Dienstag, 21. April 2026

MÜNCHEN: TIDE

einatmen, ausatmen, gaaaaanz langsam, ganz bewusst, ganz synchron: flach liegen die elf tänzerinnen und tänzer auf den sechs flachen bühnenelementen, die sich später wie tektonische platten aneinander reiben, auf und ab. das synchrone atmen bringt die elf in den flow, in die energie, mit der sie sich dann eine stunde lang aufs lustvollste und total verausgaben. „tide“ heisst das stück im münchner volkstheater, eine kraftvolle tänzerische meditation über zeit und gezeiten, über das auf und ab, das ein und aus in der natur, in der zivilisation und in uns selber („there are tides in the body“, wird virginia woolf im programmheft zitiert). zu einem sound, der von tropfen, wellen und stürmen inspiriert ist, haben sophie haydee colindres zühlke, serhat saïd perhat und der auf groundmovement spezialisierte lukas robitschko mit der ebenso grossartigen wie diversen truppe assoziative bilder und stimmungen entwickelt, dynamische powermoves, die auf den beweglichen tanzflächen zu bewegten skulpturen werden, oft von schwindelerregender akrobatik, oft von umwerfender schönheit, immer rasant, immer packend. dem raumgreifend rhythmischen, dieser schier unerschöpflichen energie auf der bühne kann und will man sich nicht entziehen. und das magische von „tide“ besteht nicht zuletzt darin, dass alle im publikum etwas anderes wahrnehmen, etwas anderes dazu denken: die kraft der ozeane? die kraft der jugend? die zukunft? gravitationskräfte? strömungen? welche strömungen? energieraubende? energiestiftende? unsichtbare? tanz kann sehr, sehr anregend sein – und hochpolitisch.

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