klar, ob dies zur rolle gehört oder ob ihn dieser melodienrausch auch als profi und auch beim x-ten mal immer noch überwältigt. dieser tenor ist 59 jahre alt, dirigent pinchas steinberg 74, regisseur giancarlo del monaco 76. man könnte diese neu-inszenierung an der genfer oper also durchaus als altherren-produktion bezeichnen. man könnte. doch nicht nur der tenor beweist überzeugend, was gewisse ältere herren noch draufhaben. del monaco fokussiert präzis auf die tragik der einzelnen figuren; das spiel mit masken, verkleidungen und verstellungen taucht nicht erst beim finalen, für den könig tödlichen ball auf, sondern zieht sich als psychologisches grundmotiv durch den ganzen abend. und steinberg dirigiert das orchestre de la suisse romande elegant, bisweilen geheimnisvoll, nie zu effekthascherisch. eine sternstunde der oper.

Sonntag, 2. Juni 2019

MÜNCHEN: ADOPTIERTE TIROLER

das publikum meist mittleren alters, sehr urban. auf der bühne junge menschen, ausgesprochen urban. wir sind im münchner volkstheater, das sujet: jodeln. genau genommen: "laut yodeln vol. 2". so heisst das sympathische kleine festival, das die urbanen menschen in scharen anzieht. es bietet eine abenteuerliche reise durch verschiedene jodelwelten von balkan bis bluegrass. natürlich fehlt auch die schweizer crash-jodlerin erika stucky nicht, diesmal zusammen mit fm einheit, dem ehemaligen schlagwerker der einstürzenden neubauten, ein - vorsichtig formuliert - waghalsiges duo. für feinere töne, immer melancholisch, nie kitschig, sorgen "alma" aus wien: zwei geigerinnen, ein geiger, eine kontrabassistin und eine handharmonikaspielerin. sie sehen nicht wie volksmusikantinnen aus, sondern eher wie werbetexterinnen oder influencerinnen, und haben einen beeindruckenden musikalischen horizont. ihre töne und melodien finden sie in den bergen und in den tälern, in der vergangenheit und in der gegenwart, auf der strasse und im kopf. wenn sie dann so lustvoll beseelt zusammen musizieren, ist das erstens lebendige tradition und zweitens wunderschön, für urbane und rurale ohren gleichermassen. zu jedem stück sagen sie was, meist sehr persönliches. zum beispiel, dass der jodel jetzt dann gleich tönen wird wie von einem jungen aus den tiroler bergen, der in die stadt adoptiert wurde. man schliesst die augen, hört's - und wünscht sich mehr adoptierte tiroler jungs.

Samstag, 1. Juni 2019

MÜNCHEN: BEGEHREN

landstrasse, nacht und nebel. „sie“ (hanna scheibe) ist unterwegs vom wochenendhaus zum supermarkt, da taucht im scheinwerferkegel ihres autos plötzlich ein mann auf (philip dechamps). das gleiche ist ihr an der gleichen stelle schon zweimal passiert. er habe eine panne, sagt er, und nein, er sei noch nie hier gewesen, er lebe weit weg. noch nie hier? dabei hat „sie“ ihn doch…? er redet in rätseln, alles sehr eigenartig, geheimnisvoll, latent bedrohlich. was will er von ihr? oder will etwa „sie“? verstört fährt „sie“ zurück zu ihrem gatten (arthur klemt), der reagiert wie viele gatten nach 15 jahren ehe, erst desinteressiert, dann hilflos. der katalane josep maria benet i jornet hat mit „begehren“ einen stark vom film noir inspirierten text geschrieben. und mirjam loibl inszeniert diesen text im marstall des münchner residenztheaters mit viel sinn für alle kleinen und grossen effekte. immer wieder diese lichtkegel, immer wieder diese anonymen, stummen anrufe im wochenendhaus, immer wieder diese beiläufig hingesagten und doch irgendwie hinterhältigen sätze: „so schlimm ist es doch nicht, vierzig zu werden.“ oder: „ich bin ein mann wie jeder, man kann mich leicht verwechseln.“ benet i jornet ist ein erfolgreicher telenovela-texter, die dialoge kriegt er mit leichter hand hin. doch er kann und will mehr: er spielt mit der wahrnehmung seiner figuren und mit der wahrnehmung des publikums. eine frau (barbara romaner) taucht auch noch auf in einem kiosk an der landstrasse, der mann scheint sie zu kennen, sie erzählt von ihrem leben, ihrer grossen liebe, sie will „sie“ anfassen. die beiden begegnen sich am schluss noch einmal, im nebel reicht sie ihr die hand. dann ist die frau weg und „sie“ hat massiv blut an den fingern. ein taumel zwischen begehren und abscheu. ein traum nur?

