der kultfilm "les enfants du paradis" von marcel carné und jacques
prévert (1945) hat es dem brasilianischen choreographen fernando melo
angetan: liebe zum theater, liebe im theater, grosse gefühle, bitteres
ende, was für ein stoff. melo nimmt fragmente dieser tragischen
liebesgeschichte, die in den oberen rängen des theaters spielt, im olymp
eben, auf den billigen plätzen, und komponiert daraus einen
zauberhaften tanzabend fürs luzerner theater; mit musik von chopin,
debussy und peteris vasks, live und ausgesprochen stimmig dargeboten von
einem streichquartett und einem pianisten. der abend besticht vor allem
durch seine phänomenalen visuellen effekte: menschen im spiegel werden
lebendig, zu erotischen träumen tauchen zärtlich arme und beine der
ersehnten abwesenden aus dem nichts in den betten auf, tänzer fliegen
scheinbar schwerelos durch die lüfte, ein liebhaber verschwindet hinter
einem vorhang und nach sekundenbruchteilen nur gibt dieser vorhang einen
anderen liebhaber frei. freundinnen und freunde der akrobatik und der
zauberei kommen hier eindeutig noch mehr auf die rechnung als jene des
tanztheaters. da wird getrickst, was das zeug hält, und man guckt und
guckt und staunt und kann es weder verstehen noch glauben. diese "kinder
des olymp" sind eine überzeugte und überzeugende liebeserklärung ans
theater, an seine magie und seine poesie.
Dienstag, 31. Januar 2017
Sonntag, 29. Januar 2017
EMMENBRÜCKE: VERNEIGUNG VOR MAX VON MOOS
figuren. fratzen. finsterlinge.
fischfragmente. fäkalien. feldherren. fleischmonster. friedhöfe. fegefeuer.
gezeichnet mit dem filzschreiber, dem federkiel, dem farbstift. das
zeichnerische werk von max von moos (1903-1979) ist ein schelmischer flirt mit
der apokalypse. die menschen auf seinen zeichnungen sind verpanzert, verknotet,
verzerrt, versehrt: dieses personal könnte den späteren figuren von hr giger
modell gestanden haben. konsequent verspielt in der form, konsequent verzweifelt
in der aussage; ein hellwacher blick auf eine düstere welt. unter dem titel „versöhnlich
unversöhnlich“ zeigt die hochschule luzern – design & kunst an ihrem
standort in der viscosistadt in emmenbrücke jetzt einen querschnitt durch max
von moos‘ schaffen. die schule ehrt damit einen prägenden zentralschweizer
künstler des vergangenen jahrhunderts und eröffnet mit ihm den reigen zu ihrem
140-jahr-jubiläum. max von moos war selber student an der kunsti und später
während 40 jahren dozent. diese ausstellung ist eine grosse verneigung der
schule vor ihrem ausnahmekünstler.
Donnerstag, 26. Januar 2017
BASEL: CALIGULA IN TRUMP-WOCHE 1
er
ist ein autokratischer herrscher. er agiert blindwütig und kompromisslos. er
fällt willkürliche entscheide. er verachtet seine gegner und lässt sie aus dem
weg räumen. ein verrückter. trump? erdogan? nein, caligula, römischer kaiser
von 37 bis 41 nach christus. albert camus‘ auseinandersetzung mit dieser figur kommt
am theater basel zur passenden zeit. die inszenierung von antonio latella
verzichtet auf jede aktualisierung und will das absurde nicht erklären, sondern
erfahrbar machen. in einem dreieckigen blutroten raum ohne fenster und ohne
türen trifft caligula freunde und feinde; in dieser enge entwickelt er jeden
kontakt, jede kommunikation ins negative, alle energie ist schwarz. „er
verwandelt seine philosophie in leichen“, sagt einer. „regieren heisst stehlen,
das weiss doch jeder“, sagt caligula. thiemo strutzenberger in der titelrolle ist
kein aufgedonnerter trump, er nähert sich dem aktiven nihilismus mit weichem
singsang und verklärten glasigen augen. mal sitzt er im schwarzen tütü
verträumt auf dem boden und lackiert sich die zehennägel orange, mal wirft er
sich ins marie-antoinette-kostüm – die herrschaft eines wahnsinnigen in
beängstigenden bildern: macht ist macht, auch wenn sie lächerlich ist. „wenn
man ihn immer weitergehen lässt, wird er sich irgendwann selbst zerstören.“
oder: „wenn er sich mit den richtigen beratern umgibt und auf sie hört, dann
besteht noch hoffnung.“ so denken und hoffen hier viele. sie denken und hoffen
falsch. seine engsten freunde? seine mitstreiter? ohne chance. er erledigt sie
alle – mit einem fluch, mit einem wutausbruch oder mit einem sanften, dreckigen
satz. am ende sind alle tot. ausser caligula. er sitzt im publikum. er betrachtet
das desaster, das er angerichtet hat. und lacht.
