auch peter handke war mal jung. 1967 schrieb er, mit gerade mal 25, sein stück „kaspar“, inspiriert vom mythos um kaspar hauser, der zu beginn des 19. jahrhunderts in völliger isolation aufwuchs und als 16jähriger noch nicht sprechen konnte. handkes jugendwerk folgt keiner klassischen stückdramaturgie, sondern ist eine wilde, in 65 sequenzen zerlegte sprach- und sprechorgie. mit einem ins mark gehenden schrei werfen sich im akademietheater in münchen drei kaspare in dieses spiel mit wörtern und sätzen, ein existenzieller moment. sie winden sich, tasten sich behutsam vor in die sprache, werfen sich satzfetzen zu, beobachten die reaktion. yunus wieacker, im masterstudium regie an der bayerischen theaterakademie august everding, setzt das mit grossem gespür für rhythmus und redundanz in szene und kombiniert das mundwerk geschickt mit handwerk: einer der drei kaspare arbeitet als steinhauer, einer mit holz, einer mit stoffen, und zwei klangkünstler im hintergrund strukturieren die textlawine mit suggestiven intermezzi. dann kommt ein vierter kaspar auf die bühne, die dynamik verändert sich, das suchen nach einer gemeinsamen sprache erhält eine neue dimension: wer spricht mit wem, wer konzentriert sich worauf, wer gibt welchem wort welche bedeutung, wer beeinflusst wen, wer wird verunsichert, wer durch sprache ausgeschlossen? handke sah sein sprachkunstwerk durchaus als „belastungsprobe“ fürs publikum, es ist auch eine fürs junge ensemble, das diese aufgabe hier auf hohem niveau absolut bravourös erledigt und besteht. irgendwann beginnen die vier (drei frauen, ein mann), ihre körper ebenso ausgelassen über die bühne zu wirbeln wie sie es zuvor mit der sprache taten. so gelingt es der inszenierung von yunus wieacker immer wieder, aus dem philosophisch-experimentellen text ausgesprochen sinnliches und dringliches theater zu machen. in zeiten von ki, fakenews, lügen und anderen manipulationstechniken ist es durchaus angebracht, mit handke wieder einmal über die kraft und die macht der sprache nachzudenken.
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