Freitag, 2. Oktober 2026

MÜNCHEN: BRECHT.CABARETT

im krieg wird auch der humor immer schwärzer. unter dem titel „brecht.cabarett“ verwandelt das renommierte zoloti vorota teatr aus kyjiw bertolt brechts „trommeln in der nacht“ in eine bitterböse, rabenschwarze revue, jetzt einer der höhepunkte bei der dritten ausgabe des ukrainischen theaterfestivals soloway in münchen. der artillerist kragler, der nach vier jahren aus dem krieg zurückkehrt und über dessen rückkehr sich niemand freut, seine freundin anna ist unterdessen von einem anderen schwanger, dieser soldat traumwandelt in der ebenso furiosen wie beklemmenden inszenierung von oksana dmytriieva durch eine collage aus slapstick-tanzeinlagen, verzweifelten chansons, schäbigen kriegswitzen, scharfem schnaps und brechts originaltext. die stadt pulsiert, der krieg gärt, der schmerz gräbt sich in den menschen fest, tiefer und tiefer, die einen überspielen es, die anderen verdrängen es. 1922 wurde brechts stück an den münchner kammerspielen uraufgeführt, 2022 wurde die ukraine überfallen: der krieg und die gespenster, die er hervorbringt, sind zeitlos. „man sollte sich langsam daran gewöhnen“, sagt jemand zwischen den fässern und den munitionskisten auf der bühne ganz unironisch: „der krieg geht nie zu ende, er wird immer wieder neu aus dem dreck gezogen.“ na dann, prost und weiter so: „hauptsache, es ist lustig.“ in der hölle reiche liebe allein nicht aus, sagt die mutter der zwischen zwei männern hin- und hergerissenen anna, also klimpert das klavier, man gaukelt sich was vor über die guten alten zeiten, praktiziert bestechung mit kryptowährung (ukraine 2026) und lacht und schreit und lacht. es ist das lachen am abgrund. die einen figuren reanimieren mit ihren schiebermützen brecht himself, andere schleichen mit weisser schminke und leerem blick wie lebende tote durch die szenerie. life is a cabaret – und in diesem kabarett aus kyjiw sind selbst die clownnasen schwarz.

1 Kommentar:

  1. Lieber Herr Brander,

    herzlichen Dank für Ihre eindrucksvolle Besprechung von „Brecht.Cabarett“! Das „Lachen am Abgrund“ trifft den Kern dieser Inszenierung. Wir freuen uns sehr, dass das Gastspiel des Kyiv Academic Theater Golden Gate bei Ihnen so viel Resonanz gefunden hat.

    Wer neugierig geworden ist: Bis Sonntag gibt es noch Theater und Kino aus der Ukraine, jeweils mit deutschen Über- bzw. Untertiteln. ;-)
    – Fr., 2. Okt., 19:30 Uhr: „Das Eichhörnchen, das 100 Jahre lebte“
    – Sa., 3. Okt., 12:00 Uhr: Spielfilm „U Are the Universe“ (Kleine Bühne)
    – So., 4. Okt., 16:00 Uhr: Dokumentarfilm „Theater der Veteranen“ (Kleine Bühne)
    – So., 4. Okt., 19:30 Uhr: „The Brody Phenomena“, der Festivalabschluss

    „Nimm alles mit, was das Leben hergibt“ am Samstag ist bereits ausverkauft.

    Tickets und Infos: https://www.dufm.org/veranstaltungen

    Herzliche Grüße
    Gerald Göbel
    Mitglied des Vorstands, Deutsch Ukrainische Freundschaft München e.V.

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