nach vielen harten, temporeichen, schnell geschnittenen, formal mutigen bis irritierenden filmen der jungen generation hält jetzt ganz offensichtlich die poesie wieder einzug. das wird bei den „pardi di domani“ (die leoparden von morgen), der newcomer-sektion des filmfestivals von locarno, dieses jahr überraschend deutlich. poesie schon bei den filmtiteln, hier nur drei von vielen: „chant pour la ville enfouie“ ist eine bedächtige hommage an das abgefackelte und eingeebnete flüchtlingscamp von calais. hinter „euridice, euridice“ verbirgt sich eine zartbittere liebesgeschichte zweier frauen, die abrupt endet, als die eine ohne abschied nach griechenland entschwindet. „l’enfant au diamond“ ist eine jugendliche, die verstörten, verzweifelten menschen in einer erstarrten welt die augen für neue möglichkeiten öffnen will. die poesie ist also nicht einfach selbstzweck, sondern eine entscheidung, die themen der zeit so zu verhandeln, dass das publikum nicht durch eine story gejagt, sondern zum mit- und nachdenken eingeladen wird. das erreichen die jungen regisseurinnen und regisseure mit ruhigen bildern, langen einstellungen und immer wieder viel persönlich geprägtem, tagebuchartigem off-text, gesellschaftlich und politisch engagiert, ohne verbittert zu sein. die präsentation der „pardi di domani“ war dieses jahr eine wohltuende insel im locarneser trubel: ort und zeit für reflexion.
Dienstag, 16. August 2022
Mittwoch, 20. Juli 2022
MÜNCHEN: LIKE LOVERS DO
die bühne der münchner kammerspiele ist diesmal eine überdimensionierte, knallbunte hüpfburg – als zufluchtsort der erinnerungen. jeder der vier türme dieser hüpfburg ist, klar doch, ein riesiges phallussymbol und jeder der vier türme macht im verlauf des abends, klar doch, schlapp. kein wunder, denn die fünf wesen (drei w und zwei m – oder doch fünf d?) in sivan ben yishais stück „like lovers do (memoiren der medusa)“ schmettern hochtaktig gefühlt 800 erfahrungen von missbrauch, übergriff, anzüglichkeit, inzest, vergewaltigung in den saal, von pinar karabulut inszeniert mit songs, als sprechgesang, als chor und unterstrichen durch eine spastische choreografie. „als ich zehn war, steckte er seinen finger in meine vulva, als würde er ein auto reparieren.“ hunderte von sätzen wie dieser. dieser text ist eine attacke, eine abendfüllende abrechnung. man verspannt sich beim zuhören. sind es die träume der frauen, die zwingend zu albträumen werden? sind es die träume der männer, die zwingend in sexualisierte gewalt ausarten? dieser tonnenschwere ballast liegt über dem abend und einmal mehr die erkenntnis, dass die welt auch nicht mehr ist, was sie noch nie war. die umkehrung der geschichte, die befreiung vom patriarchalen joch, die yishai und karabulut laut programmheft offenbar andenken und anstreben, sie gehen unter in all den verbalen bauchtritten und tiefschlägen. am ende besteigen die fünf w/m/d/l/g/b/t/i, jetzt kostümiert wie zwerge oder wichtelinnen im kindermärchen, ein schnittiges raumschiff, weiden sich vor dem start noch an der utopie, dass die zukunft ganz, ganz anders wird, und lassen doch die üble ahnung zurück, dass alles bleibt wie es ist. die vergangenheit ist die gegenwart ist die zukunft. die bühnenarbeiter winken den entschwebenden fünf müde nach. der kampf der geschlechter hat die menschheit erschöpft.
