Freitag, 16. Februar 2018

ZÜRICH: MIR NÄMEDS UF ÖIS

johohe! hallojo! wie sie ihn jetzt plötzlich mögen, die zürcher ihren christoph marthaler, den sie 2004 so schnöde abserviert haben. wie sie schlange stehen für „mir nämeds uf öis“, sein comeback am schauspielhaus. wie das ganze haus jubelt am schluss. den nicht-zürcher berührt diese späte versöhnung doch etwas eigenartig, und auch dem ensemble scheint bei der sache nicht immer ganz wohl zu sein. sie halten den zürchern mit ihren globalen business-verstrickungen den spiegel vor („nehmen ist wie geben, nur ohne geben“), doch das machen sie in einem intergalaktischen bad-state-raumschiff aus sicherer distanz und immer so, dass es nicht zu fest weh tut. die zünftler bekommen ihr fett weg und die fifa und udo jürgens und die baulöwen, nümmerchen für nümmerchen, die grosse alte nikola weisse geistert im rosaroten silvia-blocher-deux-pièces durch die gegend, resp. durchs all und ueli jäggi gibt einen ehemaligen whistleblower mit zweitausbildung als damencoiffeur. alles dreht sich um zwangslagen und die befreiung aus zwangslagen, hübsches thema in einer finanzmetropole. aber irgendwie wird man den mindestens ebenso hübschen verdacht nicht los, dass die marthaler-bande vor allem eines wollte: endlich mal wagner singen („der weltberühmte schweizer komponist“), schmettern, aus voller kehle. der matrosenchor aus dem „fliegenden holländer“ gleich zu beginn im dauerloop: „johohe! hallojo! hojohe! hallojo! ho! he! he! ja! hailohe! hallohoje!“ der pilgerchor aus dem „tannhäuser“ mit steinerner miene und simultanübersetzung für hörbehinderte und, umwerfend, tora augestad mit dem „lied an den abendstern“ als englische schnulze. dann wartet der kenner natürlich nur noch auf, ja genau, den ultimativen walkürenritt. doch es kommt – der sechseläutenmarsch, übel veräppelt. marthaler eben, back in züri.

Freitag, 9. Februar 2018

AMSTERDAM: JESPER JUST

ein schwarzer mann marschiert kilometerweit durch ein abweisendes niemandsland, verdorrte wiesen, feuchte gruben, dreckige wege, darüber ein schleier aus staub oder smog. immer wieder zweigt er ab, doch die szenerie ändert sich nicht. bis irgendwo in der ferne der boulevard haussmann und der eiffelturm auftauchen. zwei andere jungs aus afrika fahren mit dem roller endlos durch diesen boulevard, er ist menschenleer, ein riesiger boulevard, aber menschenleer. die jungs wirken verloren darin und beginnen während der tour lieder aus ihrer heimat zu summen, der hinten klammert sich fast zärtlich an den vorne. wir sind nicht in paris, sondern in hangzhou. das heisst: wir sehen menschen aus afrika in einer stadt in china, die eine stadt in europa imitiert. identität, minderheiten, wünsche – das sind die grossen themen, mit denen sich der dänische künstler jesper just (1974)  in seinen filmischen installationen beschäftigt, die jetzt im filmmuseum eye in amsterdam umfassend präsentiert werden. „intercourses“, der essay aus hangzhou, wird in zwei grosszügigen räumen auf vier zum teil gebrochene wände projiziert: eine poetische, groteske, unbequeme meditation. wo ist die heimat dieser menschen, wo gehören sie hin? einer tastet mit seinen fingern behutsam die steine in dem nachgebauten boulevard haussmann ab, einer legt sein ohr an die wände; vielleicht suchen sie nach wärme in dieser kalten welt, vielleicht hoffen sie in der stille stimmen oder klänge aus afrika zu hören, vielleicht finden sie in dieser unwirtlichen umgebung einen ort für ihre tränen.

