Dienstag, 20. Oktober 2026

CAROUGE: LA MÉNAGERIE DE VERRE

leise, wie aus einer fernen welt, erklingen immer wieder opern und alte schlager vom kratzenden grammophon. es sind die schallplatten, die der vater zurückliess, als er von einem tag auf den anderen entschwand. erinnerungen….. „die glasmenagerie“ von tennessee williams ist, stark autobiografisch grundiert, ein spiel mit den erinnerungen einer verletzten, zerbrechlichen rest-familie. dieses packend geschriebene meisterwerk wählte jean liermier für seine letzte inszenierung nach 18 jahren als direktor des théâtre de carouge. die beengten verhältnisse der familie wingfield illustriert er ganz traditionell mit kleinbürgerlich dimensionierten räumen auf der drehbühne; zwischen küche, salon und schlafzimmer tigern mutter, tochter und sohn hin und her, drei unglückliche menschen, gefangen im neurosen-dschungel. mit atemloser energie zeigt das starke ensemble den permanenten überdruck dieser konstellation, die zerfleischenden dialoge, zu denen dieses sich-nicht-ausweichen-können führt. die sammlung zerbrechlicher glastierchen, zu der sich die längst erwachsene tochter flüchtet, steht hier nicht in ihrem zimmer, sondern senkt sich einmal glitzernd aus dem bühnenhimmel, ein magischer moment, symbolisch für all die unerfüllten träume. doch die glasmenagerie verschwindet wieder im dunkeln, genauso wie der schulkollege, den der sohn mit seiner schwester verkuppeln möchte, um sie aus ihrer phantasiewelt zu befreien. die vergangenheit lastet auf allen so schwer, dass sie den anschluss an die zukunft nicht schaffen: psychologischer realismus pur, das geht unter die haut. – das théâtre de carouge ist ein neubau aus hellem backstein, das foyer mit restaurant und der zuschauerraum gleichermassen einladend und elegant, die rund 500 plätze bei unserer vorstellung ausverkauft. eröffnet wurde es vor fünf jahren, im gleichen herbst wie die ebenfalls toll gelungene und nur ein paar kilometer entfernte comédie de genève. mit dem luzerner theater-desaster im hinterkopf kann man da nur neidisch werden. 

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