da tanzt einer um sein leben.
sprünge, pirouetten, akrobatik, slapstick. fast zwei stunden lang ist dieser
frank fannar pedersen das ebenso faszinierende wie rastlose zentrum auf der
grossen bühne; da kommen menschen und es gehen menschen und er tanzt und tanzt
und tanzt. pedersen ist peer gynt, und peer gynt ist auf der suche nach sich
selbst und dabei immer auch auf der flucht vor sich selbst. eine steilvorlage
für ein tanztheater. die geschichte von ibsens „nordischem faust“ verknüpft der
schwedische choreograf johan inger am theater basel mit seiner eigenen
biografie: das gyntsche ich und die stationen eines tänzerlebens überlagern
sich, weite reisen, grobe zweifel, derbe erotik, das volle programm. was einigermassen
herbeigedacht und konstruiert wirken könnte, kommt hier – zu musik von grieg,
tschaikowsky und bizet – wie aus einem guss daher. das liegt ganz wesentlich
auch am bezaubernden bühnenbild von curt allen wilmer: er hat links und rechts
eine art grosse archivschränke gebaut, da wird dann mal der und mal jener
herausgezogen – und drin, puppenstubenmässig, mutter aases hütte in norwegen,
ein tanzstudio in den usa, eine spelunke in spanien, ein wc-häuschen. das sorgt
subito für die adäquate stimmung und erlaubt fliessende, temporeiche übergänge
von einer szene zur nächsten. irgendwann im zweiten teil werden alle schränke
gleichzeitig geöffnet und hinten ins dunkel weggefahren; die erinnerungen
überwältigen peer und gleichzeitig befreit er sich von ihnen. dann ist er
allein auf der leeren bühne, nur ein knabe kommt dazu, peer als tanzeleve, und
spielt auf der flöte die morgenstimmung aus griegs peer-gynt-suite. ein moment
grosser poesie und grosser erkenntnis: erst in dieser leere schärft sich der
blick für die wesentlichen bindungen.
Dienstag, 30. Mai 2017
Sonntag, 21. Mai 2017
MÜNCHEN: HAMLET IM BLUT, BLUT, BLUT
blutrache,
blutrausch, blutbad, blutorgie. der theaterbluttank auf der hinterbühne spielt
eine zentrale rolle, kübelweise wird blut verschüttet und verspritzt, es
trocknet nie während dieser aufführung. 240 liter kommen zum einsatz, macht bei
nur drei schauspielern im schnitt immerhin… - aber lassen wir das. „hamlet“
also. hamlet macht, unmittelbar vor seinem tod, seinen freund horatio zum
chronisten seines lebens: „wenn du mich je in deinem herzen trugst, so atme
schmerzhaft in der rauen welt, um hamlet zu erzählen.“ übers led-schriftband
laufen zu beginn alle rollen, die christopher rüping, hausregisseur der
münchner kammerspiele, gestrichen hat: alle. ausser horatio. dafür beschwören gleich
drei horatios den toten freund und seine traumatische geschichte. katja bürkle, nils
kahnwald (nach einer verletzung im rollstuhl) und walter hess zeigen in einem
furiosen marathon, wie es sich anfühlt, heute hamlet zu erinnern und zu spielen
und ophelia und claudius und laertes. wie es sich anfühlt als junger mann, der
mit seiner welt nicht zurecht kommt, da sie komplex und brutal ist und ihm den vater geraubt hat. im
kapuzenpulli dröhnt sich hamlet den kopf mit dem sound der zeit voll, wenn
horatio ihn spielt oder das ganze horatio-trio. da ist wenig grübeln und viel
verzweiflung und aggression und zerstörungswut. „sein oder nicht sein“ – das
ist für die drei horatios keine frage, sondern eine lästige pflichtübung, da
alles schon gesagt und breitgetreten ist, weshalb sie den monolog dem musiker
christoph hart überlassen, der aus historischen aufnahmen mit grossen
schauspielern eine coole toncollage mit immer härteren beats bastelt. diese
inszenierung wirkt gelegentlich pubertär, aber immer kraftvoll. am schluss
stehen wieder dutzende von eimern auf der bühne, der saft fürs nächste blutbad.
