Donnerstag, 9. April 2026

ZÜRICH: STURZ IN DIE SONNE

da erzählt einer vom weltuntergang. es wurde heisser und heisser auf der erde. er war selber dabei. die gletscher schmolzen, die menschen flüchteten wegen der hitze in die berge und brachten sich um, weil da zu wenig platz war für alle. vor 104 jahren schrieb der westschweizer autor c. f. ramuz „sturz in die sonne“, wo sich die erde wegen eines unfalls im gravitationssystem rasend schnell der sonne nähert. aus dem packenden, beängstigend prophetischen klimaroman macht der schauspieler martin butzke am theater neumarkt in zürich jetzt einen ebenso packenden soloabend. „schweigen sie, habe ich gesagt!“ mit böser stimme versucht der typ in der beiz abzuwenden, was er nicht wahrhaben will und was ihm doch angst macht. die vorahnung, das verdrängen, das allmähliche verzweifeln – butzke nähert sich erzählend der apokalypse, performt sich fulminant durch diesen bildstarken text, bewegt sich durch die ganz unterschiedlichen stimmungen, die der roman manchmal reportagehaft, manchmal mit philosophischer distanz beschreibt, deutet all die figuren an, die zynischen, die panischen, die aggressiven, wischt sich den schweiss ab, weil es immer heisser wird, kneift die augen zusammen, weil die sonne so erbarmungslos blendet. und immer wieder: „ist das wirklich wahr? ist das die wirklichkeit?“ mal ein irres lachen, mal ein nervöses zucken und mal ein video, das eine brennende schweizer fahne zeigt: ist das krieg oder ist das klima? „hier bei uns hat man nicht viel vorstellungskraft“, heisst es bei ramuz, und weil sich damals wie heute vielen die dramatik der situation nicht erschliesst, weil man die steigenden temperaturen nicht wahrnehmen oder nicht wahrhaben will, entfernt sich butzke einmal von ramuz‘ text für ein geradezu unheimliches intermezzo: unbeweglich steht er im halbdunkel und erzählt die katastrophennacht von crans-montana aus der sicht eines brandopfers, wie in trance gemeinsam dem tod entgegen. es wird heisser und heisser und heisser.

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