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Samstag, 27. September 2025

ZÜRICH: DIE STILLE

minutenlang tappen sie wortlos im halbdunkeln, vier menschen, zu diffusem rauschen unsicher einen fuss vor den anderen setzend, wie in zeitlupe, ängstlich um sich blickend die einen, völlig in sich gekehrt die anderen, taumelnd, zögernd, sich windend. diese eigenartige, sehr lange marche funèbre ist die intensivste sequenz von „die stille“, mit der das theater neumarkt die neue saison eröffnet. die 27jährige regisseurin paula lynn breuer lässt den text von guillaume poix („le silence“) zwischen schauspiel und butoh-performance schweben: drei menschen trauern, der vierte (ein autor? ein reporter? ein voyeur?) beobachtet und filmt sie dabei, oft distanzlos. trauer ist verzweiflung und abschied und wut, ist erinnern und verdrängen, auch mal befreiendes lachen. szenen werden mehrfach wiederholt, die gefühle ändern sich, oft radikal, jede und jeder trauert anders, trauer macht einsam: „es ist eine existenzielle sackgasse. man findet schwer aus der stille wieder hinaus.“ die trauernden sitzen im sand, wo das unglück geschah, spielen und schweigen, erinnern sich an küsse, an schuhe, an haare an der bürste. sie trauern um ein kind, es könnte auch ein partner oder eine freundin sein oder ein bevorstehender, unausweichlicher tod - das stück öffnet dem publikum viele richtungen. man schweift ab in eigene erfahrungen von trauer und loslassen und blickt dann wieder in diese versteinerten, leergeheulten, deprimierten, erschöpften gesichter, schaut diesen menschen zu, wie sie die bilder in ihrem kopf und die gedanken zu ordnen versuchen. rachel braunschweig, hanna eichel, martin butzke und till schaffnit bewegen sich mit beklemmender präsenz an der grenze zwischen leben und tod. starkes neues ensemble, neuer intendant, neue handschriften, alles neu am neumarkt. der auftakt mit dieser poetisch-dichten reflexion ist geglückt, man darf auf alles weitere gespannt sein.

Mittwoch, 20. August 2025

MÜNCHEN: FÜNF FREUNDE

da muss die post abgegangen sein: fünf freunde in den usa, allesamt künstler, allesamt auf der intensiven suche nach neuen ausdrucksformen, fanden mitte des vergangenen jahrhunderts in unterschiedlichen und immer wieder neuen konstellationen zusammen, inspirierten sich, arbeiteten gemeinsam, feierten und stritten gemeinsam, pflegten sowohl ihre freundschaft wie ihre konkurrenz. das museum brandhorst widmet diesen kunst-kumpels jetzt die ausstellung „fünf freunde“. mit über 180 exponaten – musik, bilder, kostüme, objekte – bietet sie einen faszinierenden eindruck, wie sehr der austausch bewegter, suchender, offener geister schöpferische energien freisetzen kann und wie stark dieser künstlerkreis die entwicklung der modernen kunst prägte. wer sind die fünf? neben dem maler cy twombly (1928-2011), dessen werk im brandhorst seit jahren permanent und aufs schönste präsentiert wird, gehören dazu der musiker und theoretiker john cage (1912-1992), der tänzer und choreograf merce cunningham (1919-2009) sowie die maler und bildhauer robert rauschenberg (1925-2008) und jasper johns (*1930). die aktivste periode dieses interdisziplinären kraftwerks fiel ab 1950 zusammen mit der von der amerikanischen regierung eingeleiteten hetzjagd gegen andersdenkende. die kunst der fünf arbeitete sich in der folge ab an macht und unterdrückung, ein auflehnen gegen die zustände, eine konsequente und kreative widerständigkeit. die radikalsten werke aus dieser zeit sind auch die bekanntesten und dominieren gleich den ersten saal: cages musikstück 4´33“ (vier minuten und 33 sekunden stille) und die white paintings von rauschenberg/twombly (leinwände mit nichts als weisser farbe). stille. nichts. wirken lassen. selber denken.