Dienstag, 19. Juli 2022
MÜNCHEN: MEDEA MACHT DEN FROSCH
medea macht den frosch. im ernst. carolin conrad spielt medea am residenztheater in münchen und macht den frosch. von kreusa, der neuen frau an iasons seite und also ihrer nachfolgerin, wird sie ultimativ aufgefordert, froschmässig quer über die breite bühne zu hüpfen. macht sie, hin und zurück. medea war vieles, eine magierin, vielleicht die mörderin ihrer kinder – vor allem aber war sie eine stolze frau. nie, nie hätte sich eine wie medea so erniedrigen und sich zu einer derart albernen nummer hinreissen lassen. das ist das eine missverständnis in karin henkels inszenierung. das andere sind die männer: michael wächters iason ein permanent schreiender ehekrieger, michael goldbergs kreon ein kasperl von könig, nicola mastroberardinos aigeus ein peinlicher schleimer. nie, nie hätte sich eine wie medea mit so plumpen männern abgegeben. eine frau aufwerten wollen, indem man die männer um sie herum abwertet, diese rechnung ist noch nie aufgegangen. karin henkel schnipselt den euripides-text neu zusammen, verändert ihn, ergänzt ihn, lässt 20 mädchen (die medeas von morgen) als chor auftreten, findet teils hoch ästhetische, teils völlig überflüssige bilder – mit dem resultat, dass einen diese ganze verstörende geschichte irgendwie kalt lässt. carolin conrad ist eine tolle schauspielerin mit einer grandiosen mimik, blitzende augen, zuckende mundwinkel, bebende nasenflügel. man würde sie gerne als medea sehen, in einer inszenierung, die eine haltung hat zu dieser figur und sich ihr nicht bloss spielerisch anzunähern versucht. die frosch-nummer hat carolin conrad definitiv nicht verdient.
Sonntag, 3. Juli 2022
GISWIL: OBWALD, SPECIAL EDITION
einen runden oder halbrunden geburtstag am volkskulturfest „obwald“ zu feiern, bringt etliche vorzüge mit sich. einer davon: man muss das festzelt nicht selber aufstellen. ein weiterer: ein high-end-musikprogramm ist garantiert. seit 2006 bringt martin hess hier musikalische traditionen aus der ganzen welt mit volksmusik aus der schweiz zusammen, das fremde und das eigene begegnen und bereichern sich: „völkerverständigung in unserer waldlichtung“ formulierte hess als ziel und es sind ihm viele magische momente gelungen. nun hören martin hess und fabian christen, der die abende immer ebenso sec wie sympathisch moderierte, auf – nach 16 „obwald“-ausgaben. zu ihrem finale gönnten sie sich und dem publikum jetzt eine art best-of: formationen aus andalusien, georgien und der mongolei, die bereits einmal auftraten in giswil, kehrten zurück und mischten sich neu und immer wieder anders mit den volksmusikanten aus dem muotathal, aus ob- und nidwalden. es sind nicht nur aussergewöhnliche töne, die sich dann ergeben, sondern auch bilder, die zu herzen gehen: wenn etwa die junge giswilerin tamara riebli inmitten der kräftigen männer des georgischen didgori chors mit ihren dunklen gewändern und dunklen stimmen glockenhell jodelt oder wenn evelyn und kristina brunner aus spiez den mongolischen pferdekopfgeiger batzorig vaanchig und seine gurgelnde stimme mit kontrabass und cello kongenial begleiten und stimulieren. in einer welt, in der grenzen wieder neu und hart gezogen werden, berührt es noch mehr als in früheren jahren, wenn ein jodler aus der zentralschweiz einem sänger von einem anderen kontinent während dem gemeinsamen auftritt freundschaftlich den arm um die schulter legt. wie es mit dem „obwald“ weitergeht, ist offen. wie es mit der welt weitergeht, ist offen. man wird diese völkerverständigung in der waldlichtung nicht so schnell vergessen.