Mittwoch, 29. Mai 2019

CHUR: DIE WEISE VON LIEBE UND TOD

„schade, dass selten so schön gesungen wird in der oper“, schrieb „der spiegel“ einmal über die mezzosopranistin maria riccarda wesseling. sie ist international tätig, an den grossen häusern, und jetzt für ein wunschprojekt zu ihren wurzeln zurückgekehrt, nach graubünden, ans theater chur. der westschweizer komponist frank martin vertonte mitten im zweiten weltkrieg rainer maria rilkes erzählung „die weise von liebe und tod des cornets christoph rilke“, jenes buch also, das in den kriegen tausende von jungen soldaten im tornister trugen, weil es den nerv traf, ihren nerv, ihre verzweifelte situation zwischen der ersten grossen liebe und dem dienst fürs vaterland, der nur zu oft tödlich endete. martin schrieb diese musik für eine tiefe frauenstimme und kammerorchester, eine expressive und suggestive musik, die die geschichte des jungen fahnenträgers aus der sicht der zurückgebliebenen frauen erzählt, der mutter, der geliebten, vielleicht der huren. um diese multi-perspektive zu unterstreichen, gibt regisseur nigel lowery der sängerin die schauspielerin ursina hartmann zur seite. in einer absolut nicht zwingenden burgzimmer-szenerie lässt er die beiden in wallenden weissen kleidern geisterhaft um tisch, falltüre und kerzenständer herumschleichen wie in einer uralten lucia-di-lammermoor-inszenierung. zu zweit arbeiten sie sich szenisch ab an den erinnerungen. doch das ereignis ist maria riccarda wesseling, ist diese stimme: 75 minuten lang singt sie, alle facetten dieser komplexen musik trifft sie, von der kammerphilharmonie graubünden unter philippe bach subtil begleitet, sie glüht, sie leidet, sie verzweifelt, sie nimmt uns mit auf eine reise durch seelenlandschaften. diese frau singt, in der tat, seltenschön.

Mittwoch, 22. Mai 2019

EMMENBRÜCKE: GEDÄCHTNISPALAST

sie sammelten 200 leere heliomalt-büchsen und dutzende von heiligenbildern und aufblasbare weltkugeln fürs schwimmbad und ausgestopftes gefieder. sie sammelten alles, sinnvolles und sinnloses, und türmten es in ihr haus in küssnacht, vom keller bis unters dach. drei geschwister, aus ärmlichen verhältnissen, die sich in ein eigenes universum verabschiedet hatten. jetzt sind sie tot. und ein grosses team um die theaterfrau annette windlin verfrachtete den wunderlichen kram nach emmenbrücke, in die viscosistadt. in der ehemaligen garnfabrik basteln sie daraus ein gesamtkunstwerk mit dem titel „gedächtnispalast“: 5000 quadratmeter theater, performance, soundexperimente, kunstinstallationen, gedankensplitter. der besucher wird teils geführt durch dieses labyrinth der erinnerungen, teils sucht er sich selber seinen weg über die fünf etagen, lässt sich treiben, irrt umher. es ist ein lustvoller parcours durch ein raritäten-kabinett. als roten faden hat die autorin martina clavadetscher rund 60 kurze szenen geschrieben über einen wohlhabenden mann, eine einfache frau und ihre komplizierte beziehung; man hat sie am ende des abends kaum alle gesehen, mal blitzt da eine sequenz auf, mal spielen die profis und laien in einer anderen ecke, mal bekommt man nur noch den schluss mit, was soll’s? der „gedächtnispalast“ ist ein faszinierendes puzzle und immer wieder erinnern diese ziemlich schrägen exponate und episoden an eigene erfahrungen, man sinniert über glück, über heimat, über vergänglichkeit, über suchen und finden. und man bekommt lust, im eigenen keller zu wühlen. auch wenn der nicht so zauberhaft eingerichtet und so märchenhaft ausgeleuchtet ist wie der „gedächtnispalast“. 