„weiter, weiter“ flimmert über die led-leiste. hamlet 2017, arrogant und
durchgeknallt.
Samstag, 20. Mai 2017
LUZERN: DER MENSCH ERSCHEINT IM HOLOZÄN
„der
teufel tanzt es mit mir“, „wahnsinn fasst mich an“, „vernichte mich, dass ich
vergesse, dass ich bin“, so und ähnlich notiert gustav mahler in den entwürfen
zu seiner zehnten, schliesslich unvollendeten sinfonie; nach dem absprung
seiner alma steckt der komponist in einer existenziellen krise. genau wie herr
geiser, der protagonist in max frischs holozän-erzählung, dem in seinem
tessiner rustico die hirnzellen allmählich abhanden kommen. in beiden werken
endzeitstimmung, in beiden fällen autobiographisch grundiert. am luzerner
theater kombiniert regisseur felix rothenhäusler die beiden: im ersten teil
frisch pur, im zweiten teil frisch durchsetzt mit mahler-fragmenten, im dritten
teil mahler – eine reise durch menschliche ängste und abgründe, eine steigerung
zum unfassbaren, transzendenten. ein paar blitze zucken quer über die bühne,
zum donner von wort und musik. so weit, so bestechend. doch der schauspieler
adrian furrer, in einem massiv irritierenden van-gogh-t-shirt, deklamiert
hektisch an der rampe und kriegt die subtilität des frisch/geiser-monologs
nicht hin. und dirigent winston dan vogel kommt mit den spätromantischen
klangfarben nicht klar, das mahler-universum bleibt weit entfernt, die
querflöten quietschen, die hörner sabbern, so schlecht habe ich das luzerner
sinfonieorchester lange nicht gehört (pleistozän). so will, so kann sich kein
ganzes ergeben. dass das luzerner theater vermehrt experimentiert, ist
erfreulich. dieses experiment jedoch wird weder mahler noch frisch gerecht,
man muss es als missglückt bezeichnen.
Dienstag, 16. Mai 2017
MILANO: SANTIAGO SIERRA
provocation
on tour. unter dem titel „mea culpa“ zeigt jetzt auch das museo pac (padiglione
d’arte contemporanea) in mailand eine grosse retrospektive über das werk des
begnadeten provokateurs santiago sierra. der spanische künstler ist einer, der
sich am elend der welt abarbeitet und mit seinen harten und brutalen bildern,
videos, skulpturen und performances um die welt tourt. jetzt also mailand.
sierra will hier wie überall die unsichtbaren skandale ans licht bringen. die
ausstellung ist in erster linie eine dokumentation seiner spektakulären
aktionen: mit den beiden buchstaben „no“ in form einer drei meter hohen skulptur
fuhr er durch die wall street, nach washington und zum papst; in neu-delhi
trocknete er von ausgebeuteten latrinenarbeitern eingesammelte fäkalien in der
sonne und formte sie mit bindemittel zu quadern, die an särge erinnern; er
sperrte menschen gegen bezahlung in kartons oder liess sie vor der kamera
masturbieren. „meine arbeit ergreift partei für das vom kapitalismus zerstörte
leben.“ er wolle in seinen werken die realität abbilden, nicht seine wünsche.
das stimmt nicht ganz. eines der grossen werke in mailand („parola distrutta/destroyed
word“) zeigt auf zehn raumhohen, hochformatigen bildschirmen die zehn ebenfalls
raumhohen buchstaben von „kapitalism“ und wie sie liquidiert werden: zwei
schwarze zerhacken mit beilen das i, das a wird mit maschinenpistolen
durchlöchert, schweine fressen das s auf, kapitalismus am ende. oder doch nur
hilflose versuche? diese kunst schüttelt durch und rüttelt auf. nachhaltig. man
gönnt sich danach nicht gleich den nächsten campari.