Mittwoch, 25. Januar 2017
BASEL: RAMON VARGAS ALS PÄDAGOGE
1988 debütierte der mexikaner ramon
vargas am luzerner theater, heute gehört er zu den bedeutendsten tenören seiner
generation. er singt in münchen und mailand, in wien und in new york. und er
unterrichtet junge sängerinnen und sänger, gegenwärtig die mitglieder von
operavenir, des opernstudios am theater basel. so einen lehrer möchte man
haben, so viel empathie ist selten. während der öffentlichen meisterklasse auf
der kleinen bühne ist jede minute zu spüren, dass vargas vor seiner
sängerkarriere pädagogik studierte – er liebt die musik und er liebt die jungen leute, die
sich ihr widmen: die tasmanische sopranistin bryony dwyer (sie singt
donizetti), der kanadische tenor nathan haller (mozart), die koreanische
sopranistin ye eun choi (donizetti), der bolivianische bass josé coca loza
(händel) und die italienisch-deutsche mezzosopranistin sofia pavone (bellini).
sie alle sind mit kleineren partien schon zu erleben in basel und es wird in fünf oder zehn jahren interessant sein, wer
von ihnen sich – auf vargas‘ spuren – wie weit nach oben gesungen hat. tolle
stimmen haben sie, technische fertigkeiten haben sie auch. woran der maestro
mit ihnen vor allem arbeitet, das sind die emotionen; wie sich mit kleinsten
variationen, minimsten pausen, leichten akzentverschiebungen eine ganze palette
von neuen gefühlen ergibt, die eine melodie glänzen, schimmern, strahlen lassen.
ein unglaubliches feuer packt ihn immer wieder, es
wärmt diesen aussergewöhnlichen unterricht. was diese jungen von ramon vargas
auch lernen können: bescheidenheit. in einem interview mit radio srf sagte er
zum thema starkult einmal, ein tenor müsse immer darauf achten, dass sein ego
nicht grösser werde als seine stimme. genau dies strahlt er auch nach 30 jahren
im opernolymp noch aus. très sympa.
Donnerstag, 19. Januar 2017
LUZERN: WHAT ABOUT NORA?
unten
fällt eine tür dröhnend ins schloss. dann ist die frau weg. weg von mann und
kindern. so endet ibsens „nora“, die zur literarischen hymne der
emanzipationsbewegung wurde. und so, mit dem donnernden scheppern der türe,
beginnt der holländische regisseur bram jansen in der box des luzerner theaters
seine sicht auf den stoff. unter dem titel „what about nora?“ nötigt er ibsens
figuren bei nüchternem neonlicht zur familienaufstellung, er begegnet der welt
von damals mit einer methode von heute. helmer, rank, krogstad, linde – sie alle
sitzen im kreis, umgeben vom publikum, und erinnern ihre sicht der dinge. ibsens
textfetzen (1879) und gedanken der schauspieler (2017) werden zu intensiven
monologen vermengt, die dem beziehungsnetz von nora schärfere konturen geben
und die zentralen fragen der sekundärliteratur gleich mitinszenieren: warum
gibt ein mensch seine sicherheit auf? kann man die rolle, die man spielt,
einfach wechseln? sind träume luxus für wenige? hat die gesellschaft recht oder
ich? immer wieder positionieren sich die figuren im raum neu und immer wieder
fällt die tür dröhnend ins schloss, die vergangenheit und die gegenwart finden
zusammen. nora steht hier nicht im zentrum, sondern flaniert gleichsam durch
diese wechselnden konstellationen und befragt ihr leben neu. starker ansatz,
starke momente. doch diesen klaren fokus gibt die regie immer wieder preis:
indem sie reclam-hefte verteilt und zuschauer daraus vorlesen lässt, indem sie
von der familienaufstellung unvermittelt zur parodie einer familienaufstellung
wechselt, indem sie die arme nora-darstellerin einen exhibitionistischen befreiungstanz
aufs parkett legen lässt. so wirkt, was ein richtig guter theaterabend hätte werden
können, zwischendurch furchtbar aufgesetzt, angestrengt, peinlich.
