der mörder strickt im knast an einer wolljacke, der polizist neben ihm dudelt auf seiner mundharmonika. max frischs „graf öderland“ (1951) ist ein stück über langeweile. ein bankangestellter tötet einen hausmeister mit der axt, aus langeweile. ein staatsanwalt beginnt ihn zu verstehen – und ihm nachzueifern. armin petras´ inszenierung im berner stadttheater illustriert sehr bildhaft, wie öderlands axt zum symbol wird und das axtschwingen zur bewegung der gelangweilten und unzufriedenen. claudius körber, herausragend in einer doppelrolle als naiver mörder und durchtriebener hellseher, und jonathan loosli als staatsanwalt bilden das energiegeladene zentrum dieser übungsanlage, die auf revolution und machtergreifung hinausläuft: „wir müssen so schnell wie möglich beginnen“, fordert einer aus der masse. „aber womit denn eigentlich?“ fragt ein anderer ratlos. texte des berner hausautors ralph tharayil schaffen gegenwartsbezug und die mit viel liebe zum detail gestaltete drehbühne (natascha von steiger) sorgt für dynamik im ablauf der wechselnden schauplätze: büro, gefängnis, waldhütte, kanalisation, regierungspalast. ob der staatsanwalt den ganzen horror von der axtschwingenden dumpfen meute nur träumt oder ob die wirklichkeit den albtraum überholt, lässt das stück offen. eine surreale atmosphäre beherrscht den ersten teil des abends und sorgt für spannung. nach der pause wird das ganze grauen mit akrobatik, tanzeinlagen und songs zerdehnt (geht schauspiel eigentlich noch ohne songs?), die bomben und die pointen zünden nicht mehr richtig, der schauergeschichte kommt das schaurige abhanden. „was würde frisch wohl dazu sagen?“ fragt mich der herr, der neben uns sitzt, am schluss. frisch wäre enttäuscht, vielleicht entsetzt, wie bunt sein rabenschwarzes stück hier daherkommt: kein explosiver öderland, sondern ein entschärfter.
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