Freitag, 27. Oktober 2017

ZÜRICH: BUDDENBROOKS

in einer tragenden rolle: die motorsäge. der zu beginn die ganze bühnenbreite füllende stattliche, weisse tisch wird während der dreistündigen aufführung etappenweise zerstückelt, erledigt, entsorgt. ein ziemlich drastisches, bisweilen albernes bild, um den „verfall einer familie“ zu illustrieren, wie thomas mann seinen roman „buddenbrooks“ im untertitel nannte. in den trümmern dieses (selbstredend) mit videokameras in nahaufnahme dokumentierten sägemassakers gelingt regisseur bastian kraft am schauspielhaus zürich allerdings eine beachtliche, teilweise bezaubernde familienaufstellung. kann ja nicht jeder, 800 seiten roman einfach so eindicken. claudius körber spielt den hanno, den letzten stammhalter der buddenbrooks, der mit 15 an typhus stirbt: lustvoll und empathisch erzählt er die geschichte vom fall der lübecker kaufmannsdynastie aus seiner sicht, wie ein wichtel wirbelt er durch die familienchronik und die tischtrümmer, da kommt ganz viel von thomas manns sanft-ironischem zugriff auch auf heikelste episoden rüber. mit tempo und leichtigkeit verbindet dieser hanno die szenen und die menschen, die zunehmend gefangen sind in der diskrepanz zwischen grossbürgerlichen zwängen, geschäftlichen traditionen und dem wunsch, frei atmen zu können und auch den musen und der musse ihren platz zu geben. geschäfte fallieren, ehen zerbrechen, träume werden zu albträumen. ein erstklassiges ensemble schafft diesen permanenten tanz zwischen heiss und kalt, zwischen fassung und verzweiflung, zwischen hochmut und abstiegsangst, es jagt durch diesen eskalierenden familienirrsinn, der auch ohne motorsäge ganz schön an die nieren ginge.

Montag, 23. Oktober 2017

FREIBURG IM BREISGAU: HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

der französische tenor sébastien guèze tritt so smart auf wie der leibhaftige österreichische steilstarter sebastian kurz, verfügt über eine helle, lyrische stimme – und: er wusste am mittwoch noch nicht, dass er am sonntag in der première von „hoffmanns erzählungen“ am theater freiburg im breisgau die hauptrolle singt, als ersatz für den erkrankten rolf romei. einspringen ist daily business im theaterbetrieb, doch mit nur zwei tagen proben in eine derart komplexe inszenierung einzusteigen, und dies mit zunehmend betörender brillanz, das ist schon eine meisterleistung. denn das französische regiekollektiv clarac-deloeuil > le lab liefert keine handelsübliche lesart von offenbachs oper. die bühne ist ein weiss gekachelter raum, labor und studio in einem, in dem eine blonde moderatorin auf acht bildschirmen als erstes bekannt gibt, dass der literaturpreis 2017, in anerkennung seiner herausragenden impulse für die zeitgenössische literatur, an e. t. a. hoffmann geht. die zweifel und selbstzweifel des toten dichters, sein scheitern in liebe und kunst, nehmen die regisseure zum anlass, ganz generell über dichtung und ihre wirkung nachzudenken. „wozu dichter in dürftiger zeit?“ fragen sie mit hölderlin. eine schauspielerin und ein schauspieler, die hoffmanns muse assistieren, zitieren in dutzenden von intermezzi dutzende von dichtern und denkern, die ihre rolle und ihre grenzen reflektieren. diese intellektuellen exkurse funktionieren erstaunlich gut, zumal fabrice bollon offenbachs romantischen rausch bisweilen überraschend unromantisch dirigiert. auch dies unterstreicht: dichter leben gefährlich. dieser freiburger hoffmann wird am schluss erschossen, auftragsmord eines politikers, doch er lebt weiter durch seine kunst. ja, gerade in dürftigen zeiten tun dichter not: „es ist uns aufgegeben, wahrheiten auszusprechen.“ viel applaus für einen eindrücklichen, klugen opernabend.