Freitag, 12. Mai 2017
BERLIN: DIE ZEITEN ÄNDERN SICH
den fugen
welt die ganze
ist aus.
(der neue slogan der berliner "taz")
welt die ganze
ist aus.
(der neue slogan der berliner "taz")
Donnerstag, 4. Mai 2017
BASEL: ORESTEIA
agamemnon
liegt vorne auf der leeren bühne. tot. dahingemordet von seiner gattin
klytaimnestra. dazu aus der bühnentiefe scharfes schlagwerk und brutale
bläserfetzen. und elektra, die tochter der beiden, schreit herzzerreissend:
„nie endendes unheil!“ in der atriden-dynastie zieht ein mord den anderen nach
sich. als der griechische komponist iannis xenakis die „orestie“ von aischylos
1965/66 zu vertonen begann, interessierte ihn vor allem eines: wie mögen
sprache, chöre, musik damals geklungen haben? was war der sound der antiken
theater? seine melodien sind schräg, unvollständig, teilweise hässlich – und immer
ausgesprochen rhythmisch: klagelieder von grosser suggestiver kraft. wenn der
chor des basler theaters die altgriechischen verse, unterstützt durch
fabelhafte perkussionisten der basel sinfonietta, frontal ins publikum singt
oder spricht, ergibt sich eine berührende, oft auch beängstigende tonspur zum
fluch, der auf dieser gesellschaft lastet. hier gelingen regisseur calixto
bieito die stärksten momente, macht und ohnmacht der massen, wogegen er mit den
solistinnen und solisten weniger anzufangen weiss; da bleibt es bei assoziativen
bildern und ziemlich konventionellen arrangements, die die schicksalshaften
verstrickungen innerhalb der atriden-sippe vor allem immer recht körperlich
illustrieren, ich lieb‘ dich, ich fick‘ dich, ich würg‘ dich. dazu in riesiger
schwarz-weiss-projektion über allem permanent ein verspieltes, schwarzgelocktes
mädchen: die tochter iphigenie, die agamemnon für sein kriegsglück zu opfern
bereit ist, als mädchen von heute. „manchmal fühlt es sich so an, als würden
wir in einer welt leben, in der eine solche tragödie jederzeit wirklichkeit
werden könnte“, schreibt dirigent franck ollu im programmheft. reanimierte
mythologie, fährt ein.
Mittwoch, 3. Mai 2017
ZERMATT: ROMEO UND JULIA AUF 2600 METERN
es gab mal eine wundervolle
einrichtung: das theater. man sass in einem raum, schaute sich eine
inszenierung an und freute oder ärgerte sich darüber. das genügte einigen
nicht. sie erfanden das freilichttheater, wo man sich nicht über das stück
ärgert, sondern weil man friert oder weil die musiker davonrennen, da es ihnen
auf die stradivaris pisst. ok, „das grosse welttheater“ vor der barocken
fassade des klosters einsiedeln oder „carmen“ in der arena von nîmes, das macht
ja inhaltlich noch einigermassen sinn. aber auch das genügte einigen nicht. sie
erfanden das landschaftstheater, wo pferde und schauspieler über wiesen jagen –
und das publikum hinterher. heute lauert an jedem ufer und hinter jedem
wäldchen so ein event. „some like it hot“ am thunersee. hot! am thunersee! verdis
„rigoletto“ vor der mülimatt-turnhalle in brugg/windisch (auch das ist,
ehrlich, nicht erfunden). „winnetou 1“ in engelberg. und es wird noch absurder:
nach dem landschaftstheater folgt jetzt unvermeidlich das hochgebirgstheater.
der ultimative höhepunkt wird diesen sommer mit „romeo und julia am gornergrat“
erreicht, 2600 meter, zum schnäppchenpreis von 99 franken. eine kulturelle gratwanderung.
