johohe!
hallojo! wie sie ihn jetzt plötzlich mögen, die zürcher ihren christoph
marthaler, den sie 2004 so schnöde abserviert haben. wie sie schlange stehen
für „mir nämeds uf öis“, sein comeback am schauspielhaus. wie das ganze haus
jubelt am schluss. den nicht-zürcher berührt diese späte versöhnung doch etwas
eigenartig, und auch dem ensemble scheint bei der sache nicht immer ganz wohl
zu sein. sie halten den zürchern mit ihren globalen business-verstrickungen den
spiegel vor („nehmen ist wie geben, nur ohne geben“), doch das machen sie in einem intergalaktischen bad-state-raumschiff aus sicherer distanz und immer
so, dass es nicht zu fest weh tut. die zünftler bekommen ihr fett weg und die
fifa und udo jürgens und die baulöwen, nümmerchen für nümmerchen, die grosse alte nikola weisse
geistert im rosaroten silvia-blocher-deux-pièces durch die gegend, resp. durchs
all und ueli jäggi gibt einen ehemaligen whistleblower mit zweitausbildung als
damencoiffeur. alles dreht sich um zwangslagen und die befreiung aus zwangslagen, hübsches thema in einer finanzmetropole. aber irgendwie wird man
den mindestens ebenso hübschen verdacht nicht los, dass die marthaler-bande vor
allem eines wollte: endlich mal wagner singen („der weltberühmte schweizer
komponist“), schmettern, aus voller kehle. der matrosenchor aus dem „fliegenden
holländer“ gleich zu beginn im dauerloop: „johohe! hallojo! hojohe! hallojo!
ho! he! he! ja! hailohe! hallohoje!“ der pilgerchor aus dem „tannhäuser“ mit
steinerner miene und simultanübersetzung für hörbehinderte und, umwerfend, tora
augestad mit dem „lied an den abendstern“ als englische schnulze. dann wartet
der kenner natürlich nur noch auf, ja genau, den ultimativen walkürenritt. doch
es kommt – der sechseläutenmarsch, übel veräppelt. marthaler eben, back in
züri.
Freitag, 16. Februar 2018
Freitag, 9. Februar 2018
AMSTERDAM: JESPER JUST
ein
schwarzer mann marschiert kilometerweit durch ein abweisendes niemandsland,
verdorrte wiesen, feuchte gruben, dreckige wege, darüber ein schleier aus staub
oder smog. immer wieder zweigt er ab, doch die szenerie ändert sich nicht. bis
irgendwo in der ferne der boulevard haussmann und der eiffelturm auftauchen.
zwei andere jungs aus afrika fahren mit dem roller endlos durch diesen
boulevard, er ist menschenleer, ein riesiger boulevard, aber menschenleer. die
jungs wirken verloren darin und beginnen während der tour lieder aus ihrer
heimat zu summen, der hinten klammert sich fast zärtlich an den vorne. wir sind
nicht in paris, sondern in hangzhou. das heisst: wir sehen menschen aus afrika
in einer stadt in china, die eine stadt in europa imitiert. identität, minderheiten,
wünsche – das sind die grossen themen, mit denen sich der dänische künstler
jesper just (1974) in seinen filmischen installationen
beschäftigt, die jetzt im filmmuseum eye in amsterdam umfassend präsentiert
werden. „intercourses“, der essay aus hangzhou, wird in zwei grosszügigen
räumen auf vier zum teil gebrochene wände projiziert: eine poetische, groteske,
unbequeme meditation. wo ist die heimat dieser menschen, wo gehören sie hin?
einer tastet mit seinen fingern behutsam die steine in dem nachgebauten
boulevard haussmann ab, einer legt sein ohr an die wände; vielleicht suchen sie
nach wärme in dieser kalten welt, vielleicht hoffen sie in der stille stimmen
oder klänge aus afrika zu hören, vielleicht finden sie in dieser unwirtlichen
umgebung einen ort für ihre tränen.
