was für eine schauspielerin: 100 minuten steht vitalina bibliv auf der bühne, ganz allein, 100 minuten ununterbrochenes erinnern und erzählen, grinsen, heulen, flirten, trauern, schielen, singen, blinzeln, leuchten. in der ukraine ist vitalina bibliv ein star. jetzt gastiert sie mit ihrer unerschöpflichen energie in der pasinger fabrik in münchen. „squirrel, who has lived for 100 years“ heisst das stück von oleh michajlow, meisterhaft inszeniert von stas zhyrkov. es ist die zu herzen gehende geschichte einer hochbetagten, die sagt, sie könne sich nur noch an die eichhörnchen im park erinnern, zwischen realität und imagination dann selber zum eichhörnchen mutiert – und plötzlich ist alles wieder da: das ganze leben, glasklar. vitalina bibliv nimmt uns mit, nein, sie reisst uns mit auf diese reise durch das 20. jahrhundert, in ihrer einfachen einbauküche taumelt sie durch die erinnerungen, ein eichhörnchen vergisst nichts. sie erzählt vom vater, der immer lachte, und niemand wusste worüber, von der schwester, bei der das „gesetz zur sterilisation von minderwertigen“ angewandt wurde, von der liebe zu einem jungen, aus der nichts wurde, weil alle sie auch für einen jungen hielten, von ihrer arbeit mit kindern in einer nervenklinik, von ihrem fabelhaften julius und immer wieder von den bäumen im park. das immerwährende auf und ab des menschseins, 100 jahre in 100 minuten. privateste und absurdeste details geraten bibliv zu metaphern fürs grosse ganze. einmal gab´s eine demo, weil die bäume für den bau einer u-bahn gefällt werden sollten, eine riesige demo: „es ist ein menschliches bedürfnis, das zu verteidigen, was einem wertvoll ist.“ da erfasst eine grosse stille den raum. das publikum besteht zu wohl 90 prozent aus ukrainerinnen und ukrainern. „verteidigen, was einem wertvoll ist.“ vitalina biblivs gastspiel ist ein höhepunkt im rahmen des ukrainischen kammertheaterfestivals, das festival heisst „die starken“.
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