was soll man sagen? „so viel wahnsinn war noch nie“ betitelt das „hamburger
abendblatt“ heute seinen kommentar zu trumps neusten zoll-drohungen. was soll
man sagen? am vorabend im thalia theater „ubu“ gesehen, auch viel wahnsinn,
sehr viel wahnsinn: die geschichte eines spiessbürgerlichen, inkompetenten,
intellektuell unterdotierten egomanen, der - zack-zack - zum irren tyrannen
wird. johan simons packt die drei stücke über könig ubu, die alfred jarry vor
über hundert jahren schrieb und die als ursprung allen absurden theaters
gelten, in einen einzigen kompakt-aberwitzigen abend und dies mit crossgender-starbesetzung:
marina galic als ubu, ihr mann jens harzer als ubus frau, eine art lady macbeth
von der ganz üblen sorte. die beiden geben alles, in höllischem tempo, sie
überzeichnen, was das zeug hält, verändern gesetze, verhöhnen beamte, quälen
alle mit irrationalen steuern, saufen blut, streicheln einen bären, spielen mit
verkoteten wc-bürsten – alles ganz so wie alfred jarry es haben wollte: kasperlitheater
voll abartig, ein frontaler anschlag aufs klassische drama, der totale
dada-quatsch mit dämonischen zügen. und was soll man sagen? der ganze schrecken
verpufft irgendwie, die reinigende wirkung, die übertreibung ja durchaus haben
kann, bleibt aus. es ist eine enttäuschung der anderen art: man sitzt da,
erschüttert vom gedanken, wie prophetisch dieser jarry die welt sah,
erschüttert vom gedanken, dass dieses stück als spiegel der zustände nicht
(mehr) funktioniert, weil die realen zustände die wilde phantasie längst
überholt haben. die grossen irren in washington und moskau und ankara stellen
herrn und frau ubu kalt in den schatten. das will was heissen. so viel wahnsinn
war in der tat noch nie.
Freitag, 28. März 2025
HAMBURG: UBU
Donnerstag, 27. März 2025
HAMBURG: LA FANCIULLA DEL WEST
"für eine handvoll dollar" von sergio leone (1964) war nicht der erste italowestern. nein, den schuf giacomo puccini bereits 1910 mit seiner oper "la fanciulla del west". kein wunder, dass das publikum bei der uraufführung an der met in new york begeistert war, den amis zuliebe hatte puccini sogar ein happy end komponiert statt einen tragischen schluss wie sonst immer. minnie ist die gute seele im saloon "la polka", die ideale projektionsfigur für sämtliche männer, alle lieben minnie, vor allem der sheriff, doch sie liebt den falschen, einen gangster. trivial, aber effektvoll. an der staatsoper hamburg haben vincent boussard (regie) und vincent lemaire (bühne) daraus ganz grosses kino gemacht: goldgräberstimmung und gefühlsturbulenzen im grossformat. die inszenierung ist schon 10 jahre alt, die originalbesetzung längst entschwunden, doch wie die genretypischen motive und klischees lustvoll umspielt und weitergedacht werden, das hat's in sich, nach wie vor. zumal der kurzfristig eingesprungene dirigent francesco ivan ciampa mit dem philharmonischen staatsorchester den perfekten soundtrack liefert, dramatische aufwallungen und subtile nuancen. das schafft viel platz für sorgfältige charakterisierung der vielen figuren, für die fragilen seiten der harten jungs. im zentrum aber natürlich anna pirozzi, ein sopran mit viel strahlkraft, eine minnie mit gutem gespür für die spiele und nöte all der männer, dafür unsicher bei der suche nach sich selber. stimmgewaltig auch gregory kunde als gangster ramerrez, mit 71 aber doch recht angejahrt als liebhaber. caruso, der die rolle bei der uraufführung sang, war damals 37.
