ein vielversprechendes debut! „spagat“ am zurich film festival ist der erste lange spielfilm des gebürtigen luzerners christian johannes koch (34). er erzählt darin, auf schweizerdeutsch und russisch, viele subtil miteinander verwobene geschichten: die der lehrerin marina, der das leben mit mann und tochter auf dem land zu monoton wird. die des ukrainers artem, mit dem sie eine affäre beginnt und der ohne papiere in der schweiz arbeitet. die seiner 15jährigen tochter ulyana, die als talentierte kunstturnerin keinen erfolg haben darf, weil sonst der vater auffliegen könnte. der spagat, den ulyana im training aufs eleganteste hinkriegt, wird zum symbol für alle diese geschichten: alle versuchen den - dann letztlich unmöglichen - spagat zwischen sehr verschiedenen welten, zwischen ost und west, zwischen spiessig und illegal, zwischen intakter fassade und turbulentem innenleben. alles ist schwierig, alles ist brüchig. nicht nur was christian johannes koch erzählt, macht diesen film sehenswert, sondern vor allem auch, wie er es erzählt. dass er ursprünglich fotografie studierte, zeigt sich in jeder einstellung: er wählt ein tempo, das den bildern raum gibt und zeit lässt, er zeigt bauernhöfe, schulhäuser und wohnblocks von grandioser tristesse und er verweilt viel und lange auf den gesichtern, sehr lange, sehr nah, sehr intensiv, bis diese gesichter dinge erzählen, die mit worten so nicht zu erzählen wären. diese sorgfalt auf der visuellen ebene und ein vorzüglicher cast (vor allem rachel braunschweig als marina und masha demiri als ulyana) machen „spagat“ zu einem intimen, berührenden kammerspiel. dieser film ist eine ebenso sanfte wie beharrliche erinnerung an die vielen traurigen geschichten, die uns immer umgeben.
Mittwoch, 30. September 2020
Freitag, 25. September 2020
MÜNCHEN: DAS HÄSSLICHE UNIVERSUM
die welt geht unter. sie braucht dazu gerade mal 80 minuten. „the goodbye show“ steht in leuchtschrift gross über der leeren bühne des münchner volkstheaters. gespielt wird „das hässliche universum“ der jungen ostdeutschen autorin laura naumann, ein stück über die zweifelhafte zukunft der zivilisation. sapir heller inszeniert es im stil einer variété-revue. anne stein macht auf dolly parton mit künstlichem monsterbusen, vincent sauer gibt mit künstlichem brusthaar den freddie mercury, nina steils einen frida-kahlo-verschnitt und silas breiding den brad pitt in troja-montur. zusammen sind die vier – ja, was denn? eine ziemlich atemberaubende mischung aus reality-tv, beerdigungs-combo und fridays-for-future-aktivisten. das hat drive, das hat witz, das hat durchaus auch substanz. „alles muss brennen“ gibt rosa per videobotschaft an alle weltbürger durch; rosa ist die grosse abwesende im stück, eine hoffnungsträgerin und projektionsfläche. alles muss brennen, also brennt alles. in den 80 minuten wird die kanzlerin per kopfschuss erledigt, hochhäuser stürzen ein, kinder werden entsorgt, motorboote abgefackelt. rosa ist nicht greta, rosa ist radikaler. sind wir noch zu retten? „das hässliche universum“ ist ein starker text zwischen sinnsuche und revolution, ein text mit unendlich vielen facetten, die die vier auf der bühne bis zum bitteren ende genüsslich auskosten. von „the goodbye show“ leuchtet schliesslich nur noch das „goodbye“, lämpchen aus. die welt, wie wir sie kannten, ist nicht mehr. folgt eine andere, eine neue? die devise am volkstheater ist klar – und sie wird eingelöst: „if it´s a funeral, let´s have the best funeral ever!“