Samstag, 18. Mai 2019

LUZERN: TELL - WIE ES WIRKLICH WAR

„es galt jetzt, die eigenen waffenknechte abzuhalten von irgendeiner dummheit, wie sie bewaffneten leicht unterläuft; es braucht wenig, dass bewaffnete sich bedroht fühlen.“ was für ein kluges und weitsichtiges büchlein max frisch 1971 doch vorgelegt hat mit seinem „wilhelm tell für die schule“. zum glück kramt es immer mal wieder wer aus der suhrkamp-ecke seiner bücherwand hervor. jetzt zum beispiel der schauspieler sigi arnold und der musiker beat föllmi (im luzerner kleintheater und auf anderen zentralschweizer bühnen). arnold spielt einerseits einen vorleser auf tournee, der frischs tell in die säle und unter die leute bringt, und anderseits einen hardcore-urner, der das alles träf kommentiert, bezüge zur heutigen zeit herstellt, sich zum beispiel diebisch freut bei dem gedanken, dass der teufelsstein für den bau der zweiten gotthardröhre möglicherweise noch einmal für viel geld umplatziert werden muss, „kein problem für die steinreichen urner“. föllmi sitzt daneben und liefert aus seiner gigantischen klangwerk-küche einen ebenso stimmungsvollen wie witzigen soundtrack zu dieser mythen-exegese: im putzkessel entstehen die wellen des urnersees, kabelrohre pfeifen den föhn und die nächte in attinghausen sind auch nicht ohne. es gibt viel zu schmunzeln an diesem abend. trotz dem ernst der lage. irgendwie hatte frisch ja wohl schon recht: zum apfelschuss kam’s eher nicht wegen einem sadistischen landvogt, sondern wohl weil tell als hartgesottener stierengrind die situation eskalieren liess. und dann ein fieser mord aus dem hinterhalt als ausgangspunkt für die befreiungsgeschichte der schweiz. fragezeichen. ausrufezeichen. der vorleser sieht jetzt ein wenig zerknittert aus.

Montag, 22. April 2019

LUZERN: ALKESTIS

(kleines jubiläum, dies ist der 500. post von BRANDER LIVE)

„was willst du? lass mich los.“ alkestis liegt bereits auf der bahre. sie opfert sich anstelle ihres gatten admetos, der sterben müsste, weil er artemis ein opfer versagte, aber gerettet werden kann, wenn er jemanden findet, der für ihn in den tod geht. „was willst du? lass mich los.“ sie hat sich entschieden, dem mann zuliebe, für den tod. doch die todgeweihte wird von ihrem gatten bedrängt. er kann nicht loslassen, er will, dass sie lebt, er hält sie fest, ein bizarrer kampf entwickelt sich auf der bahre, sie spricht griechisch, er spricht deutsch, leben und tod umgarnen und umarmen sich. mit „alkestis“ hat euripides weder tragödie noch komödie geschrieben, sondern ein seltsames spiel voller rätsel. in einer surrealen szenerie mit ballsaal-leuchtern, in farbe getauchten nebelschwaden und müden fichten findet das griechische regie-duo angeliki papoulia und christos passalis am luzerner theater poetische, geheimnisvolle und wuchtige bilder zum abschied von einem geliebten menschen, zu schmerz und wut und verzweiflung. den höhepunkt bildet die begräbnisprozession, bei der das publikum alkestis‘ gladiolengeschmückten sarg vor die jesuitenkirche folgt, wo er von einer barke abgeholt wird und zu melancholischen bläsersätzen reussabwärts entschwindet. nach der pause bringt halbgott herakles, der alte sauf- und raufbold, alkestis zurück ins leben. da weicht der bedächtige rhythmus, ein dionysischer spuk entwickelt sich, rote teppiche werden ausgerollt zwischen den fichten, greek pop dröhnt, masken fallen. ist sie es wirklich? lebt sie? gibt es die grenzen zwischen leben und tod nicht mehr? steht hinter jedem tod ein leben, das befreit werden will? totentanz und lebensfest, das passt bestens zu ostern.

