Samstag, 12. März 2022

ROTHENBURG: ITALOKITSCH VOM FEINSTEN

 sole, mare, vino, amore. tutto chiaro? auf der bühne der kulturhalle konstanz in rothenburg steht eine zartblaue vespa, ein paar blumige lichterketten illuminieren das set, basta. „italokitsch“ heisst die formation, „italokitsch vom feinsten“ heisst ihr programm. und das ist keineswegs zu viel versprochen. nadja maurizi und pascal galeone haben beide eine mutter aus dem entlebuch (was durchaus erfreulich, hier allerdings von untergeordneter bedeutung ist) und einen vater aus - italien, zugewandert im vergangenen jahrtausend. italien als heimat, italien als sehnsuchtsland also, wer wäre da nicht gerne dabei?! nadja maurizi singt in allen lagen ganz zauberhaft und wischt dazu locker ihr snare, pascal galeone verfügt über eine ebenso zauberhafte und wandelbare begleitstimme und ist schlicht ein gitarrenwunder, er ersetzt ein ganzes orchester. die beiden steigen gleich ziemlich steil ein mit „a far l’amore comincia tu“ von raffaella carrà und entführen dann zwei volle stunden lang in die welt und die kunst der gepflegten italienischen schnulze. gigliola cinquetti, mina, gianna nannini, ornella vanoni, bennato, celentano, cutugno, modugno, paoli, signor rossi, es geht schlag auf schlag, zuckersüss und zartbitter. genauso wie den hartnäckigsten ohrwürmern gilt die liebe von „italokitsch“ aber auch den melancholischen balladen von nada oder vinicio capossela („der tom waits italiens“), was dem abend eine zusätzliche, dunklere note verleiht. die kulturkommission rothenburg fährt dazu wein und häppchen auf, man sitzt nicht in reihen, sondern an niederen tischchen, fast wie in der strandlounge, wunderbar. amore, passione, dolore – wer „italokitsch“ live erlebt, erspart sich glatt die reise ans festival von san remo. vero!!

Montag, 7. März 2022

MÜNCHEN: ÜBER MENSCHEN

irgendwann küsst sie dann den dorfnazi mal auf die glatze – und erschrickt. sie erschrickt, weil sie realisiert, wie ihre gewissheiten allmählich zu bröckeln beginnen. dora ist eine erfolgreiche junge linke frau, die genug hat vom stress der grossstadt und während der ersten corona-welle von berlin in die brandenburgische pampa flieht („ein haus als hypothetischer notausgang aus dem eigenen leben“). hier leben sie und ihr hund jochen-der-rochen plötzlich unter menschen, die ihr vorher völlig fremd waren. „über menschen“ von juli zeh war der erfolgsroman der vergangenen saison, eine präzise beobachtung der sehnsucht nach einem anderen leben und besseren zeiten. intendant christian stückl hat den roman jetzt fürs münchner volkstheater adaptiert. stefan hageneier baute ihm dafür einen rundhorizont auf die bühne, der in deprimierendem gelb-grau die weite und die trostlosigkeit der provinz gleichermassen einfängt. eine surreale szenerie. und bracken, das abgehängte kaff, ist hier nichts als eine leicht erhöhte, schiefe ebene, wo sich alle begegnen. ein starkes bild: man ist sich sehr nah, man kann die anderen nicht einfach ausblenden, sie sind teil des eigenen lebens. maral keshavarz spielt die dora als sympathische, kritische neuzuzügerin, permanent pendelnd zwischen nähe und distanz. die autorin und der regisseur konfrontieren sie mit einem ganzen kabinett von aggressiven und schrulligen figuren; es sind menschen, die zwischen afd-klebern und horst-wessel-lied und veralberung von corona-regeln immer wieder liebenswürdige züge zeigen, hilfsbereit und mit herzerwärmenden macken. ihre überzeugungen gibt dora hier nicht auf, ihre vorurteile durchaus. schwarz-weiss war früher. den dorfnazi küsst sie dann aber doch kein zweites mal.    