Dienstag, 25. März 2025
LUZERN/MÜNCHEN/HAMBURG: THEATER DER ZUKUNFT
wer geht denn in 20 jahren noch ins theater? wo führt
das hin, wenn das opernpublikum schon heute deutlich ü60 ist? diese fragen waren auch im vorfeld der volksabstimmung zum luzerner theater immer wieder zu
hören – und sie haben durchaus ihre berechtigung. theater? zukunft? passt das
zusammen? die „süddeutsche zeitung“ stellte diese frage jetzt tobias kratzer, einem
der aktuell gefragtesten opernregisseure und ab sommer intendant der staatsoper
in hamburg. „konkret kann ich sagen, dass ich nicht glaube, dass die zukunft
darin besteht, die 20 bis 40 immergleichen stücke jedes jahr neu durch den
interpretationswolf zu drehen.“ sondern? „es geht darum, das repertoire
zu erweitern, vor allem auch durch stücke, die es noch gar nicht gibt, also
werke in auftrag zu geben.“ kratzer wird zum start in hamburg ein neues werk
von elfriede jelinek und olga neuwirth inszenieren („monster’s paradise“, das plakat zeigt ein rosa ungeheuer auf dem weissen haus), es
gibt „stockhausen für kinder“ undundund. ja, das theater wird sich verändern,
es muss sich verändern, neue themen, neue töne, neue geschichten. innerhalb von
zwei monaten bin ich jetzt gleich mehrfach eingetaucht in zeitgenössisches
musiktheater: „echo 72“ in hannover, „il prigioniero“ (requiem für einen
gefangenen) in luzern, „written on skin“ in münchen. das ist alles keine musik,
die man beim kochen mitpfeifen kann, das ist hochkomplex, sperrig, eine
herausforderung für mitwirkende und publikum – und oft begreift man die musik erst
durch die bilder und szenen, die dazu erfunden werden. dann aber sind diese
werke, wenn man sich darauf einlässt, von einer bezwingenden intensität
und dringlichkeit. so bleibt theater ein spiegel der zeit, so bleibt theater
relevant. deshalb schaue ich mir „written on skin“ von der bayerischen
theaterakademie heute gleich noch ein zweites mal an. hier schlägt der puls der zukunft.
Montag, 24. März 2025
MÜNCHEN: WRITTEN ON SKIN
„push our love into that man’s eye like a hot needle.“ vordergründig
ist die oper „written on skin“ eine klassische dreiecksgeschichte, ein
eifersuchtsdrama: mann unterdrückt frau, frau findet jungen liebhaber, mann
tötet liebhaber, frau nimmt sich das leben. der englische dramatiker martin
crimp und der komponist george benjamin machten daraus 2012 fürs festival von
aix-en-provence ein grandios vielschichtiges musiktheater: mittelalterliche
motive und gegenwart, traum und wirklichkeit verbinden sich, elemente aus
verschiedensten kulturen blitzen auf, engel werden zu realen figuren. diese
orgie der zwischenwelten präsentiert die bayerische theaterakademie jetzt als kongeniale
aufführung im münchner prinzregententheater. die bühne von angelika höckner ist
ein phantastisches diorama mit versatzstücken aus diversen epochen: ein
grammophon, ein boot, eine kuckucksuhr, ein motorrad, antike säulen, exotische
tiere, ein panzer – alles staubgrau. in dieser tristen, rätselhaften welt lässt
regisseur balázs kovalik die figuren nach farben suchen, nach ihren farben,
nach ihrer eigentlichen bestimmung, behutsam zunächst, dann immer hektischer. so
korrespondiert die visuelle ebene vorzüglich mit den klangfarben, die dirigent
peter rundel mit dem münchner rundfunkorchester entfaltet, das zarte der
streichersequenzen verrutscht immer wieder ins brutale des üppigen schlagwerks,
diese seelenmusik entwickelt einen enormen sog. jakob schad als autoritärer
mann, annabelle kern als sich emanzipierende frau (beide studierende der
hochschule für musik und theater) und der countertenor elmar hauser als engel,
der zum liebhaber wird, laden das dreieck stimmlich und sinnlich auf bis zur
finalen explosion, wenn der mann seiner frau das herz des toten liebhabers als
delikatesse serviert. diese story, diese musik brennen sich ein „like a hot
needle“. wie eine heisse nadel.
Mittwoch, 19. März 2025
CAVAGLIA: DER MANN MIT DEM GEDÄCHTNIS
„der mann mit dem gedächtnis“ ist meine lieblingsgeschichte von peter bichsel. der mann kennt den ganzen fahrplan auswendig, am bahnhof hilft er allen weiter. doch dann wird ein auskunftsbüro eröffnet, der mann wird überflüssig und säuerlich. und was macht er? „er ging jetzt in der stadt von haus zu haus und zählte die treppenstufen und merkte sie sich, und er wusste jetzt zahlen, die in keinem buch der welt stehen.“ er wollte etwas wissen, „was kein beamter in büchern nachlesen kann“. nur sieben schmale seiten, aber alles drin: die zeiten, die sich ändern, abschied vom alten, aufbruch zum neuen, wiedererwachte lebenslust. diese geschichte lieferte den stoff für meinen ersten spielfilm. gedreht im sommer 1977 auf dem pittoresken bahnhof von cavaglia, ganz oben im valposchiavo. in der hauptrolle bruno – nein, nicht bruno ganz – affentranger. der film dauert exakt so lang wie bichsels geschichte: 6 minuten und 51 sekunden. eine einzige kopie. seit jahren verschollen. und nun ist auch bichsel weg. man wird sich immer gerne und mit respekt erinnern. an bichsel. nicht an den film.