Dienstag, 6. Februar 2018

AMSTERDAM: TRISTAN UND ISOLDE

eine grosse schwarze flagge hängt während dem vorspiel zu richard wagners „tristan und isolde“ über der bühne, ein schwarzes quadrat, wohl acht auf acht meter, eine demonstrative leerstelle. sie kann stehen für das unausgesprochene und unerhörte dieser liebe, das verbotene und verborgene, für erinnerung und vorahnung – oder ist es einfach der blick aufs nächtliche meer vor cornwall? mit seiner inszenierung, die nach paris und rom jetzt an de nationale opera amsterdam gezeigt wird, lädt pierre audi dazu ein, diese leerstellen zu füllen – oder leer zu lassen. immer wieder taucht sie auf, die schwarze flagge, ein fixpunkt im labyrinth der emotionalen verwerfungen. audi gibt keine antworten, er deutet nur an. mit einfachsten mitteln (rostige platten, schwemmholz, magische steine) gelingen ihm und bühnenbildner christof hetzer betörend schöne bilder, die die zeitlosigkeit und tiefe dieses mythos unterstreichen. stephen gould als tristan, günther groissböck als könig marke und ricarda merbeth als isolde laden die weiten räume von beginn weg mit unerhörter energie auf, fordern ihren hochdramatischen stimmen das äusserste ab, ein permanenter vokaler rausch, atemberaubend. vor allem merbeth: noch nie hat man die isolde so resolut, so unerschrocken gesehen und gehört, noch nie war die fallhöhe zwischen der rächerin, die tristan vergiften will, und der ihn dann bedingungslos liebenden so gross. chefdirigent marc albrecht gelingt mit dem nederlands philharmonisch orkest ein grosses lyrisches gedicht; er findet alle farben, den zauber, die versunkenheit, die ekstase. am ende weicht die schwarze flagge wieder und isolde singt ihr „ertrinken, versinken, unbewusst, höchste lust“ in gleissendem gegenlicht, die reise zum tod ist eine reise in eine neue welt. standing ovation.

Samstag, 3. Februar 2018

ANTWERPEN: PELLÉAS ET MÉLISANDE

eine schöne frau steht vor uns, im halbtransparenten kleid und mit langen blonden haaren, zerbrechlich und irgendwie verklärt. hinter ihr planeten und kometen, das ganze firmament. mélisande scheint nicht von dieser welt zu sein. wo kommt sie her, wo will sie hin? "ne me touchez pas, ne me touchez pas", singt sie. sie ist mit golaud verheiratet, liebt aber seinen bruder pelléas und wandelt deshalb zwischen eifersucht und entfremdung auf stillen, umschatteten pfaden. diese frau bleibt ein geheimnis, uns und auch sich selber. maurice maeterlinck und claude debussy erzählen die geschichte von "pelléas und mélisande" mit vielen symbolen: wald, mond, grotte, brunnen. die performance-künstlerin marina abramović holt in ihrem konzept für die oper in antwerpen noch weitere hinzu: die planeten werden zu augen, die ins innere der menschen schauen, ihre bühne ist ein spiegel, darauf riesige kristalle (oder sind es eisbrocken?). dazu entwickelt das regie/choreografie-paar sidi larbi cherkaoui und damien jalet mit sieben jungen männern ein wuchtiges ballett, das die nöte der protagonisten körperhaft und bildstark begleitet und verstärkt; am eindrücklichsten, wenn sie aus dem langen haar von mélisande immer wieder ein weites netz spinnen, in dem sich alle verfangen. alles für sich klug gedacht und stimmig, in der summe allerdings eine symbolismus-flutwelle. die lenkt immerhin davon ab, dass der argentinische dirigent alejo pérez mit bläsern und streichern immer eine spur zu üppig aufträgt und die letzten nuancen des debussy-klangs, das feine flirren, nicht wirklich hinkriegt. das starke zentrum dieser disparaten welt sind die drei hauptdarsteller (mari eriksmoen, jacques imbrailo, leigh melrose). mit grosser stimmlicher ausstrahlung und darstellerischer präsenz bewegen sie sich schlafwandlerisch und subtil durch das dickicht von melodienbögen und reizüberflutung, einsam mit ihren gefühlen und ihren geheimnissen, lost in universe.

