Freitag, 24. Januar 2025

MÜNCHEN: CALIGULA

als imperator zeigt der „spiegel“ donald trump auf dem titelbild, goldener lorbeerkranz auf dem goldenen haupt, der „stern“ schreibt, auch auf der titelseite: „sein zerstörerischer wahn erfasst nun die ganze welt“ – und das münchner volkstheater spielt, passender geht’s diese woche nicht, „caligula“ von albert camus, das drama über den irren römischen kaiser und seine absurde herrschaft. steffen link als caligula erinnert, nicht nur wegen lederkorsett und tüllrock, sondern in seinem ganzen gehabe an frank’n’furter aus der rocky horror picture show. doch die party hier ist nicht wie jene ein privatvergnügen, sondern ein grausames spiel mit der macht: er verhöhnt und tyrannisiert feinde und freunde, schnappt immer wieder über mit der stimme, hämmert vor wut gegen wände, sammelt leichen, blökt auch mal wie ein schaf, es ist der absolute nihilistische wahnsinn. die inszenierung von ran chai bar-zvi, auf quasi leerer bühne, orientiert sich unter anderem an römischen statuen und lässt caligulas hofstaat immer wieder in diesen klassischen posen einfrieren, ein starkes bild fürs erstarren angesichts der despotischen abgründe. alle rollen sind hervorragend besetzt, die dialoge präzis und scharf, doch der machtgeilheit dieses herrschers ist keiner gewachsen, und das kuschen vor ihm lässt einen mit den aktuellen bildern aus den usa im hinterkopf nur schaudern. sein schreckensregime ist für caligula ein spiel, ein spass, was ab und zu mit grellen showeinlagen unterstrichen wird („tanze samba mit mir“), wohl eine konzession ans jüngere publikum, durch die der inszenierung der konzentrierte blick aufs wesentliche ein wenig verloren geht. stark dann wieder der schluss: nach seinem gewaltsamen ende steigt caligula auf einen sockel, ein toter tyrann, eine statue als warnung. doch die welt lernt schlecht dazu.

Donnerstag, 23. Januar 2025

MÜNCHEN: SANKT FALSTAFF

zwei pissrinnen stehen frontal zum publikum, einer kotzt da im halbdunkel, einer krümmt sich. so wissen wir gleich zu beginn, wo wir sind: ganz unten. flott geht’s zu in frau flotts schummriger container-bar, wo sich „minderleister“ mit vokuhila-frisuren und „muckibudenprinzen“ besaufen und falstaff mit harri flirtet, erst platonisch, dann handfest, willkommen im prekariat. von hier, von ganz unten erzählt der österreichische autor ewald palmetshofer shakespeares königsdrama „henry IV“ neu. der könig braucht einen nachfolger, doch sein sohn, kronprinz harri, verkehrt im falschen milieu. palmetshofer beamt das in die gegenwart, als panorama der toxischen verhältnisse in politik und gesellschaft. sein „sankt falstaff“ ist eine 170seitige sprachpartitur über auf- und absteiger, eine sprachlawine, ein lebenspralles und total überladenes sprachwunderwerk. so würde shakespeare heute klingen. regisseur alexander eisenach setzt das auf der riesigen drehbühne des residenztheaters so um, wie man es von einem castorf-jünger erwarten kann, viel trash, viel video, alle gefühle überdimensioniert – und mit grossartiger besetzung: steven scharf, der im vergangenen jahrzehnt an den kammerspielen für denkwürdige momente sorgte und jetzt zurückkehrt nach münchen, ist kein fettbäuchiger falstaff, sondern ein zarter und verletzlicher riese, ein liebenswürdiger und liebeshungriger looser, der mit den umständen hadert, ab und zu vom bier benebelt, meistens aber mit glasklarem blick, etwa wenn er seinem harri vorspielt, was er dessen vater sagen möchte, dem regierenden: „du hast den staat auf eine weise umgebaut, vor der mir graut, multiple krisen ausgenutzt, hast einen dauerkrisenzustand ausgerufen und dich selbst als einzge lösung dessen dargestellt.“ kennen wir doch. alle sympathien des autors liegen bei diesem falstaff, doch dem „sankt“ im titel zum trotz bleibt die heiligsprechung aus, er bleibt einer von unten – und nimmt sich das leben. enormer applaus bei der uraufführung.

