Donnerstag, 27. Februar 2020
LAUSANNE: L'EXPLOSION DU REGARD
bilder. tolle bilder. tausend tolle bilder. der titel
der ausstellung im musée de l’élysée in lausanne verspricht nicht zu viel: „l’explosion
du regard“. das werk des grossen schweizer fotoreporters rené burri (1933-2014),
dessen archiv das museum verwaltet und jetzt zugänglich macht, ist eine
unerschöpfliche fundgrube. burri, der schon früh in die magnum-gruppe
aufgenommen wurde, bildete die ganze welt ab: er fotografierte die schliessung
des suez-kanals, die studentenproteste auf dem platz des himmlischen friedens
in peking, den mauerfall in berlin, raketenfriedhöfe in mexiko, er
fotografierte churchill, picasso, nurejew, corbusier und – besonders legendär –
che mit zigarre, er reiste durch argentinien, syrien, japan, die usa und
publizierte in „newsweek“, „stern“, „sunday times magazine“, „sie und er“. rené
burri war mit seiner kamera und – auch das zeigt die ausstellung – mit seinen
zeichenstiften immer zur richtigen zeit am richtigen ort, ein aufmerksamer,
sorgfältiger zeuge des jahrhunderts. die ausstellung ist eine einladung, mit
burris augen in dieses vergangene jahrhundert einzutauchen. der streifzug durch
die vielen élysée-räume wird zu einem streifzug durch die weltgeschichte. häufig
ist der vordergrund auf diesen bildern unscharf, damit das hauptmotiv im
hintergrund besser zur geltung kommt. das war eines von burris stilmitteln. den
fokus verschob er oft noch bei der nachbearbeitung im labor, rückte details ins
zentrum oder komponierte aus zwei bildern ein einziges. für einen künstler ok,
für einen chronisten tabu, burri war ein künstler. die bilder sind ohne bildlegenden
ausgestellt. das irritiert zunächst. vor allem aber verstärkt es ihre wirkung. l‘explosion
du regard: man schaut noch genauer hin, man sieht noch mehr.
Dienstag, 25. Februar 2020
MÜNCHEN: RADIO, EINE SCHLECHTE SACHE
„es ist eine sehr schlechte sache. man hatte plötzlich die
möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte,
nichts zu sagen.“ was wie eine durchaus realistische vorahnung auf die
social-media-kanäle im dritten jahrtausend klingt, sagte bertolt brecht 1932 –
übers radio. die einseitigkeit des mediums, die stumme rolle des publikums machten
aus dem radio-skeptiker dann immerhin den radio-theoretiker und -experimentierer.
seine versuche, neue formen von öffentlichkeit zu schaffen, werden sehr schön
nachgezeichnet in der ausstellung „radio-aktivität – kollektive mit sendungsbewusstsein“
im münchner lenbachhaus. auch walter benjamin versuchte sich als praktiker:
unter anderem mit kindersendungen, in denen er zum beispiel das wesen der
berliner schnauze erklärte. der philosoph und kulturkritiker als freund der
kinder, was für eine trouvaille. es gab die arbeiter-radio-bewegung, die mit
eigenen sendern und bastelsätzen möglichst vielen den zugang zum neuen medium öffnen
wollte. doch als dieses zunehmend zu propagandazwecken missbraucht wurde, fand der
aufstand der hörer, den brecht postulierte, nicht statt. die idee von schrankenloser
kommunikation in beide richtungen blieb eine utopie. heute twittern präsidenten
schwachsinn und der aufstand des publikums bleibt wieder aus. der mensch als
manipuliermasse. wie gehabt.
Montag, 24. Februar 2020
MÜNCHEN: WARTEN AUF GODOT
estragon spielt ein paar töne auf seiner winzigen mundharmonika, ein hauch von melodie, wladimir klappert danach fünf mal fein mit der kastagnette, ein
versuch von echo, eine szene von grosser intimität – jonathan müller mit gelbem
cap und silas breiding mit blauer wollmütze zaubern am münchner volkstheater
viel zartheit in die freundschaft der bekanntesten beckett-figuren. mit dieser zartheit,
mit poesie und leichtigkeit füllen die beiden die weitgehend leere, schwarze bühne. regisseur
nicolas charaux liegt viel an der konzentration auf die sprache, der wirkung
einzelner worte, am pingpong der satzfetzen; das optisch und actionmässig
überbordende überlässt er den beiden nebenfiguren, dem reichen pozzo und seinem
sklaven lucky, die zwei irritierende auftritte hinlegen in dieser öde. kaum ein
stück schaut man sich je nach persönlicher lebensphase und -situation immer
wieder so anders an wie „warten auf godot“. worauf warten die beiden denn?