Donnerstag, 6. April 2023

RIEHEN: PALIMPSEST

hiwet bekit, elaha azizi, yusuf hasso, rehan kurdi, aisha alsaho, beren hussein, haidar abbas, noman safi, malika ahmadi, mayar lababidi, ahlan burhan….. namen, viele namen, 171 sind es insgesamt. es sind die namen von migrantinnen und migranten, die auf der suche nach einem besseren leben in europa bei der überquerung des meeres ertrunken sind. diese namen stehen auf 66 sandfarbenen bodenplatten, die den turnhallengrossen raum in der fondation beyeler in riehen vollständig bedecken. die installation „palimpsest“ der kolumbianischen künstlerin doris salcedo ist ein eindrückliches mahnmal gegen gewalt und gegen das vergessen. man kann auf diesen platten umhergehen wie auf einem riesigen gräberfeld, die namen lesen, innehalten, diesen unbekannten menschen stille gedanken widmen. die namen sind teils mit feinem sand von der unterlage farblich abgesetzt, teils scheinen sie sich wie aus wassertropfen zusammenzufügen, die dann wieder versickern. die künstlerin nimmt damit den kreislauf von einschreibung und auslöschung auf, deshalb „palimpsest“, wie die alten schriftrollen, die durch schaben oder waschen gereinigt und dann neu beschrieben wurden. weitere menschen werden das gleiche schicksal erleiden, das unerhörte wiederholt sich, weitere namen werden dazu kommen, die spuren anderer werden sich verlieren. man geht und steht und ist bedrückt von der endlosen und sinnlosen leere, die diesen riesigen raum füllt: hinter den 171 namen stehen 171 geschichten, die wir nicht kennen, von denen wir nur wissen, dass sie zu früh und grausam zu ende gegangen sind.

Samstag, 10. Oktober 2020

MÜNCHEN: HABITAT (PANDEMIC VERSION)

nach 45 minuten die erste umarmung. herzlich und heftig. und dann noch eine und noch eine. nach 45 minuten erst und von kopf bis fuss eingepackt in einen plastikanzug. zuvor sind die sieben tänzerinnen und die fünf tänzer alle nackt in der grossen halle. nackt, mit schutzmaske, jede und jeder für sich allein. das publikum – coronabedingt ganze 32 – sitzt im zwei-meter-abstand den vier wänden entlang. „habitat (pandemic version)“ nennt die österreichische choreografin doris uhlich diese laborsituation, dieses quadrat, auf dem sie mit ihrem ensemble nach neuen formen der bewegung und begegnung sucht, nach kollektiver energie: in absoluter stille winden sich die zwölf schamfrei am boden, sie leiden, sie kriechen, sie wahren die distanz und wirken oft wie gefangen in ihren körpern, schlagen ihre schenkel auf den holzboden, um dann plötzlich zu harten techno-beats ihre sämtlichen glieder und weichteile wild zu schütteln, wie unter strom, zu schwitzen und zu strampeln, die einen ganz und gar lustvoll, andere mechanisch wie roboter. ja, das hat energie, viel energie – doch der dominante eindruck bleibt die verletzlichkeit und die verlorenheit dieser körper in dieser welt, in diesem grossen raum im probengebäude der münchner kammerspiele. der hiess mal spielhalle, dann kammer 2 und die neue intendantin barbara mundel hat ihn jetzt in therese-giehse-halle umbenannt, weil sie die weibliche tradition der kammerspiele verstärkt in den fokus rücken will. „ich bin auch ein sehr verschiedener mensch“, sagte therese giehse – oder: „von mir aus können wir auch ganz anders.“ passt. passt bestens zu diesem habitat: den eigenen körper intensiver wahrnehmen, wenn man die anderen nicht mehr spüren darf, kann ja durchaus ein gewinn sein. bin auch ich ein sehr verschiedener mensch?