Freitag, 20. Oktober 2017

MÜNCHEN: DIE LUSTIGE WITWE

hitlers lieblingsoperette also. über 30 mal soll er sie sich angeschaut haben. ausgerechnet „die lustige witwe“ eröffnet jetzt das totalsanierte staatstheater am gärtnerplatz, münchens volksoper. intendant josef e. köpplinger verlegt die zickzack-romanze der reichen witwe hanna glawari und des lebenslustigen grafen danilo an den vorabend des ersten weltkriegs. er erfindet den tod als omnipräsente stumme figur dazu, die der tänzer und choreograf adam cooper zur faszinierenden hauptrolle macht: mit kahlem kopf und schwarzem mantel, dezent im hintergrund, elegant im vordergrund, der tod streut rosenblätter, der tod küsst mit, der tod tanzt im drei-viertel-takt den gesellschaftlichen und staatspolitischen abgründen entlang. er führt am schluss die männer in den krieg und nimmt sich die witwe, kein happy-end. so weit, so bitter. daneben allerdings gönnt sich köpplinger reichlich platz für operettenroutine und -kitsch, mit viel tempo und auf höchst professionellem niveau, aber von allem a bisserl zu viel: drehbühne im dauerbetrieb, trockeneisorgien, kostümorgien, champagnerorgien, schlüpfrige pointen. da wünscht man sich dann immer mal wieder den tod herbei, den so stilsicheren. tolles leisten der neue chefdirigent anthony bramall und die neue akustik im orchestergraben: dieser lehár kommt nie klebrig daher, er knistert und funkelt und sprüht. da können die beiden hauptdarsteller camille schnoor (witwe) und daniel prohaska (danilo) mit ihren doch eher durchschnittlichen stimmen nicht immer mithalten, machen das aber mit viel charme wett. apropos charme: hitler, das ist verbürgt, soll zuhause vor dem spiegel selbstverliebt den grafen danilo nachgespielt haben, mit zylinder und johannes-heesters-schal. ach, wäre er doch zur operette.

Montag, 16. Oktober 2017

MÜNCHEN: EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT

im hintergrund, hübsch aufgereiht, vier schminktische mit persönlichen utensilien: der rückzugsort für die vier wanderschauspieler, wenn sie gerade keinen einsatz haben. im vordergrund eine riesige verspiegelte platte als spielfläche, aufgehängt an vier drahtseilen und deshalb immer in bewegung: leben im schwebenden zustand, leben auf unsicherem terrain – das ist es dann auch schon weitgehend, thomas dannemanns regiekonzept für eugene o´neills „eines langen tages reise in die nacht“ im münchner cuvilliés-theater. dass die absolut trostlose geschichte der schauspielerfamilie tyrone (die o´neills eigene familiengeschichte abbildet) trotzdem packt, ist allein dem höchstklasse-ensemble zu verdanken, das die ausweglosen abhängigkeiten penetrant und präzis zu einem immer dichteren netz spinnt: sibylle canonica, die mutter, bemüht sich als morphium-ruine so hartnäckig wie erfolglos um fassung, oliver nägele, der vater, ist ein vom geiz zersetzter einstiger starschauspieler, aurel manthei als älterer sohn mäandert brillant zwischen minderwertigkeitskomplex, zorn und alkohol, franz pätzold als jüngerer sohn kämpft mit hochpoetischen kabinettstücken gegen seine eltern und seine tuberkulose an. alles ist krank in diesem haus, alles ist anfauchen, angiften, anwidern. das dauert zwei stunden und zehn minuten. bei o´neill dauerte es 65 jahre. „ich gehe aus von der theorie, dass die vereinigten staaten, anstatt das erfolgreichste land der erde zu sein, der grösste fehlschlag sind. wir hatten so viele möglichkeiten und haben einen falschen weg gewählt.“ mit diesem satz o´neills im ohr sieht man sein familienstück aus dem jahr 1956 auch als parabel auf ein zutiefst verunsichertes und polarisiertes land im jahr 2017.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