Samstag, 5. März 2022

MÜNCHEN: APPLAUS FÜR TOSCA

das opernpublikum kann hart sein. ungerecht. unfair. neustes beispiel: puccinis „tosca“ an der bayerischen staatsoper mit saioa hernández in der titelrolle, piotr beczala als cavaradossi und ambrogio maestri als scarpia – drei famose stimmen, die perfekt harmonieren und von carlo rizzi und dem bayerischen staatsorchester auch perfekt begleitet werden. die besetzung ist neu, die routiniert-gepflegte inszenierung von luc bondy dagegen bereits zwölf jahre alt. beim schlussapplaus dann bravorufe und stürmisches getrampel für beczala und seinen strahlenden, an diesem abend allerdings nicht hundertprozentig treffsicheren tenor, deutlich weniger applaus für die sopranistin. dabei liefert saioa hernández eine grossartige tosca, ein bewegendes und differenziertes rollenbild mit ihrer liebe, ihrer eifersucht, ihrer rache, ihrer verzweiflung bis zu ihrem selbstgewählten tod. auch stimmlich beherrscht sie von den zartesten piano-tönen bis zu den hochdramatischen fortissimo-ausbrüchen das ganze spektrum meisterhaft. ihr „non posso più“, als polizeichef scarpia ihren geliebten cavaradossi im nebenraum foltern lässt, geht auch einem hardcore-opernliebhaber unter die haut. warum also der lauteste applaus für den tenor? weil er am lautesten sang? weil er die folter überlebte? weil er sich arena-di-verona-mässig in pose warf? weil man ihn hier schon seit jahren kennt und die sopranistin, die an der scala und anderen grossen häusern singt, noch nicht? oder hat etwa dieses gehobene münchner opernpublikum schlicht kein auge und kein ohr für differenziertere rollengestaltung? der vorhang zu und alle fragen offen (das ist brecht, nicht brander). deshalb hier jetzt: ein spezialapplaus für tosca, ein spezialapplaus für saioa hernández. brava.

Montag, 28. Februar 2022

MILANO: ROLE PLAY

chi sono? wer bin ich? wer möchte ich sein? wie sehen mich die anderen? die von melissa harris kuratierte ausstellung „role play“ in mailand beschäftigt sich mit identität, authentizität, diversität. das komplexe thema erfährt im osservatorio der fondazione prada durch ein rundes dutzend künstlerinnen und künstler eine durchaus spielerische umsetzung. begrüsst wird die besucherin, der besucher vom video „cosplayers“ von cao fei (guangzhou), in welchem sich chinesische jugendliche in ihren traumverkleidungen inszenieren und so – mit sensen, ritterrüstungen oder schwarzen luftballons – leben an tote orte bringen, unter autobahnbrücken, in betonruinen, auf hochhausdächer: ein crash zwischen irrer phantasie und brutaler wirklichkeit. das spiel mit rollen prägt eine biografie, ein alter ego kann den ehrgeiz anstacheln, ein avatar die empathie fördern. bogosi sekhukhuni (johannesburg) holt sich mit hilfe moderner technologie seinen vater, der ihm weitgehend abhanden gekommen ist, in die nähe: auf einem bildschirm ein computeranimiertes bild des sohnes, auf einem zweiten vis-à-vis jenes des vaters, roboterstimmen vertonen einen echten facebook-dialog der beiden, sekhukhuni realisiert die ersehnte begegnung als interaktion der künstlichen stellvertreter. ebenso einfach wie eindrücklich dann die arbeit von haruka sakaguchi und griselda san martin (new york), die schauspielerinnen und schauspieler in den rollen ablichten, für die sie am häufigsten gecastet werden – und dann in jenen, die sie gerne spielen würden (die house maid lieber eine ceo, der best friend lieber einen gotteskrieger). als besucher bin ich eingeladen, dieses spiel weiterzuspielen: in welche rolle möchte ich eintauchen? für kurz oder lang? um mich zu finden oder um mich mir zu entfremden?