Samstag, 18. Januar 2025

SURSEE: GOTT

wem gehört unser leben? das beste an „gott“ von ferdinand von schirach ist das thema. hat der mensch anspruch auf assistierten suizid? bloss ist schirachs stück leider kein gutes stück, sondern eine trockene aneinanderreihung der wichtigsten argumente pro und contra, angelegt als sitzung einer ethikkommission. „erklären sie uns das bitte“ heisst es viel zu oft oder „wie meinen sie das?“ und die antworten tönen, als würde jemand die homepage von exit oder der bischofskonferenz vorlesen. das fühlt sich über weite strecken mehr nach wikipedia an als nach theater. dass sich das somehuus sursee für „gott“ entschied, dürfte also weniger mit dem stück zu tun haben (an dem schon grosse theater gescheitert sind) als mit der gerade im katholischen zentralschweizer milieu kontroversen diskussion, die es antreiben und beeinflussen will. es ist das grosse verdienst von regisseurin bernadette schürmann und autor kurt bösch, dieser bühnendiskussion in ihrer inszenierung ein wenig leben einzuhauchen. zum einen geschieht dies mit einer den schweizer gegebenheiten angepassten und teilweise recht saftigen mundartversion. zum anderen mit einem exzellenten casting: wie diese laiendarsteller als sachverständige die staatsrechtlichen, medizinischen und theologischen positionen vertreten, das wirkt glaubwürdig, engagiert, man nimmt sie ernst, auch wenn man ihre meinung nicht teilt. im zentrum steht der 78jährige architekt richard gärtner, der seinem leben ein ende setzen will, obwohl er nicht unheilbar krank ist. anrührend spielt rolf winz diesen senior, der nach dem tod seiner frau nur noch leere empfindet, traurig sitzt er da und plädiert für sein recht auf selbstbestimmung, sehr reflektiert und sehr traurig. soll er das rezept für die tödliche dosis natrium-pentobarbital erhalten? am schluss stimmt das publikum ab, eine haltung ist gefragt in diesem ethischen dilemma: wie würde man als ärztin auf diesen wunsch reagieren? oder als angehöriger?

Mittwoch, 15. Januar 2025

LUZERN: WARUM ICH JA SAGE ZUM NEUEN THEATER

man kann über das projekt fürs neue luzerner theater streiten. zu wuchtig, zu hoch, zu teuer finden es die glühendsten gegnerinnen und gegner auf ihren flyern. auch bei mir, das ist bekannt, hält sich die begeisterung für diese seltsame fusion von alter und neuer architektur in grenzen. nur geht es bei der abstimmung über den projektierungskredit am 9. februar nicht darum, ob das vorgeschlagene projekt hochbetagten ehemaligen denkmalpflegern und der safran-zunft und der juso und frau müller und mir gefällt. architektur ist geschmackssache, persönliche vorlieben und abneigungen müssen jetzt in den hintergrund treten. denn jetzt geht es darum, ob luzern in ein paar jahren überhaupt noch ein theater haben wird. das jetzige haus genügt baulichen, feuerpolizeilichen und künstlerischen standards nicht mehr – anders ausgedrückt: es ist kurz vor dem verfalldatum. es bleibt keine zeit, noch mehr wettbewerbe durchzuführen, noch mehr experten anzuhören, noch mehr begehrlichkeiten anzumelden. und vor allem: das projekt, das allen passt, gibt es nicht. heute nicht und auch in 15 jahren nicht.  

jetzt nein zu sagen zu einem neuen theater, wäre ein fehler von historischer tragweite.

