Sonntag, 29. März 2026

STUTTGART: DIALOGUES DES CARMÉLITES

das muss man aushalten: 16 mal saust die guillotine nieder im letzten akt von "dialogues des carmélites", ein irres klacken durchfährt mal für mal die musik, 16 frauen sterben für ihre überzeugung. es sind die nonnen des klosters compiègne, weggefegt von der französischen revolution. an der staatsoper stuttgart erzählt die polnische regisseurin ewelina marciniak (in bester erinnerung für ihren feministischen blick auf wagners "ring" in bern) die geschichte von 1794 mit menschen und bildern von heute: die nonnen sind jetzt ein verschworener haufen kämpferischer frauen, lange mähnen in allen farben, punk- und hippie-klamotten mit aufgesprayten power-parolen, alle ausgesprochen zugewandt - und tendenziell leicht überkarikiert. die amerikanische mezzosopranistin rachael wilson ist blanche, die hauptfigur, mit ihren langen blonden locken könnte sie eine influencerin sein, aber sie wird - stimmgewaltig, hochdramatisch - von angstzuständen gemartert und sucht in dieser frauengruppe ruhe. francis poulenc schuf mit "dialogues des carmélites" 1956/57 eine zutiefst berührende oper, eine seelenmusik über das urmenschliche bedürfnis nach nähe, zugehörigkeit, solidarität. marciniak toppt das noch: die frauen umarmen und küssen sich, empowerment wieder und wieder. dirigent cornelius meister gestaltet die partitur mit den vielen, durchs band herausragenden solistinnen und dem staatsorchester zu einem packenden ereignis, permanent zwischen thriller und "salve regina" switchend. blanche findet, 1794 und 2026, ruhe erst im tod. die guillotine wird in dieser vorbildlich konsequenten inszenierung zum zeitlosen symbol für das radikale ende aller träume, visionen, utopien. ihre demoschilder hatten die 16 frauen zuvor bereits resigniert weggeräumt. jetzt liegen alle 16 nebeneinander an der bühnenrampe, alle tot. "the future is female!" stand auf einem der schilder. aber nein, wieder nicht!! gott hat uns aufgegeben, heisst es bei poulenc, dieu nous a abandonné.

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