Samstag, 26. Februar 2022

GENOVA: ANNA BOLENA

ich war gewarnt und, ja, jetzt kann ich es selbst bezeugen: das teatro carlo felice in genua, erbaut 1991 von aldo rossi, ist das mit abstand hässlichste opernhaus der welt. die aufgänge erinnern an osteuropäische metrostationen, zu viel weisser marmor, zu viel messing, das foyer wirkt mit seinen scheusslichen ölgemälden und überdimensionierten neureichen skulpturen mehr aus- als einladend und im zuschauerraum weiss man nicht, ob er von einem fischerstädtchen oder einem adventskalender inspiriert ist, anstelle der logen fensterchen mit grünen fensterläden (!!), ein bisschen holzkitsch da, ein bisschen roter samt dort, dazu als bühnenvorhang eine monströse kubismus-imitation. nix passt zu nix, krieg der stile, es ist der olymp der geschmacklosigkeit. absolut passend dazu dann die inszenierung von donizettis "anna bolena", auch hier von allem etwas. weil regisseur alfonso antoniozzi die zeitlosigkeit des stoffes unterstreichen will (warum eigentlich?), gibt es tudorkragen und charlestonkleider, fascho-uniformen und ritterrüstungen, der könig trägt einen rübezahl-mantel, alles kreuz und quer. die konfliktreichen konstellationen in der tragischen geschichte der zweiten der sechs ehefrauen von heinrich VIII. interessieren den regisseur dagegen kaum: gesungen, resp. geschmettert wird mehrheitlich an der rampe, die personenführung beschränkt sich auf die drei handelsüblichsten operngesten. und bei der verkündung des todesurteils gegen anna stehen die männer des herrenchors mit cocktailgläsern rum, keine aufregung, kein mitgefühl, alle ungerührt wie auf einer langweiligen party. man fragt sich immer wieder, ob der regisseur bei den proben überhaupt dabei war.

Dienstag, 22. Februar 2022

ZÜRICH: DER RING DES NIBELUNGEN

labor, mal wieder: auf der sonst leeren bühne des zürcher schauspielhauses viel elektronik und eine art kerzen-manufaktur. autor necati öziri und regisseur christopher rüping verhandeln hier den „ring des nibelungen“. von richard wagners tetralogie über jugend, macht, geld und sex bleibt ausser ein paar takten rheingold-ouverture und einer veralberung des walkürenritts erwartungsgemäss nicht viel übrig. stattdessen: elektronische baselines von black cracker und dazu freies assoziieren und monologisieren über das ring-personal und wagners weltbild (das so einseitig sexistisch und rassistisch, wie hier unterstellt wird, wohl nicht war). maja beckmann als wotans vernachlässigte fricka macht sich gedanken über partnerschaft im würgegriff der zeit, die fähigkeit zu fühlen, die auch im alter nicht nachlässt, und wie schön es wäre, mit göttervater wotan wenigstens noch partners of crime zu sein. nils kahnwald als proletarier alberich verwickelt das publikum in eine meditation über attraktivität, über das runtergemacht-werden und die einsamkeit der ungeliebten. matthias neukirch als wotan darf noch einmal richtig wüten über die ihm undankbare welt, bevor er zum sekt ins foyer lädt; keiner geht mit, götterdämmerung halt. undsoweiter. „die ganze welt wird brennen.“ öziri hat durchaus kluge texte geschrieben, die wagner-kennern neue perspektiven auf die figuren erschliessen und ring-anfängerinnen entweder lust auf mehr machen oder auch ganz losgelöst funktionieren: ein essay über erbe, identität und emanzipation. am ende des abends, dem es zuvor an interaktion mangelt, will der waldvogel, anders als bei wagner, vom drachen wissen, wie das wirklich war mit dem goldschatz, ob er ihn vor dieben bewachte oder die welt vor weiterem unheil bewahren wollte. dann gibt’s vom ensemble für alle eine kerze – mit der aufforderung, sich von einem drachen im eigenen umfeld, dem man noch nie wirklich zugehört hat, sein leben erzählen zu lassen. theaterpädagogik für erwachsene. geht in ordnung.