Samstag, 20. April 2019

BERLIN: RUDERN MIT THEODOR FONTANE

zu beginn des grossen theodor-fontane-jahres bringt der theodor-fontane-forscher dieter stolz das werk theodor fontanes in der süddeutschen zeitung auf den punkt: "dass die nie miteinander schlafen, sondern immer an den see fahren müssen, um zu rudern, hat mich schon gestört."

Sonntag, 31. März 2019

BASEL: MADAMA BUTTERFLY

das erfreuliche zuerst: talise trevigne (butterfly), otar jorjikia (pinkerton), domen krizaj (sharpless) und kristina stanek (suzuki) verfügen alle über brillante stimmen. das theater basel hat für puccinis „madama butterfly“ ein sensationelles ensemble verpflichtet, das in den klangfarben grandios harmoniert. dirigent antonello allemandi und das sinfonieorchester sind akkurate begleiter, nicht das schwelgerisch-exotische der musik hervorstreichend, sondern das zartbittere und herbe. es lässt allerdings wenig gutes erahnen, dass der russische regisseur vasily barkhatov die butterfly ihre auftrittsarie in ihrem chicen nagasaki-pavillon hinter einer scheibe singen lässt, smart-glass, das prompt im falschesten moment in den milchglas-modus kippt und auch den restlichen abend amok läuft. so arbeitet barkhatov: viel oberflächlicher und ärgerlicher schnickschnack, wenig gespür für die intentionen des komponisten. pinkerton, der amerikanische offizier, der sich ein japanisches püppchen aussucht, schwängert, abreist und sie so zur verzweiflung und in den suizid treibt, wird zum touri-trottel degradiert, kurze hosen, schuhe auf den tisch, er äfft die japanischen zeremonien nach und fuchtelt pausenlos mit der selfiestange durch die gegend. man ist fassungslos und fragt sich, woher da die echte, tiefe zuneigung einer sensiblen geisha kommen soll. das liebesduett am ende des ersten aktes, ein höhepunkt der oper, wirkt nach diesem setting nur unglaubwürdig, sternenhimmel hin oder her. erst gegen ende, wenn pinkerton nach drei jahren samt us-ehefrau zurückkehrt und sein kind abholen will, gelingen einige wirklich starke bilder: wie schachfiguren bewegen sich die protagonisten in dieser konfliktsituation, kammerspielartig konzentriert, endlich fern aller klischees und nahe an der musik. zu spät.

Montag, 25. März 2019

HAMBURG: NABUCCO, FERNGESTEUERT

seit august 2017 steht der russische regisseur kirill serebrennikov wegen zum teil absurden vorhaltungen unter hausarrest. doch er lässt sich von der willkür der russischen justiz nicht unterkriegen und inszeniert weiter. im abwesenheitsverfahren. ein akt des widerstands, den serebrennikov mutig und konsequent durchzieht: die ideen und konzepte aus moskau werden von hin und her reisenden assistenten und dramaturgen umgesetzt. nach „hänsel und gretel“ in stuttgart und „così fan tutte“ in zürich kam auf diese ungewöhnliche weise jetzt in hamburg verdis „nabucco“ auf die bühne, zum ersten mal also ein hochpolitischer stoff. die geschichte der jüdischen gefangenen in assyrien wird hier ins heute weitergedacht, schauplatz ist der sitzungssaal des sicherheitsrats der vereinten nationen, einziges traktandum die weltweite flüchtlingskrise. die macht- und liebesspiele der protagonisten bilden nur das gerüst (was auch angesichts der sehr unterschiedlichen qualität im ensemble kein verlust ist), ins zentrum wird dominant das schicksal der migrantinnen und migranten gerückt, mit news-videos, demonstrationen, led-schlagzeilen und grossformatigen porträts. das ist teilweise völlig überladen, aber immer ein klares statement. ganz in schwarz und frontal ins publikum singt der von paolo carignani dirigierte chor der staatsoper das „va pensiero“, während sich von allen seiten echte flüchtlinge mit ihren farbigen kleidern und zerfetzten zelten stumm unter die sängerinnen und sänger mischen und die freiheitshymne später selber intonieren – eine version des gefangenenchores, die man so schnell nicht vergessen wird. und zwischen den akten stimmen hana alkourbah und abed harsony mit seiner oud klagelieder aus syrien an. verdis themen sind auch serebrennikovs themen, so entsteht eine tiefschürfende und unbequeme meditation über heimat, freiheit und krieg. 