Freitag, 26. Januar 2018

CHERCHELL: GESCHICHTEN, GESCHICHTEN

„wer sein leben immer nur in paris, in hamburg oder berlin verbracht hat, vergisst manchmal, dass wesentliche teile der welt aus nichts als geschichten bestehen – und aus geschichten, die sich aus geschichten ergeben, die wieder zu anderen geschichten führen. und der, die, denkt dann vielleicht nicht daran, dass kausalverhältnisse und hierarchisierungen in geschichten eine späte und nicht flächendeckend verbreitete menschliche erfindung sind, dazu dienend, den uferlosen strom der abermillionen geschichten zu begradigen und das lebendige wasser des erzählens in hochreflektierte stabile textflächen zu verwandeln.“ (iris radisch in „warum die franzosen so gute bücher schreiben“, im kapitel über die in cherchell/algerien aufgewachsene assia djebar)

Mittwoch, 24. Januar 2018

MÜNCHEN: EPHEMERAL URBANISM

ein vorortszug rast in einen mit menschen und waren völlig überfüllten bazar. das tönt dramatisch, sieht aber nur im zeitraffer so dramatisch aus. in wirklichkeit pfeift der langsam herannahende zug von ferne, worauf die händler auf dem markt von samut songkhram (thailand) ihre kisten vom gleis nehmen und die faltdächer einfahren, damit diese nicht am zug hängen bleiben. kaum ist der durch, nimmt sich der markt seinen platz wieder. improvisation ist alles. der zeitraffer-film ist ein eindrückliches dokument in der ausstellung „ephemeral urbanism“ in der pinakothek der moderne in münchen. sie beschäftigt sich mit den fragen, ob permanenz und haltbarkeit in zeiten von krisen und migration noch fixe kriterien von architektur sein müssen und was planer lernen können von zeitlich beschränkten strukturen und projekten. die beispiele sind zahlreich, vielfältig und beeindruckend: hunderte von kleinen zeltstädten für touristen in der jordanischen wüste, ein flüchtlingslager für 47´000 somalier in äthiopien, pilger-siedlungen für zehntausende (sinakara/peru) oder 25 millionen (allahabad/indien) während der religiösen hochsaison, festivalcamps, militärlager – und natürlich das oktoberfest in münchen. der gemeinsame nenner dieser erfolgreichen temporären siedlungsformen und also eine mögliche leitplanke für die stadt der zukunft: ausreichend raum für die menschenflüsse; intelligente, grossräumig gedachte infrastukturen; low-tech-bauverfahren, die die gestaltung erleichtern und flexibilität und reversibilität ermöglichen. und das wohl wichtigste: eine atmosphäre, in der sich soziale und materielle grenzen auflösen.

Montag, 22. Januar 2018

MÜNCHEN: AMÉRICA

kyra menaker-mossbacher ist immobilienmaklerin in den hügeln hinter l.a., die blonde mähne immer perfekt frisiert, der überschlanke körper immer in einem pastellfarbigen deux-pièces; ihre hunde und katzen und die hunde und katzen ihrer kunden sind ihr wichtiger als die menschen um sie herum, seien es amerikanische eingeborene oder mexikanische einwanderer. weil kojoten ihre haustiere killen, entwickelt kyra eine absurde wut und hält dann kojoten für mexikaner oder mexikaner für kojoten. diese kyra ist eine paraderolle für wiebke puls, sie packt dieses ganze hysterische amerika, das sich aufgrund eingebildeter bedrohungen in irreale ängste hineinsteigert, in diese eine person. ihre nachbarn sind subtil rassistische säcke, sie grillen würstchen und die ganze weltpolitik gleich mit (peter brombacher, stefan merki und jochen noch haben das erschreckend gut drauf). und natürlich wollen sie, dass um ihre villensiedlung eine mauer gebaut wird. eine mauer! t.c. boyle schrieb seinen roman „américa“ 22 jahre bevor trump präsident spielte. und die münchner kammerspiele setzten ihn auf ihr programm noch bevor seine kandidatur feststand. regisseur stefan pucher reagiert mit knalligen klischees auf den umstand, dass die realität die üble phantasie längst überholt hat: die usa als schäbige show zwischen shopping-malls und swimming-pools. die abgründe sind überall und keiner will sie sehen. der parallel laufenden zarten liebesgeschichte von américa und cándido, zwei illegalen, aber harmlosen einwanderern, die im land ihrer träume grund- und endlos gedemütigt werden, widmet pucher die feinen momente: spanisch, englisch und deutsch entwickeln sylvana seddig und gonzalo cunill in einer wild gewordenen welt eine rauhe poesie. die grenze zu mexiko hiess früher übrigens – wie boyles roman im original – „the tortilla curtain“. das waren noch zeiten.