Montag, 17. März 2025
LUZERN: REQUIEM FÜR EINEN GEFANGENEN
dass das luzerner theater zwei wenig bekannte werke, die zwölfton-oper „il prigioniero“ von luigi dallapiccola (1948) und das d-dur-requiem von jan dismas zelenka (1733) zu einem abend über folter, hoffnung und erlösung kombiniert, ist verdienstvoll und mutig – und dirigent jörg halubek gelingt mit dem luzerner sinfonieorchester ein spannender bogen von der moderne back to barock. damit hat sich´s leider schon. denn ein bühnenbildner ist kein regisseur: „hausszenograf“, wie sich valentin köhler gerne nennt, tönt zwar super, ist aber keine garantie für ein schlüssiges regiekonzept. ein haufen asche, um den er trauernde bedeutungsschwanger drappiert, ist das originellste, was köhler zum zelenka-requiem einfällt. daneben bietet er eine halbe stunde lang, man traut seinen augen nicht, eine einführung in die möglichkeiten der bühnentechnik: die bühnenarbeiter werden zu protagonisten, trockeneiskanone, pyrotechnik, schnee- und windmaschine, alles wird aufgefahren, und wenn der chor „tränenreich ist der tag“ singt, wird allen ernstes gezeigt, wie regen aus dem bühnenhimmel funktioniert. keine assoziation zu billig. sängerinnen und sänger? gibt´s auch, durchs band jung und motiviert, sie werden allerdings ins dunkel des orchestergrabens und des zweiten rangs entsorgt. mehr an den rand kann man die musik nicht drängen. der zweite teil des doppelabends also vor allem ärgerlich. und der erste? wie der türkische bariton levent bakırcı die ängste, zweifel und hoffnungen des gefolterten gefangenen mit warmer, eindringlicher stimme gestaltet, ist ein ereignis!! seine träume und albträume werden von regisseurin aniara amos aber mit einer endlosen fülle spotartiger szenen erstickt. aufgeschlitzte körper, grinsende priester, sich überlagernde fratzen, bedrohliche schwäne, die mutter als ausserirdische hexe im fatsuit, das ist psychologie total, das ganze innenleben des gefangenen als optischer overkill: ein bilderrätsel für fortgeschrittene, das – auch hier – die grossartige musik leider in den hintergrund befördert.
Freitag, 7. März 2025
LINZ: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
im gelben ölzeug steht die kleine senta in einer ecke der kneipe und beobachtet, wie hier von einer schiffskatastrophe angespülte leichen deponiert werden. als sie allein ist, erwacht ein ertrunkener in einem der leichensäcke wieder zum leben. das mädchen ist traumatisiert. in der inszenierung von intendant hermann schneider am landestheater linz muss nicht nur der fliegende holländer mit seinem fluch leben, alle sieben jahre an land zu gehen, um eine frau zu finden, die ihm treu ist bis zum tod. nach ihrem schockerlebnis als kind geistert hier auch senta ruhelos durchs leben, ihr fluch ist das helfersyndrom, opferbereitschaft und todessehnsucht überlagern sich, sie will diesen mann erlösen, um jeden preis: „mit ihm muss ich zugrunde gehn.“ das tragische schicksal der beiden begleitet die regie mit grosser empathie. mal ganz zart, mal hochdramatisch zeichnet erica eloff die zerrissenheit dieser frau, und gemeinsam mit dem stimmgewaltigen, diabolischen aris argiris als holländer tauchen sie mehr und mehr ein in das schaurig-romantische dunkel von richard wagners melodien. mit ihrer fesselnden interpretation steigern die beiden die spannung erheblich mehr als das doch recht plakative, gleichförmige dirigat von david afkham (einspringer). zur tiefenwirkung des abends trägt ganz wesentlich auch die bühne von dieter richter bei: hafenatmosphäre im breitleinwandformat, des holländers schiff ein riesiger rostiger tanker, wogende wellen, in der ferne ein leuchtturm, die emotionalen stürme und seelenqualen der protagonisten finden so ihre bildstarke entsprechung. zu den schlussakkorden besteigt der ewige holländer sein ewiges schiff, am ufer nimmt die erwachsene senta das mädchen senta in die arme, sie blicken aufs wilde meer – vergangenheit, gegenwart und zukunft umarmen sich. überwindung des fluches? erlösung im tod? alles bleibt offen.