Mittwoch, 23. September 2020
POLLING: STOA169, EIN TEMPEL DER INSPIRATION
fuchs und hase werden üblicherweise zitiert, wenn es solche orte zu beschreiben gilt: ein umwaldetes acker- und wiesland im nirgendwo zwischen dem oberbayrischen polling und der ammer, eine grüne insel der stille, eine idylle. inspiriert von hindu-heiligtümern realisiert der künstler bernd zimmer hier einen alten, tiefen traum. die stoa169 ist eine offene (und immer zugängliche) säulenhalle, für die künstlerinnen und künstler aus der ganzen welt je eine säule gestaltet haben, gut vier meter hoch und mit vier metern abstand zu den nächsten. 13 mal 13 säulen waren ursprünglich geplant (deshalb stoa169), 9 mal 9 waren es jetzt bei der eröffnung, 11 mal 11 sollen es nächstes jahr sein, auf 1600 quadratmetern. die säule, die der appenzeller roman signer beigetragen hat, ist ein aufgestelltes kajak. daneben eine säule mit hunderten von namen, eine aus aluminium-küchengeschirr, eine aus lauter kuh-kniegelenken, die in kirgisien als spielsteine dienen, eine klangsäule von kunststudentinnen, eine mit papst-comics, ein verkohlter baumstamm, eine von einem superman-cape verhüllt, das an nazi-banner erinnert. für alle gilt, was katharina sieverding auf ihre säule gemalt hat: „jede erklärung ist eine hypothese.“ als ensemble ergeben diese hypothesen ein überaus vielfältiges und sinnliches abbild der welt. wer hier wandelt, wird aufs lustvollste inspiriert. ein „zeichen von grenzenlosigkeit, friedlicher koexistenz und der achtung der freiheit des anderen“ schwebte dem initianten vor. entstanden ist ein ort mit einer phänomenalen ausstrahlung, ein farbiges wunderwerk. kein kiosk stört, keine bar, bloss ein paar baumstämme liegen da, auf die man sich vor der halle setzen kann. die stoa169 in polling ist eine einladung zur meditation, ein moderner kraftort.
Dienstag, 22. September 2020
MÜNCHEN: WIESN ODER NICHT SEIN
dies ist ein kultur-blog. heute abteilung volkskultur. oktoberfest also. wiesn-vakuum nannte die „abendzeitung“ das gefühl, respektive die krankheit, die derzeit die bayern und auch eine nicht zu unterschätzende zahl von bayerinnen plagt. es sind die risiken und nebenwirkungen eines nicht stattfindenden volksfestes, bei dem normalerweise der kollektive rausch und die kollektive heiterkeit offensichtlich ganz viel zur allgemeinen befindlichkeit, zur psychohygiene ländlicher und urbaner bevölkerungskreise gleichermassen beitragen. man unterschätze die reinigende wirkung der wiesn also nicht. 2020 leidet die volksseele, bleibende schäden nicht ausgeschlossen. so richtig bewusst wurde mir das jetzt, als mir ein tischnachbar aus niederbayern in meinem lieblingsbiergarten mit ernster miene erklärte: „wenn die wiesn noch ein oder zwei mal ausfallen muss, dann können sie dann die selbstmörder reihenweise aus dem teich im englischen garten fischen.“ vom wiesn-vakuum ungebremst zur wiesn-dystopie. da hängt die lederhose gleich noch trauriger im schrank.
