die frau, die stadt, der tod. der
schatten von maría wandelt nach ihrer beerdigung ziellos zwischen
grabdenkmälern und schreibt im halbdunkel einen traurigen brief an die bäume
und die kamine der stadt, man möge maría nicht vergessen. „maría de buenos
aires“ ist die tango-oper des argentinischen komponisten astor piazzolla und
des uruguayischen poeten horacio ferrer: sie zeichnen die geschichte der
textilarbeiterin aus den einwanderervierteln, der das bandoneón versuchung und
verhängnis wird, als musikalisch-melancholische metapher für die ganze stadt,
mit all ihren legenden und all ihren dramen. unterstützt von michael zismans
hervorragendem tango-orchester zaubert der choreograph oliver dähler jetzt
einen hauch von buenos aires auf die bühne des churer theaters (ja, chur!), mit
einfachsten mitteln: ein paar flackernde schwarz-weiss-projektionen von
nächtlichen strassenzügen, fahlblaues laternenlicht, halbseidene milonga-eleganz.
ins zentrum rückt er 14 menschen, ältere tänzerinnen und tänzer, allesamt laien
– sie sind die bäume der stadt, die
kamine, die grabdenkmäler. in ihren bewegungen und in den falten ihrer
gesichter sind geschichten festgeschrieben, geschichten von hoffnungen und
ängsten; diese geschichten aus chur vermischen sich mit den geschichten aus
buenos aires. zwei sänger, zwei tango-profis und ein leider oft von der musik
zugedeckter sprecher setzen zwischendurch eigene akzente zu diesem community
dance, vokale und literarische reflexionen über die vergänglichkeit. so
entsteht um maría ein mächtig mäandrierender tango-reigen. eine hymne an eine
stadt. hymne und psychoanalyse gleichermassen.
Montag, 4. Juni 2012
Freitag, 25. Mai 2012
LUZERN: THUNFISCH ZUR FEIER DER RUNDEN ZAHL
BRANDER LIVE! durfte heute seine
4000. besucherin oder seinen 4000. besucher registrieren. vielen dank für die
aufmerksamkeit! und nun, für alle freundinnen der statistik, zu den details:
der am wenigsten beachtete post war „rom: ins leben“ (februar 12), der
meistgelesene „luzern: la périchole, vermasselt“ (september 11). 4000
blog-gäste, das will natürlich gefeiert sein: mit thunfisch an himbeer-sauce!
erfolg garantiert! – folgendes müsste man dafür im haus haben: 4 tranchen sehr frische thunfischfilets (ca.
600 g), 0.5 dl erdnussöl, 5 cl weisser portwein, 2 dl geflügelfond, 250 g
himbeeren, himbeeressig, 30 g butter, cayennepfeffer, salz und pfeffer aus der
mühle. – himbeeren pürieren und durch ein sieb streichen. thunfisch mit
salz und pfeffer würzen und im erdnussöl wenden. grillpfanne oder bratpfanne
erhitzen und die steaks ganz kurz saignant braten. sauce: portwein und
geflügelfond stark einkochen, das himbeerpüree dazu geben und erwärmen. die in
würfel geschnittene kalte butter mit dem schwingbesen oder einem stabmixer
unter die sauce mischen. mit himbeeressig, salz und cayennepfeffer würzen. dazu
passen basmati-reis oder taglierini und kleines gedämpftes saisongemüse. – dieses
grossartige rezept stammt nicht von mir, sondern von susan huber (die es fürs „hof-kochbuch“
aufgeschrieben hat). sie weiss, wie sehr ich es schätze, und sie freut sich,
wenn sich andere auch daran freuen. natürlich sind die perspektiven für den thunfisch
bekanntlicherweise nicht eben erhebend, aber dieses rezept ist ein wahres
pfingstfest für jeden thunfisch, der sich freut, nicht als massenware in einer
lieblosen sushi-location zu enden.