Freitag, 1. Juli 2022
MILANO: USELESS BODIES?
das ist ein raum, der angst machen kann oder zumindest beklemmung auslöst: fensterlos, grau, 70 arbeitsplätze, 70 bürostühle, 70 bildschirme, 70 tastaturen – und kein einziger mensch. dafür ist die frontwand ein riesiger spiegel, der das grauen noch verdoppelt. in einer der bürozellen klebt immerhin noch eine kinderzeichnung, in einer anderen steht ein vertrockneter kaffeebecher: letzte zeichen, dass da tatsächlich mal jemand gearbeitet hat. „garden of eden“ lautet der ironische titel dieser installation, die wir unweigerlich mit der pandemie in verbindung bringen, die das dänisch-norwegische künstlerduo elmgreen & dragset aber bereits davor konzipiert hat. dieser raum ist teil ihrer grossen und grossartigen ausstellung „useless bodies?“, mit der sie in der fondazione prada in mailand mehrere hallen und den freiraum dazwischen bespielen. mit verstörenden und oft auch witzigen installationen und skulpturen illustrieren die beiden, wie unsere körper in der postindustriellen realität immer unwichtiger werden, unsere physische präsenz immer überflüssiger. immer grössere teile unseres alltags laufen zweidimensional, digital, selbst das zwischenmenschliche wird in die virtuelle welt entsorgt. elmgreen & dragset denken diese entwicklung mit ihrer offensichtlichen lust am dystopischen zu ende. ein swimmingpool, mal noch ein magnet für körperliche ertüchtigung, steht leer und verrottet, mehrteilige leichenkühlschränke stehen bereit, in der ganzen ausstellung gibt es durchaus immer wieder figuren, aber keine einzige interaktion zwischen ihnen. können wir das wirklich wollen? die botschaft von elmgreen & dragset ist klar: nein, aber wir sind auf dem besten weg dazu.
Donnerstag, 16. Juni 2022
MÜNCHEN: MÄKELÄ, 26
sein name ist mäkelä, klaus mäkelä. vor ein paar tagen wurde bekannt, dass der finne das erbe von dirigenten wie bernard haitink, riccardo chailly und mariss jansons antritt – als chefdirigent des amsterdamer concertgebouw-orchesters. das aussergewöhnliche: im gegensatz zu seinen illustren vorgängern an dieser position ist mäkelä gerade mal 26 jahre alt. diese woche nun, zufall, dirigiert er die münchner philharmoniker. nein, er dirigiert sie nicht, er reisst sie mit, er entzündet sie. zuerst bei der sich bis zur raserei steigernden „batteria“ seines nur unwesentlich älteren landsmanns sauli zinovjev, dann im düsteren violinkonzert nr. 1 von dmitrij schostakowitsch mit der phänomenalen lisa batiashvili, die mit der teuflisch schwierigen kadenz im dritten satz für begeisterungsstürme sorgt, schliesslich in der ersten symphonie von gustav mahler, die oft abgetan wird als gemischtwarenladen, banal und beliebig. mäkelä holt da mehr heraus, er schwelgt wie frisch verliebt, wenn die wiener wirtshausmusik durchklingt, er federt und zuckt in den stürmischen, geradezu aggressiven phasen und ja, er scheint jede und jeden einzelnen im orchester zu elektrisieren. auch wer schon länger zum inventar dieses orchesters gehört, wird sicht- und hörbar angesteckt von der explosiven energie des jungen finnen. wann hat man das schon gesehen, dass orchestermusiker mitten in einem hochkomplexen satz den dirigenten anstrahlen oder sich gegenseitig, von cello zu cello zum beispiel, mit begeisterten blicken befeuern? in seinem slimfit-anzug und mit den nach hinten gekämmten haaren erinnert der schlanke, wendige mäkelä – achtung, abteilung unfaire vergleiche – stark an den österreichischen kurz-kanzler sebastian kurz. die karriere des dirigenten mäkelä wird gewiss länger dauern als die des politikers kurz.