LUGANO: WOLFGANG LAIB

gibt es eine ursprüngliche sprache, die verschiedenen kulturen und zivilisationen gemein ist? diese frage beschäftigt den 67jährigen deutschen künstler wolfgang laib seit seiner jugend. wenn die grosse laib-ausstellung im museo d’arte della svizzera italiana in lugano eine antwort auf diese frage ist, dann bewegt sich so eine ur-sprache im grenzgebiet zwischen natur und spiritualität. laib studierte ursprünglich medizin und schrieb seine doktorarbeit über die trinkwasserhygiene in der region nördlich der indischen stadt madurai. enttäuscht von der vom gewinnstreben geprägten westlichen medizin wandte er sich dann früh ab und beschäftigte sich mit antroposophischen grundfragen – und in der folge, als künstler, mit einfachsten materialien: blütenstaub, reis, milch, bienenwachs sind zentrale elemente seiner plastiken und installationen. immer wieder blütenstaub. „zeit war und ist ein zentraler knotenpunkt in meiner arbeit und in meinem leben. blütenstaub zu sammeln bedeutet, für tage, wochen, monate auf einer wiese zu sitzen … und, nach einem monat hat man ein gläschen voll blütenstaub.“ das herz der ausstellung in lugano ist ein würfelartiger mildgrauer raum, in dessen mitte auf dem boden ein grosses quadrat aus blütenstaub von kiefern hellgelb leuchtet. unfassbar schlicht, unfassbar schön, eine einladung zur meditation. das publikum setzt sich diesem sinnlichen sog sichtlich gern aus. und wenn in einer anderen ecke reis in einer messingschale je nach perspektive wie ein kleines häufchen oder wie ein unüberwindbarer berg erscheint, dann sind wir dabei mit seele und laib: poesie nicht als selbstzweck, sondern als ausgangspunkt für eine tiefgründige reflexion der realitäten und relationen.

Donnerstag, 21. September 2017

VENEZIA: MADAMA BUTTERFLY

ganz eng stecken cio-cio-san und ihre bedienstete suzuki die köpfe zusammen und blicken in die ferne, weit hinaus aufs meer. „un bel dì, vedremo“ singt cio-cio-san, die grandios-anrührende arie einer verzehrenden leidenschaft: eines tages wird das schiff kommen, das ihr den geliebten amerikaner zurückbringt. auch nach drei jahren hat sie die hoffnung nicht aufgegeben. fast scheint auch suzuki daran zu glauben, doch dann erstarrt sie, fixiert nicht mehr das meer, sondern ihre herrin, und erschrickt, wie sehr diese in ihrer sehnsucht gefangen bleibt. nein, dieses glück kehrt nicht zurück, nein, du musst nicht weiter die wellen beschwören. zwei frauen, zwei intuitionen. der spanische regisseur alex rigola und die japanische multimediakünstlerin mariko mori erzählen puccinis „madama butterfly“ am teatro la fenice in venedig als präzise personenstudie, grosse oper in nahaufnahme. nicht der in vielen inszenierungen optisch bis zum überdruss ausgereizte kontrast zwischen ost und west, zwischen japanischer folklore und amerikanischem patriotismus steht hier im zentrum (die geisha, die vom präpotenten kolonialherr geschwängert und fallengelassen wird), sondern eine zeitlose geschichte von ausbeutern und ausgebeuteten, von wahrer und von falscher liebe. eine praktisch leere weite weisse bühne, die nur in unterschiedliches licht getaucht wird, unterstreicht diese zeitlosigkeit zusätzlich. das regieteam tappt dann allerdings zwei, drei mal doch in die kitschfalle, mit silberkonfettiregen und schmetterlingsvideos. schade, denn die von daniele callegari schwärmerisch dirigierten melodien puccinis hätten ihre wirkung auch so nicht verfehlt. und serena farnocchia ist mit ihrer stimmlichen und darstellerischen präsenz eine hinreissende besetzung für diese zwischen äusserster verzückung und tiefster verzweiflung flatternde butterfly.