Sonntag, 20. Mai 2012
LUZERN: KITTELBERGERS KOLOSSALE KOLORATUR-ORGIE
ein fensterloser salon mit
kronleuchter, blitzblankem parkettboden und edlen grünen stofftapeten. in
diesen gepflegten hohen raum schmettert sumi kittelberger noch viel höhere
koloraturen, atemlos und pausenlos und furchtlos. sumi kittelberger ist
sopranistin am luzerner theater und beweist hier seit fünf jahren, dass sie das
mit den koloraturen ganz meisterlich draufhat. jetzt hat das theater extra für
seinen star ein selten bis nie gespieltes öperchen ausgegraben, das weitgehend aus
koloratur-sequenzen besteht: „le toréador ou l’accord parfait“ von adolphe adam
(1849). und da rast frau kittelberger jetzt definitiv auf der koloraturmässigen
überholspur. sie jagt ihre stimme - schier unglaublich - zwei stunden lang
durch triolen und synkopen in immer schwindelerregendere tempi und höhen, bietet
feinste federleichte stimmakrobatik und singt ihre beiden bühnenpartner (flurin
caduff als ehemann/stierkämpfer und utku kuzuluk als verehrer/flötist) charmant
an die stofftapete. johannes pölzgutter gelingt es wunderbar witzig, die
schlichte handlung, wie frau mit zwei rivalisierenden männern glücklich in
einer ménage à trois endet, so an den rand zu inszenieren, dass sie dieses
musikalische feuerwerk nicht weiter stört. eine oper ganz ohne tiefe – aber mit
hunderten von höhenflügen. un petit bijou.
Mittwoch, 16. Mai 2012
ZÜRICH: EINE IKONE DER PISSOIR-ARCHITEKTUR
nun pilgern sie wieder. das mondäne zürich weiss jetzt wieder, wo es hingehört. es hat seine neue ikone: das caffé collana auf der sechseläutenwiese vor dem opernhaus. hier feiern sie ihre stadt und sich, bis der nächste hype sie ins nächste quartier zum nächsten hot-spot schwemmt. in circa zwei wochen also. genau genommen ist das caffé collana ein prominent platziertes pissoir-häuschen mit parkhaus-eingang und bar. die pavillon-architektur mit dem auskragenden dach und den abgerundeten ecken (der "tages-anzeiger" überbiss vor freude) erinnert penetrant an den hamburger jungfernstieg in den späten 50er-jahren. exakt so wurden öffentliche anlagen damals möbliert, herzig, spiessig, miefig, damit sich frau krause und frau schlüter-carstensen bei kaffee und kuchen so richtig wohl fühlen konnten. hoch lebe der jungfernstieg! zürich also ist am bellevue jetzt tief im letzten jahrtausend gelandet. so weit der erste eindruck. und dann das ganze von nahem besehen: dass die weit über hundert cool illuminierten hellen holzwürfel an der decke der bar und die vom jugendstil inspirierten metall-ornamente vor der glasfront je für sich zwar hübsch sind, aber in keinster weise korrespondieren, kann nur auf einen erbitterten design-wettbewerb zwischen architekt und innenarchitekt zurückzuführen sein. zu viele ideen für zu wenig raum. london hat die tate modern von herzog und de meuron, rom hat das maxxi von zaha hadid, luzern hat das kkl von jean nouvel. zürich hat das caffé collana von zach+zünd, das luxuriöseste pissoir-häuschen zwischen moskau und madrid. immerhin.