Sonntag, 20. November 2022

MÜNCHEN: DIE GROSSE STILLE AM #FSFMUC

als wollten sie der zunehmend komplexen und krisenanfälligen welt etwas entgegensetzen: viele der rund 50 filme, die im rahmen des 41. filmschoolfests munich (#fsfmuc) gezeigt wurden, zeichnen sich durch eine geradezu grossflächige ruhe aus. der filmnachwuchs in aller welt arbeitet mit unaufgeregter kameraführung, langen einstellungen, unspektakulären schnitten, wenigen worten, grosser ernsthaftigkeit. die geschichten, die sie erzählen, wirken dadurch umso stärker, umso intensiver. die hauptfiguren sind oft opfer angespannter politischer verhältnisse (algerien, somalia, iran, grönland) oder unter verstrickten beziehungen leidende (übergriffe, generationen-clash, end of love). sehr oft gelingt den jungfilmerinnen und jungfilmern eine eindrückliche synthese von gesellschaftlicher relevanz und filmischer poesie. „and the winner is…“: die festivaljury hat sich für den stillsten aller stillen filme entschieden. der mit 10‘000 euro dotierte young talent award des filmschoolfests geht an younès ben slimane (tunesien/frankreich) für „we knew how beautiful they were, these islands“. 20 minuten stille, 20 minuten dunkelheit, ein mann beerdigt in einer nächtlichen wüste würdevoll ihm unbekannte menschen. die persönlichen gegenstände der verstorbenen tauchen kurz auf im licht seiner stirnlampe, flüchtige erinnerungen an menschen, die unterwegs zu einem besseren leben den tod fanden. film als zeitzeugnis und meditation.

Samstag, 7. Juli 2012

GISWIL: VON MÖNCHEN UND MATRATZEN

zur ersten begegnung mit den buddhistischen mönchen aus bhutan, die erstmals ihre klösterliche heimat verliessen und dieses jahr die hauptattraktion sind beim volkskulturfest obwald, kommt es bei einem sonst meist leeren bettengeschäft an der brünigstrasse in giswil. durch die riesigen schaufenster sehen wir die mönche in ihren rot-orangen gewändern im laden herumwieseln, überall die härte von schweizer matratzen und die qualität hiesiger lammfelle testend. ganz offenkundig wollen sie wissen, wie sich glück im westen anfühlt. die zweite begegnung dann auf der hotelterrasse, wo sie herzlich lachen und freundlich grüssen. sie haben den kulturschock überlebt. am abend, unter dem riesigen obwald-zeltdach, nach urnäscher zäuerli und sachsler betruf, sind die zwölf männer wieder ganz im fernen osten und bei sich: zu zwölft sitzen sie auf der breiten bühne in einer reihe nebeneinander und stimmen mit monotoner miene ihre monotonen gebete und gesänge an, ein rituelles gurgeln und röhren, das von tiefen religiösen gefühlen zeugt und auch solche wecken kann. dass martin hess diese mutige programmierung gewagt hat, ist erfreulich. und höchst erfreulich auch, wie alle zuschauerinnen und zuschauer, auch wenn sie musikalisch den zugang nicht finden, sich voller andacht oder stille auf diese meditative stunde einlassen. obwald ist ein festival, wo nicht die show zählt, sondern die authentizität. das sind grosse momente.   