ein theater ist kein ort zur bespassung einer kleinen exklusiven elite. ein theater ist auch nicht bloss ein wirtschaftsfaktor (400 arbeitsplätze, tourismus usw.), sondern es ist ein wesentlicher beitrag zum kulturellen leben und damit zum geistigen klima einer stadt. hier liegt die historische dimension dieser abstimmung. theater – auch wenn sie nicht immer bis auf den letzten platz besetzt sind - sind orte für gesellschaftlichen dialog. theater sind begegnungsorte für menschen mit verschiedenen lebensbedingungen und ansichten. theater greifen relevante und kontroverse themen auf und regen so zum nachdenken und diskutieren an, sie schaffen raum für innovative ideen. theater ermöglichen es, in andere lebensrealitäten einzutauchen, das fördert die empathie, eine wesentliche grundlage für demokratisches zusammenleben. theater inspirieren ihr publikum und das publikum inspiriert sein weiteres umfeld. das theater einer stadt strahlt also vielfältig auch auf jene aus, die es nicht besuchen. städte in der grösse luzerns, die kein professionelles theater haben, sind provinznester, oft beschaulich und meistens etwas langweilig.

ein nein am 9. februar wäre ein ja zur geistigen verarmung luzerns.

 

Dienstag, 14. Januar 2025

LENZBURG: HAUPTSACHE GESUND

33´000 codes umfasst die icd-11, die seit 2022 gültige „internationale statistische klassifikation der krankheiten und verwandter gesundheitsprobleme“ der who, 33´000 codes in 28 kapiteln. mehrere tausend dieser arten und abarten von lebensbedrohenden leiden bis zu kleineren physischen oder psychischen gebresten füllen derzeit die schwarzen wände im stapferhaus in lenzburg. fühle sich da noch eine oder einer gesund! „hauptsache gesund“ heisst die ausgesprochen attraktive neue ausstellung. sie beginnt mit der nicht eben einfachen frage, wie ehrlich man auf „wie geht es dir?“ antwortet – und wie bereit man für ehrliche antworten anderer ist. mit entwaffnender offenheit berichten menschen, die an angststörungen, long covid, als oder alkohol leiden, von ihrem alltag. im nächsten raum kann man sich auf screens operationen anschauen, die man niemandem wünscht. die explodierenden krankenkassenprämien werden hier nicht angeprangert, sondern durch jede einzelne geschichte verständlicher gemacht. besonders deutlich wird beim rundgang, wie stark die psychischen belastungen zugenommen haben; von den erwerbstätigen in der schweiz geben 21,5 prozent an, dass sie ziemlich erschöpft sind, 8,8 prozent sehr erschöpft. entsprechend viel raum wird deshalb dann den themen psychotherapie, diät, digital detox, fitness und wellness gewidmet und, eher beiläufig: „wenn es eine pille für ein unendliches leben gäbe, würdest du sie schlucken?“ das ganze erweist sich als überaus motivierender und nie moralisierender parcours. am schluss wird die eingangsfrage nicht mehr gestellt, man stellt sie sich jetzt selber: wie geht es mir? was tut mir gut? – und wie geht es dir?