dabei gibt’s so eine richtig tüchtige lungenentzündung im flachland viel
günstiger, vor der mülimatt-turnhalle in brugg/windisch zum beispiel. aber
nein, man wird diesen sommer mit blauen lippen und vor kälte starr auf 2600
metern sitzen – und die alten shakespeare-verse werden von ganz neuer
dringlichkeit durchdrungen: „von diesen lippen schied das leben längst; der tod
liegt auf ihr, wie ein maienfrost.“ und bestimmt freuen sich dann alle schon
auf „die zauberflöte“ in der eigernordwand.
Sonntag, 30. April 2017
HAMBURG: DIE FRAU OHNE SCHATTEN
ehekrise
bei barak. der färber in seiner einfachen hütte will kinder, viele, seine frau
weigert sich, bloss gebärmaschine zu sein. derweil singt der chor der
stadtwächter im off ein loblied auf die liebe und aus der geisterwelt steigen
die ebenfalls kinderlose kaiserin und ihre amme herab, um von der färberin den
schatten, also die gebärfähigkeit, zu erdealen. nanu? ein spuk? ein märchen?
eine hymne auf die ehe? futter für feministinnen? ja, alles! und deshalb ist „die
frau ohne schatten“ von richard strauss und hugo von hofmannsthal für jeden
regisseur eine herausforderung. andreas kriegenburg versucht an der hamburger
staatsoper gar nicht erst, die widersprüche und absurditäten der geschichte zu
klären oder zu glätten, sondern liefert das volle programm als monströsen
albtraum der färberin: zwischen bühnenhohen mikadostäben und wendeltreppen, die
immer wieder in die höhe und in die tiefe fahren, trifft sie auf farbige
fabeltiere, auf ungeborene und eurythmie-schleier schwingende geschlechtslose genauso wie
auf garstige irrenhaus-schwestern und dumpfe schläger. strauss‘ musik deckt von der spätromantik bis zu den grenzen der tonalität alles ab und wie diese musik
pendelt auch die von asiatischen theaterformen
inspirierte inszenierung zwischen tiefen humanistischen momenten und
ungebremstem kitsch. auch der strauss-aficionado entdeckt in diesem reichen,
vielschichtigen werk immer wieder neues, vor allem, wenn es so elegant und
transparent dirigiert wird wie von axel kober, der kurzfristig für kent nagano
einspringen musste. immerhin stand ihm eine top-besetzung zur verfügung, allen voran
andrzej dobber als barak und lise lindstrom als seine frau – ein darstellerisch differenziertes und vokal herausragendes paar, dem man selbst bei der
ehekrise gerne zuschaut und –hört.
Samstag, 29. April 2017
HAMBURG: MAHLER 8 IN DER ELPHI
elbphilharmonie.
elphi. mein erstes mal. für ein seit monaten ausverkauftes konzert im letzten
moment doch noch zwei tickets ergattert. das opus summum von gustav mahler im
opus summum von herzog und de meuron: was für ein ort für dieses werk. die
symphonie nr. 8 in es-dur von mahler beschäftigt ein orchester mit 135
musikerinnen und musikern, zwei konzertchöre und einen kinderchor, fünf
solistinnen und drei solisten; sie wurde nach ihrer uraufführung 1910 deshalb auch
symphonie der tausend genannt – und vom „spiegel“ „mahlers riesenschwarte“. „denken
sie sich, dass das universum zu tönen und zu klingen beginnt“, sagte mahler
selber; er verwob hier einen mittelalterlichen pfingsthymnus und die
faust-schlussszene zu einem 90 minuten wabernden wunderwerk, das sämtliche
themen des daseins streift und transzendiert und sämtliche musikalischen
möglichkeiten und grenzen auslotet. schon bei den einleitenden tutti-takten („veni
creator spiritus“) überzieht, spürbar, eine kollektive gänsehaut das publikum.