Freitag, 13. Januar 2017
ZÜRICH: GERÖLL IM SALAT
wie
stellt man sich herrn geiser vor, den protagonisten aus „der mensch erscheint
im holozän“, der in einem abgeschiedenen tessiner tal mit dem unwetter und der
unbill der vergesslichkeit hadert? vielleicht wie max frisch selber. oder wie
onkel sepp, bei dem jetzt auch alzheimer diagnostiziert wurde. wohl eher nicht
wie martin butzke. der schauspieler am neumarkt-theater in zürich ist 42, lange
dünne blonde strähnen, stoppelbart – aber keinesfalls eine fehlbesetzung. wie er
diesen 85-minuten-monolog eines um eine generation älteren menschen
hinlegt, das ist grosse schauspielkunst. er spricht in der dritten person von
herrn geiser und ist gleichzeitig herr geiser, distanz und intime nähe in
einem, ein überzeugender ansatz von neumarkt-chefdramaturg ralf fiedler. der
kahle raum an der chorgasse wird unvermittelt zum tessiner rustico, weil martin
butzke so bildhaft spricht, weil er uns bei geisers denken zuschauen und auch
mitleiden lässt, weil er pausen setzt, wenn die bilder sich überschlagen:
geröll im salat, geröll im kopf. herr geiser wird zunehmend unruhiger,
zunehmend aggressiver. auf einem baustellenplastik versucht er den goldenen
schnitt zu rekapitulieren, klebt als gedankenstützen dutzende von zetteln an
die wände, den wodka für die bloody mary kippt er in die pelati-büchse – das chaos
im hirn wird zum chaos im raum. schliesslich baut er eine kleine luftseilbahn
quer durchs zimmer, mit der er ebenso liebevoll wie umständlich seine letzte
bergwanderung illustriert, die auch eine nahtoderfahrung sein soll: "ein weg ist
ein weg auch im nebel, ein weg ist ein weg auch in der nacht." so wird aus max
frischs grossartiger demenz-etüde ein intensiver und berührender theaterabend.
Mittwoch, 11. Januar 2017
HAMBURG: DAS KLEINOD
war das jetzt norddeutsches understatement, die originellste untertreibung des abends oder einfach eine wortfindungsstörung einer übermüdeten frau? bundeskanzlerin angela merkel nannte die elbphilharmonie im pauseninterview mit dem ndr ein "kleinod". zehn jahre bauzeit, 789 millionen euro kosten, spitzenarchitektur, ein signature building, von dem die ganze welt spricht. und dann dies: "das ist ein kleinod, was wir hier erleben."
Montag, 9. Januar 2017
LUZERN: DER TÄTER GRÜSSTE OHNE MOTIV
als er irgendwann in den siebziger-
oder achzigerjahren im luzerner stadtbild auftauchte, reagierten die
erwachsenen zunächst irritiert und die kinder teilweise verängstigt: emil
manser, ein mann im militärmantel, mit einem adventskranz auf dem kopf und
mehrheitlich mürrisch. erst bei der dritten oder fünften begegnung erkannte man
auch den schalk in den augen des zugereisten appenzellers, der in der folge
gleich eine ganze reihe von in der stadt luzern schlecht vertretenen berufen
übernahm: philosoph, strassenkünstler, provokateur, stadtoriginal, hofnarr. mit
riesigen selbstgemalten plakaten setzte er sich ins stadtzentrum, vorzugsweise
vor die kantonalbank: „der täter grüsste ohne motiv“ – „glück (für sie). bettle
sonndags zum halben breis“ – „intelikenz ist gerecht verteilt. jede(r) meint
genug zu haben“. mansers kreativ eingesetzte schreibfehler
erheiterten die ganze stadt. mal verlangte er mit diesen hinguckern einfach
geld fürs nächste bier, mal lieferte er bedenkenswertes weit über niveau. vor
allem warb dieser vom leben immer wieder gequälte aussenseiter für toleranz,
das war die wahre motivation hinter der schrägen performance. und das bringt
die ausstellung im dachstock des historischen museums luzern jetzt sehr schön
zum ausdruck, mit objekten aus seinem nachlass, mit einem video und mit einer farbigen
und repräsentativen auswahl aus über 150 seiner plakate: „wer mich kennt liebt
mich“ schrieb er auf eines; luzern hatte den mürrischen mann längst ins herz
geschlossen. in einer nacht im sommer 2004 liess sich emil manser mit 53 in die
reuss fallen. seither fehlt der stadt ein geistreicher entschleuniger.