Mittwoch, 20. September 2017

VENEZIA: BIENNALE DER ENTSCHLEUNIGUNG

die basilica di san giorgio maggiore auf der kleinen insel gegenüber dem markusplatz in venedig ist ein meisterwerk von andrea palladio. in diesen prachtvollen klassizistischen raum hat michelangelo pistoletto 18 hochformatige spiegel gehängt. 18 spiegel in einem kreis. 18 spiegel, die sich in der zugluft auch mal bewegen. der betrachter steht in diesem kreis, sieht sich da und dort, geht umher, sieht andere, sieht vieles plötzlich von einer anderen seite, kann manchmal nicht mehr unterscheiden zwischen den echten menschen und den gespiegelten. „love difference – vielfalt lieben“ hat der 84jährige pistoletto diese installation genannt. man muss sie nicht einmal wie er religiös verstehen, um sie genial zu finden: eine etude über wahrheit und wahrnehmung, ein einfacher, verspielter, tiefsinniger einstieg in diese biennale. anschliessend machen wir 12‘771 schritte durch die kunst dieser welt. die biennale 2017 wirkt auf uns überladen bis vollgestopft und zeigt erstaunlich viel unpolitisches, viel aufgewärmtes, viel dekoratives, viel buntes, viel banales (bitte, bitte einfach keine farbigen stoffballen und stoffbahnen und fadenknäuel mehr, die den ach so kunterbunten reichtum dieser welt illustrieren und verherrlichen). eine überdosis kontemplativer videos lässt immerhin ein zentrales anliegen festmachen: das bedürfnis nach entschleunigung. ein bedürfnis, das künstlerinnen und künstler und publikum zu teilen scheinen, denn dort, wo fast oder gar nichts passiert, harren die betrachter in scharen und am längsten aus. die magie des nichts. auch ein erfolg.

Sonntag, 17. September 2017

MÜNCHEN: CARMEN UND DER STIER IN UNS ALLEN

hier singen echte flüchtlinge statt falsche zigeuner. das gibt dieser "carmen", die jetzt im mixed munich arts, der riesigen halle eines ehemaligen fernheizwerks, gezeigt wird, eine ganz neue dringlichkeit und vitalität. der "chor zuflucht kultur" ist ein projekt mit migranten, ein bemerkenswertes projekt auf hohem musikalischen niveau. sie singen die bizet-chöre en français genau so leidenschaftlich wie dazwischen die verträumten und traurigen balladen aus ihrer arabischen heimat. dieser chor - als strassenkämpfer, als näherinnen, als dealer, als heimatlose - bildet das emotionale kraftzentrum der inszenierung. dirigent ernst bartmann und regisseur andreas wiedermann (das opera-incognita-team) erzählen die rohe geschichte von carmen in diesem rohen raum von hinten, was erstaunlich gut funktioniert: die finale verzweiflungstat, die ermordung carmens durch don josé, wird zum roten faden, zur rahmenhandlung, in die die vorherigen akte als rückblenden eingebaut werden. der tod wird durch diese konstruktion noch präsenter, er schleicht sich nicht langsam an, er überschattet hier alles von beginn weg mit dramatischer musikalischer wucht. carmen, von cornelia lanz furios gesungen, ist permanent in bewegung, mal am ende der halle, mal in der obersten galerie, mal im grellen licht, mal im dunkeln, rastlos, radikal, eine gefangene ihrer gefühle auf der suche nach freiheit. sie findet sie nicht. sie findet den tod. das ist die geschichte von carmen, die geschichte der flüchtlinge und letztlich die geschichte über den stier in uns allen: freiheit oder tod. eine alternative, die oft keine ist.