es dirigiert der mahler-spezialist eliahu inbal, der kurzfristig für den
erkrankten kent nagano einsprang, und es ist umwerfend, mit welcher konzentration
und kraft der 81jährige diese kiste zusammenhält und wie er ohne ausgiebige
vorbereitung diesen neuen und aussergewöhnlichen raum im griff hat und
plastisch zu füllen vermag. die akustik? sie bringt
dieses monumentale werk zum strahlen, das publikum hört nicht einfach, sondern
wird gleichsam eingetaucht, wird teil des gewaltigen musikkosmos; einzig die
ganz, ganz zarten passagen strahlen ein wenig zu grell. aber ob das an der
akustik liegt? oder am orchester? am dirigenten? an meinem platz (bereich b,
reihe 3, platz 8 – ziemlich vorne, ziemlich links, ziemlich nahe bei den
violinen)? oder an meinen ohren? who knows? die gesamtwirkung wird dadurch
keineswegs getrübt. diese phantastische musik in diesem phantastischen raum –
ein wort dominiert danach im publikum: überwältigend.
Samstag, 22. April 2017
SANTA TERESA DI GALLURA: ACCABADORA
das
cinema teatro von santa teresa ist gross, für ein kleines städtchen sogar sehr
gross. und es ist sehr leer an diesem abend. zunächst sind wir nur vier leute,
beim filmstart dann 17. erstaunlich, denn immerhin wird ein film gezeigt, der
in sardinien spielt, ein bewegender heimatfilm: „accabadora“, der roman von
michela murgia, verfilmt von enrico pau. es ist die geschichte einer frau, tzia
bonaria, die in weiten schwarzen kleidern über die felder in die dörfer zieht, um
menschen den todeskampf zu verkürzen. oft wird sie von familien gerufen, die
sich dann irgendwo ins halbdunkel der häuser zurückziehen, wenn tzia bonaria
das zimmer des hoffnungslos kranken betritt, die türe hinter sich schliesst,
jesus am kreuz gegen die wand dreht und dann ihr handwerk als sterbehelferin
verrichtet. donatella finocchiaro spielt diese frau ganz ergreifend, nicht als
kalten engel, sondern wie eine in sich ruhende priesterin, die überzeugt und
überzeugend eine erlösende zeremonie vollzieht. oft soll dies auch mit wissen
und duldung der katholischen kirche geschehen sein. der film von enrico pau, der nie wertet, hat
einen grossen atem, wie man ihn im kino nur noch selten erlebt: minutenlange
einstellungen, landschaften, lichtspiele, sardische gesänge, stumme gesichter. auf diese weise wird dieser spielfilm zu einer langen, stillen
meditation über unser verhältnis zu leben und tod. accabadoras soll es in
sardinien bis in die fünfziger jahre des letzten jahrhunderts gegeben haben; in
der offiziellen volkskunde allerdings, so verrät der abspann, sind sie bis
heute inexistent. dieser film ist ein intimer blick in eine archaische
vergangenheit.
Donnerstag, 20. April 2017
AGLIENTU: LENTICCHIE SARDE
olivenöl. zwiebel. linsen. wasser. salz. pfeffer. aubergine. radicchio. rotwein. salsiccia. petersilie. kümmel. minze. alles der reihe nach in einen topf.
