dieser mann ist eine warnung: nackt und blutverschmiert steht der tänzer
rafał matusiak in einer glasvitrine, brutal ausgestellt auf der sonst leeren
bühne des berner theaters. so also kann enden, wer nach macht und geld giert.
der junge mann hatte zuvor eine unter die haut gehende performance hingelegt,
als doppelgänger exzessiv das ganz und gar durcheinander geratene innenleben
von siegfried illustrierend, dem tragischen helden in richard wagners
vierteiligem epos „der ring des nibelungen“. der eine singt und wird
gemeuchelt, der andere tanzt dazu ums leben und endet auch im blut. wie schon
in den ersten drei teilen arbeiten regisseurin ewelina marciniak und choreograf
mikołaj karczewski auch in der abschliessenden „götterdämmerung“ mit
diesen verdoppelungen; wagners fünfstündiges opernmonstrum wird so, vor allem
in den epischen zwischenspielen, auch zum tanztheater, zeitgenössisch und
energiegeladen. dieser ansatz funktioniert auch deshalb hervorragend, weil die
inszenierung das mythische personal und den fluch des ringes aus dem rhein, von
dem sich alle gold und glück und grösse versprechen, ins heute beamt: eine
orientierungslose jugend in einer orientierungslosen welt, naive
influencerinnen und üble strippenzieher, die mit bewusstseinserweiternden
drogen arbeiten, wagner hätte seine freude – zumal das berner symphonieorchester
unter nicholas carter mittlerweile zu einem satt-süffigen wagner-klang gefunden
hat. das absolute zentrum der inszenierung ist claude eichenberger als brünnhilde:
die mezzosopranistin gestaltet die kräftezehrende sopranpartie mit glühender, unerschöpflicher
leidenschaft. diese brünnhilde ist eine moderne frau in lack und leder,
selbstbewusst und doch verletzlich, die wie niemand sonst das übermass an
intrigen durchschaut – und, konsequent und selbstbestimmt, den freitod wählt.
marciniaks berner „ring“ ist nicht zuletzt durch die aufwertung vieler frauenfiguren
ein grosser wurf geworden. man wird sich lang und gern daran erinnern.
Montag, 31. März 2025
BERN: GÖTTERDÄMMERUNG
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