Sonntag, 21. Januar 2018

MÜNCHEN: DAS SCHLANGENEI

es wird zappenduster im cuvilliéstheater, schrille jahrmarktsmusik, die bilder dazu stellen sich im kopf gleich ein, dann mitten in die dunkelheit ein knall: deutschland 1923, hyperinflation. licht, leere bühne, nur vier sich nach hinten verjüngende neonrahmen. in diese maximal abstrakte umgebung inszeniert anne lenk ingmar bergmans filmdrehbuch „das schlangenei“. reduktion auf das wesentliche, die figuren, die sprache – und die sprachlosigkeit. im zentrum stehen die jüdischen brüder abel und max rosenberg und dessen frau manuela, drei erfolgreiche zirkusartisten, denen zunächst wegen einer verletzung, später wegen mysteriösen morden in ihrer umgebung arbeit, geld, lebensinhalt abhanden kommen. nach dem selbstmord von max fällt abel in eine uferlose lethargie. franz pätzold spielt diesen tingeltangelkünstler im brokatbesetzten samtkittel nie zu schmierig, auch im suff einigermassen kontrolliert, aber angesichts der sozialen isolation und der sich rundherum anbahnenden ungeheuerlichkeiten völlig unfähig, aktiv zu werden. er raucht kette und dreht zunehmend nervös die billigen ringe an seinen fingern. auch polizeiinspektor bauer (oliver nägele, erfreulich differenziert), der im allgemeinen chaos eine insel der vernunft bewahren möchte, läuft mehr und mehr ins leere. der albtraum endet nicht. abel kriegt arbeit im institut von hans vergérus und realisiert, dass hier aussortierungsexperimente mit menschen gemacht werden. die nationalsozialistische vernichtungspolitik schleicht sich an („es ist wie ein schlangenei. durch die dünnen häute kann man das fast völlig entwickelte reptil deutlich erkennen“). eine welt am abgrund, pätzolds abel wird immer fiebriger. jahrmarktsmusik. noch schriller. ende.

Samstag, 13. Januar 2018

BASEL: ELEKTRA, TRAUMA TOTAL

ein trauma-schocker! elektra kann die ermordung ihres vaters agamemnon durch die mutter und deren geliebten nicht verarbeiten und will die beiden durch ihren bruder hinrichten lassen. "where is papa?" steht auf die blutverschmierten wände gekritzelt. bis sie ihr ziel erreicht, taumelt sie durch diese blutige szenerie, erdrosselt puppen, küsst das bild ihres vaters, macht sich an den herabhängenden kadavern der tieropfer zu schaffen, hantiert mit einer kettensäge, ritzt sich mit einer überdimensionierten schere arme und beine. das zimmer ihrer kindheit wird zum schlachthaus. familientrauma total, alle sind täter, alle sind opfer. die inszenierung, die david bösch 2014 für antwerpen schuf und die am theater basel jetzt mit neuer besetzung übernommen wurde, ist eine überaus deftig illustrierte psychoanalyse. das ist gut so, denn anders als mit derart massiven und verstörenden bildern ist der bombastisch-radikalen musik von richard strauss, die immer wieder die grenzen zum lärm und zur dissonanz streift, wohl gar nicht beizukommen. rachel nicholls als elektra (ihr rollendebut, eine wahnwitzige dauer-ekstase), ursula hesse von den steinen als ihre kalte, zutiefst verunsicherte mutter klytämnestra und pauliina linnosaari als ihre schwester chrysothemis bewältigen ihre mörderischen partien hinreissend: sie alle gehen stimmlich bis zum äussersten, wenn sie in diesem zunehmend bluttriefenden angst- und wutraum gegen den schmerz in ihrer seele ansingen. und auch vor dem sinfonieorchester basel unter erik nielsen, das mit sattem klang noch die monströsesten triebe und gedanken ausmodelliert, hätte richard strauss wohl den hut gezogen. stürmischer applaus für alle beteiligten.