Montag, 3. März 2025
WIEN: DIE KAHLE SÄNGERIN
happige vorwürfe aus heiterem himmel, ein ping-pong sinnfreien smalltalks zwischen den smiths und den martins, endlose geschichten, die dann irgendwie doch ein ende finden, aber keine pointe. man gluckst, weil man genau solche episoden bei bekannten auch schon beobachtet hat, und gluckst nicht mehr, als man realisiert, derlei unsinn gelegentlich durchaus auch selber zu produzieren. dann schaut auch noch ein feuerwehrmann vorbei, tieftraurig, weil es nichts zu löschen gibt..... "die kahle sängerin" von eugène ionesco war 1950 die urmutter des absurden theaters. das wiener volkstheater tourt mit ihr jetzt durch die aussenbezirke, wir schauen's uns in der kulturgarage der seestadt aspern an. mit seinem endzeitgroove passt das stück prima in die gegenwart, und regisseurin johanna mitulla treibt es konsequent auf die spitze, die absurden phrasen finden auch visuell ihre entsprechung, mit grotesken kostümen, irren verrenkungen, kuriosen einlagen, harten schnitten. zwei tolle schauspielerinnen und zwei tolle schauspieler teilen sich die sechs rollen und garantieren mit viel spielwitz und tempo dafür, dass diese etude über die langeweile keinen moment langweilig wird. es brennt dann doch noch irgendwo, das wohnzimmer mutiert, während von ferne eine verhackte barockarie erklingt, zu einer unwirtlichen mondlandschaft. kurz, es sieht nicht gut aus für die smiths und die martins, es sieht nicht gut aus für die welt, sie nimmt zunehmend dadaistische züge an. die kahle sängerin übrigens, die dem stück zum titel verhalf, kommt nicht vor, in keinem einzigen satz. einer der darsteller sagte bei einer der proben vor der uraufführung statt "institutrice blonde" versehentlich "cantatrice chauve" und, schwups, avancierte der versprecher zum titel. noch so eine absurdität.
Sonntag, 2. März 2025
UNTERPURKERSDORF: DIE SEELE DES TANGOS
ein paar scheinwerfer - süffiges orange und nachtblau - tauchen den fin-de-siècle-ballsaal mit seinen üppigen stuckaturen und schweren samtvorhängen in ein suggestiv-schummriges licht, das orchester unterstreicht die leicht morbide stimmung gleich mit einem ersten tango von astor piazzolla, melancholie total - es ist die perfekte milonga-atmosphäre. nein, wir sind nicht in buenos aires, wir sind in unterpurkersdorf, einem unort 18-s-bahn-minuten ausserhalb von wien. hier gastiert, im rahmen des 26. internationalen akkordeonfestivals wien, das orchester "ars harmoniae" aus dem steirischen gleisdorf, das sich seit 33 jahren darum bemüht, das akkordeon aus seinem nischendasein zu befreien, erfolgreich angetrieben von rudolf plank (warum um himmels willen trägt der ausgerechnet die signalrote trump-krawatte?). immer wieder sind frische, junge profis dazugestossen, musiklehrer und solistinnen, neben den akkordeons nach und nach streich- und blasinstrumente: die 14köpfige formation ist mittlerweile ein höchst virtuoses, kleines sinfonieorchester. zu den zwischen lebenslust und todesnähe pendelnden standards von piazzolla und carlos gardel gesellen sie in einem hinreissenden pasticcio ganz beiläufig auch mal mozarts "rondo alla turca" oder einen james-bond-ohrwurm. stück für stück und immer auch wieder solistisch arbeiten sie sich zur tiefsten seele des tangos vor, selbst die höllischsten tempi und die vertracktesten rhythmen mit grandezza bewältigend. die 200 menschen im schatten des prachtssaales sind verständlicherweise völlig hin. tango ist wie oper: ein kraftwerk der leidenschaft. unterpurkersdorf bebt.