Mittwoch, 4. Januar 2017
ISTANBUL: EIN POLIZIST
erstens: der istanbuler promi-club
reina, wo zum jahreswechsel 39 menschen einem anschlag zum opfer fielen, galt
schon länger als gefährdet, als mögliches terror-ziel. zweitens: der club
bietet platz für rund 600 feiernde. drittens: zur bewachung des clubs war in
der silvesternacht ein polizist
aufgeboten. viertens: nachdenken ist wie googeln, nur krasser.
Sonntag, 1. Januar 2017
GENOVA: TRATTORIA DELL'ACCIUGHETTA
l’acciuga,
die sardelle. l’acciughetta, das sardellchen. das diminutiv ist bei der
trattoria dell’acciughetta an der piazza sant’elena in genova durchaus
angebracht. das lokal ist nur wenig grösser als ein wohnzimmer, es bietet
gerade mal 24 gästen platz und man würde es in den schmalen und verwinkelten
gassen der grössten altstadt europas ohne hinweis (in unserem fall aus dem
freundeskreis) wohl kaum entdecken. und das, muss man sagen, wäre ausgesprochen
schade, weshalb wir den geheimtipp gerne weitergeben. die quirlige chefin ist
gerade mal 29 und hat, weil sie der festen überzeugung ist, dass die jugend in
italien mehr chancen bekommen muss, einen 21jährigen chefkoch angestellt. nach
dem silvesterdiner darf man festhalten: die chefin und die gäste wurden und
werden reichlich belohnt, dieser simone hat seine chance genutzt und verdient. vom
ersten bis zum letzten gang zauberte er mit seinen nur zwei kollegen ein
kreatives kulinarisches feuerwerk auf die teller, ein streifzug durch meere und
gärten, eine lust für augen und gaumen. mein persönlicher favorit war der
dritte gang, ein wunderbar cremiges champagner-risotto, üppig garniert mit einem
misto aus dünnen scheiben von roten krebsen und austern, ingwer und limetten.
ein gedicht. man freut sich bereits auf den nächsten besuch hier, es muss ja
nicht immer ein silvester-mehrgänger sein. diese sympathische kleine trattoria
hat alles, um das warten auf die fähre nach sardinien oder das
schlechtwetterprogramm der cinque-terre-wanderwoche massiv aufzuwerten oder
auch ganz ohne weiteren grund nach genova zu fahren. nirgendwo liegt uns
schweizern das meer näher.
Donnerstag, 29. Dezember 2016
BASEL: CHERYL ON THE CAROUSEL
die einst
weltweit gefeierte amerikanische sopranistin cheryl studer ist jetzt am theater
basel als musical-oma zu sehen: die rolle der wirtin nettie fowler, der guten
seele im musical „carousel“, ist ihr auf den leib geschneidert. als erstes
wippt die rüstige seniorin mit vollem körpereinsatz den gesamten chor in
stimmung, dann besingt sie lustvollstens zutaten und zubereitung eines
meeresfrüchtepicknicks und schliesslich holt sie mit bebendem busen zum
ultimativen „carousel“-ohrwurm aus: „you’ll never walk alone“ (richtig, die
hymne des fc liverpool, und richtig, die hymne der obama-inauguration). im leuchtend
blauen kleid rollt cheryl studer das feld primadonnenmässig von hinten auf,
singt takt für takt alle an die wand und lässt ihre spitzentöne selbst über dem
tutti-finale von orchester und chor noch klar dominieren. upgrade einer
nebenrolle, comeback einer diva. dass sie das alles mit viel ironie und
augenzwinkern absolviert, macht es sogar erträglich. genau besehen besteht „carousel“
aus ein paar wenigen melodien, die richard rodgers während drei stunden endlos
recycliert und variiert und die in der basler inszenierung von alexander charim
mit grösstem aufwand (opern- und schauspielensemble, ballett und bühnentechnik
à discretion) noch weiter aufgepeppt werden. ziemlich viel verpackung also für
ziemlich wenig inhalt: im kern dreht sich alles um den jahrmarktausrufer billy
bigelow, der es im job und in der liebe vermasselt, sich das leben nimmt und
dann nach 15 jahren noch einmal zurück auf die erde darf, um seine tochter zu
sehen - und es wieder vermasselt. franz molnárs intensives sozialdrama „liliom“
(1909) geriet den „carousel“-autoren zur bunten soap, in der es von guten
ratschlägen für verzweifelte junge männer und junge mädels nur so wimmelt; das
ganze musical ist eine art üppig illustrierte lebenshilfe für leute, die (sich)
beinahe schon aufgegeben haben. amerika schien 1945 genau solche mutmacher zu
brauchen. aber basel 2016? you’ll never walk alone.