Mittwoch, 16. Februar 2022

MÜNCHEN: 50 JAHRE OLYMPIAPARK

weltausstellungen, olympische spiele – über sinn oder unsinn solcher monsterveranstaltungen kann man streiten. oder eben eigentlich nicht mehr. doch unbestritten ist, was diese grossanlässe über ihre kurze dauer hinaus in den jeweiligen städten ausgelöst haben. mailand beispielsweise ist dank der expo 2015 eine andere stadt geworden: attraktive, qualitativ ausserordentliche hochhäuser, darunter die berühmten begrünten (bosco verticale), enorme fussgängeranlagen quer durch die innenstadt, eine völlig neue lebensqualität. oder, jahrzehnte früher bereits, münchen: das referat für stadtplanung zeigt jetzt im rathaus die ausstellung „50 jahre olympiapark – impulse für münchens zukunft“, anhand derer sich im detail studieren lässt, welche bereiche einer grossstadt geboostert werden, wenn auf nachhaltigkeit bedachte planer am werk sind. die ikonischen, transparenten stadiondächer von günter behnisch, die für die olympischen spiele 1972 auf trümmern des zweiten weltkriegs errichtet wurden, und ringsum der riesige park mit seinen weichen formen waren herz und symbol einer breitangelegten stadtentwicklung, ein gesellschaftlicher und politischer wandel kam in gang, visionen waren kein schimpfwort mehr. das u- und s-bahn-netz entstand, zusammenhängende fussgängerzonen rund um den marienplatz, tausende von studentenapartments (umnutzung des olympiadorfes), neue quartiere wurden geplant als „entlastungsstädte“. die devise lautete nicht einfach „münchen für olympia“, sondern „olympia für münchen“. zum 50-jahr-jubiläum soll der olympiapark jetzt zum unesco-weltkulturerbe geadelt werden. also bummelt man wieder einmal durch diesen park mit der unverwechselbaren silhouette der weit ausgreifenden zeltdächer, mit den stillen teichen und den sanften hügeln – und freut sich, wie modern eine gut gedachte und gut gemachte anlage auch nach 50 jahren noch wirkt, wie wohl man sich hier fühlt. zeitlos.

Dienstag, 15. Februar 2022

LUZERN: SIMONE FELBERS IHEIMISCH

was man bei einem konzert mit dem titel „iheimisch“ nicht unbedingt erwarten würde: prominent in der mitte der bühne ein indisches gebetsharmonium. sieht ähnlich aus wie diese alten holz-radios bei unseren grosseltern, ist transportfähig und einfach in der handhabung: die rechte hand spielt auf ein paar wenigen tasten, die linke bedient einen klappbalg. englische missionare brachten diese harmonien in der kolonialzeit nach indien, damit die musik auf ihren weiten reisen nicht zu kurz kam. deshalb heissen die dinger auch „missionarsorgel“. zum tönen bringt die sängerin simone felber (die von der klassik kommt) dieses instrument zusammen mit diversen schwyzerörgeli von adrian würsch (der von der volksmusik kommt) und dem kontrabass von pirmin huber (der vom jazz kommt) – und mit ihrer grandios vielseitigen mezzo-stimme. das ergibt eine kombination, bei der die post abgeht und die das publikum auch im luzerner kleintheater restlos begeistert hat. die drei, die sich an der musikhochschule luzern kennenlernten und sichtlich spass haben zusammen, beginnen oft ganz unverfänglich in folkloristischen gefilden, schmützli, büebli, „ha ame ne ort es blüemeli gseh“, steigern dann rhythmus und volumen, jodeln und klimpern und zupfen wild drauflos und entwickeln einen groove und eine energie jenseits aller musikalischen kategorien. wann wird heimisches fremd und wann wird fremdes heimisch? das ist die frage, die die drei interessiert – und wie sie beim experimentieren die grenzen zwischen vertrautem und exotischem verwischen, ist hohe schule. wenn simone felber die geschichte einer hexe aus dem luzerner hinterland singt, quietschend, kichernd, kreischend, dann ist das kein lied mehr, kein konzert, sondern eine grosse und witzige performance – zum thema „iheimisch“.