Samstag, 4. Juni 2022
MÜNCHEN: FINSTERNIS
auf lampedusa sagte ein fischer zu mir: „weisst du, was für fische wir hier neuerdings wieder haben? seebarsche.“ er zündete sich eine zigarette an und verfiel in ein tiefes schweigen. „und weisst du, warum die seebarsche zurückgekommen sind? weisst du, wovon sie sich ernähren? genau.“ – mit „schiffbruch vor lampedusa“ schrieb der sizilianer davide enia einen roman/monolog, der ins scheinwerferlicht rückt, was wir allzu gerne vergessen oder verdrängen. er klagt nicht an, er beschreibt: die flüchtlinge, tote und überlebende, die rettungstaucher, die hilfe leisten bis zur selbstaufgabe, und don vincenzo, der die toten ungeachtet ihrer konfession auf dem katholischen friedhof bestattet. enia nahm seinen vater mit auf diese reportagereise, einen pensionierten kardiologen, der sein herz nicht öffnen kann, ein feldversuch gewissermassen. unter dem titel „finsternis“ hat nora schlocker am münchner residenztheater jetzt eine bühnenfassung des romans inszeniert. der grossartige robert dölle ist davide enia: ganz sizilianer kocht er orangenmarmelade in seiner küche, setzt sich zwischendurch an seinen laptop, spricht den beklemmenden monolog, wendet seinen blick ab und zu ins publikum, auch mal mit tränen in den augen. nein, es darf einfach alles nicht wahr sein, ist immer wieder der reflex beim zuhören. „finsternis“ ist ein weckruf, sich seiner verantwortung wieder bewusst zu werden. so wie dölle den text vorträgt, die schilderungen der ertrinkenden, die annäherung an den verschlossenen vater, den kontakt zum sterbenden onkel, wird daraus ein starkes plädoyer für empathie. auf dem programmheft ist der titel des stücks so gedruckt, dass „stern“ als zentraler bestandteil des wortes „finsternis“ erkenntlich wird. was für ein wunderbares detail.
Freitag, 27. Mai 2022
LUZERN: FÜNF BESTE TAGE
s wie schamhaar, u wie usa, a wie alkohol. und jetzt eine geschichte zu einem stichwort mit dem buchstaben m! sie sprudeln nur so, die anekdoten aus der vergangenheit, kunterbunt durcheinander: sieben frauen und acht männer sind kaum zu bremsen, das leben ist vielstimmig und die grauzone zwischen erinnerung und wahrheit gross. eigentlich sind die 15 seniorinnen und senioren auf der bühne des voralpentheaters nur zwei: monika und max, die im alter zueinander gefunden haben. „fünf beste tage“ heisst die berührende geschichte von erwin koch, die reto ambauen fürs theater adaptiert und mit den greyhounds inszeniert hat. monika leidet schwer an einem karzinom in den gallengängen und bestellt exit auf montagabend. max begleitet sie in diesen letzten tagen, macht ihr einen sirup, bringt ihr den lippenstift, formuliert seine angst „wenn du dann röchelst und zuckst“, sie tanzen noch einmal und reden, reden, reden, ungeschminkt wie nie zuvor und immer herzlich und manchmal auch skurril, etwa wenn max ihr ausgiebig von seiner phantasie erzählt, definitiv zur friedensameise zu werden. viel humor ist da im spiel, in dieser inszenierung vielleicht etwas zu viel, auch zu viel hektik. so kommt einer intimen konstellation oft die initimität abhanden. man freut sich, wenn die 15 als chor mal einfach nur ruhig und besinnlich vor sich hinsummen und so einen ausdruck finden für den nahen tod, oder wenn christov rolla am klavier im hintergrund ganz wunderbar leicht eine zarte stimmung spiegelt. monika geht, max bleibt – und bis zuletzt stellen sie sich immer wieder mit grosser ernsthaftigkeit und grossem interesse die eine frage: „was wissen wir voneinander?“ in dieser inszenierung sind alle mal monika oder max, das leben ist vielstimmig.