Dienstag, 20. Dezember 2016
LUZERN: MÖRGELI? ZAUBERFLÖTE!
willkommen
in dr. mörgelis medizinhistorischem museum: ein paar unappetitliche körperteile
lauern in den schaukästen und da und dort auch flattervieh, dazwischen
monströse käfige. der belgische regisseur wouter van looy hat sich da was
hübsches ausgedacht für „die zauberflöte“ am luzerner theater. der düstere
fiesling, der in dieser grümpelszenerie menschenexperimente durchführt, ist mozarts
überschätzter freimaurer sarastro; vuyani mlinde gibt ihn mit voluminösem, nicht
konsequent treffsicherem bass als kalten fanatiker und kontrollfreak. die
erotik- und gewaltphantasien sind in dieser volksoper ja durchaus schon angelegt,
in der luzerner inszenierung werden sie aufs lustvollste ausgekostet und
bebildert. pamina und tamino sehen bei ihrer feuer-und-wasser-prüfung aus wie
die verklemmten verlobten janet und brad in der rocky horror picture show, monostatos
gibt den gfürchigen joker aus „the dark knight“, die königin der nacht wird als
klon von italiens pornosternchen ilona staller vorgeführt und papageno singt in
seiner verzweiflung auch mal lehár statt mozart ("hast du dort oben
vergessen auch mich?“). das sieht und hört sich nicht nur kurzweilig an,
sondern ist durchaus im sinne des erfinders, denn mozart wollte mit seiner
letzten oper das ganze universum menschlicher regungen und rätsel streifen.
also wird der fundus hemmungslos geplündert, die widersprüche sind im preis
inbegriffen. dazu findet chefdirigent clemens heil mit dem luzerner
sinfonieorchester einen vitalen, jungen mozart-ton, wobei ihm allerdings piano
und legato weitgehend abhanden kommen; diese harte unterlage lässt viele stimmen
dann doch seltsam glanzlos klingen. glanzlos – hier aber beabsichtigt – auch das
finale: sarastro erwürgt die königin der nacht auf offener bühne, ihre tochter
pamina lässt tamino tamino sein und flieht entsetzt aus dr. mörgelis
gruselkabinett. kein weihnachtsmärchen, kein happy-end.
Dienstag, 13. Dezember 2016
MILANO: FELTRINELLI PORTA VOLTA
in
der euphorie um die elbphilharmonie ging ein wenig unter, dass herzog & de
meuron parallel zu hamburg auch in mailand ein prestigeprojekt laufen hatten: der neue hauptsitz der fondazione feltrinelli
bei der porta volta. die basler architekten haben der linken verlegerdynastie ein ausgesprochen chices stück stadt beschert. der „corriere
della sera“ nannte es bereits liebevoll einen auf die erde gelegten wolkenkratzer. es handelt sich um einen gut 200 meter langen, scharf geschnittenen und oben zugespitzten
riegel entlang der via pasubio, inspiriert von den strengen strukturen
lombardischer bauernhöfe einerseits und mailänder stadtpalästen anderseits und
im unterschied zu diesen vorbildern fast ausschliesslich aus fenstern bestehend, in den unteren etagen rechteckig, in den giebelgeschossen trapezförmig. ein
durch und durch transparentes gebäude also, baulich und auch konzeptionell: die
buchhandlung im parterre ist auch eine bar, die bibliothek unter dem dach auch
zukunftswerkstatt. in diesem open-space und auf der prächtigen piazza davor sollen junge und alte, arbeiter und
akademikerinnen, italienerinnen und chinesen (die mailänder chinatown liegt
gleich nebenan) zusammen denken, streiten, phantasieren, planen. „il futuro non
nasce da solo“ lautete die aufforderung bei der eröffnung heute. die umgebung scheint da beinahe zu
widersprechen: in fussdistanz zur fondazione feltrinelli lassen
sich neue wolkenkratzer von zaha hadid und arata isozaki besichtigen, eine
wohnresidenz von daniel libeskind und ein verlagsgebäude von renzo piano. mailand
wächst und wuchert und ist ein ebenso lebendiges wie hochkarätiges museum zeitgenössischer architektur.