Sonntag, 13. Mai 2012
MÜNCHEN: FRISCHER SATANSBRATEN
keine zeile bringt der einst
gefeierte dichter walter kranz mehr zu papier. seit jahren. doch dann fällt ihm
endlich wieder ein gedicht ein, ein grosses gedicht: „der albatros“. nur
schade, dass eben dieses gedicht jahrzehnte zuvor schon stefan george geschrieben
hat. in seiner verzweiflung entschliesst sich kranz, stefan george zu werden,
ändert das outfit entsprechend, hält sich hübsche jünger, die ihn bejubeln; nur
mit dem schwul-sein will´s nicht wirklich klappen. what a story! dieses durch
und durch durchgedrehte ding hat sich rainer werner fassbinder ausgedacht und
1976 als „satansbraten“ verfilmt, eine farce über den schnelllebigen kulturbetrieb
jener zeit. fake, remake, plagiat – eine steilvorlage für stefan pucher, der
den braten jetzt auf die bühne der münchner kammerspiele bringt. er macht das
abkupfern zum stilprinzip seiner inszenierung, baut in einem filmset ganze fassbinder-szenen
nach. doch jener zeitgeist hat sich verflüchtigt, weshalb dem höllenspektakel hier
dringlichkeit und schärfe fehlen. freut man sich halt, die schauspieler aus der
obersten liga mal beim klamauk-machen für sich zu haben: sie kochen rührei,
sammeln fliegen, killen edelnutten und wolfgang pregler – als kranz immer im
zentrum – wuselt als selbstgefälliger wichtel und arroganter widerling durch
diese welt und seinen grössenwahn. und ja, übrigens, weil das mit dem gedicht
nichts wurde, wirft sich kranz am ende des stücks auf einen roman, einen wirklich
grossen roman, der titel lässt da keinen zweifel: „keine feier für den toten
hund des führers“.
Samstag, 12. Mai 2012
LUZERN: WARUM JOURNALISTEN TWITTERN SOLLTEN
140 zeichen! was lässt sich schon sagen in dieser kürze? und warum eigentlich gerade mal 140 zeichen? die einwände sind immer die gleichen, einigermassen abgelutscht mittlerweile. viele finden twitter doof und einige finden es total doof. das kann man niemandem verübeln. journalistinnen und journalisten würde eine leicht differenziertere betrachtungsweise dieser 140-zeichen-welt nicht schlecht anstehen. auf twitter können sie nämlich etwas lernen und täglich neu üben, was nicht mehr alle einwandfrei beherrschen: die kunst der gepflegten zuspitzung. einen sachverhalt, eine information mit 140 zeichen gleichermassen präzis wie prägnant auf den punkt bringen, das kann nur, wer die fakten klar vor augen hat. fokussieren, bündeln, feilen, überdenken, feilen, weglassen, neuer anlauf, neue idee, feilen – die kunst des zuspitzens muss trainiert werden, immer wieder aufs neue. auf twitter übt man vor publikum: dass twitternde journalistinnen und journalisten unter ihren followern viele opinion leaders haben, weckt den ehrgeiz, mit den zugespitzten botschaften wirklich wahrgenommen und verstanden zu werden; dass sich unter ihren followern zudem auch viele berufskolleginnen und –kollegen finden (von den mitarbeitenden der srf-regionalredaktionen beispielsweise twittert aktuell knapp die hälfte), garantiert feedback, meistens sogar witzig und meistens sofort. twitter ist eine plapperbude, ein digitaler dorfplatz. twitter kann man aber auch als kreative herausforderung nutzen, gerade im journalismus, als täglichen fitness-parcours fürs hirn. – und jetzt das ganze noch in handlicher twitter-länge: twitter sollte für journalistinnen und journalisten obligatorisch sein: hier lernen und üben sie die kunst des zuspitzens, immer wieder neu. (exakt 140 zeichen, geht doch…)
Samstag, 21. April 2012
MÜNCHEN: LUISA MILLER HOCH ZWEI
bauernmädchen liebt jungen grafen und
umgekehrt. passt den beiden vätern gar nicht ins konzept, kommt schlecht, gift,
zwei tote (ein bauernmädchen, ein junger graf). als verdi sich mit 35 von den
grossen historischen stoffen abzuwenden und das individuum ins zentrum zu
rücken begann, kam ihm schillers „kabale und liebe“ gerade recht: so entstand
seine „luisa miller“ – musikdrama statt opernkonvention, sich entwickelnde motive
statt stereotype mitpfeif-nummern. in seiner inszenierung für die bayerische
staatsoper legt claus guth die oft unterschätzten qualitäten dieses werks auf
eindrückliche weise frei. hier geht es um psychologie, um projektionen von liebenden
und vor allem von vätern, die güte und strenge vortäuschen, wo purer egoismus
regiert. diese kalten gefühle stellt guth in kalten hohen räumen aus, durch die
– vorahnung – immer wieder ein trauerzug wandelt. den vier zentralen figuren
gesellt er lebendige spiegelbilder bei, verdoppelt und vervierfacht so ihre sehnsüchte
und ihre nöte, baut mit diesen spiegelungen nachtblaue seelenpanoramen und
galliggrüne vexierbilder. noch selten hat ein regisseur so viel präzise
intellektuelle vorarbeit nicht einfach nur ins programmheft geschrieben,
sondern optisch dermassen sinnlich und tiefrührend umgesetzt. das funktioniert
nur, weil serena farnocchia (luisa), ramon vargas (rodolfo), zeljko lucic
(miller) und christof fischesser (conte di walter) nicht nur herausragende
sänger sind, sondern auch kongeniale darsteller.
