Dienstag, 31. Januar 2017

LUZERN: KINDER DES OLYMP

der kultfilm "les enfants du paradis" von marcel carné und jacques prévert (1945) hat es dem brasilianischen choreographen fernando melo angetan: liebe zum theater, liebe im theater, grosse gefühle, bitteres ende, was für ein stoff. melo nimmt fragmente dieser tragischen liebesgeschichte, die in den oberen rängen des theaters spielt, im olymp eben, auf den billigen plätzen, und komponiert daraus einen zauberhaften tanzabend fürs luzerner theater; mit musik von chopin, debussy und peteris vasks, live und ausgesprochen stimmig dargeboten von einem streichquartett und einem pianisten. der abend besticht vor allem durch seine phänomenalen visuellen effekte: menschen im spiegel werden lebendig, zu erotischen träumen tauchen zärtlich arme und beine der ersehnten abwesenden aus dem nichts in den betten auf, tänzer fliegen scheinbar schwerelos durch die lüfte, ein liebhaber verschwindet hinter einem vorhang und nach sekundenbruchteilen nur gibt dieser vorhang einen anderen liebhaber frei. freundinnen und freunde der akrobatik und der zauberei kommen hier eindeutig noch mehr auf die rechnung als jene des tanztheaters. da wird getrickst, was das zeug hält, und man guckt und guckt und staunt und kann es weder verstehen noch glauben. diese "kinder des olymp" sind eine überzeugte und überzeugende liebeserklärung ans theater, an seine magie und seine poesie.

Sonntag, 29. Januar 2017

EMMENBRÜCKE: VERNEIGUNG VOR MAX VON MOOS

figuren. fratzen. finsterlinge. fischfragmente. fäkalien. feldherren. fleischmonster. friedhöfe. fegefeuer. gezeichnet mit dem filzschreiber, dem federkiel, dem farbstift. das zeichnerische werk von max von moos (1903-1979) ist ein schelmischer flirt mit der apokalypse. die menschen auf seinen zeichnungen sind verpanzert, verknotet, verzerrt, versehrt: dieses personal könnte den späteren figuren von hr giger modell gestanden haben. konsequent verspielt in der form, konsequent verzweifelt in der aussage; ein hellwacher blick auf eine düstere welt. unter dem titel „versöhnlich unversöhnlich“ zeigt die hochschule luzern – design & kunst an ihrem standort in der viscosistadt in emmenbrücke jetzt einen querschnitt durch max von moos‘ schaffen. die schule ehrt damit einen prägenden zentralschweizer künstler des vergangenen jahrhunderts und eröffnet mit ihm den reigen zu ihrem 140-jahr-jubiläum. max von moos war selber student an der kunsti und später während 40 jahren dozent. diese ausstellung ist eine grosse verneigung der schule vor ihrem ausnahmekünstler.

Donnerstag, 26. Januar 2017

BASEL: CALIGULA IN TRUMP-WOCHE 1

er ist ein autokratischer herrscher. er agiert blindwütig und kompromisslos. er fällt willkürliche entscheide. er verachtet seine gegner und lässt sie aus dem weg räumen. ein verrückter. trump? erdogan? nein, caligula, römischer kaiser von 37 bis 41 nach christus. albert camus‘ auseinandersetzung mit dieser figur kommt am theater basel zur passenden zeit. die inszenierung von antonio latella verzichtet auf jede aktualisierung und will das absurde nicht erklären, sondern erfahrbar machen. in einem dreieckigen blutroten raum ohne fenster und ohne türen trifft caligula freunde und feinde; in dieser enge entwickelt er jeden kontakt, jede kommunikation ins negative, alle energie ist schwarz. „er verwandelt seine philosophie in leichen“, sagt einer. „regieren heisst stehlen, das weiss doch jeder“, sagt caligula. thiemo strutzenberger in der titelrolle ist kein aufgedonnerter trump, er nähert sich dem aktiven nihilismus mit weichem singsang und verklärten glasigen augen. mal sitzt er im schwarzen tütü verträumt auf dem boden und lackiert sich die zehennägel orange, mal wirft er sich ins marie-antoinette-kostüm – die herrschaft eines wahnsinnigen in beängstigenden bildern: macht ist macht, auch wenn sie lächerlich ist. „wenn man ihn immer weitergehen lässt, wird er sich irgendwann selbst zerstören.“ oder: „wenn er sich mit den richtigen beratern umgibt und auf sie hört, dann besteht noch hoffnung.“ so denken und hoffen hier viele. sie denken und hoffen falsch. seine engsten freunde? seine mitstreiter? ohne chance. er erledigt sie alle – mit einem fluch, mit einem wutausbruch oder mit einem sanften, dreckigen satz. am ende sind alle tot. ausser caligula. er sitzt im publikum. er betrachtet das desaster, das er angerichtet hat. und lacht.

