berlin in den 1930ern, eine stadt im fieber, es geht drunter und drüber, in den bars und in den betten, intellektuell und sexuell – eine steilvorlage für ein musical und, na klar, „cabaret“ wurde ein welterfolg. das münchner residenztheater ist eine schauspiel- und keine musicalbühne und claus guth ist ein opern- und kein musicalregisseur, doch man tat sich zusammen und wagte „cabaret“ reloaded. guth verdoppelt den amerikanischen schriftsteller clifford bradshow, der sich als junger (thomas hauser) neugierig auf das pulsierende grossstadtleben stürzt – und jetzt als älterer herr (michael goldberg) diesen grossen zeiten nachhängt, die ganze inszenierung als sentimental journey: die heissen mädels und jungs tanzen jetzt nicht mehr in den verrauchten clubs, sondern in bradshows kopf, in seinem einsamen hotelzimmer, auf seinem bett, in den schränken, kreuz und quer, kreuz und queer….. trotz einem genialen conférencier (vincent glander, in jeder szene in neuer knackig-kecker kostümierung) und einem sehr spielfreudigen, jazz-und-ragtime-versierten orchesterchen will die inszenierung zu beginn nicht recht fahrt aufnehmen, nicht zuletzt weil vassilissa reznikoff ihre grosse rolle als chansondiva sally bowles (remember liza minelli) arg tussihaft anlegt. claus guth kann mehr und das beweist er dann vor allem im zweiten teil des abends, als sich der schatten der nazis über das leichte leben legt und zivilcourage gefragt wäre, die sich aber zunehmend verflüchtigt. der frivole conférencier wird blutig geprügelt und den grossen hit „money makes the world go around“ verwandelt die regie mit dem ganzen ensemble in eine veritable geisterstunde: in einer vergifteten, gespenstischen atmosphäre fressen alle das geld in sich hinein, bis zur übelkeit, bis zum erbrechen. „life is a cabaret“, eine flucht vor der realität und nicht immer mit happy-end.
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