Freitag, 5. Januar 2018

ZÜRICH: DER ZERBROCHNE KRUG

adam hat heinrich von kleist seinen huisumer dorfrichter genannt, der des nachts ein verlobtes mädchen in dessen kammer belästigt, dabei einen wertvollen krug wertlos macht und deshalb des darauffolgenden tags vor gericht in eigener sache verhandeln muss. adam, der sündige mensch. diese geradezu unkleistsche holzhammer-symbolik hätten wir auch verstanden, wenn barbara frey in ihrer inszenierung am schauspielhaus zürich den kerl zu beginn nicht im adamskostüm herumhüpfen liesse. ob ohne kleider oder mit, markus scheumann ist als sich immer mehr in seinen lügengeschichten verheddernder richter fabelhaft. seine widerlichen und seine sympathischen züge vereint er subtil zu einer art landtheater für fortgeschrittene. dass auch kleine nebenrollen mit spitzeleuten besetzt sind (beispielsweise das marthaler-urvieh graham valentine als zeugin brigitte, die nächtens nicht den richter, sondern den leibhaftigen höchstpersönlich gesehen haben will) mehrt den spass noch erheblich. da sitzt alles: verstohlene blicke, feinste gesten, spannungsgeladene pausen machen diesen elegant-altertümlichen text zu einem zeitlosen vergnügen – und einem durchaus hintersinnigen. wie sagt der kleist-biograf günter blamberger im programmheft so schön: „am ende des stücks ist jedes vertrauen in die obrigkeit erschüttert.“ entsprechend verzichtet barbara frey auf das happy-end, kein trost, nirgends. als szenerie hat ihr muriel gerstner eine art peepshow-karussell gebaut, das mit seinen düsteren holzwänden und weiten schattenwürfen an den flämischen kupferstich von 1782 erinnert („der richter oder der zerbrochne krug“), der kleist und seine kollegen zum dichterwettstreit animierte und bei dem der schwermütige kleist vor allem beweisen wollte, dass es ihm an talent zur komik keineswegs mangle. was er hinlegte, wurde dann immerhin die meistgespielte deutsche komödie.

Montag, 1. Januar 2018

MÜNCHEN: TOCHTER DER KELCHE

frauen-tarot. habe fürs neue jahr trotzdem eine karte gezogen: die tochter der kelche. eine frau, die unter einem zarten baum neben einer schildkröte an einem teich sitzt und sich von einem wasserfall wohlig besprudeln lässt. im handbuch steht dazu: „die tochter der kelche stellt den spielerischen, liebevollen teil der persönlichkeit dar, den teil, der einen wunderbaren sinn für humor hat und wohlbefinden herzustellen weiss.“ damit kann ich leben für ein jahr. „die tochter der kelche versinnbildlicht die erschliessung der inneren stimme nach einem furchtlosen eintauchen in die tiefen bereiche des selbst. (...) ihre wünsche verwandelt sie in kreative visualisierungen, was dazu beiträgt, dass ihre träume wahr werden.“ ich bleibe dran. im übrigen kann ich die runden (!) tarot-karten von vicki noble und karen vogel nur empfehlen, feministisch durch und durch, poetisch durch und durch, in kräftigen farben und auch für männer absolut inspirierend.

Dienstag, 19. Dezember 2017

MÜNCHEN: RICHARD III.

er ist ein widerliches arschloch, ein gemeiner egozentriker, ein irrer machtmensch. er verhöhnt seine nächsten, begrapscht wahllos frauen und geht über leichen. hauptsache: der grösste sein. natürlich muss man den ganzen abend an trump denken, obwohl michael thalheimer in seiner inszenierung von shakespeares „richard III.“ am residenztheater in münchen den allzu offensichtlichen bezug vermeidet: norman hacker trägt schulterlange, verschwitzte haarsträhnen und haust in einem turmhohen bretterverlies (von olaf altmann), auf dessen boden permanent schwarzes laub raschelt, eine düstere szenerie, durch die wummernden bassakkorde aus dem off noch düsterer aufgeladen. ein ort des grauens. so richtig irr, beängstigend irr wird dieser richard nach der pause, als er ganz oben, als er endlich könig ist. da faucht und feixt er, zerkaut brüllend jede silbe der thomas-brasch-übersetzung mit dem unterkiefer, wechselt mitten im gespräch idiotisch die tonart richtung knabensopran, juckt plan- und ziellos durch die gegend – und immer wieder an die rampe: so einer sucht das publikum, so einer braucht das publikum, er weiss zwar, dass er nackt ist („oft handeln männer ohne tiefern sinn“), aber er glaubt auch, dass sein publikum, das er irre glotzend fixiert, dies nicht weiss. norman hacker spielt diese zynische rampensau, und ihre abgründe spielt er genial mit. in seinem vertrackten system von machtgier, schuld und rache macht dieser richard die gegenspieler, die immer von hinten aus dem dunkel durchs laub angeraschelt kommen, zu unfreiwilligen mitspielern. doch die rampe, die gehört nur ihm. und er weiss, wie schrecklich einsam man ganz vorne im scheinwerferkegel sein kann: „i am myself alone.“ endzeitstimmung.