Mittwoch, 25. Januar 2017

BASEL: RAMON VARGAS ALS PÄDAGOGE

1988 debütierte der mexikaner ramon vargas am luzerner theater, heute gehört er zu den bedeutendsten tenören seiner generation. er singt in münchen und mailand, in wien und in new york. und er unterrichtet junge sängerinnen und sänger, gegenwärtig die mitglieder von operavenir, des opernstudios am theater basel. so einen lehrer möchte man haben, so viel empathie ist selten. während der öffentlichen meisterklasse auf der kleinen bühne ist jede minute zu spüren, dass vargas vor seiner sängerkarriere pädagogik studierte – er liebt die musik und er liebt die jungen leute, die sich ihr widmen: die tasmanische sopranistin bryony dwyer (sie singt donizetti), der kanadische tenor nathan haller (mozart), die koreanische sopranistin ye eun choi (donizetti), der bolivianische bass josé coca loza (händel) und die italienisch-deutsche mezzosopranistin sofia pavone (bellini). sie alle sind mit kleineren partien schon zu erleben in basel und es wird in fünf oder zehn jahren interessant sein, wer von ihnen sich – auf vargas‘ spuren – wie weit nach oben gesungen hat. tolle stimmen haben sie, technische fertigkeiten haben sie auch. woran der maestro mit ihnen vor allem arbeitet, das sind die emotionen; wie sich mit kleinsten variationen, minimsten pausen, leichten akzentverschiebungen eine ganze palette von neuen gefühlen ergibt, die eine melodie glänzen, schimmern, strahlen lassen. ein unglaubliches feuer packt ihn immer wieder, es wärmt diesen aussergewöhnlichen unterricht. was diese jungen von ramon vargas auch lernen können: bescheidenheit. in einem interview mit radio srf sagte er zum thema starkult einmal, ein tenor müsse immer darauf achten, dass sein ego nicht grösser werde als seine stimme. genau dies strahlt er auch nach 30 jahren im opernolymp noch aus. très sympa.

Donnerstag, 19. Januar 2017

LUZERN: WHAT ABOUT NORA?

unten fällt eine tür dröhnend ins schloss. dann ist die frau weg. weg von mann und kindern. so endet ibsens „nora“, die zur literarischen hymne der emanzipationsbewegung wurde. und so, mit dem donnernden scheppern der türe, beginnt der holländische regisseur bram jansen in der box des luzerner theaters seine sicht auf den stoff. unter dem titel „what about nora?“ nötigt er ibsens figuren bei nüchternem neonlicht zur familienaufstellung, er begegnet der welt von damals mit einer methode von heute. helmer, rank, krogstad, linde – sie alle sitzen im kreis, umgeben vom publikum, und erinnern ihre sicht der dinge. ibsens textfetzen (1879) und gedanken der schauspieler (2017) werden zu intensiven monologen vermengt, die dem beziehungsnetz von nora schärfere konturen geben und die zentralen fragen der sekundärliteratur gleich mitinszenieren: warum gibt ein mensch seine sicherheit auf? kann man die rolle, die man spielt, einfach wechseln? sind träume luxus für wenige? hat die gesellschaft recht oder ich? immer wieder positionieren sich die figuren im raum neu und immer wieder fällt die tür dröhnend ins schloss, die vergangenheit und die gegenwart finden zusammen. nora steht hier nicht im zentrum, sondern flaniert gleichsam durch diese wechselnden konstellationen und befragt ihr leben neu. starker ansatz, starke momente. doch diesen klaren fokus gibt die regie immer wieder preis: indem sie reclam-hefte verteilt und zuschauer daraus vorlesen lässt, indem sie von der familienaufstellung unvermittelt zur parodie einer familienaufstellung wechselt, indem sie die arme nora-darstellerin einen exhibitionistischen befreiungstanz aufs parkett legen lässt. so wirkt, was ein richtig guter theaterabend hätte werden können, zwischendurch furchtbar aufgesetzt, angestrengt, peinlich.