beckett hat es offen gelassen. auf gute arbeit, auf erlösung, auf einen
schleuser, auf den tod? auch wir können es offen lassen. die fein gearbeitete
inszenierung am volkstheater holt das groteske der beckettschen konstellation
wieder auf den boden, in unsere nähe: nicht worauf die beiden (und wir)
warten, ist hier entscheidend, sondern wie sie (und wir) warten und
allenfalls hoffen. immer wieder vergisst der eine, dass und auf wen sie warten;
immer wieder sagt es ihm der andere, mal geduldig, mal genervt, mal
aufbrausend, mal liebevoll, immer und immer wieder. diesmal also haben
wir nicht die geschichte einer absurden sehnsucht gesehen, sondern ein stück über
die kraft einer tiefen beziehung. „wir sind unerschöpflich“, freut sich
wladimir in einem anflug von heiterkeit einmal. was für ein glück.
Dienstag, 18. Februar 2020
ZÜRICH: LES MISÉRABLES
120 millionen menschen waren schneller als ich, 120
millionen in 52 ländern haben „les misérables“ seit der première 1980 schon gesehen. höchste zeit also. zumal „les mis“ das musical der
stunde sind: die hymne des aufbegehrenden volkes, die schon bei demos in istanbul, kiew
und hongkong gesungen wurde, schallt jetzt auch durch die corona-verseuchten
und zu lange im ungewissen gehaltenen chinesischen städte: „do you hear the
people sing? singing the songs of angry men?“ passt auf, ihr mächtigen, was ihr
uns zumutet. die englische originalversion, die jetzt im theater 11 in zürich
gespielt wird, kommt dem brillanten volksporträt von victor hugo sehr nahe: in
detailgenauen tableaux vivants und mit viel pomp aus dem orchestergraben
erzählt sie die geschichte des häftlings jean valjean, der zum bürgermeister
wird, gegen ungerechtigkeit und falschheit kämpft und ein grosses herz für die benachteiligten hat; der tenor dean chisnall ist stimmlich und als darsteller die perfekte
verkörperung dieses anti-helden (standing ovation). auch die barrikaden der
studenten geraten hier zur überwältigenden illustration des kampfs für die
freiheit der proletarier. die historisierende opulenz wird in dieser
bühnenproduktion nicht schamvoll zurückgedrängt, sondern zum zentralen
stilmittel erhoben: das revival des kostümfilms. im drei-minuten-takt wechseln die
schauplätze: ob seine-brücke oder dunkle gasse, ob kanalisation oder festsaal –
wie von zauberhand plötzlich alles da, neues licht, neuer ort, neue stimmung,
keine umbaupausen, kein hämmern auf der bühne, keine technischen pannen; das
hat, wenn es dermassen professionell abläuft, etwas absolut
faszinierendes. man möchte, als theateraficionado, die gleiche vorstellung einmal hinter der bühne mitverfolgen.
Donnerstag, 6. Februar 2020
LUZERN: SPITTELER RELOADED
wer kennt carl spitteler? klar, schriftsteller und
einziger schweizer literaturnobelpreisträger (1919), der 32 jahre in luzern
lebte, hier beigesetzt wurde und schon kurz danach dem quai-abschnitt vor
seiner villa seinen namen gab. und wer hat was gelesen von spitteler? da wird’s
schon schwieriger. zum kanon der schweizer schulen gehört er erstaunlicherweise
nicht. zu den bildungslücken schon eher. unter dem titel „spitteler reloaded“ haben
sich die beiden dokumentarfilmer jörg huwyler und beat bieri im vergangenen
jahr auf seine spuren gemacht. entstanden ist eine ebenso liebevolle wie
vielseitige annäherung an den bekannten unbekannten: der psychologe und rapper
urs baur alias black tiger verdichtet spittelers zeilen ins heute und steckt die
spoken-word-szene damit an, der schauspieler sigi arnold sieht im
monumentalwerk „olympischer frühling“ die perfekte vorlage für eine
netflix-serie und liest die über 20‘000 alexandrinerverse am spittelerquai vor,
kunststudentinnen lassen sich von der brutalen fremdenhass-geschichte „xaver z’gilgen“
zu prägnanten collagen inspirieren, eine jungautorin rekonstruiert seinen
gotthard-reisebericht und literaturprofessoren betonen die bedeutung seiner
rede zur schweizer neutralität 1914, die ihn die zuneigung des deutschen
publikums kostete. viele wege führen zu carl spitteler. der film schafft es auf
anhieb, dem mann konturen zu geben: ein vornehmer denker, sympathisch, zurückhaltend,
in entscheidenden momenten durchaus engagiert. und vor allem macht der film –
endlich – lust auf dieses werk. zum start entscheide ich mich für den
autobiografischen roman „imago“, das dokument einer künstlerseele, das auch bei
freud und co. in wien grosse beachtung fand.