Freitag, 18. August 2017

MÜNCHEN: THOMAS STRUTH, FIGURE GROUND

in den neunziger jahren erhielt der deutsche fotograf thomas struth (*1954) vom damaligen direktor des kunstmuseums winterthur die einladung, 37 neue zimmer am dortigen spital mit bildern auszustatten. struth streifte durch die ländliche gegend um winterthur, fotografierte wege auf hügeln, wege am waldrand, wege durch wiesen, nicht an grellen sommertagen, sondern wohl eher an milden frühlingsmorgen, an morgen voller melancholisch-weicher poesie. die grossformatigen bilder, die gegenüber dem krankenbett installiert wurden, zeigen die heimat der patientinnen und patienten und vor allem strahlen sie eine grosse ruhe, ja eine absolute stille aus. übers kopfende des bettes hängte struth jeweils die nahaufnahme einer pflanze, zart, verletzlich, eine metapher für die situation des patienten. diese serie mit dem titel „löwenzahnzimmer“ füllt im münchner haus der kunst jetzt den zwölften und letzten raum der umfassenden struth-schau „figure ground“. sie zeigt beispielhaft, wie sich dieser künstler als sozialer künstler versteht, der sich zunächst ausgiebig in eine situation einfühlt, und sie zeigt, wie er in ganzen werkgruppen denkt und arbeitet. weitere beispiele in der ausstellung sind familienporträts rund um den globus, high-tech in internationalen forschungslaboren, menschen in museen, unbewusste strassen in unbewussten orten. anders als andere mitglieder der berühmten düsseldorfer fotoschule bearbeitet thomas struth sein material nicht digital, die wirkung geht so ganz vom moment der aufnahme aus, vom unmittelbaren. bewegung in die oft ausgesprochen statischen bilder bringt die betrachterin und der betrachter. der fotograf macht sie zu komplizen.

Sonntag, 4. Dezember 2011

ROMOOS: DIE KINDER VOM NAPF

laura erzählt, dass ihre familie einen der hunde auf dem hof verkaufen musste, weil er immer ihr grosi beissen wollte. man spürt, dass das keine einfache geschichte war und dass es keine schöne geschichte ist für laura. laura ist eines von 50 schulkindern in romoos, die die luzerner filmemacherin alice schmid quer durch die jahreszeiten begleitet und beobachtet hat. sie zeigt uns „die kinder vom napf“ auf dem schulweg, beim heuen und beim mausen, in der bibliothek, beim guetzle und beim trachtenabend. die grosse stärke dieser filmemacherin ist ihre geduld: sie lässt diesen kindern zeit, nimmt ihren rhythmus auf, hält pausen und stille aus – und wird dafür anschliessend immer wieder durch aussergewöhnliche momente und geschichten belohnt: ein mädchen zum beispiel, das mitten auf der wiese eine karate-kür hinlegt, nur für sich und die erstaunten kühe nebenan. oder drei, die auf einem baumstamm sitzen und über vor- und nachteile von lügen diskutieren. die mädchen und buben vom napf sind alltagsphilosophen und sie sind absolut herzerfrischend. romoos liegt keine 30 kilometer von luzern entfernt, aber diese kinderschar entführt uns in eine andere welt – keine andere zeit, aber eine andere welt. einmal müssen sie in der schule phantasieren, was sie machen würden, wenn sie im nächsten jahr regieren könnten. jannic sagt: „ich würde es das ganze jahr schneien lassen oder ein red bull trinken oder alles gott machen lassen.“ in romoos gibt es echte alternativen. und es gibt einen weiten horizont.

Donnerstag, 26. Juni 2025

SACHSELN: МИР – ХУДОЖНЯ ВИСТАВКА

das haus der orgel- und kammermusik in dnipro in der ukraine ist ein bijou. es befindet sich in der ehemaligen orthodoxen st.nikolaikirche mit ihren verspielten kuppeln, säulen, goldenen zwiebeltürmchen. falsch: dieses haus war ein bijou, die russen haben es 2022 zerbombt. mit präzisen, hübschen kugelschreiber-zeichnungen hat daria lutsyshyna eine ganze reihe solcher ukrainischer kulturstätten festgehalten, die es unterdessen nicht mehr gibt. sie sind jetzt – zusammen mit den werken von 18 weiteren künstlerinnen und künstlern – im museum bruder klaus in sachseln zu sehen. über ihre zeichnungen lässt lutsyshyna per videoprojektion zivilflugzeuge fliegen, eine eindrückliche installation: erinnerungsarbeit und gleichzeitig hoffnung, denn die zivilflugzeuge sind ein symbol für frieden, da sie nur in einem sicheren luftraum fliegen dürfen. „frieden – мир – художня виставка“ heisst die ausstellung, in der sich die ukrainischen künstlerinnen und künstler dem thema ganz unterschiedlich nähern. frieden? das wort löst ambivalente gefühle aus: einige haben es in früheren zeiten als von oben verordnete ruhe erlebt, stummschaltung abweichender meinungen; für andere ist es ein politisches konzept, das der utopie näher ist als der realität; wieder andere sehnen sich einfach nach stille, nach erholung von diesen unmenschlichen strapazen, nach spiritualität und innerer stärke. und immer wieder dringt die sorge durch, dass hier nicht nur sinnlos menschen sterben und quartiere zerstört werden, sondern dass irgendwann in der erschöpfung die nationale und reiche kulturelle identität der ukraine verloren geht. dieses ende wäre die tragischte form von frieden. der besuch dieser ergreifenden ausstellung ist ein zeichen der solidarität.