Freitag, 20. April 2012
LUCERNE-SUR-MER: THUNFISCH AUF FRÜHLING
früher hätte sowas – bei betty bossi oder vor allem in deutschen kochbüchern – fischgemüseeintopfhausfrauenart geheissen. ich nenn´ es der einfachheit und dem kulinarischen zeitgeist halber jetzt mal „le thon grillé sur son lit de printemps“. man nehme, für zwei personen: 1 handvoll frühlingskartoffeln, 1 grüne peperoni, 1 fenchel, 1 bund dill, 1 bund italienische petersilie, 1 zitrone, 2 gramm safran-puder, 1 nicht zu kleines glas pale dry sherry, 2 tranchen thunfisch (je ca. 150 gramm), olivenöl, salz, pfeffer. los geht´s: gemüse in würfel und streifen schneiden, in der bratpfanne dünsten, im durchaus noch knackigen zustand sherry und safran darunter rühren; in gratinform füllen und im ofen warm halten; thunfisch salzen und pfeffern und auf beiden seiten sehr kurz anbraten; dann den thunfisch zusammen mit gehackter petersilie und dill auf dem gemüse drapieren; ein paar spritzer zitronensaft darüber. ziemlich einfach, ziemlich frisch, ziemlich gut das ganze. – und wenn´s doch ein bisschen üppiger zugehen soll in der fischküche, dann gibt´s in diesem blog ein paar etagen tiefer (april 2011) immer noch das beste bouillabaisse-rezept aller zeiten.
Montag, 16. April 2012
MÜNCHEN: DER RHYTHMUS DES WAHNSINNS
kein medikament auf erden könnte dem leben irgendeinen sinn geben. eine wunde öffnet sich wie ein leichnam und brüllt ihre stinkend verfaulende trauer heraus. schwarzer schnee fällt. das sind sätze von sarah kane. – mit 28 hat sich sarah kane in einer londoner psychiatrie erhängt. davor schrieb sie fünf unheimliche stücke, um der hölle zu entfliehen, die chronik eines angekündigten todes. die letzten drei dieser fünf stücke zeigt johan simons, der intendant der münchner kammerspiele, jetzt - zum triptychon verdichtet - an einem abend. es ist dies eine bebilderung extremer zustände. in „gesäubert“ verlegt simons die gewaltexzesse erwachsener in die welt spielender kinder, die noch keine moral kennen. in „gier“ lässt er zwei frauen und zwei männer zusammenhanglose satzgeburten aus psychotischen episoden als staccato-quartett rezitieren. in „4.48 psychose“ schliesslich grundieren eine pianistin und fünf streicher den rhythmus des wahnsinns, den thomas schmauser in seinem finalen monolog obsessiv anschlägt: alptraum, panik, todesnähe, selbstzerstörung. ein abend voller verzweifelter momente („wem ich nie begegnete, das bin ich“), der über dreieinhalb stunden einen bestürzenden sog entwickelt. über der bühne und im zuschauerraum hängen dutzende von grossen weissen lampions, im ersten teil luftig-leicht, im zweiten teil bewegt und verregnet, im dritten teil durchnässt auf den boden klatschend. bilder einer zerfetzten seele.