Mittwoch, 5. Februar 2020
LUZERN: SILAS' SPAZIERGANG
der künstler silas kreienbühl ist ein
leidenschaftlicher flaneur. auf plätzen ist er unterwegs, auf nebenstrassen, in
hinterhöfen in berlin, wo der luzerner wohnt und arbeitet, und viel in der
natur. meistens hat er die kamera dabei. rund 300 bilder, die so entstanden
sind, hängen jetzt in der umgebauten und aufgestockten onkologie-abteilung des
luzerner kantonsspitals, in den korridoren, in besprechungszimmern, in therapieräumen,
überall. die patientinnen und patienten hier befinden sich in einer schwierigen
lebensphase. für die verantwortlichen stand deshalb fest, dass das
künstlerische konzept auf helle farben aufbauen muss, farben mit positiver wirkung. farbige wände? das wäre
zu definitiv, zu schwer, zu heikel gewesen. nein, blendend weisse wände im
ganzen haus und darauf jetzt kreienbühls bilderflut, mal eine kombination mit
drei bildern, mal zwei, mal eines solo. es sind fine art prints auf
museumspapier und sie zeigen details aus der natur, immer unscharf, damit nicht
die formen dominieren, sondern die farben: lila, hellgrün, gelb, rot, orange, verschwommen
und dank sonnenlicht doppelt intensiv. mitarbeitende, patienten und besucherinnen
wurden an der auswahl beteiligt. der „spaziergang“ von silas kreienbühl ist
der neuste streich im rahmen des 2013 von wetz und pius jenni initiierten projekts
„kunst im spital“. und er ist ein fest für die augen. oder bietet je nach
persönlicher verfassung ruhe, erholung, meditation. anlässlich der
vorbesichtigung herrscht allgemeine begeisterung. ob wir diese bilder wohl auch
so sehen würden, wenn wir als patienten hier sein müssten, fragt mich eine frau
beim rundgang. ich weiss es nicht. ich hoffe es. ich denke, dass mir diese farben
gut tun würden.
Montag, 3. Februar 2020
LUZERN: OREST
die szenerie sehr heutig, der stoff uralt: vor einem
angerosteten, verbeulten schiffscontainer spielt die theatergruppe nawal des
luzerner voralpentheaters aischylos‘ „orest“ in der bearbeitung von john von
düffel. mit einer truppe hervorragender laiendarstellerinnen und -darsteller
erzählt regisseur reto ambauen diesen krassen kreislauf aus mord und rache und
wieder mord, in dem sich die von der schlacht um troja gezeichneten
hoffnungslos verheddern. vater opfert tochter, mutter mordet vater, sohn
erschlägt mutter und geliebten der mutter. mit beeindruckender präsenz zeigt das
junge ensemble auf, wie täter zu opfern werden und opfer zu tätern. orest,
elektra, klytaimnestra, kassandra, menelaos - sie sprechen oft frontal ins
publikum, konzentriert und kraftvoll, wir können uns diesen persönlichen
dramen, dieser inneren zerrissenheit und endlosen verzweiflung nicht entziehen.
nicht nur der container schlägt die brücke in die gegenwart: die grossen
fragestellungen sind in den zweieinhalbtausend jahren seit aischylos die
gleichen geblieben, die fragen nach fanatismus, verantwortung, gerechtigkeit. „wenn
götter irren, ist es an uns zu wissen, was recht ist oder trug“, sagt einer
fordernd. bei aischylos endet die tragödie mit dem freispruch von orest und einem
gesellschaftlichen wandel, dem übergang zu einer ordentlichen gerichtsbarkeit.
john von düffel und das theater nawal misstrauen diesem happy-end und stellen
die zentrale frage mit grosser ernsthaftigkeit: schaffen es die menschen, die
spirale aus gewalt und vergeltung aus eigenem antrieb zu überwinden? das
schlussbild der inszenierung gibt eine mögliche antwort: elektra und orest
fackeln den königspalast nieder, ein dunkelrotes flammenmeer umfängt den
schiffscontainer, aus.