Montag, 10. April 2017
LUZERN: LA TRAVIATA, TAUMEL ZUM TOD
„abbandonata
in questo popoloso deserto che appellano parigi!“ sie fühlt sich verlassen,
verloren, völlig einsam in dieser wüste namens paris. violetta valéry, die an
tuberkulose erkrankte edelkurtisane aus giuseppe verdis „la traviata“, steht im
luzerner theater die ganzen zweieinhalb stunden allein auf der vorbühne; alle
anderen singen nur aus dem dunkel der oberen ränge des zuschauerraums, sind
bloss stimmen in ihrem kopf, ferne erinnerungen, fieberträume. so radikal wie
in benedikt von peters inszenierung für die staatsoper hannover, die er jetzt
als intendant nach luzern übernommen hat, so radikal und so tief anrührend hat man
diese oper noch nie gesehen. phänomenal gestaltet die amerikanische sopranistin
nicole chevalier die rolle als rauschhaft erregten taumel zum tod. umgeben und
immer wieder neu verführt von den requisiten ihres lebens – champagnergläser, luftschlangen,
maquillage, die berühmte kamelie – keimt ihre sehnsucht nach echter liebe noch
einmal auf, die sich mit alfredo zu erfüllen schien und dann durch dessen vater
brutal gekappt wurde. zu verdis melodien, die clemens heil wunderbar warm und
weich dirigiert und die immer irgendwo auch hoffnung auf ein besseres leben
durchscheinen lassen, steigern sich ihre seelenqualen, sie irrt – brillant in
allen stimmlichen schattierungen – wie eine wahnsinnige durch erlebtes und
ersehntes, mal ruht sie, mal rast sie, nie kann sie sich diesem schlachtfeld
der gedanken und gefühle entziehen. diese frau verzehrt sich für ihre utopie, erst
der tod bringt ihr licht und erlösung. das sichtlich bewegte publikum bedankt
sich bei der darstellerin, was in luzern ausgesprochen selten vorkommt, mit
einer standing ovation. dieser monolog in der wüste von paris wird lange
nachklingen.
Samstag, 8. April 2017
LUZERN: RUE DE BLAMAGE
der
leichenwagen parkiert nachts um halb elf mitten auf dem trottoir. im fahlen licht hinter dem schaufenster steht
bestattungsunternehmer mühlemann wie ein halbtoter. oder ein todesengel? was
macht der da, nachts um halb elf? solche episoden hat der
gebürtige luzerner filmemacher aldo gugolz für „rue de blamage“ an der baselstrasse zuhauf eingefangen. dass
sich ein zentralschweizer dokumentarfilm mal nicht auf die spuren von sennen
oder kindern in schattigen bergtälern begibt, ist ja an und für sich schon ein
höchst löbliches ereignis. was zu beginn wie die zufällige aneinanderreihung
kurzer baselstrasse-schnipsel wirkt, fügt sich allmählich zu einem grossartigen
mosaik: die ganze welt auf den 750
metern zwischen kasernenplatz und kreuzstutz, die geschichten hinter den gesichtern. da ist daniele, der ex-junkie,
der auf seinem schlafsack in einem parkhaus berührend von der liebe zu
seinem vierjährigen sohn erzählt. da ist heinz, der strassenwischer,
der modell steht für die drei meter hohe kreisel-skulptur am kreuzstutz und
wert darauf legt, dass beim bauch noch ein wenig weggeschliffen wird. da
ist die aus syrien geflüchtete frau, die sich vorwürfe macht, weil sie ihre
tochter zurückgelassen hat. da ist connie, die in ihrer beach bar „95 prozent
verheiratete männer“ erleichtert und der ein „putzsklave“ zugelaufen ist, der
sich von ihr an der leine auf allen vieren durchs treppenhaus führen lässt und
ihr in latex-vollmontur frottiertücher und bettlaken faltet. noch die
allerschrägsten szenen begleitet gugolz mit allergrösster empathie. so
haben auch wir die baselstrasse noch nicht gekannt. einer kommt regelmässig
raus aus seiner dunklen wohnung und setzt sich mit dem gartenstuhl an die
strasse. logenplatz. 30 stühle wurden ihm schon geklaut. er kauft immer wieder
neue. es lohnt sich für dieses theater. rue de blamage. luzerns
wildeste strasse ist auch luzerns farbigste strasse.