Samstag, 9. September 2017

LUZERN: LE GRAND MACABRE

der eindrücklichste moment dieser saisoneröffnungspremière am luzerner theater? das waren die fünf minuten kunstpause mitten im zweiten bild. fünf minuten nichts, bühne und orchester total eingefroren, fünf minuten stiller protest gegen die sparwut der luzerner regierung: so öd wäre die welt ohne kultur. davor und danach györgy ligetis groteske oper „le grand macabre“, in der nekrotzar, tod und teufel in einem, den weltuntergang plant, ihn aber gründlich versemmelt. krass wenig inhalt für zweieinhalb stunden. musikalisch ist dieses werk ebenso reich wie schräg und gewöhnungsbedürftig, mit furzenden autohupen, knallenden brettern, je einer prise mozart, offenbach, monteverdi, alles bis zur unkenntlichkeit entstellt und tierisch schwierig für sänger und orchester, die das aber unter der leitung von clemens heil bravourös und lustvoll bewältigen. für die regie wurde herbert fritsch eingeflogen, bei dem bekanntlich alles immer vor allem knallbunt ist, diesmal sind es sieben knallbunte särge, ein ebenso effektvoller wie naheliegender einfall für ein grusical. wenn immer wieder auch „the rocky horror picture show“ zitiert wird, mag man nur müde schmunzeln, denn die ist einfach besser. fritschs regie bleibt sinnfrei und rein illustrativ: sobald die melodien zucken, zucken auch die sängerinnen, wenn die rhythmen stampfen, stampfen auch die sänger. das ist unter dem strich ziemlich viel ziemlich doofer slapstick. der hübscheste einfall sind zwei bleiche buben, die im kostüm der wiener sängerknaben immer wieder durch die szenerie schlurfen und das gähnen unterdrücken wie der kleine barron trump am wahltag seines vaters: wo, bitte, bin ich da hingeraten?

Freitag, 8. September 2017

LUZERN: DAS KANN NICHT WEG

das manifest gegen die sparpolitik des kantons luzern, verabschiedet am 8.9.2017 anlässlich der grossen demo vor dem luzerner theater:
"82 millionen will die regierung des kantons luzern in diesem und im nächsten jahr streichen - in den schulen, in der integration, bei der polizei, in der kunst und im sozialen.
erstens: das kann nicht weg. das ist unsere bildung, das ist unsere sicherheit, das ist unsere kultur, das ist unsere solidarität.
zweitens: es ist keine lästige, es ist eine noble pflicht des staates, seine aufgaben wahrzunehmen und in die gesellschaft zu investieren.
drittens: wieviel geld ausgegeben wird, das wird nicht durch den steuerfuss bestimmt, sondern durch die politik und die debatte. die steuern haben sich danach zu richten.
viertens: das öffentliche personal wie auch die anbieter von dienstleistungen erwarten vom staat ein mindestmass an verlässlichkeit und planungssicherheit.
fünftens: die regierung und das parlament haben ihr mandat von den hier lebenden bürgerinnen und bürgern erhalten, nicht von personen und firmen, die vielleicht irgendwann in den kanton ziehen. also hat sich die politik an den bedürfnissen der hier lebenden bürgerinnen und bürger auszurichten.
der geplante abbau trifft zahllose menschen, die hier und heute im kanton luzern leben. er trifft sie in ihrer sicherheit, in ihren chancen, in ihrer täglichen arbeit. aber das ist ihre existenz.
das kann nicht weg."