Mittwoch, 1. Januar 2025

MÜNCHEN: DIE LUFT GEHT NICHT AUS

auftakt zum jahreswechsel diesmal in der isarphilharmonie, full house, 1900 festlich gestimmte menschen im anthrazitfarbenen saal, gegen 200 weitere auf dem konzertpodium, das programm bombastisch, wenn auch nicht besonders originell: beethovens neunte, sie wissen schon, freude trinken alle wesen an den brüsten der natur….. „feuertrunken“ holt der dirigierende wirbelwind nicholas collon mit den münchner philharmonikern und dem philharmonischen chor die „götterfunken“ ins haus und „alle menschen werden brüder“, wieder mal, schön wär´s. wir bleiben dran. dann jahreswechsel, teil zwei: ziehung der (traditionellerweise feministischen) tarotkarte. die priesterin der kelche weist mir 2025 den weg, deren botschaft laut beipackzettel besagt, dass das unbewusste „die person zu sich herabzieht“. die person, also ich, macht sich auf alles gefasst, denn sie wird aufgefordert, sich „dem ozean kollektiver erinnerung und erfahrung zu überlassen, den das unbewusste darstellt, und wo bald etwas neues empfangen werden wird.“ öfter mal was neues, vieles möglich, recht so. und dann – jahreswechsel, teil drei – bei allen offenen fragen und rätseln und tauchgängen ins unbewusste doch ganz handfeste zuversicht in einem gedicht des ukrainischen poeten und soldaten serhij zhadan: „die luft geht nicht aus. (…) die luft ist da. und sie trägt uns alle.“ 

Dienstag, 31. Dezember 2024

PARIS: DIE CALLAS, DIE OPER UND DIE VERNUNFT

 „mein leben ist die oper. in der oper gibt es keine vernunft.“
…..und das ist erst der trailer. vielversprechend.
angelina jolie („in der rolle ihres lebens“) als maria (callas), 1977 zurückgezogen lebend in paris.

Montag, 30. Dezember 2024

MÜNCHEN: ANDERSENS ERZÄHLUNGEN

woher kommt die kunst – musik, malerei, literatur –, die uns bewegt und berührt? die nachhaltigste wirkung entfalten häufig werke, die offen oder verschlüsselt autobiografisches aufarbeiten. hans christian andersens geschichte von der kleinen meerjungfrau beispielsweise, die den ertrinkenden prinzen rettet, deren liebe von ihm aber nicht erwidert wird, spiegelt in sublimierter märchenform das tragische schicksal des autors. andersen liebte edvard collin, seinen jugendfreund und sohn seiner ziehfamilie, abgöttisch und musste hinnehmen wie dieser ihm sozusagen wegverheiratet wurde. unter aufbietung der gesamten bühnenmaschinerie und sämtlicher theatertricks verschmilzt regisseur philipp stölzl am münchner residenztheater die biografie des autors und dessen märchen zu „andersens erzählungen“, einem tiefenpsychologischen wellenbad für erwachsene: der biedermeier-salon der collins füllt sich unvermittelt mit knallgelben zauberfischen, garstigen grossmüttern, fluoreszierenden kostümen, fliegenden kussmündern und tintenfischen mit riesententakeln, suggestives licht, suggestive musik, symbolismus meets disney-ästhetik. das meer flutet die spiessbürgerliche welt – ein fest fürs auge, der volle theaterzauber, der andersens ernste botschaften von andersartigkeit und aussenseitertum aufs prächtigste illustriert. moritz treuenfels spielt den dichter fulminant, ihm stehen sämtliche register zur verfügung für diesen verstossenen, melancholischen, schrulligen, zerknitterten, neurotischen, glücklosen mann, der verzweifelt durch den salon seiner ziehfamilie tigert und nur in seiner überbordenden phantasie wirklich aufleben kann. ein schrei, gegen schluss, bringt die ganze tragik dieses lebens auf den punkt, ein schrei an die adresse von edvard: „du bist meine offene wunde! du bist das, was mich schreiben lässt.“ andersen blieb bis zu seinem tod alleinstehend.