Freitag, 11. Februar 2022

LUZERN: ZUR SCHÖNEN AUSSICHT

ödön von horváth war ein äusserst präziser menschenbeobachter und -beschreiber. die realen figuren, die ihm als vorbilder für das personal seiner stücke dienten und reichlich o-ton lieferten, fand er beispielsweise in den gaststätten seiner wahlheimat murnau in oberbayern. schauplatz in „zur schönen aussicht“ (1926) ist eine heruntergekommene pension, wo ein paar heruntergekommene herren ihr verpasstes oder verpatztes leben dem finalen desaster entgegensteuern, als direktor, kellner oder chauffeur. wobei es nur noch einen einzigen gast zu bespassen gibt, eine ebenfalls völlig perspektivenlose baronin, die sich mit sex und suff am leben festklammert. als eine junge dame auftaucht, die von einem der herren ein kind hat und ihn zur verantwortung ziehen will, gerät die männerbande in aufruhr, die baronin ins abseits und die ordnung, so es noch eine gab, völlig durcheinander. „zur schönen aussicht“ bietet das rundum-panorama einer dekadenten gesellschaft, ein europäisches sittenbild. regisseur martin schulze unterstreicht das in der box des luzerner theaters mit einer flächendeckenden alten europa-karte, die den boden der pension bildet, hübsche idee. im übrigen hat er horváth einigermassen falsch verstanden und inszeniert diese trostlose endzeitkomödie als wär’s eine sitcom von charles lewinsky: verfolgungsjagden zwischen topfpflanzen, vulgär gespreizte beine allenthalben, auf den tisch geknallte speisekarten – und es wird geschrien, geschrien, geschrien. schulze zeigt karikaturen statt figuren, klamauk statt finesse. vielleicht hätte er das programmheft zu seiner inszenierung besser studieren sollen, wo horváths „todsünden der regie“ abgedruckt sind, beispielsweise: „es darf auch niemand als karikatur gespielt werden.“

Freitag, 28. Januar 2022

MÜNCHEN: HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

„les contes d´hoffmann“ deutsch gesungen, mon dieu! dass man französische, italienische, russische opern im vergangenen jahrhundert hierzulande oft nicht in der originalsprache aufführte, sondern deutsch, um einem breiteren publikum den zugang zur oper zu erleichtern, machte sinn. dies aber in zeiten von übertitelung mit einem der gängigsten werke nach wie vor zu tun, wie das staatstheater am gärtnerplatz jetzt mit „hoffmanns erzählungen“, ist dann doch ärgerlich: hölzern holpern die verse zur musik, gestörte melodiephrasen, veränderte klangfarben, der charme von jacques offenbachs meisterwerk bleibt auf der strecke. zudem ist chefdirigent anthony bramall ganz offenkundig kein experte für französischen esprit, zu vieles fliesst zu zäh. immerhin brilliert publikumsliebling lucian krasznec in der titelrolle mit einem strahlenden, leichten tenor. sein hoffmann ist kein resignierender alter, sondern ein attraktiver jungdichter auf der jagd nach erotik und erfolg; die momente des selbstzweifels und scheiterns geraten ihm allerdings oft zu plakativ. von den frauen überzeugen vor allem ilia staple als puppe olympia mit einer krassen koloraturorgie und anna-katharina tonauer als hoffmanns muse, liebevoll und lyrisch. der italiener stefano poda, für regie/choreografie/bühne/kostüme/licht in personalunion zuständig (!!), tapeziert den gesamten bühnenraum mit tausenden von (verworfenen?) manuskriptseiten des dichters, dazu stellt er 25 hohe vitrinen, in denen mal bizarre automaten, mal operndiven und mal venezianische karnevalsköniginnen ausgestellt sind, und zwischen denen e.t.a. hoffmanns schwarze schauergestalten ihre seltsamen spiele treiben: ein lebendiges museum der geschichten – bestechende idee, bezaubernde effekte.