Freitag, 9. Februar 2018

AMSTERDAM: JESPER JUST

ein schwarzer mann marschiert kilometerweit durch ein abweisendes niemandsland, verdorrte wiesen, feuchte gruben, dreckige wege, darüber ein schleier aus staub oder smog. immer wieder zweigt er ab, doch die szenerie ändert sich nicht. bis irgendwo in der ferne der boulevard haussmann und der eiffelturm auftauchen. zwei andere jungs aus afrika fahren mit dem roller endlos durch diesen boulevard, er ist menschenleer, ein riesiger boulevard, aber menschenleer. die jungs wirken verloren darin und beginnen während der tour lieder aus ihrer heimat zu summen, der hinten klammert sich fast zärtlich an den vorne. wir sind nicht in paris, sondern in hangzhou. das heisst: wir sehen menschen aus afrika in einer stadt in china, die eine stadt in europa imitiert. identität, minderheiten, wünsche – das sind die grossen themen, mit denen sich der dänische künstler jesper just (1974)  in seinen filmischen installationen beschäftigt, die jetzt im filmmuseum eye in amsterdam umfassend präsentiert werden. „intercourses“, der essay aus hangzhou, wird in zwei grosszügigen räumen auf vier zum teil gebrochene wände projiziert: eine poetische, groteske, unbequeme meditation. wo ist die heimat dieser menschen, wo gehören sie hin? einer tastet mit seinen fingern behutsam die steine in dem nachgebauten boulevard haussmann ab, einer legt sein ohr an die wände; vielleicht suchen sie nach wärme in dieser kalten welt, vielleicht hoffen sie in der stille stimmen oder klänge aus afrika zu hören, vielleicht finden sie in dieser unwirtlichen umgebung einen ort für ihre tränen.

Mittwoch, 23. September 2020

POLLING: STOA169, EIN TEMPEL DER INSPIRATION

fuchs und hase werden üblicherweise zitiert, wenn es solche orte zu beschreiben gilt: ein umwaldetes acker- und wiesland im nirgendwo zwischen dem oberbayrischen polling und der ammer, eine grüne insel der stille, eine idylle. inspiriert von hindu-heiligtümern realisiert der künstler bernd zimmer hier einen alten, tiefen traum. die stoa169 ist eine offene (und immer zugängliche) säulenhalle, für die künstlerinnen und künstler aus der ganzen welt je eine säule gestaltet haben, gut vier meter hoch und mit vier metern abstand zu den nächsten. 13 mal 13 säulen waren ursprünglich geplant (deshalb stoa169), 9 mal 9 waren es jetzt bei der eröffnung, 11 mal 11 sollen es nächstes jahr sein, auf 1600 quadratmetern. die säule, die der appenzeller roman signer beigetragen hat, ist ein aufgestelltes kajak. daneben eine säule mit hunderten von namen, eine aus aluminium-küchengeschirr, eine aus lauter kuh-kniegelenken, die in kirgisien als spielsteine dienen, eine klangsäule von kunststudentinnen, eine mit papst-comics, ein verkohlter baumstamm, eine von einem superman-cape verhüllt, das an nazi-banner erinnert. für alle gilt, was katharina sieverding auf ihre säule gemalt hat: „jede erklärung ist eine hypothese.“ als ensemble ergeben diese hypothesen ein überaus vielfältiges und sinnliches abbild der welt. wer hier wandelt, wird aufs lustvollste inspiriert. ein „zeichen von grenzenlosigkeit, friedlicher koexistenz und der achtung der freiheit des anderen“ schwebte dem initianten vor. entstanden ist ein ort mit einer phänomenalen ausstrahlung, ein farbiges wunderwerk. kein kiosk stört, keine bar, bloss ein paar baumstämme liegen da, auf die man sich vor der halle setzen kann. die stoa169 in polling ist eine einladung zur meditation, ein moderner kraftort.