Freitag, 13. Januar 2017

ZÜRICH: GERÖLL IM SALAT

wie stellt man sich herrn geiser vor, den protagonisten aus „der mensch erscheint im holozän“, der in einem abgeschiedenen tessiner tal mit dem unwetter und der unbill der vergesslichkeit hadert? vielleicht wie max frisch selber. oder wie onkel sepp, bei dem jetzt auch alzheimer diagnostiziert wurde. wohl eher nicht wie martin butzke. der schauspieler am neumarkt-theater in zürich ist 42, lange dünne blonde strähnen, stoppelbart – aber keinesfalls eine fehlbesetzung. wie er diesen 85-minuten-monolog eines um eine generation älteren menschen hinlegt, das ist grosse schauspielkunst. er spricht in der dritten person von herrn geiser und ist gleichzeitig herr geiser, distanz und intime nähe in einem, ein überzeugender ansatz von neumarkt-chefdramaturg ralf fiedler. der kahle raum an der chorgasse wird unvermittelt zum tessiner rustico, weil martin butzke so bildhaft spricht, weil er uns bei geisers denken zuschauen und auch mitleiden lässt, weil er pausen setzt, wenn die bilder sich überschlagen: geröll im salat, geröll im kopf. herr geiser wird zunehmend unruhiger, zunehmend aggressiver. auf einem baustellenplastik versucht er den goldenen schnitt zu rekapitulieren, klebt als gedankenstützen dutzende von zetteln an die wände, den wodka für die bloody mary kippt er in die pelati-büchse – das chaos im hirn wird zum chaos im raum. schliesslich baut er eine kleine luftseilbahn quer durchs zimmer, mit der er ebenso liebevoll wie umständlich seine letzte bergwanderung illustriert, die auch eine nahtoderfahrung sein soll: "ein weg ist ein weg auch im nebel, ein weg ist ein weg auch in der nacht." so wird aus max frischs grossartiger demenz-etüde ein intensiver und berührender theaterabend.

Mittwoch, 11. Januar 2017

HAMBURG: DAS KLEINOD

war das jetzt norddeutsches understatement, die originellste untertreibung des abends oder einfach eine wortfindungsstörung einer übermüdeten frau? bundeskanzlerin angela merkel nannte die elbphilharmonie im pauseninterview mit dem ndr ein "kleinod". zehn jahre bauzeit, 789 millionen euro kosten, spitzenarchitektur, ein signature building, von dem die ganze welt spricht. und dann dies: "das ist ein kleinod, was wir hier erleben."

Montag, 9. Januar 2017

LUZERN: DER TÄTER GRÜSSTE OHNE MOTIV

als er irgendwann in den siebziger- oder achzigerjahren im luzerner stadtbild auftauchte, reagierten die erwachsenen zunächst irritiert und die kinder teilweise verängstigt: emil manser, ein mann im militärmantel, mit einem adventskranz auf dem kopf und mehrheitlich mürrisch. erst bei der dritten oder fünften begegnung erkannte man auch den schalk in den augen des zugereisten appenzellers, der in der folge gleich eine ganze reihe von in der stadt luzern schlecht vertretenen berufen übernahm: philosoph, strassenkünstler, provokateur, stadtoriginal, hofnarr. mit riesigen selbstgemalten plakaten setzte er sich ins stadtzentrum, vorzugsweise vor die kantonalbank: „der täter grüsste ohne motiv“ – „glück (für sie). bettle sonndags zum halben breis“ – „intelikenz ist gerecht verteilt. jede(r) meint genug zu haben“. mansers kreativ eingesetzte schreibfehler erheiterten die ganze stadt. mal verlangte er mit diesen hinguckern einfach geld fürs nächste bier, mal lieferte er bedenkenswertes weit über niveau. vor allem warb dieser vom leben immer wieder gequälte aussenseiter für toleranz, das war die wahre motivation hinter der schrägen performance. und das bringt die ausstellung im dachstock des historischen museums luzern jetzt sehr schön zum ausdruck, mit objekten aus seinem nachlass, mit einem video und mit einer farbigen und repräsentativen auswahl aus über 150 seiner plakate: „wer mich kennt liebt mich“ schrieb er auf eines; luzern hatte den mürrischen mann längst ins herz geschlossen. in einer nacht im sommer 2004 liess sich emil manser mit 53 in die reuss fallen. seither fehlt der stadt ein geistreicher entschleuniger.