Donnerstag, 30. Januar 2020
LUZERN: FAUX TERRAIN
eine junge frau verirrt sich auf das faux terrain vor
dem bourbaki-panoramabild. dann verirrt sie sich während der luzerner fasnacht.
dann verirrt sie sich in der zivilschutzanlage sonnenberg. dann verirrt sie
sich ins kunstmuseum, wo ein haufen schlecht gebriefter statisten eine
evakuation simuliert, respektive zu simulieren versucht. dann sehen wir ein verschneites
felsmassiv. alles klar? was sich wie eine mässig gelungene bewerbungsarbeit für
eine filmhochschule anfühlt, füllt den grössten (!) von sieben räumen, den das
luzerner kunstmuseum dem berliner künstler clemens von wedemeyer zur verfügung
stellt. „faux terrain“ nennt sich das video, das raumhoch und raumbreit an die
wand projiziert wird. ich muss nicht alle kunst auf anhieb verstehen, es reicht,
wenn sie mich anspricht, anregt, assoziationen auslöst und gedanken mäandrieren
lässt. doch hier: keine inspiration, keine kohärenz. was will die frau? was
will der künstler? mich mit dilettantismus ärgern? „die orte verweisen auf
räumlich, zeitlich und inhaltlich weit voneinander entfernte momente“, lese ich
im ausstellungsbeschrieb. aha. hübsche kuratorenumschreibung für diese totale
zusammenhanglosigkeit. „eine reflexion über ort und zeit“. nochmals aha. bei
mir löst das subito eine reflexion über die relevanz einzelner kunstwerke aus
und wie sich die grösse des raums, in dem sie gezeigt werden, umgekehrt
proportional zu dieser relevanz verhalten kann. wir schauen uns dann in den
räumen nebenan die „jahresausstellung zentralschweizer kunstschaffen“ an, als
trost quasi. doch diese leistungsschau ist dieses jahr auch kein wirklicher
trost. das kunstmuseum im moment also eher das falsche terrain.
Montag, 27. Januar 2020
STRASBOURG: PARSIFAL
wie soll man sich parsifal heute nähern, diesem naiven
jüngling, der zum gralskönig mit erlöser-lizenz avanciert? der japanische
regisseur amon miyamoto erzählt richard wagners epos an der opéra national du
rhin in strasbourg als coming-of-age-geschichte: ein junge, auch optisch
parsifals alter ego, sieht sich in einem modernen museum die ausstellung „l’humanité“
an (was im französischen sowohl menschheit als auch menschlichkeit bedeutet). die
bilder faszinieren ihn, er fiebert, der parsifal-mythos wird lebendig:
klingsors zauberwelt ein thriller, die blumenmädchen fantasy-kitsch, die
gralsritter schwer versehrte kriegsheimkehrer aus verschiedenen jahrhunderten
und weltgegenden. miyamoto entwickelt in diesem museum einen bilderrausch, der
das unterschwellige, vieldeutige, das wagner so liebte und beherrschte, aufnimmt
und auf die spitze treibt. der junge und mit ihm das publikum stehen vor immer
neuen fragen, denn die utopie vom besseren menschen in einer gewaltlosen welt wird
durch aktuelle bilder von waldbränden, bombeneinschlägen usw. immer
wieder konterkariert. das wirkt gelegentlich überladen, doch es harmoniert bestens
mit wagners verschatteten motiven und expressiven klagen, die dirigent marko
letonja mit dem orchestre philharmonique de strasbourg intensiv ausmalt. die
strassburger oper, aktuell das „opernhaus des jahres“, gönnt sich auch für
diese produktion eine formidable besetzung: thomas blondelle ein in allen facetten
strahlender parsifal, christianne stotijn eine wunderbar wandelbare kundry,
ante jerkunica ein gurnemanz voller empathischer wärme. am ende seines
museumsbesuchs umarmt der junge sie alle freudig und dankbar. sie haben ihm die
augen geöffnet, er ist schlauer geworden und er gibt – ganz parsifal 2020 –
nicht auf.