Mittwoch, 25. Dezember 2024

ZÜRICH: PEIDEN

das täfer beige zugepinselt, eine eckbank, darüber der herrgott, auf dem tisch eine plastikdecke, ein buffet mit uraltem tv-apparat und – ein paar versteckte ginflaschen: das war die stube der mutter von bruno cathomas in peiden im lugnez. cathomas (59) ist der aktuell herausragendste schweizer schauspieler, er war in basel, dann in berlin, in köln und neu ist er am burgtheater in wien engagiert. die stube seiner mutter steht jetzt auf der bühne des zürcher schauspielhauses und cathomas erzählt darin – in einem 85-minuten-parforce-solo – zwei geschichten: die seines dorfes und die seiner flucht aus diesem dorf. peiden wurde innert kurzer zeit zwei mal ein raub der flammen und wenig später begann der hang und mit ihm das ganze dorf zu rutschen. diese geschichte berichtet cathomas wie ein sorgfältiger dorfchronist auf rätoromanisch. die problematische geologie, die spalten und risse und die damit verbundene unsicherheit werden zur metapher für cathomas´ jugend. wenn er da in der stube seiner mutter rumwuselt, erliegt man sofort seiner fabulierlust, jetzt schweizerdeutsch, seinem humor, seinen anekdoten – von seiner schlosserlehre, von seinem gastspiel in der fünften fussball-liga, vom veräppeln des dorfpolizisten. doch immer wird deutlich, wie das grobe dieser welt zu viel wurde für diesen kerl. cathomas ist ein brocken, aber ein sanfter, verletzlicher, beweglicher. der ruppige vater, die ausgestossene mutter, der verbreitete mangel an empathie, die enge der gedanken – das alles wurde ihm unerträglich, immer wieder atmet er schwer und schwitzt beim erinnern. er musste weg, er ging weg, wurde zum grossen theaterberserker, wild und sensibel, und vermisste lange nichts. kurz vor der première von „peiden“ kehrte bruno cathomas nach peiden zurück. das erste mal seit über 30 jahren. sein solo hat etwas versöhnliches.

Montag, 23. Dezember 2024

GENÈVE: COUP FATAL

vergnügt spielt der mann aus kinshasa hinten auf der bühne auf seinem balafon. vier weitere knien vor ihm und scheinen mit weit ausholenden armbewegungen den klang richtung saal zu schaufeln, die töne mit den händen gleichsam ins publikum zu werfen. ein faszinierender moment, weil er eine uns ungewohnte musik mit einem ungewöhnlichen, sehr stimmigen bild illustriert. „coup fatal“ führt elemente afrikanischer und europäischer kulturen zusammen, barockarien von monteverdi, händel und gluck verschmelzen mit kongolesischem rumba. das projekt – eine ebenso mutige wie gelungene mischung aus konzert, oper und tanztheater – entstand 2014 für die wiener festwochen, worauf eine zweijährige höchst erfolgreiche tournee folgte. und jetzt haben die musiker fabrizio cassol und rodriguez vangama und der choreograf alain platel „coup fatal“ im auftrag der comédie de genève wiederbelebt. mit unerschöpflicher vitalität spielen, tanzen und singen sich der countertenor coco díaz, elf kongolesische musiker und eine musikerin durch dieses interkontinentale crossover, mokieren sich auch mal über typische klischees der anderen kultur, sind pausenlos in bewegung, ein energetischer strudel sondergleichen. es dauert allerdings ein weilchen, bis der funke auf das traditionell reformiert-reservierte genfer publikum überspringt. doch die wilde bande auf der bühne schafft es, die kostüme werden immer bunter, die performance immer ausgelassener, bis zur finalen ekstase, wo der tenor das unvermeidliche „lascia ch´io pianga“ aus händels „rinaldo“ anstimmt und ein kongolese wieder und wieder „open your heart“ dazwischensingt, eindringlich zum publikum gewandt, „open your heart“. eine extra-portion afrikanisches selbstbewusstsein.