Donnerstag, 26. Mai 2022
LUZERN: ALT WERDEN MIT KATJA
„alter ist radikalität und meisterschaft, nicht durchhängen“, lautet die devise von udo lindenberg, die sich die regisseurin und begnadete kolumnistin katja früh sehr zu herzen genommen hat. ja, denkt man, genau so muss es sein! „den wunsch nach dem besonderen loslassen und der banalität ihren platz geben“, lautet eine ganz andere devise von katja früh. ja, denkt man wieder, genau so muss es sein! nur: dieses pendeln zwischen dem meisterlich und aussergewöhnlich sein oder zumindest sein wollen auf der einen und dem arrangement mit der banalität, der langeweile, dem nichts auf der anderen seite – das ist dann doch eine ziemlicher spagat, das verlangt eine richtig gut trainierte ambiguitätstoleranz. katja früh beherrscht das. in ihren kolumnen beschäftigt sie sich immer wieder mit dem alter und las jetzt im hotel beau séjour in luzern daraus vor. die von irene graf überaus sympathisch moderierte 60-plus-veranstaltung der stadt wurde zur begegnung mit einer aufgestellten, humorvollen und durchaus realistischen frau, die so munter richtung alter wandert, dass man zum nachahmungstäter werden möchte: lustvoll nach vorne schauen, dabei die meisterschaft, die radikalität und die banalität gleichermassen ins eigene konzept integrieren. so geht alt werden mit katja. bleiben sie dran.
Montag, 23. Mai 2022
BALLWIL: TOGGENBURGER PASSION
ballwil liegt nicht im toggenburg, sondern im luzerner seetal. als luzerner mit toggenburger wurzeln wird man aber natürlich hellhörig, wenn der kirchenchor von ballwil die – mir bis anhin nicht bekannte – „toggenburger passion“ von peter roth aufführt: heimatklänge fern der (ur-)heimat sind da also angesagt. das 1983 entstandene werk verbindet einen klassischen, kammermusikalischen duktus mit melancholischen hackbrettklängen und lüpfigen tanzweisen aus den kargen ostschweizer tälern. das wirkt weder aufgesetzt noch schräg, sondern ergibt einen sehr suggestiven klangteppich für die leidensgeschichte jesu, die das werk nicht mit dem tod am kreuz abschliesst, sondern bis zur auferstehung, zum pfingstfeuer weiterführt. dass grosse teile des textes in mundart gesungen werden, schafft einen noch unmittelbareren zugang („oh wörsch du doch lose“ statt „erhöre mich, o herr“). dirigent hannes roesti unterstreicht die spannung, die zwischen leiden und erlösung liegt, indem er die momente der verzweiflung und der angst bewusst langsam angeht, geradezu meditativ auskostet, und als kontrast dann die beiden solisten, das erfrischend junge instrumentalensemble und den chor in der freude, im jubel regelrecht anpeitscht, mit tempo und fortissimo. mit ganz offensichtlicher lust lässt der chor die bedrückenden ereignisse von golgotha in einem fest der zuversicht enden. diese passion ist eine entdeckung – und der herzhafte applaus in der vollen kirche beweist es: sie rührt nicht nur meine toggenburger seele.
Sonntag, 22. Mai 2022
BERN: I CAPULETI E I MONTECCHI
mächtig verliebt lümmeln romeo und julia in seiner wg-küche rum. sie schwärmt in herzergreifenden tönen, er wippt vergnügt dazu und schnipselt zucchini für die pastasauce, die junge liebe beflügelt, der weisswein steht bereit, belcanto-schmelz vom feinsten. doch dann entschwindet zuerst julia hinter einem vorhang und schliesslich die ganze küchenzeile in der versenkung - aus der traum! zurück bleiben eine leere, düstere bühne und endloser schmerz bei romeo. mit narkotisierenden melodien beschreibt vincenzo bellini in „i capuleti e i montecchi“ die illusion, die die liebe dieser beiden jungen menschen aus zwei verfeindeten familien von beginn weg ist. und david hermann unterstreicht in seiner inszenierung am theater bern mit faszinierend einfachen bildern den utopischen charakter dieser berühmtesten liebesgeschichte, ihre unmöglichkeit. das junge paar ist umgeben von alten weissen männern, die sich eigenartig bewegen, sinnentleerte dinge tun, ins leere reden und verständnislos den kopf schütteln – die erwachsenenwelt aus sicht junger verliebter. nein, da ist kein durchkommen, diese welt wird bestimmt durch macht, härte, hass, rache. wie die russische mezzosopranistin evgenia asanova als romeo in diesem setting die spannung zwischen sehnsucht und tiefster verzweiflung aufbaut, mit ihrer stimme, mit ihrem spiel: das ist schlicht betörend. und der erst 29jährige dirigent sebastian schwab schlägt dazu zeitweise entfesselte tempi an, als müsste er das berner symphonieorchester wecken, oder den alten bellini, oder beide. es ist ein abend der jugend. das premierenpublikum dankt’s mit begeistertem applaus.
