Freitag, 11. September 2026

BASEL: GESPENSTER

frontal blickt das publikum im basler schauspielhaus auf die fassade einer gutbürgerlichen villa. die symbolik ist offensichtlich, denn fassade bedeutet alles im leben der familie alving. doch die fassade entschwindet in die höhe und im gepflegten salon dahinter kommt der ganze wahnsinn zutage. henrik ibsens „gespenster“ sind krasse kost: ehebruch, missbrauch, gewalt – und eine frau, die sich 19 jahre lang damit quälte, trotz den ausschweifungen ihres mannes den schein zu wahren. doch jetzt ist der herr des hauses tot, jetzt rechnet helene alving ab mit dem patriarchat, den gesellschaftlichen konventionen, den gespenstern der vergangenheit. sie tauchen auf hinter vorhängen, in halboffenen türen, als projektionen, auch mal in einem weltfremden tanz, all die versager, der verlogene pastor, der verkommene tischler, der eigene sohn, der vom vater die syphilis erbte – atmosphärisch dicht gelingt regisseurin anna bergmann diese parade der wiedergänger. carina braunschmidt ist mit ihrer rauchig-tiefen stimme und schwer verschatteten augenhöhlen (edvard munchs „schrei“ stand pate) die top-besetzung für diese frau, die ein leben lang geschwiegen, gelogen und gelitten hat und jetzt nur noch eisige kälte ausstrahlt. mit erbarmungslosem, bitterem staccato konfrontiert sie alle mit der wahrheit, schleudert die sätze wie pfeile in offene wunden, auch in ihre eigenen. die wörter „liebe“ und „lebensfreude“, die immer wieder auftauchen, klingen aus ihrem mund mal wie fremdwörter, mal wie schimpfwörter. den link vom 144 jahre alten stück ins heute schafft die regie über das dienstmädchen, ebenfalls ergebnis einer affäre des hausherrn. sie, die in ibsens original kaum text hat, blickt hier auf die ganze geschichte zurück, ein albtraum, textlich unterfuttert mit passagen aus „strangeland“, der autobiographie der künstlerin tracey emin, auch sie ein missbrauchsopfer. weshalb dieses dienstmädchen, auf bestem weg zur selbstermächtigung, allerdings als blondes zuckerpüppchen irgendwo zwischen marilyn monroe und disney-dornröschen auftreten muss, bleibt ein rätsel in dieser sonst schlüssigen, überzeugenden inszenierung.

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