Montag, 14. September 2020
ZÜRICH: THE KÖLN CONCERT
trajal harrell eröffnet die neue saison am schauspielhaus zürich. der schwarze amerikanische choreograf thematisiert unseren völlig veränderten alltag, ohne simples corona-tanztheater zu machen. nein, was harrell mit sieben tänzerinnen und tänzern entwickelt, ist eine hochkonzentrierte, bewegende meditation über die suche nach einer neuen identität. sieben klavierstühle stehen vorne auf der leeren bühne, ab und zu werden sie unmerklich verschoben oder zurechtgerückt – eine einladung genau zu schauen, auch auf details zu achten. zu keith jarretts legendärem köln concert und songs von joni mitchell probieren die sieben dann immer neue klamotten, immer neue schichten, immer neue posen, mal das klassische schönheitsideal, mal eine debile allüre, ein lustvolles spiel im voguing-style. diesem extrovertierten teil folgt ein absolut intimer. jetzt tragen alle einfache schwarze kleider, mal steht einer aus dem ensemble auf, mal zwei, um mit bewegungen zu experimentieren, behutsam zunächst, mal sind es nur andeutungen, mal folgen ihnen akrobatische wirbel und ekstatische ausbrüche. wie im köln concert entsteht vieles aus dem nichts heraus und löst sich dann vielleicht auf, vielleicht auch nicht. wechselnde identitäten, fliessende identitäten, dazu beängstigend leere, manchmal schmerzverzerrte blicke. wo ist mein platz? wo will ich hin? wo gehöre ich hin? wieviel raum brauche ich? wo kann mein verletzliches ich in dieser verletzlichen welt leben? dieser aufbruch ist auch ein requiem auf noch nicht weit zurückliegende zeiten. selten schien das publikum den auf einer bühne angetönten themen und fragen so unmittelbar ausgesetzt zu sein. und selten so berührt.
Sonntag, 30. August 2020
REGENSBURG: FERNWEH
„fernweh“ als thema einer ausstellung passt hervorragend in diese corona-gebeutelten zeiten. dass diese ganz dem unbeschwerten entkommen gewidmete ausstellung ausgerechnet in regensburg stattfindet, im kunstforum ostdeutsche galerie, kann allerdings kein zufall sein. fernweh dürfte in dieser stadt ein dauerthema sein. man muss dann mal weg hier. zwar ist die altstadt dermassen geschichtsprall und in ihrer weitgehenden unversehrtheit eindrücklich, dass sie seit 2006 verdientermassen zum unesco-welterbe gehört, doch wirkt dieses historische ensemble so beschaulich, so behaglich, so putzig, so puppenstubenhaft, dass sogar bern und winterthur und sursee vergleichsweise aufregende städte sind. in regensburg scheint sich niemand, wirklich niemand aus der ruhe bringen zu lassen. einzig „der goldene waller“ schien die gemüter im ortsüblichen mass zu erhitzen, also zu erwärmen: ein acht meter langer, 870 kilogramm schwerer, 200´000 euro teurer, bis beinahe zur unkenntlichkeit stilisierter wels des berliner künstlerpaares stoebo an der neugestalteten donaupromenade. so viel abstrakte kunst geht den leuten in dieser bilderbuch-umgebung dann doch zu weit. mit einem nicht eben diskreten schild versucht die stadtverwaltung den unmut jetzt im zaum zu halten: „der goldene waller ist ein kunstwerk. wir bitten, vom beklettern und sonstigen sachbeschädigungen abzusehen.“ this is regensburg. als mich das fernweh dann endgültig packt, fahre ich 20 minuten mit dem bus nummer 3 bis zur endstation wutzlhofen, um herauszufinden, ob es doch noch irgendwo richtiges leben gibt in dieser idylle. es gibt.
Sonntag, 9. August 2020
POSCHIAVO: DAS ANTI-BAYERN?
34 jahre lebte der deutsche maler, schriftsteller und mozart-biograf wolfgang hildesheimer in poschiavo. 34 seiner insgesamt 75 lebensjahre. in der mitte seines lebens floh er für immer aus bayern – wegen dem „entsetzlichen“ klima. und er meinte damit nicht bloss das meteorologische klima, sondern auch das „furchtbare volk von bürokraten, spiessern und verrannten ethikern“. der enge im weiten bayernland wollte er entkommen und suchte das weite im engen bündner bergtal, quasi eine paradoxe intervention. man mag jetzt darüber sinnieren, ob das mehr über bayern sagt oder über poschiavo oder über wolfgang hildesheimer oder über die wirkung gesunder bergluft. oder war es vielleicht – wie bei uns – auch die unmittelbare nähe zu italien, die das puschlav so verlockend erscheinen liess?
