die einen stehen plaudernd in der schlange bei der food-ausgabe, andere lernen esperanto, viele malen und basteln, einer schläft auf einem karton in der kino-ecke, einige philosophieren intensiv, gleich neben dem eingang gibt’s boxtraining – und viele fühlen sich ganz einfach wohl hier und lümmeln rum auf den mit klebeband entstellten sofas und fauteuils. alkohol gibt’s keinen mehr zu kaufen, weil das zu problemen führte, deshalb bringen ihn jetzt einige selber mit. für 78 tage richtete der berner installationskünstler thomas hirschhorn im genfer acacias-quartier unter dem ebenso elegant wie auffällig geschwungenen betondach der ehemaligen firma sicli, die auf feuerbekämpfung spezialisiert war, den „pavillon simone weil“ ein, ein denkmal für die französische philosophin (1909-1943). simone weil dachte viel über gesellschaft und ethik nach, über das, „was menschen einander schuldig sind“, und setzte ihre ideen selber um, konkretes engagement, gelebte philosophie. hirschhorn bewundert diese radikale, kämpferische frau, „weil sie auch heute viel zu sagen hat.“ und das soll auch gehört werden. was läge da näher als ein niederschwelliger treffpunkt ganz unterschiedlicher menschen, geschichten, ideen. das funktioniert, das lebt, es ist ein grossartiges gewusel, wo sich reflexion und kreativität verbinden und wo simone weil und ihre gedanken auf dutzenden von pappschildern gegenwärtig sind. das belebt auch das umliegende quartier und strahlt aus auf die ganze stadt: die zeitung „le courrier“ publiziert jeden tag einen simone-weil-post, ein zitat als denkfutter für den alltag. „aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste form der grosszügigkeit“, steht in grossen lettern an der fassade des pavillons, en français natürlich. ein attraktiveres, lebendigeres, substanzielleres denkmal hätte sich simone weil nicht wünschen können.
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