Mittwoch, 4. Januar 2017

ISTANBUL: EIN POLIZIST

erstens: der istanbuler promi-club reina, wo zum jahreswechsel 39 menschen einem anschlag zum opfer fielen, galt schon länger als gefährdet, als mögliches terror-ziel. zweitens: der club bietet platz für rund 600 feiernde. drittens: zur bewachung des clubs war in der silvesternacht ein polizist aufgeboten. viertens: nachdenken ist wie googeln, nur krasser.

Sonntag, 1. Januar 2017

GENOVA: TRATTORIA DELL'ACCIUGHETTA

l’acciuga, die sardelle. l’acciughetta, das sardellchen. das diminutiv ist bei der trattoria dell’acciughetta an der piazza sant’elena in genova durchaus angebracht. das lokal ist nur wenig grösser als ein wohnzimmer, es bietet gerade mal 24 gästen platz und man würde es in den schmalen und verwinkelten gassen der grössten altstadt europas ohne hinweis (in unserem fall aus dem freundeskreis) wohl kaum entdecken. und das, muss man sagen, wäre ausgesprochen schade, weshalb wir den geheimtipp gerne weitergeben. die quirlige chefin ist gerade mal 29 und hat, weil sie der festen überzeugung ist, dass die jugend in italien mehr chancen bekommen muss, einen 21jährigen chefkoch angestellt. nach dem silvesterdiner darf man festhalten: die chefin und die gäste wurden und werden reichlich belohnt, dieser simone hat seine chance genutzt und verdient. vom ersten bis zum letzten gang zauberte er mit seinen nur zwei kollegen ein kreatives kulinarisches feuerwerk auf die teller, ein streifzug durch meere und gärten, eine lust für augen und gaumen. mein persönlicher favorit war der dritte gang, ein wunderbar cremiges champagner-risotto, üppig garniert mit einem misto aus dünnen scheiben von roten krebsen und austern, ingwer und limetten. ein gedicht. man freut sich bereits auf den nächsten besuch hier, es muss ja nicht immer ein silvester-mehrgänger sein. diese sympathische kleine trattoria hat alles, um das warten auf die fähre nach sardinien oder das schlechtwetterprogramm der cinque-terre-wanderwoche massiv aufzuwerten oder auch ganz ohne weiteren grund nach genova zu fahren. nirgendwo liegt uns schweizern das meer näher.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

BASEL: CHERYL ON THE CAROUSEL

die einst weltweit gefeierte amerikanische sopranistin cheryl studer ist jetzt am theater basel als musical-oma zu sehen: die rolle der wirtin nettie fowler, der guten seele im musical „carousel“, ist ihr auf den leib geschneidert. als erstes wippt die rüstige seniorin mit vollem körpereinsatz den gesamten chor in stimmung, dann besingt sie lustvollstens zutaten und zubereitung eines meeresfrüchtepicknicks und schliesslich holt sie mit bebendem busen zum ultimativen „carousel“-ohrwurm aus: „you’ll never walk alone“ (richtig, die hymne des fc liverpool, und richtig, die hymne der obama-inauguration). im leuchtend blauen kleid rollt cheryl studer das feld primadonnenmässig von hinten auf, singt takt für takt alle an die wand und lässt ihre spitzentöne selbst über dem tutti-finale von orchester und chor noch klar dominieren. upgrade einer nebenrolle, comeback einer diva. dass sie das alles mit viel ironie und augenzwinkern absolviert, macht es sogar erträglich. genau besehen besteht „carousel“ aus ein paar wenigen melodien, die richard rodgers während drei stunden endlos recycliert und variiert und die in der basler inszenierung von alexander charim mit grösstem aufwand (opern- und schauspielensemble, ballett und bühnentechnik à discretion) noch weiter aufgepeppt werden. ziemlich viel verpackung also für ziemlich wenig inhalt: im kern dreht sich alles um den jahrmarktausrufer billy bigelow, der es im job und in der liebe vermasselt, sich das leben nimmt und dann nach 15 jahren noch einmal zurück auf die erde darf, um seine tochter zu sehen - und es wieder vermasselt. franz molnárs intensives sozialdrama „liliom“ (1909) geriet den „carousel“-autoren zur bunten soap, in der es von guten ratschlägen für verzweifelte junge männer und junge mädels nur so wimmelt; das ganze musical ist eine art üppig illustrierte lebenshilfe für leute, die (sich) beinahe schon aufgegeben haben. amerika schien 1945 genau solche mutmacher zu brauchen. aber basel 2016? you’ll never walk alone.