Donnerstag, 27. Januar 2022

MÜNCHEN: BAYERISCHE SUFFRAGETTEN

in hautengen weissen trikots und unter plastikschleiern schieben sie sich auf der bühne der münchner kammerspiele von ganz hinten ganz langsam nach ganz vorne: die guten alten geister der münchner frauenbewegung. dazu eine art moderner choral aus elektrosounds und fernen, feinen stimmen. „stricken, sticken, ficken“ – so fassen sie das los der frauen im deutschen kaiserreich ein für allemal zusammen. es gab grossartige frauen, die das ändern wollten, für sich, für alle, für immer. mit „bayerische suffragetten“ setzen die kammerspiele und das stadtarchiv monacensia ihre kooperation fort, mit der sie die frauenbewegung in der stadt „weiter erforschen und erzählen“ wollen. das hat als theaterabend, natürlich, etwas wikipediahaftes, ist aber dank dem maximal diversen ensemble trotzdem ein grosser gewinn und eine wahre freude. keimzelle der bewegung war ab 1886 das fotostudio elvira, an prominenter lage in der innenstadt und mit seinem gigantischen jugendstildrachen an der fassade unübersehbar. den drachen, den die nazis 1933 abschlagen liessen, stellt jessica glause ins zentrum ihrer inszenierung – ein spätes denkmal. mit den beiden seelen dieses fotostudios kommt leben in die bude: annette paulmann als anita augspurg (welche energie, welcher schalk!) und katharina bach als ihre lebensgefährtin sophia goudstikker gehen unbeirrt ihren ebenso kreativen wie subversiven weg, kämpfen für gleichheit, bildung und das recht auf abtreibung und scharen einen bunten und immer grösser werdenden haufen gleichgesinnter um sich. der erste bayerische frauentag 1899 ist der lustvolle höhepunkt der bewegung – und des abends. es ist ganz offensichtlich: der lang anhaltende applaus am schluss gilt nicht nur dem ensemble, er gilt auch den kämpferischen frauen von einst.

Montag, 24. Januar 2022

MÜNCHEN: DER GROSSE MARSCH

was soll das theater? was kann das theater? was soll der tod? man kann nicht behaupten, dass der theaterautor wolfram lotz den grossen fragen ausweicht. und ja, auch die unsterblichkeit der seegurke hat ihn vor zehn jahren zu seinem stück „der grosse marsch“ inspiriert. wobei lotz seinen text weniger als stück versteht, sondern eher als protokoll seiner selbstgespräche. ziemlich kopflastige angelegenheit also. im werkraum der münchner kammerspiele inszeniert anne habermehl die teils klugen, teils diffusen textfetzen mit der abschlussklasse der otto-falckenberg-schule als rasante, sinnliche, frisch-freche show. die angehenden schauspielerinnen und schauspieler setzen die wortkaskaden unter strom, bauen eine spannung auf in ganz unterschiedliche richtungen, jagen den ehemaligen deutsche-bank-chef josef ackermann über die bühne (der lieber unter der dusche opern singt als sich zeitgenössisches theater antut), stellen den arbeitgeberpräsidenten dieter hundt mit fragen zur raf bloss, sozialhilfeempfänger treten auf und prometheus und hamlet und reich-ranicki, bakunin schaut ebenso vorbei wie lewis powell, mitverschwörer bei der ermordung abraham lincolns (im theater, eben!). die zeiten mischen sich wild, die gedanken ebenso. doch was nach chaos tönt, ist eine höchst amüsante und vor allem anregende reflexion über die rolle des theaters in einer komplizierten welt. „holen wir sie raus, die wirklichkeit“, skandieren die schauspielschülerinnen und -schüler wieder und wieder. sie kennen ihre aufgabe, die zukunft des theaters ist gesichert. zwischendurch der ruf ins publikum: „wer die wahrheit nicht erträgt, der hätte nicht hierher kommen sollen.“ wir kommen wieder.  