Sonntag, 28. Juli 2013

MÜNCHEN: REQUIEM UNTERM STERNENHIMMEL

es beginnt zur heure bleue. die leute legen ihre badetücher, wolldecken und sitzkissen aus, drappieren ihre picknickkörbe, futtern knackwurst und tomatensalat aus plastikbehältern, suchen verzweifelt ihre brillen oder vergnügen sich mit ihrem iphone. es sind tausende. der stattliche max-joseph-platz vor der staatsoper und der residenz in münchen präsentiert sich an diesem abend wie ein stark überbuchtes strandbad. „oper für alle“ heisst das happening, bmw zahlt. und jetzt giuseppe verdis „messa da requiem“? totenmesse, hier und jetzt? geht nicht! geht doch: kaum erklingt, pianissimo, der erste ton, legt sich eine grosse andacht über die szenerie, und sie hält an, die ganzen 85 requiem-minuten lang. es liegt nicht nur am dirigenten zubin mehta (den die „süddeutsche zeitung“ gerade eben als „gefühlsüberschwangentfacher“ bezeichnete) – es ist die musik, die auch dieses wunder schafft: alt und jung in meditative stille gebeamt. wie ekaterina gubanova und rené pape das „lacrimosa“ in die nacht hinaus mehr beten als singen, das geht tatsächlich tief, selbst in dieser open-air-kulisse. und zum schluss das hoffnungsfrohe „libera me“, der wunsch, von allen qualen befreit zu werden, unter dem sternenklaren nachthimmel. was will man mehr?

Samstag, 13. Juni 2015

MÜNCHEN: HOPPLA, WIR STERBEN!

kriegsähnliche zustände sollen jeweils herrschen bei louis vuitton in münchen, wenn arabische kundinnen nur drei taschen kaufen dürfen pro person, obwohl sie gerne zehn hätten. beschluss der geschäftsleitung. kriegsähnliche zustände, sagt zmarak, der bei louis vuitton gearbeitet hat, im neuen stück von arnon grünberg. der niederländische autor hat sich für „hoppla, wir sterben!“ während mehreren monaten von den menschen in dieser stadt, den eingeborenen und den zugereisten, den auffälligen und den unauffälligen, inspirieren lassen zu einem subtilen text über identität und internationalität. den roten faden liefert ein abwesender, oberstleutnant fuchs, der in afghanistan verschwunden ist. frau fuchs redet über ihn und frau merkel, ein beinloser und ein interkultureller berater, passanten in allen varianten. die stadt, die sie verbindet, ist in der inszenierung von johan simons ein gigantisches, zwei stunden lang loderndes lagerfeuer. hier treffen sie sich oder auch nicht, hier reden sie miteinander oder für sich. „identität ist ein aufrichtiges spiel mit dem anderen.“ aufrichtig und unspektakulär spielen sie sich durch grünbergs text - 19 szenen, die zeigen, wie die globalisierung jeden trifft und jeden anders. es ist johan simons‘ letzte inszenierung als intendant der münchner kammerspiele: kein knaller, sondern eine sorgfältige, stille meditation. die offenheit für andere menschen, andere ideen, andere argumente, die hier während fünf jahren programm war, sie bekommt noch einmal ihren platz.