Dienstag, 20. Dezember 2016

LUZERN: MÖRGELI? ZAUBERFLÖTE!

willkommen in dr. mörgelis medizinhistorischem museum: ein paar unappetitliche körperteile lauern in den schaukästen und da und dort auch flattervieh, dazwischen monströse käfige. der belgische regisseur wouter van looy hat sich da was hübsches ausgedacht für „die zauberflöte“ am luzerner theater. der düstere fiesling, der in dieser grümpelszenerie menschenexperimente durchführt, ist mozarts überschätzter freimaurer sarastro; vuyani mlinde gibt ihn mit voluminösem, nicht konsequent treffsicherem bass als kalten fanatiker und kontrollfreak. die erotik- und gewaltphantasien sind in dieser volksoper ja durchaus schon angelegt, in der luzerner inszenierung werden sie aufs lustvollste ausgekostet und bebildert. pamina und tamino sehen bei ihrer feuer-und-wasser-prüfung aus wie die verklemmten verlobten janet und brad in der rocky horror picture show, monostatos gibt den gfürchigen joker aus „the dark knight“, die königin der nacht wird als klon von italiens pornosternchen ilona staller vorgeführt und papageno singt in seiner verzweiflung auch mal lehár statt mozart ("hast du dort oben vergessen auch mich?“). das sieht und hört sich nicht nur kurzweilig an, sondern ist durchaus im sinne des erfinders, denn mozart wollte mit seiner letzten oper das ganze universum menschlicher regungen und rätsel streifen. also wird der fundus hemmungslos geplündert, die widersprüche sind im preis inbegriffen. dazu findet chefdirigent clemens heil mit dem luzerner sinfonieorchester einen vitalen, jungen mozart-ton, wobei ihm allerdings piano und legato weitgehend abhanden kommen; diese harte unterlage lässt viele stimmen dann doch seltsam glanzlos klingen. glanzlos – hier aber beabsichtigt – auch das finale: sarastro erwürgt die königin der nacht auf offener bühne, ihre tochter pamina lässt tamino tamino sein und flieht entsetzt aus dr. mörgelis gruselkabinett. kein weihnachtsmärchen, kein happy-end.

Dienstag, 13. Dezember 2016

MILANO: FELTRINELLI PORTA VOLTA

in der euphorie um die elbphilharmonie ging ein wenig unter, dass herzog & de meuron parallel zu hamburg auch in mailand ein prestigeprojekt laufen hatten: der neue hauptsitz der fondazione feltrinelli bei der porta volta. die basler architekten haben der linken verlegerdynastie ein ausgesprochen chices stück stadt beschert. der „corriere della sera“ nannte es bereits liebevoll einen auf die erde gelegten wolkenkratzer. es handelt sich um einen gut 200 meter langen, scharf geschnittenen und oben zugespitzten riegel entlang der via pasubio, inspiriert von den strengen strukturen lombardischer bauernhöfe einerseits und mailänder stadtpalästen anderseits und im unterschied zu diesen vorbildern fast ausschliesslich aus fenstern bestehend, in den unteren etagen rechteckig, in den giebelgeschossen trapezförmig. ein durch und durch transparentes gebäude also, baulich und auch konzeptionell: die buchhandlung im parterre ist auch eine bar, die bibliothek unter dem dach auch zukunftswerkstatt. in diesem open-space und auf der prächtigen piazza davor sollen junge und alte, arbeiter und akademikerinnen, italienerinnen und chinesen (die mailänder chinatown liegt gleich nebenan) zusammen denken, streiten, phantasieren, planen. „il futuro non nasce da solo“ lautete die aufforderung bei der eröffnung heute. die umgebung scheint da beinahe zu widersprechen: in fussdistanz zur fondazione feltrinelli lassen sich neue wolkenkratzer von zaha hadid und arata isozaki besichtigen, eine wohnresidenz von daniel libeskind und ein verlagsgebäude von renzo piano. mailand wächst und wuchert und ist ein ebenso lebendiges wie hochkarätiges museum zeitgenössischer architektur. „un luogo dell‘ utopia possibile“ will feltrinellis neuer palazzo sein; dieser brand könnte für die ganze stadt stehen. mailand wird unterschätzt.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