Dienstag, 21. Januar 2020
MÜNCHEN: IM WINTER
ist es zufall oder absicht? ironie
oder verzweiflung? die pinakothek der moderne in münchen zeigt gerade die
ausstellung „im winter“. ausgerechnet jetzt, wo wir im flachland bereits ernsthaft
die möglichkeit ins auge fassen müssen, dass dieser winter der erste sein
könnte, wo kein einziges mal schnee vor unseren häusern und auf den strassen
liegt. „im winter“, das sind schwarz-weiss-aufnahmen, die der leidenschaftliche
fotograf und skiläufer albert renger-patzsch von den 1920ern bis in die 1960er
machte. ihn faszinierte, wie schnee und eis und die speziellen
lichtverhältnisse die natur auf extreme reduzieren. seine sujets suchte er
nicht in idyllischen landschaften, sondern in der nähe, am möhnesee am rand des
sauerlands oder bei einer zeche in essen. die bilder zeigen das schöne im
unspektakulären, ein zauber fürs auge. und wer erinnert sich noch, wie die
dicken flocken und die schneedecken den stadtlärm dämpften? „im winter“ ist quasi das bonus-programm zu den
fridays-for-future-demos. und ein sentimental journey. endlich können wir unseren grosskindern zeigen, wie
das mal war. was für eine grossartige idee: der winter! jetzt im museum!
Samstag, 18. Januar 2020
MÜNCHEN: LULU, ENTSCHÄRFT
virginie
despentes´ „king kong theorie“, anna gien, sheila heti, judith butler: das
programmheft zu „lulu“ ist eine feministische kampfschrift. die knapp zwei
stunden im marstall des münchner residenztheaters dann vergleichsweise harmlos.
drei aussergewöhnliche schauspielerinnen unterschiedlichen alters – charlotte schwab
(67), juliane köhler (54), liliane amuat (31) – verdreifachen die verführende
und mordende lulu von frank wedekind und damit auch die perspektive des
publikums. regisseur bastian kraft steckt die drei in elegante schwarze fracks,
was einerseits ein pendeln zwischen den geschlechterrollen begünstigt und
anderseits das revueartige des abends unterstreicht („ich muss sie leider
enttäuschen, ich zieh` mich heute nicht aus“). ganz wunderbar spielen die drei
lulus mit den erwartungen und projektionen der männer – und sie spielen diese
männer gleich mit, teils auf der bühne, teils in videos auf grossleinwand, ein
grandioses vergnügen, wie sie von masken- und kostümbildnerinnen in dr. schön,
alwa, goll, schwarz und schigolch verwandelt wurden und wie perfekt die
dialoge zwischen den vorproduzierten sequenzen und der live-performance
funktionieren. formal also ein kurzweiliger, geglückter abend. und sonst? würde
ich diese lulu heiraten wollen, mit ihrer million und trotz ihrer
vorgeschichte? frage nicht ich mich, sondern fragt sie mich und alle anderen
männer. immer wieder blickt eine der drei konspirativ ins publikum und stellt
sich vor, was wir denken, wenn wir denken, was sie denkt, wenn sie über uns
nachdenkt: ein vexierspiel mit emotionen, klischees und der frage nach
der wandelbarkeit der identität. doch das programmheft hat uns in die irre
geleitet, dem ganzen fehlt die emanzipatorische schärfe. diese drei frauen hätten
bestimmt mehr drauf.
Mittwoch, 15. Januar 2020
MÜNCHEN: THE VACUUM CLEANER
„er
hat versprochen, dass es komisch wird.“ so zitieren die münchner kammerspiele
in ihrer saisonvorschau den japanischen autor und regisseur toshiki okada.