Samstag, 6. Juli 2013

LUZERN: SEITE 133

wenn ich in einer buchhandlung rumstöbere und nicht sicher bin, ob ich ein buch kaufen soll oder nicht, dann schlage ich immer seite 133 auf. es ist die entscheidende seite. „hoch über dieser stille, über der welt, über zwei verfeindeten städten, rabat und salé, und ein paar rätselhaften ruinen, hingen khalid und ich, jeder für sich, unseren träumen nach.“ (abdellah taïa, der tag des königs, s.133) - „es ist nichts los, schon lange kein krieg mehr, die internationale verwaltung hat alles verboten, was die menschen in dieser gegend aufregend finden, und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als katzen zu überfahren.“ (miljenko jergovic, freelander, s.133) - „durch einen spalt zwischen den vorhängen sah ich lenins söhne, die im hof auf und ab gingen. wieder war etwas zeit vergangen, denn am oberen ende der langen tafel hatten turchina und ihr bräutigam eine andere farbe angenommen.“ (antonio moresco, aufbrüche, s.133) - „meine mutter drehte fast durch. mein vater hatte mich – ein achtjähriges kind – zurückgelassen, um auf den bmw aufzupassen, mitten im wald voller wölfe und vielleicht auch mörder vom schlag eines charles manson.“ (alberto fuguet, die filme meines lebens, s.133) - auf seite 133 sind die autorinnen und autoren in fahrt und am ehrlichsten. hier packen sie mich. oder nicht. bedeutend mehr als mit dem ersten satz, wo sie den erwartungsdruck im genick sitzen haben und entsprechend nervös sind, oder mit dem letzten, wo sie noch so viel zu sagen hätten. seite 133 ist enttäuschung oder versprechen. seite 133 entscheidet.

Montag, 23. März 2026

MÜNCHEN: SQUIRREL - FOR 100 YEARS

was für eine schauspielerin: 100 minuten steht vitalina bibliv auf der bühne, ganz allein, 100 minuten ununterbrochenes erinnern und erzählen, grinsen, heulen, flirten, trauern, schielen, singen, blinzeln, leuchten. in der ukraine ist vitalina bibliv ein star. jetzt gastiert sie mit ihrer unerschöpflichen energie in der pasinger fabrik in münchen. „squirrel, who has lived for 100 years“ heisst das stück von oleh michajlow, meisterhaft inszeniert von stas zhyrkov. es ist die zu herzen gehende geschichte einer hochbetagten, die sagt, sie könne sich nur noch an die eichhörnchen im park erinnern, zwischen realität und imagination dann selber zum eichhörnchen mutiert – und plötzlich ist alles wieder da: das ganze leben, glasklar. vitalina bibliv nimmt uns mit, nein, sie reisst uns mit auf diese reise durch das 20. jahrhundert, in ihrer einfachen einbauküche taumelt sie durch die erinnerungen, ein eichhörnchen vergisst nichts. sie erzählt vom vater, der immer lachte, und niemand wusste worüber, von der schwester, bei der das „gesetz zur sterilisation von minderwertigen“ angewandt wurde, von der liebe zu einem jungen, aus der nichts wurde, weil alle sie auch für einen jungen hielten, von ihrer arbeit mit kindern in einer nervenklinik, von ihrem fabelhaften julius und immer wieder von den bäumen im park. das immerwährende auf und ab des menschseins, 100 jahre in 100 minuten. privateste und absurdeste details geraten bibliv zu metaphern fürs grosse ganze. einmal gab´s eine demo, weil die bäume für den bau einer u-bahn gefällt werden sollten, eine riesige demo: „es ist ein menschliches bedürfnis, das zu verteidigen, was einem wertvoll ist.“ da erfasst eine grosse stille den raum. das publikum besteht zu wohl 90 prozent aus ukrainerinnen und ukrainern. „verteidigen, was einem wertvoll ist.“ vitalina biblivs gastspiel ist ein höhepunkt im rahmen des ukrainischen kammertheaterfestivals, das festival heisst „die starken“. 