Mittwoch, 18. Mai 2022
MÜNCHEN: PUSSY RIOT
volles haus und standing ovation für pussy riot an den münchner kammerspielen. es tut gut, russische künstlerinnen jetzt live zu erleben und ihnen aus vollem herzen zu applaudieren. es tut gut, dieses andere russland zu hören und zu spüren, das putin mit seinem höllischen treiben zudeckt und erstickt. er ist auch da, unübersehbar steht er vorne links im saal, lebensgross und lebensecht, in gefängnisklamotten und behängt mit schildern: putin to the hague, putin to court und #saynotoputin. aus den ereignissen, die dem legendären protest-gebet von pussy riot am 21. februar 2012 in der moskauer christ-erlöser-kathedrale folgten, schauprozess, arbeitslager, hungerstreik, hat frontfrau marija aljochina ein buch gemacht („riot days“). und dieses buch performt sie mit einer mitstreiterin von damals und neuen bandmitgliedern jetzt im westen: eine anti-putin-tour, 19 auftritte mit dem sound der revolution. zu krassen elektrobeats, noch krasserem schlagzeug (diana burkot) und schräg-melancholischem saxophon (anton ponomarew) singt mascha ihre geschichte, mal mit der kult gewordenen farbigen sturmhaube, mal mit sonnenbrille und in schwarzen tüchern wie bei einem trauerzug. es ist ein schriller und trotziger sprechgesang, dazu auf der riesigen leinwand permanent videosequenzen von aufgelösten demonstrationen, verhaftungen, kontrollen, körperlichen misshandlungen, arbeitslagern und absurden putin-auftritten. das ist punk, das ist dok, das ist ein einziger aufschrei. so tönt zorn. und welche kräfte er freisetzt: keine destruktive energie entsteht um diese frauen herum, sondern eine positive, eine mut machende, eine solidarische. nach einer atemlosen stunde sagt mascha zuletzt ganz ruhig diesen einen satz ins publikum: „es gibt keine freiheit, wenn man nicht täglich für sie kämpft.“
Freitag, 22. April 2022
MÜNCHEN: GIER UNTER ULMEN
kühe, getreidefelder, eine blühende farm im idyllischen new england des jahres 1850. das ist die szenerie in eugene o’neills selten gespieltem stück „gier unter ulmen“ (desire under the elms, 1924). nix davon in der inszenierung von evgeny titov am münchner residenztheater. die bühne, die ihm duri bischoff gebaut hat, besteht aus lauter steinbrocken, felsformationen, hohen fensterlosen mauern, alles schwarz verschattet. diese bühne zeigt nicht die heimat der farmerfamilie cabot, sondern ihre seelen: düster, verroht, hart. der vater (oliver stokowski), ein verwitweter patriarch, will seine drei söhne ums erbe bringen, heiratet deshalb die junge abbie (pia händler), die sich als femme fatale erweist, an gier und rücksichtslosigkeit alle anderen noch übertrifft und mit ungebremster sexueller energie den jüngsten sohn eben (noah saavedra) zum erbitterten konkurrenten seines vaters macht. „hier ist nichts menschliches“, sagt eben einmal, jeder ist jedem die hölle. nur einmal taucht ebens verstorbene mutter auf (dora garcidueñas), singend wandelt sie zwischen den felsen, ein zarter moment, vielleicht gab es mal einen hauch von liebe in dieser enge. o’neills grosses vorbild waren die griechischen tragödien, das unterstreicht titovs inszenierung noch: die dreiecksgeschichte zwischen vater, braut und sohn wird aggressiv aufgeladen, das fehlen jeglicher empathie geradezu holzschnittartig ausgestellt. das ist kein schöner blick auf die welt und er tut weh, weil er so zeitlos ist. am schluss liegen drei tote schafe und ein totes kind auf der bühne - und der sheriff, der für gerechtigkeit sorgen würde, taucht nicht auf. den hat die regie gestrichen.
