Sonntag, 12. April 2026

BASEL: KASIMIR UND KAROLINE UND.....

wir sind auf dem oktoberfest. doch statt festbänke stehen hier kirchenbänke, statt gaudi gibt’s zwischenmenschliches desaster, schwarz ist die vorherrschende farbe bei „kasimir und karoline und der tanz mit dem tod“ im theater basel. zwischen den kirchenbänken quälen sich die abgehängten, die überzähligen, die unverstandenen. regisseurin karin henkel verbindet ödön von horváths trostlose geschichte vom eben entlassenen kasimir und seiner karoline, die sich von streit zu streit immer mehr entzweien, mit der noch trostloseren von elisabeth aus „glaube liebe hoffnung“, die wegen geldsorgen ihren leichnam dem anatomischen institut zum kauf anbietet und dann ins wasser geht. wirtschaftskrise, sozialer abstieg, existenzkampf – die wahre geisterbahn auf diesem rummelplatz sind die mitmenschen mit ihren fratzen und ihrer herzlosigkeit. die inszenierung schafft auf der grossen, fast leeren bühne ein überwältigendes panoptikum der lebenden toten, das der saftig-prallen sprache von horváths figuren den zentralen platz einräumt – und ihrer sprachlosigkeit. ein ensemble der extraklasse bietet während dreieinhalb stunden schauspielkunst auf höchstem niveau und lässt sich auch vom ausnahmedarsteller martin wuttke, der als gast in sieben verschiedenen rollen (vom präparator in der anatomie bis zur frau amtsgerichtsrat) geifert und schreit und winselt und wuttket, nicht in den schatten oder an die wand spielen. stellvertretend sei hier gala othero winter als elisabeth erwähnt, sie zeigt eine frau voller zartheit, deren lebenswille sich zwischen enttäuschungen und missverständnissen zunehmend verflüchtigt wie die schminke auf ihrem verweinten gesicht. der inhalt dieses abends macht nicht glücklich, die inszenierung umso mehr: zwei zeitlos starke stücke, verwoben zu einem sprach- und bildgewaltigen requiem, einem abgesang auf jegliche empathie und hoffnung.

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