Dienstag, 7. April 2015

ROMA: BRIEFE INS LEERE

ein grosser dunkler raum. im alten teil von zaha hadids maxxi in rom hängen fünf zimmerhohe screens unregelmässig angeordnet in der schwarzen leere. darauf ein paar vereinzelte menschen in einem einst repräsentativen, mittlerweile heruntergekommenen festsaal, fahles licht von aussen, die offensichtliche inszenierung einer belasteten zeit: auf einem bildschirm sitzt eine ältere frau auf einer bettkante, ein mann wie ein beichtvater ihr gegenüber; auf einem anderen ein jüngerer mann grübelnd an einem alten schreibtisch; stille, schweigen, keine bewegungen. zu dieser bleiernen ereignislosigkeit lassen die beiden albanisch-italienischen videokünstler adrian paci und roland sejko auf der tonspur briefe lesen, briefe aus der zeit nach 1943, als über 20'000 italiener nach der okkupation für jahre in albanien festgehalten wurden und keinen kontakt zur heimat haben durften. es sind briefe von angehörigen, geliebten, müttern, brüdern. zunächst überrascht, solange nichts zu hören, dann verzweifelt, dann hoffnungslos. "dopo mesi e mesi che non ho più notizie del tuo arrivo, non posso più nascondertelo, tuo padre è morto otto mesi fa." und in der letzten phase versuchen sie sich mit dem unausweichlichen zu arrangieren, weil zum beispiel entscheidungen nicht länger aufgeschoben werden können, weil grössere ausgaben beschlossen werden müssen. es sind briefe, die ihre empfänger nie erreichen. briefe ins leere. auch umgekehrt, auch die post aus albanien gelangt nicht nach italien. zwei länder, keine 100 kilometer und doch durch die geschichte welten voneinander entfernt. die säcke mit all den ungelesenen briefen wurden erst jahrzehnte später im albanischen staatsarchiv entdeckt. jetzt liegen diese briefe im maxxi, am eingang zum grossen dunklen saal.

Sonntag, 21. November 2021

MÜNCHEN: REGIME CHANGE AM #FSFMUC

oleg ist autist. der junge mann wohnt mit seinem älteren bruder in einem einsamen haus am rand der ränder. ivan kümmert sich liebevoll um oleg, badet mit ihm im tümpel neben dem haus, hilft ihm beim anziehen und organisiert, bevor er wegfährt, sein frühstück und per telefon seinen tagesablauf. die grosse bruderliebe, die grosse aufopferung. allein kann oleg nicht leben. doch ganz unmerklich entwickelt sich unter der oberfläche eine unruhe, eine stille aggression. denn ivan will seine eigenen bedürfnisse auch ausleben, er will zu freunden, er will zu frauen. und dann knallt´s, buchstäblich und im übertragenen sinn. „regime change“ heisst der 18minütige spielfilm von yana sad von der moscow school of new cinema, der jetzt am #fsfmuc (ausführlicher: 40. internationales festival der filmhochschulen in münchen) als bester film und mit 10´000 euro ausgezeichnet wurde. dieser preisträgerfilm ist in mehrfacher hinsicht repräsentativ für die diesjährige auswahl: er begleitet jugendliche (andere auch kinder) auf der suche nach ihrer identität, wandelt dabei zwischen traumwelt und wirklichkeit und lässt vieles offen, auch das ende, er zeichnet die figuren mit intensiven bildern und wenigen worten, er ist frei von hektischen schnitten, er ist geradezu spektakulär in seiner poesie. solche filme dreht sie, die neue generation von jungfilmerinnen und jungfilmern. während sieben tagen wurden am filmschoolfest 60 filme „from all over the world“ gezeigt, 42 davon habe ich gesehen. aber ja, danke, es geht mir gut. das war keinen moment lang erschöpfend, das war und ist reinste inspiration.