komisch? okada verhandelt in seinem neuen stück „the vacuum cleaner“ das
hikikomori-phänomen: menschen, die mit 50 noch bei ihren hochbetagten eltern
leben und kaum oder gar nicht mehr aus dem haus gehen; rund eine million sollen
das in japan bereits sein. homare ist eine von ihnen: annette paulmann, mit
schwarzem pony, hängt in den drei verschachtelten, fensterlosen zimmern herum,
sie ist der gesellschaft abhanden gekommen, kein bezug, keine perspektive,
keine energie. lustlos lässt sie die beine von der galerie baumeln, lustlos
beobachtet sie die leeren papierkassettenwände, mit dem ebenfalls noch zuhause
wohnenden bruder spricht sie nicht. nur der titelgebende staubsauger lockt sie
ab und zu aus der reserve. kein wunder, julia windischbauer ist als sauger eine
wucht, mit skurrilen geräuschen und asynchronen bewegungen wird er zum
epizentrum der gewichenen emotionen. zu seinem lärm schreit sich homare die
seele aus dem leib, verwünscht die ganze pathologische gesellschaft, verwünscht
vor allem ihren herumsalbadernden vater (walter hess, prächtig senil), fragt
sich manchmal, ob sie ihn umbringen könnte, und kommt ganz ungerührt zum
schluss: eher er sie. dann malt sie sich im detail aus, wie es sein wird, wenn
das blut aus ihren adern spritzt und das bisschen leben, wenn man das noch so
nennen kann, aus ihr weicht. komisch? eher liegt eine tragikomische melancholie
über diesem abend – und die schwere ahnung, dass „the vacuum cleaner“ nicht
einfach ein ethnologisch-scharfer blick in die weite ferne ist. die hikikomori werden
als massenphänomen auch andere am leistungsdruck leidende erdteile erobern.
Dienstag, 14. Januar 2020
ROM/MÜNCHEN: IBSEN ALS TRENDSETTER
"es gibt nur zwei städte, in denen man leben kann: rom und münchen." der ultimative city-tipp von henrik ibsen (1828-1906). wo er recht hat, hat er recht. es ist allerdings davon auszugehen, dass er nie in luzern war. und ernest hemingway (1899-1961) formulierte mit beinahe schon trumpscher radikalität: "fahren sie gar nicht erst woanders hin, ich sage ihnen, es geht nichts über münchen. alles andere in deutschland ist zeitverschwendung."
Mittwoch, 1. Januar 2020
LUZERN: CARMEN.MAQUIA
carmen kauert am äussersten bühnenrand, am abgrund in
den orchestergraben, als sie ihre tarotkarten legt und immer wieder den tod
zieht. sie singt nicht. das luzerner theater zeigt den spanischen evergreen in
einer tanzversion, die gustavo ramirez sansano unter dem titel „carmen.maquia“
vor acht jahren für chicago kreiert hat. carmen am abgrund also. und nicht nur
sie. ramirez sansano führt menschen in psychischen extremsituationen vor. seine
choreografie kehrt das innenleben der figuren nach aussen, versteckte emotionen
brechen sich bahn in vertrackten, eruptiven bewegungen. flamencogeklapper und
die körpersprache von stieren und toreros klingen zwar auch immer wieder an,
doch die psychologie zwischen carmen, don josé, escamillo und ihrem umfeld
interessiert ihn weit mehr als die oberflächliche folklore. leidenschaft,
eifersucht, rache, todesgedanken, die offensichtlichen und die verdrängten
konflikte vermischen sich zu einem ungezügelten, wilden und temporeichen drama,
das umso faszinierender wirkt, weil auch die szenerie und die kostüme nicht wie
sonst üblich von flammendem rot dominiert werden, sondern ausschliesslich
schwarz und weiss gehalten und von picasso inspiriert sind: klischee- und
kitschfaktor null also, hochlöblich. neben den carmen-suiten von bizet
erklingen auch jene von tarkmann und die carmen fantasy von sarasate. william
kelley entlockt dem luzerner sinfonieorchester hübsch aufgeraute melodiebögen. gelegentlich
allerdings sind sie dermassen aufgeraut bis geradezu garstig, dass die frage
erlaubt sein muss, ob sich einige im orchester – vor allem bei den tiefen
streichern und im blech – den ausgiebigen silvestertrunk bereits vor statt erst
nach der vorstellung genehmigten.
Dienstag, 31. Dezember 2019
RIJNSBURG: LANDKARTEN GEGEN MELANCHOLIE?
"beim letzten besuch hatte er (philip verheyen) mir landkarten gezeigt und erzählt, nichts heile die melancholie so gut wie das betrachten von landkarten. ich verordnete ihm fettes essen zur stärkung und ruhe." olga tokarczuk, unrast, s. 238
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