Donnerstag, 7. April 2022
MÜNCHEN/LUZERN: PLAYING MEDEA
königstochter, zauberin, migrantin, rachegöttin – medea ist eine der komplexesten und unfassbarsten gestalten der antike. „fürwahr, ich bin in vielerlei von vielen sterblichen verschieden“, sagt sie in euripides‘ tragödie. als dominante und kämpferische frau widersprach sie dem klassischen weiblichen rollenbild. sie ist opfer und täterin zugleich und nimmt viele der katastrophen vorweg, an denen die menschheit nach wie vor arbeitet. dass medea auch ihre eigenen kinder umbringt, macht die nachwelt bis heute ratlos. sophie, eine erfolgreiche schauspielerin, freut sich sehr, als man ihr die rolle als medea anbietet. grosse tragödie, grosser auftritt, grosses echo – ist ihr erster gedanke. doch die intensive auseinandersetzung mit der ambivalenten figur wird zum kampf, da sich sophies professionalität als theaterfrau und ihre gefühle als mutter zunehmend überlagern. begleitet von panischen träumen fiebert sie der première entgegen. – stoff für einen film? stoff für einen film! die erste fassung meines drehbuchs ist im kasten, jetzt folgen feedback-runden und überarbeitung. arbeitstitel: „playing medea“. eine frau von heute nähert sich dem mythos aus der antike.
Montag, 4. April 2022
MÜNCHEN: WER IMMER HOFFT, STIRBT SINGEND
um himmels willen, denkt man beim studium des programmhefts vor der première, bin ich da in den master-studiengang dramaturgie der ludwig-maximilians-universität geraten? „angesichts der sich dieser tage wieder in extremis abbildenden klüfte zwischen geschichte und eigensinn, öffentlichkeit und erfahrung oder der zunehmend disparat verschobenen massverhältnisse des politischen, scheint die intensivierte auseinandersetzung mit einem in jeder hinsicht überbordenden werk zumindest situationsadäquat.“ von mimesis ist die rede und von heterotopie und der titel der produktion an den münchner kammerspielen tönt auch eher sperrig: „wer immer hofft, stirbt singend – reparatur einer revue.“ man befürchtet kopfigstes theater. doch weit gefehlt: regisseur jan-christoph gockel beweist einmal mehr, dass er aus anspruchsvollsten texten sinnlichstes schauspiel machen kann. auf der bühne ein bunter zirkuswagen, lichtergirlanden, ein feuerspeiender drache und andere putzige tier-marionetten von michael pitsch: zauberhafte szenerie. mit einem höchst diversen ensemble und viel poesie erzählt gockel nach motiven des filmemachers und philosophen alexander kluge – unter anderem – die geschichte der leni peickert (julia gräfner, schlicht grandios), die von ihrem in der manege zu tode gestürzten vater mit dem zirkus auch die lust am unmöglichen erbt (warum nicht endlich elefanten an ballonen in die zirkuskuppel hieven?), dann den zirkus modernisieren will, ihn ans fernsehen verrät und phänomenal scheitert. eine parabel auf reformstau, illusionen, allmachtphantasien, bremsmechanismen – auf die politik also. und eines hat leni im zirkus definitiv gelernt: „der weg ist nicht zu ende, wenn das ziel explodiert.“ begeisterter applaus.