BASEL: ROBIN HOOD IM EAST END

wer backsteinmauern und rostige feuerleitern auf die bühne stellt und sie tiefrot und violett ausleuchtet, will entweder die west-side-story aufführen oder er nimmt in kauf, dass sich das publikum permanent daran erinnert und damit vergleicht. das wird richard wherlock am theater basel zum verhängnis, dessen neues handlungsballett „robin hood“ eine east-end-story sein will: er zimmert rund um den alten rächer-mythos eine neue geschichte, beamt den helden in die swinging sixties und lässt ihn in der gangster-szene des londoner ostens aufräumen. dazu dirigiert thomas herzog beherzt ein musikalisches pasticcio von renaissance-madrigalen bis britten und bond, james bond. ein attraktives wunschkonzert, das allerdings nicht darüber hinwegzutäuschen vermag, dass diese robinhoodiade, man muss es sagen, dramaturgisch ausgesprochen dürftig daherkommt: ein allzu braves märchen von ganoven und gutmenschen, 5 prozent love-story, 95 prozent kampf der gangs, immer und immer wieder kampf der gangs, penetrant redundant – und der bedauernswerte jorge garcía pérez in der titelrolle, der mit flaschenbodenbrille und hosenträgern ausschaut wie ein jämmerlicher steuerbeamter, erhält kaum eine gelegenheit, als figur charakter oder wenigstens konturen zu entwickeln. wherlocks choreografie ist reich an tempo, an akrobatik, an witzigen ideen und bonbonfarbenen kostümen, viel verpackung und wenig inhalt. man kann es auch positiv sehen: holiday on ice, aber ganz ohne ice, das schafft nur das basler ballett.

Dienstag, 29. November 2016

MÜNCHEN: LADY MACBETH VON MZENSK

katerina ismailowa ist eine mörderin. ihren lüsternen schwiegervater hat sie auf dem gewissen, ihren impotenten gatten und eine junge konkurrentin. die sympathien von dmitri schostakowitsch sind trotzdem auf ihrer seite: für diese „lady macbeth von mzensk“ (1934) schrieb er feine, weiche, überaus subtile melodien, zeigte die täterin als tragisches opfer der gesellschaftlichen zwänge. für ihr umfeld dagegen: wilde, wüste, groteske tonsequenzen, musik voller flüche und fürze, garstige russische provinz. ein kontrast, der stalins zensoren auf den plan rief und den dirigent kirill petrenko an der bayerischen staatsoper fantastisch herausarbeitet, mal drastisch, mal ganz plastisch, der orchestergraben ist das epizentrum dieser première. und anja kampe mit ihrem ausdrucksstarken sopran und ihrer aussergewöhnlichen bühnenpräsenz ist die traumbesetzung für diese katerina (zudem hat sie als ddr-kind russisch gelernt, ist also heimisch in dieser sprachwelt). sie zeigt eine frau, die furchtbar einsam ist und nach liebe lechzt; eine frau, die kämpft und nach verlorenem kampf den tod so sehr herbeisehnt wie zuvor die liebe. mit einem sprung in die „schwarzen wellen“ beendet sie ihr unglück – so verzweifelt springt sonst nur noch tosca. regie-altmeister harry kupfer widmet dieser katerina seine ganze aufmerksamkeit und entwickelt, als wollte er sich mit seinen 81 jahren noch für den „tatort“ bewerben, ein präzises und ergreifendes porträt. um sie herum aber arrangiert er in der abgefuckten industriehalle, die ihm hans schavernoch auf die bühne gebaut hat, durchaus konventionelle tableaux, die von den grossen russischen schwarz-weiss-klassikern inspiriert sind und auch vor schlichten klischees nicht zurückschrecken: sterbebeichte des schwiegervaters mit der wodkaflasche in der hand, plumpe arbeiter machen plumpe fick-pantomimen und polizisten sind sowieso dumpfbügel. szenisch also eine eher lauwarme veranstaltung, musikalisch eine sternstunde.