Sonntag, 19. Juli 2020
MÜNCHEN: DIE RÄUBERINNEN
so also sieht sturm und drang heute aus: vier mädels kippen sich eimerweise wasser über die köpfe und flutschen in den wasserlachen dann quer über die bühne, quietschvergnügt und splitterfasernackt aufs publikum los. die vier mädels sind hochkarätige mitglieder des ensembles der münchner kammerspiele: gro swantje kohlhof, sophie krauss, eva löbau, julia riedler. die flutschorgie ist das finale ihrer eineinhalbstündigen auseinandersetzung mit schillers „räubern“. unter einer bühnenhohen gewitterwolke jagt regisseurin leonie böhm diese räuberinnen durch die böhmischen wälder, mischt schillers verse absolut gekonnt und nahtlos mit heutigen phantasien, idealen und hinterfragungen. das bewegt sich zwischen intellektuellen einlassungen („der seele bei ihren geheimsten operationen zuschauen“) und pubertär-peinlichen spuck-spielchen. erst dieser mix macht das erforschen von machtspielen, denkgewohnheiten und geschlechtstypischem verhalten überhaupt nachvollziehbar: emanzipation live, theater als labor. in der vierten reihe sitzt intendant matthias lilienthal und gähnt demonstrativ. mitten im parkett. es ist die drittletzte vorstellung seiner ära hier. und so also sieht theater in corona-zeiten aus: jede zweite reihe im parkett ist weg, statt 700 leute nur 129 im saal, die frauen auf der bühne polieren sich ihre finger und ihren schiller immer mal wieder mit desinfektionsmittel und spielen die wilden gedankengänge brav auf abstand. vor allem aber: sie dürfen wieder spielen und wir dürfen wieder zuschauen - diese neue konspirative lust ist ganz offensichtlich für beide seiten ein befreiendes erlebnis. in der dritten reihe sitzt brigitte hobmeier, die diva aus ismaning, und begleitet die kolleginnen auf der bühne als zuschauerin mit sichtlicher empathie. nur lilienthal in der reihe hinter ihr gähnt. höchste zeit, dass er gehen darf. ich werde den verdacht nicht los, dass dieses erstklassige ensemble nicht dank, sondern trotz seinem intendanten „theater des jahres“ geworden ist.
Montag, 25. Mai 2020
CHUR: ERICA PEDRETTI, FREMD GENUG
im februar wurde sie 90 jahre alt, die schriftstellerin und
bildende künstlerin erica pedretti, die in nordmähren geboren wurde und heute
in celerina lebt. das bündner kunstmuseum feiert ihren geburtstag mit einem
grossen, repräsentativen überblick über ihr schaffen als objektkünstlerin und
hat sich dafür die hellen, grosszügigen räume im untergeschoss des neubaus vom architekten
lukas furrer ganz neu inszenieren lassen: er hat dunkle balken schräg in die
räume montiert und moderne, schlichte baldachine aufgestellt, die es ermöglichen,
pedrettis filigrane, luftige wesen überall im raum schweben zu lassen. aus
draht und gips, ton und stoff, karton und schilf hat sie vögel und
vogelskelette, fliegende fische und lädierte engel gefertigt. flügel in allen
variationen ziehen sich durch dieses werk, flügel, die licht reflektieren und
schatten geben, flügel, die beschwingen und beschützen, flügel, die forttragen. daneben liegt auf
langen, niederen holztischen das zeichnerische werk pedrettis, mal abstrakt,
mal konkret, und immer genauso verspielt wie die luftdinger überall im raum. „fremd
genug“ lautet der titel der ausstellung, in anlehnung an eines ihrer bücher.
fremd genug? ein rätsel. verfremdet die künstlerin ihre eigenen ideen, um uns
anders sehen zu lassen? oder ist sie sich selber mittlerweile fremd genug
geworden nach den vielen und ganz unterschiedlichen stationen in ihrem langen leben? man
verlässt diese ausstellung nicht grübelnd, nicht schwer, sondern heiter, beschwingt,
optimistisch gestimmt, mit lust auf fremdes, neues.