„un luogo dell‘ utopia possibile“ will feltrinellis neuer palazzo sein; dieser
brand könnte für die ganze stadt stehen. mailand wird unterschätzt.
Donnerstag, 1. Dezember 2016
BASEL: ROBIN HOOD IM EAST END
wer
backsteinmauern und rostige feuerleitern auf die bühne stellt und sie tiefrot
und violett ausleuchtet, will entweder die west-side-story aufführen oder er
nimmt in kauf, dass sich das publikum permanent daran erinnert und damit
vergleicht. das wird richard wherlock am theater basel zum verhängnis, dessen
neues handlungsballett „robin hood“ eine east-end-story sein will: er zimmert
rund um den alten rächer-mythos eine neue geschichte, beamt den helden in die
swinging sixties und lässt ihn in der gangster-szene des londoner ostens aufräumen.
dazu dirigiert thomas herzog beherzt ein musikalisches pasticcio von renaissance-madrigalen
bis britten und bond, james bond. ein attraktives wunschkonzert, das allerdings
nicht darüber hinwegzutäuschen vermag, dass diese robinhoodiade, man muss es
sagen, dramaturgisch ausgesprochen dürftig daherkommt: ein allzu braves märchen
von ganoven und gutmenschen, 5 prozent love-story, 95 prozent kampf der gangs,
immer und immer wieder kampf der gangs, penetrant redundant – und der bedauernswerte jorge garcía
pérez in der titelrolle, der mit flaschenbodenbrille und hosenträgern ausschaut
wie ein jämmerlicher steuerbeamter, erhält kaum eine gelegenheit, als figur charakter oder
wenigstens konturen zu entwickeln. wherlocks choreografie ist reich an tempo,
an akrobatik, an witzigen ideen und bonbonfarbenen kostümen, viel verpackung
und wenig inhalt. man kann es auch positiv sehen: holiday on ice, aber ganz
ohne ice, das schafft nur das basler ballett.
Dienstag, 29. November 2016
MÜNCHEN: LADY MACBETH VON MZENSK
katerina
ismailowa ist eine mörderin. ihren lüsternen schwiegervater hat sie auf dem
gewissen, ihren impotenten gatten und eine junge konkurrentin. die sympathien
von dmitri schostakowitsch sind trotzdem auf ihrer seite: für diese „lady macbeth
von mzensk“ (1934) schrieb er feine, weiche, überaus subtile melodien, zeigte
die täterin als tragisches opfer der gesellschaftlichen zwänge. für ihr umfeld
dagegen: wilde, wüste, groteske tonsequenzen, musik voller flüche und fürze,
garstige russische provinz. ein kontrast, der stalins zensoren auf den plan rief und
den dirigent kirill petrenko an der bayerischen staatsoper fantastisch herausarbeitet,
mal drastisch, mal ganz plastisch, der orchestergraben ist das epizentrum
dieser première. und anja kampe mit ihrem ausdrucksstarken sopran und ihrer
aussergewöhnlichen bühnenpräsenz ist die traumbesetzung für diese katerina
(zudem hat sie als ddr-kind russisch gelernt, ist also heimisch in dieser
sprachwelt). sie zeigt eine frau, die furchtbar einsam ist und nach liebe
lechzt; eine frau, die kämpft und nach verlorenem kampf den tod so sehr
herbeisehnt wie zuvor die liebe. mit einem sprung in die „schwarzen wellen“
beendet sie ihr unglück – so verzweifelt springt sonst nur noch tosca.
regie-altmeister harry kupfer widmet dieser katerina seine ganze aufmerksamkeit
und entwickelt, als wollte er sich mit seinen 81 jahren noch für den „tatort“
bewerben, ein präzises und ergreifendes porträt. um sie herum aber arrangiert
er in der abgefuckten industriehalle, die ihm hans schavernoch auf die bühne
gebaut hat, durchaus konventionelle tableaux, die von den grossen russischen
schwarz-weiss-klassikern inspiriert sind und auch vor schlichten klischees
nicht zurückschrecken: sterbebeichte des schwiegervaters mit der wodkaflasche
in der hand, plumpe arbeiter machen plumpe fick-pantomimen und polizisten sind
sowieso dumpfbügel. szenisch also eine eher lauwarme veranstaltung, musikalisch
eine sternstunde.
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