Samstag, 23. März 2019

HAMBURG: MIT IVAN KRPAN IN DIE HÖLLE

lächeln ist nicht seine sache. der junge mann trägt einen grauen anzug und wirkt irgendwie steif darin, er blickt ins publikum als ob es ihn blenden würde, nicht sympathien heischend, eher kühl distanziert. der junge mann kommt aus kroatien, ist 21 und heisst ivan krpan. er setzt sich im kleinen saal der elbphilharmonie an den flügel und läuft sich mit zwei beethoven-sonaten warm, hoch konzentriert, hoch virtuos, elegant und warm. und dann langt er richtig hin. mit ferruccio busonis rastloser sonatina seconda, mit "pensée des morts" und "après une lecture de dante" von franz liszt zieht er uns mit in dunkle abgründe, mit seinen gefühlten 40 fingern zielt er, hämmernd und federnd, direkt in die hölle. wer die augen schliesst, muss zur überzeugung gelangen, dass da mindestens sechs klavierberserker oder -innen an mindestens drei flügeln am werk sind. ein junger mann veranstaltet einen akustischen orkan, wild und laut und raumfüllend. nicht mehr kühl distanziert wirkt er jetzt, sondern völlig entfesselt. den namen ivan krpan wird man noch oft hören. beim schlussapplaus lächelt er dann doch noch oder deutet es zumindest an, irgendwie erlöst, der hölle noch einmal ganz knapp entronnen zu sein.

Freitag, 22. März 2019

HAMBURG: DIE STADT DER BLINDEN

ein verlassenes irrenhaus dreht sich auf der riesigen bühne des hamburger schauspielhauses, morbide stimmung, dann werden hier blinde interniert, zunächst nur ein paar wenige, dann immer mehr, die blindheit breitet sich epidemisch aus, also quarantäne, brutal autoritär kontrolliert. josé saramago hat mit "die stadt der blinden" (1995) einen beklemmenden roman geschrieben über eskalation, chaos und den verlust von würde in einer ausnahmesituation. einen essay über die blindheit der herzen. regisseur kay voges macht daraus ein von pessimismus und aggression triefendes theater-video-performance-gesamtkunstwerk mit viel kotze und kacke, ausbeutung und erniedrigung, vergewaltigung und mord. diese menschen ersparen sich in ihrer enge und ihrer verzweiflung gar nichts. frauen lassen sich zu sex erpressen, weil sie und ihre männer sonst nichts mehr zu essen kriegen. die inszenierung ist ein drastisches konzentrat von metaphern für eine kaputte welt. eine bewusst provozierende grenzerfahrung, selbst für geübte theatergänger. saramagos roman besticht auch durch die präzise zeichnung der total unterschiedlichen reaktionen und strategien der einzelnen figuren. diese differenziertheit bringt das enorm geforderte riesenensemble (23 leute!) allen blut- und fäkalexzessen zum trotz hervorragend auf die bühne. die einzige sehende (sandra gerling, herausragend) beginnt in diesem desaster, folgerichtig, zunehmend zu pendeln zwischen retterin und rächerin. theater ist live-kunst und berührt wie keine andere kunstform auch physisch. dieses elend und diese widerwärtigkeiten landen ungebremst im kopf und im bauch. die apokalyptischen bilder brennen sich auf unserer netzhaut ein, nicht nur während der finalen 20-minütigen stroboskop-orgie, sondern weit darüber hinaus. wie blind sind wir in dieser welt?