Sonntag, 17. Dezember 2017

MÜNCHEN: TIEF INS GLAS GESCHAUT

"wenn man einen schluck hefeweizen nimmt, dann ist das eine fast spirituelle erfahrung. jeder, wirklich jeder kann die spirituellen und philosophischen aspekte erfahren, die sich in so etwas einfachem wie einem schluck weissbier offenbaren." kann man es schöner sagen als der us-künstler jeff koons, der eine zeitlang in münchen lebte?

Montag, 11. Dezember 2017

KASTANIENBAUM: AUSGESTEMPELT

als er pensioniert und seine post in 6047 kastanienbaum geschlossen wurde, machte sich posthalter ruedi zurflüh mit einer schachtel voller trouvaillen auf den weg ins museum für kommunikation (ehemals postmuseum) in bern, mit dem vorschlag, einen teil dieser aussergewöhnlichen dokumente, briefe und postkarten dort auszustellen. bescheid negativ, es gebe zu viel sammelgut von zu vielen ex-posthaltern. nun allerdings haben ruedi zurflüh und sein vater und sein grossvater, die die postkunden in kastanienbaum zusammen während 98 jahren betreuten, ein viel attraktiveres denkmal erhalten: „ausgestempelt“, der sensible und kurzweilige dokumentarfilm von kurt koller und franz szekeres. nein, es ist kein jammerfilm über nicht nachvollziehbare poststellenschliessungen und den abbau des service public. dass sich die zeiten immer wieder und immer schneller ändern, schwingt zwar durchaus mit, doch im zentrum steht ein liebevoller, anekdotenreicher rückblick auf drei posthalter-generationen und ihre teils illustre kundschaft: der belgische könig leopold III. (der hier kurz vor dem tödlichen unfall mit seiner gemahlin astrid bereits einen töffunfall baute), der schillernde luzerner bankier ernst brunner, geheimdienstoffiziere, judenhasser und reihenweise musiker von rafael kubelik über claudio abbado zu dj bobo. der grosse toscanini kam jeweils zu zurflühs, um mit seiner schwester (offizielle version für seine frau), respektive seiner geliebten in italien (inoffizielle version) zu kabeln. ja, die post unmittelbar neben dem hotel war die seele von kastanienbaum, andere treffpunkte gab und gibt es kaum. dieser film ist eine liebeserklärung auch an dieses spezielle dorf. wie sagt doch die off-sprecherin im film lakonisch: „ein ort, an dem zu wohnen man es sich leisten können möchte.“

Sonntag, 10. Dezember 2017

ZÜRICH: MEISTER UND MARGARITA

der teufel besucht moskau. jan bluthardt gibt ihn am diesmal zum intimen variété umgebauten theater neumarkt in zürich total chic im schwarzen sakko mit schmetterlingsmotiven und viel gel im haar, ein ausgesprochen intelligenter und cleverer typ. er nennt sich hier voland und gibt sich als deutscher professor für schwarze magie aus. der teufel ist die zentrale figur in michail bulgakows kultroman „meister und margarita“, der gerne als „der russische faust“ bezeichnet wird, ein überbordender roman über kunst und politik, über liebe und andere leidenschaften. in peter kastenmüllers vortrefflicher regie stürzt dieser teufel das moskau der 30er jahre nicht ins chaos, sondern in eine abgrundtiefe verunsicherung. er beisst sich fest am verordneten atheismus und der absurden bürokratie, er umschleicht die menschen, horcht sie aus (mit mehr erfolg als die miliz) und durchschaut sie. durchschaut sie und ihre unterwerfungen, ihre lügengeschichten, ihre skandale. kurz: der kerl verfolgt eine nicht unsympathische mission. bulgakows grandioses kaleidoskop ist ein gefundenes fressen für die spielfreudige neumarkt-truppe: die dreieinhalbstündige zickzack-wanderung durch die russische seele wird hier zu einer ebenso klugen wie kurzweiligen revue, realistisch, satirisch, phantastisch, mit schrägen videoclips und parodien auf sandalenfilme, mit russischen schnulzen und schäbigen zaubertricks. die gesellschafts- und systemkritik entwickelt so einen geradezu opernhaften rausch – und nüchtern bleibt, natürlich, nur der teufel: „wozu dem nachjagen, was zu ende ist?“ fragt er final, derweil moskau und das publikum im trockeneisnebel wegdämmern.