Donnerstag, 20. Februar 2025
COLOMBO: TOTAL LANDSCAPING
auf den ersten blick zeigt das grossformatige bild von pradeep thalawatta einfach die coole skyline von colombo, den stolz vieler hier. doch dem jungen künstler geht es um etwas anderes: bewusst ins zentrum des bildes hat er das galle face green gerückt, einst ein absoluter hotspot, ein pulsierender platz direkt am meer, der 2022 nach protestbewegungen fürs volk gesperrt wurde und heute eine hässliche, menschenleere brache ist, an allerbester lage. in der ausstellung "total landscaping" im museum of modern and contemporary art in colombo hinterfragen 29 zeitgenössische sri lankische künstlerinnen und künstler die veränderungen in der landschaft und unsere wahrnehmung dieser oft schleichenden prozesse von umgestaltung und zerstörung. schauen wir genau hin oder bloss durch die brille der erinnerung? welche beziehung pflegen wir zu unserer umgebung? und den touristinnen und touristen stellt sich, hier und anderswo, die frage, wie weit sie ihren blick jeweils auch für die schattenseiten einer destination zu öffnen bereit sind, die realität hinter den gerade in sri lanka unbestritten grossartigen kulissen. die ausstellung zeigt immer wieder menschengemachte grenzen, zäune, sperrgebiete, die dazu führten, dass viele während langer zeit nur über den seeweg und mit mühsam zu erlangenden amtlichen dokumenten überhaupt in andere teile ihres eigenen landes gelangen konnten. am nachhaltigsten prägt sich eine fotografie von dominic sansoni ein: sie zeigt, frontal und brutal, einen menschen in kurzen hosen, dem die blutenden unterarme und eine gesichtshälfte wegfliegen, die andere hälfte brennt. mit dieser krassen wandmalerei wurden die schulkinder in jaffna während des bürgerkrieges (1983-2009) vor landminen gewarnt.
Sonntag, 9. Februar 2025
AHUNGALLA: GESCHICHTEN GEGEN DIE ANGST
"du willst dem universum dieselbe frage stellen wie jeder andere. warum werden wir geboren, warum sterben wir, warum muss überhaupt irgendetwas sein? und das universum antwortet nur: keine ahnung, lass mich in ruhe. das leben nach dem tod ist so verwirrend wie das leben davor, das dazwischen ist so willkürlich wie das da-unten. also denken wir uns geschichten aus, weil wir im dunkeln angst haben."
aus "die sieben monde des maali almeida" (rowohlt), dem grossen sri-lanka-roman, mit dem shehan karunatilaka 2022 den booker prize gewann. das richtige buch am richtigen ort.
Sonntag, 2. Februar 2025
BERN: GRAF ÖDERLAND
der mörder strickt im knast an einer wolljacke, der polizist neben ihm dudelt auf seiner mundharmonika. max frischs „graf öderland“ (1951) ist ein stück über langeweile. ein bankangestellter tötet einen hausmeister mit der axt, aus langeweile. ein staatsanwalt beginnt ihn zu verstehen – und ihm nachzueifern. armin petras´ inszenierung im berner stadttheater illustriert sehr bildhaft, wie öderlands axt zum symbol wird und das axtschwingen zur bewegung der gelangweilten und unzufriedenen. claudius körber, herausragend in einer doppelrolle als naiver mörder und durchtriebener hellseher, und jonathan loosli als staatsanwalt bilden das energiegeladene zentrum dieser übungsanlage, die auf revolution und machtergreifung hinausläuft: „wir müssen so schnell wie möglich beginnen“, fordert einer aus der masse. „aber womit denn eigentlich?“ fragt ein anderer ratlos. texte des berner hausautors ralph tharayil schaffen gegenwartsbezug und die mit viel liebe zum detail gestaltete drehbühne (natascha von steiger) sorgt für dynamik im ablauf der wechselnden schauplätze: büro, gefängnis, waldhütte, kanalisation, regierungspalast. ob der staatsanwalt den ganzen horror von der axtschwingenden dumpfen meute nur träumt oder ob die wirklichkeit den albtraum überholt, lässt das stück offen. eine surreale atmosphäre beherrscht den ersten teil des abends und sorgt für spannung. nach der pause wird das ganze grauen mit akrobatik, tanzeinlagen und songs zerdehnt (geht schauspiel eigentlich noch ohne songs?), die bomben und die pointen zünden nicht mehr richtig, der schauergeschichte kommt das schaurige abhanden. „was würde frisch wohl dazu sagen?“ fragt mich der herr, der neben uns sitzt, am schluss. frisch wäre enttäuscht, vielleicht entsetzt, wie bunt sein rabenschwarzes stück hier daherkommt: kein explosiver öderland, sondern ein entschärfter.