Donnerstag, 6. April 2017
BASEL: WILHELM TELL ALS REVOLUTIONS-RAP
singoh
nketia alias dj fink hat seine laptops diskret im halbdunkel am rechten
bühnenrand aufgebaut, doch er spielt in diesem „wilhelm tell“ am theater basel
eine ganz zentrale rolle. mal gibt er den takt für schillers fünfhebige jamben fein wie ein metronom vor, mal sind es heftigere beats, die
den schauspielern als rhythmische basis dienen: die 200 jahre alten blankverse
geraten durch diesen strukturierten sound zu einer art poetry-slam – und die gefühlt
500 gymeler im publikum scheinen
nachhaltig beeindruckt, wie heutig so ein klassiker klingen kann. ein tolles verdienst dieser aufführung. nicht nur akustisch, auch
visuell haben regisseur stefan bachmann und bühnenbildner olaf altmann diesen
abend stark strukturiert: ein waagrechter und ein senkrechter schacht bilden
ein bühnenhohes kreuz. in diesen schmalen schächten winden sich die
geknechteten urschweizer, können nicht aufrecht stehen, selbst den rütlischwur
müssen sie in diesen beengten verhältnissen kniend leisten, was der
eidgenössischen initiation allerdings auch eine neue, ganz und gar pathosfreie
intimität verleiht. es ist ein ausgesprochen körperliches theater, das diesen
alpinen kampf um freiheit, diese radikalisierung hin zur revolution
eindrücklich illustriert. dass sich bruno cathomas als wilhelm tell aufführt
wie gérard depardieu als obelix, stört zu beginn nicht wirklich. doch im
letzten drittel verliert der abend auch sonst deutlich an dichte, zerfranst
richtung pop (berta von bruneck als conchita-wurst-verschnitt), richtung
variété (attinghausens tod als peterchens mondfahrt), richtung beliebigkeit
(nicht nachvollziehbarer rollentausch zwischen tell und gessler). diese
show-elemente ersticken das fein getaktete kammerspiel; nicht nur gessler liegt
jetzt auf der verliererseite, auch der dj.
Montag, 3. April 2017
MÜNCHEN: ARIADNE AUF NAXOS
„völlig
verstört torkeln tragik und komik durcheinander. ‚ariadne auf naxos‘ kann man
nicht erklären – man kann sie nur vermeiden!“ so schrieb wolfgang körner 1985
bitterbös in „der einzig wahre opernführer“. er hat die inszenierung von robert
carsen an der bayerischen staatsoper nicht gesehen, der das chaos ordnet und mit
ausgeprägtem sinn für theatereffekte präzis das freilegt, was richard strauss
und hugo von hofmannsthal mit ihrer „ariadne“ 1916 schufen: eine ebenso
beschwingte wie tiefgründige studie über kunst und künstler, über liebe und
leben, über traum und wirklichkeit. die bühne ist im ersten teil (vorspiel im
palais des reichsten wieners) ein nüchterner ballettsaal, im zweiten teil (oper
auf der „wüsten insel“ naxos) ein weiter leerer schwarzer raum: carsen mag
dieses theater im theater, ermöglicht lust- und liebevoll blicke hinter die
kulissen – und vor allem stellt er durch den konsequenten verzicht auf allen
dekorativen bombast immer, immer die menschen und die musik ins zentrum. eine
musik, die seria und buffa geradezu kammermusikalisch verwebt und von kirill
petrenkos junger assistentin oksana lyniv mit phänomenaler zartheit dirigiert
wird. und es ist schlicht hinreissend, wie die von theseus verlassene ariadne
(karita mattila als stimmgewaltige tragödin), die italienische komödiantin zerbinetta
(jane archibald mit grandios verspielten koloraturen) und der komponist (tara
erraught, in ihrer verletzlichkeit berührend) über festklammern und loslassen –
in der kunst, in der liebe – sinnen und singen, sich allein und gemeinsam den
themen treue und vergänglichkeit immer wieder neu nähern und schliesslich darin
kulminieren, dass verlust befreit. glücksmomente. „der einzig wahre opernführer“
muss dringend überarbeitet werden.
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