eine stadt hinterfragt sich. ist münchen eine safe city? big city? racist city? pride city? pop city? art city? rich city? green city? fesch city? my city? das münchner stadtmuseum ist das grösste kommunale museum deutschlands und derzeit wegen einem umfassenden umbau räumlich reduziert, was das museum zum anlass nimmt, mit der ausstellung „what the city“ auch den umbau der ganzen stadt zu thematisieren, laut nachzudenken über das, was positiv verbucht werden kann, und das, was anders werden sollte. an fakten mangelt es nicht: 760‘000 autos sind hier zugelassen, münchen ist so stark versiegelt wie kaum eine andere deutsche grossstadt, selbst die berühmte theresienwiese ist längst keine wiese mehr (green city?!). oder: jede sechste person hat hier ein einkommen unter der armutsgrenze, es herrscht totale wohnungsnot, dafür stehen 1,5 millionen quadratmeter bürofläche leer (rich city?!). oder: in keiner anderen deutschen stadt sind in den vergangenen jahrzehnten so viele menschen durch rassistisch und antisemitisch motivierte anschläge zu tode gekommen (racist city, safe city?!). oder: 525‘000 berufspendlerinnen strömen tag für tag in die stadt (my city?!). jede menge herausforderungen fürs zusammenleben, für die zugehörigkeit, für die zukunft. „wofür gehst du auf die strasse?“ wird der besucher an einer stelle gefragt. hunderte von zetteln hängen bereits an der wand, kaum ein anliegen fehlt, doch eines liegt mit abstand vorne: klima, klima, klima. im märz 2026 werden die kommunalen behörden und der oberbürgermeister neu gewählt. wer „what the city“ gesehen hat, wird nicht mehr bloss aufgrund der porträts auf den plakaten entscheiden.
Donnerstag, 20. November 2025
Montag, 17. November 2025
BASEL: JEANNE DARK
jeanne d’arc hört stimmen. immer mehr, immer deutlicher: „dancing – dying – controlling – fighting.“ was das mit ihr macht, verdeutlicht sven schelker mit einer phänomenalen performance: in weissem top, weissen strümpfen und karierten shorts steht er als jeanne an der rampe im basler schauspielhaus und feuert wortsalven ins publikum, minutenlang, englisch, staccato, immer hektischer, immer fiebriger, bis zur schieren erschöpfung: „johanna – burn – baby – burn.“ man blickt in den kopf dieser frau. doch wer ist sie? weiss sie es selber? die belgische regisseurin lies pauwels liess sich von schiller, shaw, anouilh und brecht inspirieren und sucht jetzt mit ganz eigenen worten nach jeanne und allem, was um sie im dunklen blieb: „jeanne dark“ ist ein konzentrat, ein hochkarätiges. auf der praktisch leeren bühne und mit nur minim eingesetzten requisiten wird der zuschauer zeuge einer spurensuche: sie wollte frankreich vor den engländern retten und landete 1431 auf dem scheiterhaufen, macht sie das zur heldin? zur heiligen? ist sie jungfrau? hure? hexe? eine träumende teenagerin? warum trägt sie männerkleider? sven schelker als jeanne, dominic hartmann als mutter und kirche, julian anatol schneider als vater und staat und zwei laiendarstellerinnen suchen immer wieder neu nach der richtigen position im raum und in der geschichte, sie stellen fragen, sich und auch uns, so viele fragen wie noch nie an einem theaterabend. nicht die antworten sind für lies pauwels entscheidend, sondern die fragen entwickeln in diesem setting eine immense kraft: „würdest du mir folgen, wenn ich nicht wüsste wohin?“ im suchen, im nachdenken entsteht ein ganz frisches, heutiges porträt von jeanne, ohne eindeutigkeiten und doch überaus plastisch. fast beiläufig sagt schelkers jeanne einmal: „ich möchte eine frau sein, die man nicht vergisst.“ diese inszenierung hilft dabei.
Freitag, 14. November 2025
LUZERN: VISIONÄR IN DER ENGE
er malte und zeichnete vor 100 jahren, ging in ferdinand hodlers atelier in genf ein und aus, pflegte kontakte auf dem monte verità, wurde in insider-kreisen hochgelobt als prägender künstler der frühmoderne in der schweiz – und blieb darüber hinaus doch weitgehend unbekannt: johannes robert schürch (geboren 1895 in aarau, gestorben 1941 in ascona). sein leben und sein werk, aufs engste verbunden, sind jetzt wieder oder neu zu entdecken: der luzerner autor beat bucher hat die publikation, die peter f. althaus, der ehemalige leiter des luzerner kunstmuseums, 1991 über schürch veröffentlichte und die längst vergriffen ist, mit vielen neuen aspekten ergänzt und zu einer umfassenden, reich bebilderten monografie erweitert, die soeben im münchner hirmer-verlag erschienen ist. „visionär in der enge“ ist mit 2,37 kilogramm ein in jeder hinsicht gewichtiges werk. der titel bezieht sich auf schürchs lebenslanges suchen und experimentieren einerseits, auf sein enges beziehungsgeflecht und die räumliche, soziale und politische enge der zwischenkriegszeit andererseits. die luzernerin erica ebinger-leutwyler war schürchs letzte lebensgefährtin vor seinem frühen tod und hat mit ihrer stiftung seinen gesamten nachlass für die nachwelt gerettet: 120 ölbilder und über 7000 zeichnungen und aquarelle. schürch malte düstere landschaften, verschattete menschen, grotesk überhöhtes und apokalyptisches. ein expressionist? ein extremist? ein existenzialist? ganz bestimmt ein „nichtintegrierter“, wie paul nizon einmal über ihn schrieb. dass er sich nicht einfach kategorisieren lässt, macht schürchs werk so spannend. und ihm machte wohl genau dies das leben schwer, so bekam er beispielsweise nie einen auftrag der eidgenossenschaft.