Dienstag, 17. Dezember 2024

ROTKREUZ: EIN BLICK HINTER DIE FASSADEN

hotel bauernhof! was man da aus dem zug von zürich nach luzern immer wieder erblickt, mutet an wie ein kleiner scherz: hotel bauernhof, inmitten all der betonkolosse in rotkreuz. das war einmal, rotkreuz als bauerndorf. im verlauf der letzten 14 jahre entstand entlang des gleisfelds – und dank gütiger mithilfe von novartis, amgen, hochschule luzern usw. – jener unansehnliche mix aus überdimensionierten stahl-, glas- und betonfassaden, wie er mittlerweile alle bahnhofeinfahrten von münchen bis basel und von neuchâtel bis köln prägt. die zürcher europaallee mag als vorbild gedient haben, es gibt leider auch schlechte vorbilder. diese total wuchtige, total monotone und total anonyme baumasse wirkt in den grossstädten durchs band hässlich und abweisend, in einer kleinen gemeinde wie rotkreuz wirkt sie auch noch lächerlich. doch jetzt kommt´s: in rotkreuz lohnt sich ein blick, respektive ein bummel in die zweite reihe. den tipp habe ich der architekturzeitschrift „karton“ zu verdanken, sie hat mir diesen stopover empfohlen und die augen geöffnet für das gleichzeitig konzipierte quartier hinter dem massiven gebäuderiegel beim bahnhof. das sogenannte suurstoffi-areal (der name kommt vom ehemaligen sauer- und wasserstoffwerk) besticht heute durch nicht zu hohe, sehr heterogen und sorgfältig gestaltete wohnblocks und eine eigentliche gartenlandschaft. zwischen gebüschen, viel schilf, hecken, spielplätzen, rasen-, wasser- und kiesflächen bewegt man sich auf grosszügig gewundenen wegen. auch wer nicht hier wohnt, fühlt sich hier wohl: viel luft, viel licht und alles verkehrsfrei. es lohnt sich – nicht nur in rotkreuz – immer wieder hinter die fassade zu blicken.

Mittwoch, 11. Dezember 2024

MÜNCHEN: JUGENDSTIL MADE IN MUNICH

zwei dunkelhaarige schönheiten in luftigen kleidern werfen mit einem weissen laken einen älteren herrn (typ professor unrat) in die luft, er versucht sich festzuklammern, doch keine chance, die energie der jungen damen hat´s in sich. was die „jugend“, die münchner illustrierte für kunst und leben, am 4. juni 1898 auf ihrer titelseite zeigte, kann man als symbol für die ganze epoche sehen: das alte wird mit schwung entsorgt. in der grossen ausstellung „jugendstil made in munich“ zeigen das stadtmuseum und die kunsthalle gemeinsam, wie münchens ruf als weltoffene metropole gegen ende des 19. jahrhunderts kunstschaffende aus ganz europa anzog. in diesem für innovationen offenen klima wollten sie sich nicht länger an den stilen der vergangenheit orientieren, sondern neues schaffen, das weit über die kunst hinausging: einen gerechteren und nachhaltigeren lebensstil. die gleichstellung der geschlechter war schon damals ein zentrales postulat, ebenso ein gesundes leben im einklang mit der natur. beispielsweise gab´s in münchen schon kurz nach 1900 das erste vegetarische restaurant, bezeichnenderweise mit dem namen „ethos“. der jugendstil, das präsentiert die ausstellung mit einer beeindruckenden fülle von exponaten, erfasste das gesamte spektrum des täglichen lebens: möbel, textilien, geschirr und andere gebrauchsgegenstände, grafik – überall schlugen sich die weichen formen der natur nieder, blumenornamente, girlanden, geschöpfe aus den tiefen des meeres. was zu kurz kommt in der schau: die architektur des jugendstils. auch dafür ist münchen ein mekka. reicht für mehrere streifzüge durch die stadt.