Sonntag, 15. April 2012
MÜNCHEN: RICHTIG SCHWANGER
kurz vor beginn der vorstellung betritt eine sprecherin des münchner volkstheaters die bühne und weist darauf hin, dass die schauspielerin barbara romaner „richtig schwanger“ sei und man sich dadurch „bitte nicht irritieren“ lassen solle. mal was neues, auch für den geübten theatergänger. und tatsächlich: elfter monat, mindestens. der hinweis drängt sich auf, denn frau romaner spielt die „anna karenina“, die zu beginn von leo tolstois roman in einer zutiefst erkalteten ehe alles andere als hochschwanger ist und sich dann in den feschen rittmeister wronski verliebt, von dem sie schwanger wird, deutlich später allerdings. die inszenierung von frank abt lebt von zwei zentralen einfällen. wichtige sätze lässt er wiederholen, noch und noch, zum teil von mehreren schauspielern; diese permanenten bedeutungsschwangeren text-loops nerven zunehmend. dafür wirkt die zweite konzeptidee umso bestechender: weil bei ehebruch und scheidung die abwesenden dritten (ehemann, schwester, früherer liebhaber, kinder) bewusst oder unbewusst immer präsent sind, werden sie hier direkt ins spiel einbezogen, stehen dazwischen, sitzen daneben, wechseln blicke, verstricken sich, sprechen gar sätze von handelnden mit – das netz des unglücks in seiner vollen ausdehnung. den bogen vom 19. ins 21.jahrhundert schliesslich schafft diese inszenierung unaufdringlich elegant, indem sie die sehr heutigen, jugendlichen schauspieler auf einer sehr heutigen, quasi leeren bühne, aber in den üppigen kostümen der damaligen zeit agieren lässt. ein abend voller leben und leicht bis mittelschwer überladen. tolstoi also richtig schwanger.
Donnerstag, 12. April 2012
ZÜRICH: DER BESSERE DICHTER
was haben sich die feuilletonisten und die leitartikler und die lyrik-exegeten in den vergangenen tagen geärgert und fremdgeschämt und wundgeschrieben über das dumme israel-gedicht des dummen alten grass. und jetzt kommt der widmer (kein vorname? doch, doch, ruedi heisst er), der für die "woz" und den "tages-anzeiger" cartoons zeichnet, und trocknet sie alle ab - indem er die grassliche debatte auf den punkt hämmert wie keiner vor ihm. mit einem gedicht, versteht sich. in einem cartoon. vier zeilen. alles gesagt, was gesagt werden muss: "der bomben sehnsucht nach frieden / der raketen lust zu lieben / wird zerstört und vernichtet / durch den menschen der dichtet."
Montag, 9. April 2012
GISWIL: DYNAMISIERTER DURCHBLICK
die „turbine“ in giswil ist eine etwas abgelegene, riesige halle, die nicht mehr für die stromproduktion genutzt wird und deshalb entweder leer oder für kunst-projekte zur verfügung steht. vor allem die gigantische leere dieses schier unwirklichen raumes inspiriert künstlerinnen und künstler immer wieder aufs neue. jetzt hat der bildhauer jo achermann, der in buochs geboren wurde und in berlin und kerns lebt, für 44 tage ein unikat für die turbine realisiert. und was für eines! achermann nennt es „die quadratur des blicks“. mit tonnenweise einheimischem holz hat er schlichte lattenkonstruktionen geschaffen, kellerabteilen nicht unähnlich, riesigen kellerabteilen allerdings. dadurch, dass die latten am einen ort vertikal vernagelt sind und am anderen ort horizontal, dadurch, dass diese roste mal fünf und mal acht meter hoch sind, dadurch, dass sie immer in rechten winkeln, aber in unregelmässigen abständen aufgebaut sind, entstehen in der grossen halle viele unterschiedlich grosse räume, ein semitransparentes labyrinth, das sich mit füssen und augen erkunden lässt. am allerliebsten möchte man kind sein und ganz ungeniert herumrennen und –klettern dürfen. zum grössten erlebnis wird der besuch dieser latten-orgie bei sonnenschein, wenn licht und schatten die durchblicke dynamisieren und die räume in bewegung versetzen. eine einfache idee wird hier zur absolut faszinierenden sehschule.
