„kennen sie das?“ immer wieder fixiert der schauspieler moritz treuenfels jemanden im publikum, zwinkert ihr oder ihm zu: „das kennen sie doch auch, oder?“ die euphorie des abschieds, ja, das kennt man, die grossen gefühle beim adieu, beim weggehen, beim loslassen. „abschied“ heisst der wunderbar zartbittere roman, den der grosse historiker und publizist sebastian haffner 1932 als junger mann schrieb und der erst 2025 publiziert wurde, nachdem ihn haffners sohn im nachlass entdeckt hatte. moritz treuenfels spielt raimund pretzel, den ich-erzähler, haffners alter ego, den 24jährigen, der nach paris fährt, um seine grosse liebe teddy zu treffen und dann nur noch wenig zeit hat bis zur rückkehr nach berlin („um 22 uhr geht mein zug“). diese paar stunden, das schwelgen in erinnerungen, das vibrierende und inspirierende dieser weltstadt, die neckereien und streitereien der beiden und dann das wissen, dass sie als jüdin nie wieder nach deutschland zurückkehren wird, dass man sich also zum allerletzten mal sieht, das alles spielt treuenfels in der inszenierung von matthias rippert ganz allein und ganz fabelhaft, ein grosses solo auf der grossen bühne des residenztheaters. subtil trifft er den ton, die stimmung des romans, dieses mäandern zwischen hoffnung und realität, zwischen glück und tränen („gott, wie ich sie liebte…..“). lang dauert es, bis er auch noch in die tasten des flügels greift, an dem er sitzt, doch dann holt er aus zu einer stürmischen improvisation, verwandelt diesen abschied auch noch in musik, das ende einer liebe, das ende einer epoche, den wechsel aller emotionen von dur zu moll. einmal nimmt er seine hand und führt sie, als wäre es ihre, liebevoll über sein gesicht, eine verspielte geste, ein intensiver moment, einer von vielen. am schluss tosender applaus. da setzt sich treuenfels noch einmal an den flügel (zugabe! wann gab´s das zuletzt bei einem schauspiel?) und singt „la bohème“, das chanson über den abschied vom unbeschwerten pariser künstlerleben, er singt es noch inniger als einst charles aznavour. sagt meine frau. und sie hat recht.
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