Dienstag, 5. September 2017

LUZERN: DEM LIEBEN GOTT

da ist sie wieder, die angst vor der neunten! „i‘ mag dö neunte nöt anfangen, i‘ trau mi‘ nöt, denn auch beethoven machte mit der neunten den abschluss seines lebens“, notierte anton bruckner einmal – und fing dann im sommer 1887 doch an damit. die sinfonie nr.9 d-moll geriet ihm zum „mysterium tremendum et fascinosum“, zu einem vielschichtigen und gross gedachten werk, das sich allen damals gängigen musikalischen mustern entzog und den weg für mahler und schönberg ebnete. sie blieb unvollendet, auch hier also ein abschied vom leben, ein zwischen furcht und verzweiflung schwankender ruf nach göttlichem erbarmen. natürlich widmete der fromme komponist seine letzte sinfonie „dem lieben gott“, niemand geringerem: „die neunte ist für den allerhöchsten könig da oben bestimmt. (…) wenn mi‘ lang niemand verstanden hat und viel mi‘ aa jetzt no‘ net verstehn: er wird’s begreifen.“ so wie daniele gatti und sein royal concertgebouw orchestra amsterdam diese bruckner 9 jetzt im rahmen des lucerne festival dargeboten haben, so intensiv, so erhaben, so entrückt – so begreifen auch wir bruckners annäherung an die göttliche schöpfung. oder lassen uns von ihr ergreifen.

Samstag, 2. September 2017

LUZERN: LIEDER UND TÄNZE DES TODES

diese frau hat einen verführerischen blick. diese frau hat eine wilde mähne. diese frau hat eine tolle figur. diese frau ist jung und lebenslustig. aber: oksana volkova hat den tod in ihrer stimme. bei ihrem debut am lucerne festival singt die weissrussische mezzosopranistin zusammen mit dem petersburger mariinsky orchestra unter valery gergiev die „lieder und tänze des todes“ von modest mussorgsky. eine musik voller grauen und voller entsetzen. „es tobt die schlacht in wilder wut, der kriegslärm dröhnt gleich sturmes wettern, in roten strömen fliesst das blut. (…) tanze und stampfe den boden so fest, dass euer keiner sein grab je verlässt.“ soldaten sucht der tod heim in diesen liedern, eine junge frau, einen bauern, ein kleines kind: „starr seine augen und bleich seine wangen, lass sein dein singen, lass sein!“ wenn oksana volkova diese melodien mit ihrem kräftigen mezzo und ihrem tiefdunkeln russisch durch den saal geistern lässt, getragen von einem phänomenal mitfühlenden orchester, dann werden pessimismus und hoffnungslosigkeit nicht nur spürbar, sondern geradezu unerträglich. was für eine stimme, was für ein abgrund. die volkova führt auch bizets carmen in ihrem repertoire. man hört sie schon (und es läuft einem eiskalt über den rücken), wie sie da im dritten akt im zigeunerlager die karten legt und aus tiefster tiefe klagt: „toujours - la mort.“ der tod ist ihr ständiger begleiter. „toujours - la mort.“

Montag, 28. August 2017

SACHSELN: VO INNÄ UISÄ

wer ist dieser mann? wer ist dieser bruder klaus? auf einer prächtigen grünen anhöhe, sinnigerweise schön in der mitte zwischen dem ruhigen ranft und dem unruhigen talboden von sarnen, wird in einem eigens erstellten grossen holzgaden 41 mal darüber nachgedacht. 41 mal spielen und singen laien „vo innä uisä“, das offizielle gedenkspiel zum 600-jahr-jubiläum des heiligen. autor paul steinmann und regisseur geri dillier fügen fragmente aus der biografie, der rezeptionsgeschichte und der mystisch-mysteriösen pilgervision zu einem neuen bild von niklaus von flüe. einem neuen bild? er selber tritt nicht auf. ein chor charakterisiert ihn mit eindrücklichen und eindringlichen liedern von jul dillier, dorfszenen beschwören die vergangenheit, lichtwürfe von judith albert sorgen für adäquate und meditative atmosphäre. kein neues bild also, aber eine neue, stimmige annäherung an den fernen eremiten. wird er überbewertet? wird er unterschätzt? bruder klaus polarisiert seit jahrhunderten. dieser pendler zwischen innenwelt und aussenwelt, zwischen familie und gott, zwischen politischem engagement und totalem rückzug, zwischen illusion und depression – er schien widersprüche auszuhalten oder sie gar als ansporn zu verstehen; eine ambiguitätstoleranz, die viele, die ihn heute aus distanz beurteilen, offensichtlich nicht nachvollziehen können oder gar teilen. für die einen ist er eine lichtgestalt, für andere ein ärgernis. das wird sich nach diesem spiel nicht ändern. wer ist dieser mann? was sagt er mir heute? die wahrheit über bruder klaus findet jeder nur bei sich.