Sonntag, 8. April 2012
BERLIN: ÄLTERWERDEN MIT GERALDINE CHAPLIN
geraldine chaplin (67) pendelt zwischen miami, madrid und der schweiz. und als sie (67) kürzlich in berlin halt machte, traf sie (67) die "süddeutsche zeitung" zu einem ausführlichen gespräch übers älterwerden. ein ganzseitiges interview, kein mutmacher für die, die's noch vor sich haben, sondern ein ziemlich düsteres lamento. frau chaplins (67) fazit: "man muss sehr stark sein, körperlich fit, und über riesengrosse mentale reserven verfügen. kurz: das alter ist nicht für die alten gemacht." das sitzt. wie ein hexenschuss. zur erinnerung: frau chaplin ist nicht 90, sondern - genau - erst 67.
Samstag, 31. März 2012
MÜNCHEN: EIN SCHUSS, EIN SCHREI
der pianist im saloon klimpert sentimental-süss-schwülstiges. die harten jungs sind gut drauf, wegen a) goldrausch und b) minnie, respektive eher wegen a) minnie und b) goldrausch. dann ein schuss, ein schrei – doch nein, trotz flächendeckendem 100.todestag – das war nicht karl may. sondern giacomo puccini. „la fanciulla del west“ heisst seine oper, weil „wie sich klein giacomo den wilden westen vorstellt“ zwar der treffendere, aber 1910 in new york doch marketingmässig eher suboptimale titel war. der 2.jahrgang der renommierten otto-falckenberg-schule in münchen hat sich puccinis späte sünde jetzt vorgeknöpft für eine "musikalisch-szenische werkstatt“ im werkraum der kammerspiele. nicht gehobenes schultheater resultiert da, sondern ein eindrücklicher beweis, was diese schauspielschülerinnen und –schüler in kurzer zeit bereits gelernt haben bezüglich singen, timing, dramaturgie, bewegung zu musik. mit tempo und witz wirft sich die junge truppe in diesen von einer abstrusen story (und einem hervorragenden barpianisten) zusammengehaltenen melodienrausch, gewährt auch ennio morricone einen augenzwinkernden gastauftritt, und findet, höchst professionell, den einzig möglichen notausgang: das ganze wird zur ultimativen western- und opernparodie, lustvoll für alle beteiligten auf und vor der bühne. und es würde den guten alten puccini enorm entlasten, wenn von ihm irgendwo überliefert wäre, dass er „la fanciulla del west“ selbst schon als parodie angedacht und komponiert hatte. vielleicht nahm er dieses letzte geheimnis mit in die ewigen jagdgründe.
Freitag, 30. März 2012
ZÜRICH: BLUTE NUR, DU LIEBES HERZ
lange schwarze gummibänder sind kreuz und quer durch den bühnenraum im theaterhaus gessnerallee gespannt. raumkunst für „die unsichtbaren“, einen theater-musik-tanz-abend über menschen, die mit sehnsüchten und ängsten von afrika nach europa aufbrechen, freiwillig oder unfreiwillig. regisseurin sandra strunz verwendet dieses dichte netz aus gummibändern vielseitig: es gibt den schwarzen (die hier von fünf nicht-schwarzen gespielt werden) geborgenheit auf der flucht, es zeigt ihnen grenzen, es schleudert sie herum, es lässt sie träumen von einer anderen, besseren welt, es deckt sie mit wogenden wellen zu, es lässt sie tanzen zwischen euphorie und entsetzen. farbig und differenziert entwickeln sich ihre – normalerweise eben unsichtbaren – geschichten, mal poetisch, mal aggressiv, immer sehr dicht am leben. arien aus bachs matthäus-passion schaffen dazu eine stimmung von trost oder trostlosigkeit („blute nur, du liebes herz“) und geben dem zuschauer im konzentrierten geschichten-geflecht luft für reflexion. der abend beruht auf dem tagebuch eines italienischen journalisten, weshalb auch hier ein journalist den roten faden ziehen und die geschichten zusammenhalten muss. ben daniel jöhnk spielt ihn als naiven, bemühten gutmenschen im weissen (!!) glitter-glamour-gottschalk-outfit, einen deplatzierten afrika-versteher, typ volkshochschule, der viele bilder sieht und kaum eines mit dem anderen zu kombinieren vermag. diesen roten, resp. weissen faden hätte der bewegte und bewegende abend nicht gebraucht.
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