Montag, 9. Dezember 2024

LUZERN: SPIRIT OF LIFE

diese gesichter überall. man stelle sich in diesen november- und dezembertagen auf einen beliebigen bahnsteig oder setze sich in einen beliebigen bus – und was sieht man? überall regungslose, griesgrämige, zerknitterte, abgelöschte gesichter, tristester alltag. all diese depresso-visagen sind schwerer zu ertragen als das nasskalte, dauergraue wetter. als kontrastprogramm empfiehlt sich ein konzert des zentralschweizer gospelchors „feel the spirit“ unter der leitung von ueli reinhard, zum beispiel in der restlos ausverkauften kirche st. anton in luzern. da blickt man in über 80 aufgestellte gesichter (darunter, achtung transparenzhinweis, eine junge dame namens seline brander…..), man blickt in strahlende augen, vereinzelte verklärt leuchtende hat´s auch dabei. „spirit of life“ lautet das motto dieses jahr, geboten werden einerseits – pflichtprogramm für einen gospelchor – lebensfreude und lebenshilfe („i am not alone“, „hope has come“), andererseits beschwingte melodien aus filmen („the greatest showman“) und musicals („lion king“), mit „africa“ eine beinahe zur musikalischen orgie ausartende elefantennummer und ein sehr berührendes „baba yetu“, das vater unser auf suaheli. die top-solistinnen und -solisten sind alles „eigengewächse“ aus dem chor, ausgesprochen überzeugend, eine cellistin und ein saxofonist erweitern den sound der kleinen band um zusätzliche emotionale farben. alles in allem eine energiegeladene sache auf hohem niveau, viel feuer, viel spirit, pure leidenschaft – und als zugabe, besser kann man´s nicht zusammenfassen: „you made this night delight“. eineinhalb stunden mit diesem chor sind eine art akustische lichttherapie.

 

Freitag, 6. Dezember 2024

LUZERN: GNATTALI? GNATTALI!

ein düsterer donnerstagabend im dezember - was tun: samichlaus? weihnachtseinkäufe? winterwunderwelt? glühweinschwaden? nichts von alledem. nein, wieder einmal erliegen wir dem charme, der von kleinen und kleinsten kulturveranstaltungen quasi um die ecke ausgeht. gemeinsam luden die società dante alighieri luzern und das bücherparadies terranova zum konzert in die himmelrich-überbauung. im intimen rahmen des salon himmelblau liefern emma biglioli (cello) und jacopo figini (gitarre), ein ausgesprochen sympathisches junges paar aus la spezia, den beweis, dass man das motto des abends - „italia in musica“ - nicht zu eng sehen darf und soll. im ersten teil barockmusik, von italienern in italien komponiert, gabrielli, scarlatti, vivaldi. im zweiten teil die berühmte sonate a-moll für arpeggione von franz schubert, gewiss kein italiener, aber vom zu unrecht verrufenen antonio salieri als knabensopran entdeckt, dann nachhaltig gefördert und unterrichtet. italienisches temperament schliesslich auch im dritten teil mit der sonate für gitarre und cello von radamés gnattali. gnattali? ja, auch noch nie gehört, auch wieder so eine bildungslücke, die das junge paar jetzt aufs erfreulichste geschlossen hat. gnattali (1906-1988) war der sohn nach brasilien emigrierter italienischer musiker, ein secondo, der über 300 werke komponierte. seine sonate ist ein kleines feuerwerk, lateinamerikanische rhythmen und italienische emotionen durchdringen sich in rasantem tempo, eine echte entdeckung. und eine wahre freude, wie biglioli und figini sich quer durch die epochen und weltgegenden spielen und dabei grösste professionalität mit grösster hingabe verbinden. viva la musica.

Sonntag, 1. Dezember 2024

CHARKIW: GEDICHTE AUS DEM KRIEG

wer spräche in solchen zeiten
über angst,
wer schämte sich dieser tage nicht,
sich zu fürchten?
wir sind zu viele für die angst,
uns wurde viel zu viel
geschenkt,
als dass wir nicht wüssten,
dass von uns etwas
bleiben wird.
        aus "chronik des eigenen atems", dem neuen gedichtband von serhij zhadan (edition suhrkamp). der ukrainische schriftsteller und musiker erhielt 2022 den friedenspreis des deutschen buchhandels. im april 2024 trat er freiwillig der ukrainischen armee bei und hat dort einen radiosender mit aufgebaut. zhadan ist überzeugt, "dass die sprache stärker ist als die angst des schweigens".