Samstag, 22. Januar 2022

KORINTH: DIE DUMPFE WUT UNTER DEN MASKEN

wer hätte das gedacht? „medea (…) hielt mich in armlänge auf abstand.“ und: „wie diese ständige gefahr die bewohner zwingt, vorkehrungen dagegen zu treffen, einander in masken zu begegnen, unter denen, wie sich gezeigt hat, eine dumpfe wut sich anstaut.“ zwei ausschnitte aus dem roman „medea.stimmen“ von christa wolf. die erstausgabe erschien 1996. abstand, masken, dumpfe wut – christa wolf, die blinde seherin?

Montag, 17. Januar 2022

STANS: LIQUID TIMES

zwei hände lösen aus einem runden reishaufen auf einem dunklen holztisch einzelne körner und drappieren sie daneben zu dekorativen zeichenzeilen, einem geheimnisvollen visuellen gedicht. es sind die hände der in zürich lebenden obwaldner videokünstlerin judith albert. in einem anderen video, das eine nächtliche waldlichtung zeigt, huscht sie als schatten scheinbar schwerelos die bäume hoch und von wipfel zu wipfel, ein tanz oder ein ritual, realität oder traum? judith albert bewegt sich mit all ihren arbeiten zwischen den welten, das macht sie rätselhaft und poetisch: was die betrachterin und der betrachter sehen, assoziieren oder interpretieren, kann ihnen schon im nächsten moment wieder entgleiten. raum- und zeitgefühl beginnen sich aufzulösen und so entwickelt sich ein faszinierender meditativer sog. „liquid times“ (flüssige zeiten) heisst die ausstellung, mit der judith albert jetzt die neue galerie stans eröffnen darf, 22 werke aussen und innen, projektionen auf glas und auf screens, streiflichter auf wände und böden, objekte in pompösen bilderrahmen. einen inspirierenderen start kann man sich für die galerie am dorfplatz 11 in stans nicht vorstellen. aus dem 150 jahre alten zweistöckigen häuslein, in dem lange die zehnköpfige familie flury und dann lange niemand mehr lebte, wurde mit viel liebe zum detail ein richtiges kleinod, das seinen neuen zweck jetzt reichlich erfüllen darf, sind doch allein dieses jahr noch fünf weitere ausstellungen geplant. die sorgfalt, mit der judith albert ihre werke ausgewählt und platziert hat, der dialog, der dadurch entsteht zwischen den alten räumen und den neuen ideen – das dürfte für die weiteren künstlerinnen und künstler massstab und herausforderung sein.

Donnerstag, 13. Januar 2022

HAMBURG: DIE KRAFT DES THEATERS

 „im theater hier brauchen wir keine übersetzung mehr, auch keine übertitel; wir arbeiten in drei sprachen – mühelos. theatermenschen verstehen sich viel besser als politiker oder soldaten. darauf sollten wir bauen.“
(kirill serebrennikow, der bekannteste russische theater- und opernregisseur der gegenwart – und dissident, in einem gespräch mit der „zeit“; nach vier jahren hausarrest in moskau inszeniert er jetzt am hamburger thalia theater tschechows „der schwarze mönch“)