Freitag, 18. August 2017

MÜNCHEN: THOMAS STRUTH, FIGURE GROUND

in den neunziger jahren erhielt der deutsche fotograf thomas struth (*1954) vom damaligen direktor des kunstmuseums winterthur die einladung, 37 neue zimmer am dortigen spital mit bildern auszustatten. struth streifte durch die ländliche gegend um winterthur, fotografierte wege auf hügeln, wege am waldrand, wege durch wiesen, nicht an grellen sommertagen, sondern wohl eher an milden frühlingsmorgen, an morgen voller melancholisch-weicher poesie. die grossformatigen bilder, die gegenüber dem krankenbett installiert wurden, zeigen die heimat der patientinnen und patienten und vor allem strahlen sie eine grosse ruhe, ja eine absolute stille aus. übers kopfende des bettes hängte struth jeweils die nahaufnahme einer pflanze, zart, verletzlich, eine metapher für die situation des patienten. diese serie mit dem titel „löwenzahnzimmer“ füllt im münchner haus der kunst jetzt den zwölften und letzten raum der umfassenden struth-schau „figure ground“. sie zeigt beispielhaft, wie sich dieser künstler als sozialer künstler versteht, der sich zunächst ausgiebig in eine situation einfühlt, und sie zeigt, wie er in ganzen werkgruppen denkt und arbeitet. weitere beispiele in der ausstellung sind familienporträts rund um den globus, high-tech in internationalen forschungslaboren, menschen in museen, unbewusste strassen in unbewussten orten. anders als andere mitglieder der berühmten düsseldorfer fotoschule bearbeitet thomas struth sein material nicht digital, die wirkung geht so ganz vom moment der aufnahme aus, vom unmittelbaren. bewegung in die oft ausgesprochen statischen bilder bringt die betrachterin und der betrachter. der fotograf macht sie zu komplizen.

Donnerstag, 17. August 2017

LIUZHEN: BRÜDER

besuchen sie china, bevor china sie besucht! das war einmal, dafür ist es jetzt zu spät. chinesinnen und chinesen stehen bereits am morgen vor unserem küchenfenster. sie kommen immer zahlreicher. sie bevölkern unsere städte. sie kaufen unsere uhren. und ihre eliten kaufen unsere firmen und unsere fussballclubs. es gibt keinen zwang, die menschen aus china zu mögen. angesichts ihrer zunehmenden globalen aktivitäten schadet es aber bestimmt nicht, sie besser zu verstehen. der roman "brüder" von yu hua (fischer taschenbuch verlag) ist geschichtsbuch und schelmenroman in einem, und vor allem ist er ein ausgezeichneter guide zur chinesischen mentalität. auf fast 800 seiten entwirft der autor ein gigantisches china-panorama von der kulturrevolution in den sechzigern bis zum millennium, zusammengehalten durch die geschichte zweier brüder in der kleinen stadt liuzhen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. der eine ein aufschneider und hallodri, der andere schüchtern bis zum abwinken. nichts bleibt den beiden und uns erspart: "brüder", das ist derb und drastisch, brutal und berührend. "brüder", das ist china von unten. atmosphärisch dicht, sprudelnd und aufschlussreich von der ersten bis zur letzten seite. man klappt das buch bereichert zu und denkt sich: ja, es gibt keinen zwang, die menschen aus china zu mögen, allerdings auch kein verbot.