Dienstag, 6. Februar 2018
AMSTERDAM: TRISTAN UND ISOLDE
eine
grosse schwarze flagge hängt während dem vorspiel zu richard wagners „tristan und isolde“ über
der bühne, ein schwarzes quadrat, wohl acht auf acht meter, eine demonstrative
leerstelle. sie kann stehen für das unausgesprochene und unerhörte dieser liebe,
das verbotene und verborgene, für erinnerung und vorahnung – oder ist es
einfach der blick aufs nächtliche meer vor cornwall? mit seiner inszenierung,
die nach paris und rom jetzt an de nationale opera amsterdam gezeigt wird, lädt
pierre audi dazu ein, diese leerstellen zu füllen – oder leer zu lassen. immer
wieder taucht sie auf, die schwarze flagge, ein fixpunkt im labyrinth der
emotionalen verwerfungen. audi gibt keine antworten, er deutet nur an. mit
einfachsten mitteln (rostige platten, schwemmholz, magische steine) gelingen
ihm und bühnenbildner christof hetzer betörend schöne bilder, die die
zeitlosigkeit und tiefe dieses mythos unterstreichen. stephen gould als
tristan, günther groissböck als könig marke und ricarda merbeth als isolde
laden die weiten räume von beginn weg mit unerhörter energie auf, fordern ihren
hochdramatischen stimmen das äusserste ab, ein permanenter vokaler rausch, atemberaubend.
vor allem merbeth: noch nie hat man die isolde so resolut, so unerschrocken
gesehen und gehört, noch nie war die fallhöhe zwischen der rächerin, die tristan vergiften
will, und der ihn dann bedingungslos liebenden so gross. chefdirigent marc
albrecht gelingt mit dem nederlands philharmonisch orkest ein grosses lyrisches
gedicht; er findet alle farben, den zauber, die versunkenheit, die ekstase. am
ende weicht die schwarze flagge wieder und isolde singt ihr „ertrinken, versinken,
unbewusst, höchste lust“ in gleissendem gegenlicht, die reise zum tod ist eine reise
in eine neue welt. standing ovation.
Samstag, 3. Februar 2018
ANTWERPEN: PELLÉAS ET MÉLISANDE
eine schöne frau steht vor uns, im halbtransparenten kleid und mit langen blonden haaren, zerbrechlich und irgendwie verklärt. hinter ihr planeten und kometen, das ganze firmament. mélisande scheint nicht von dieser welt zu sein. wo kommt sie her, wo will sie hin? "ne me touchez pas, ne me touchez pas", singt sie. sie ist mit golaud verheiratet, liebt aber seinen bruder pelléas und wandelt deshalb zwischen eifersucht und entfremdung auf stillen, umschatteten pfaden. diese frau bleibt ein geheimnis, uns und auch sich selber. maurice maeterlinck und claude debussy erzählen die geschichte von "pelléas und mélisande" mit vielen symbolen: wald, mond, grotte, brunnen. die performance-künstlerin marina abramović holt in ihrem konzept für die oper in antwerpen noch weitere hinzu: die planeten werden zu augen, die ins innere der menschen schauen, ihre bühne ist ein spiegel, darauf riesige kristalle (oder sind es eisbrocken?). dazu entwickelt das regie/choreografie-paar sidi larbi cherkaoui und damien jalet mit sieben jungen männern ein wuchtiges ballett, das die nöte der protagonisten körperhaft und bildstark begleitet und verstärkt; am eindrücklichsten, wenn sie aus dem langen haar von mélisande immer wieder ein weites netz spinnen, in dem sich alle verfangen. alles für sich klug gedacht und stimmig, in der summe allerdings eine symbolismus-flutwelle. die lenkt immerhin davon ab, dass der argentinische dirigent alejo pérez mit bläsern und streichern immer eine spur zu üppig aufträgt und die letzten nuancen des debussy-klangs, das feine flirren, nicht wirklich hinkriegt. das starke zentrum dieser disparaten welt sind die drei hauptdarsteller (mari eriksmoen, jacques imbrailo, leigh melrose). mit grosser stimmlicher ausstrahlung und darstellerischer präsenz bewegen sie sich schlafwandlerisch und subtil durch das dickicht von melodienbögen und reizüberflutung, einsam mit ihren gefühlen und ihren geheimnissen, lost in universe.
Freitag, 26. Januar 2018
CHERCHELL: GESCHICHTEN, GESCHICHTEN
„wer sein leben immer nur in paris, in hamburg oder berlin verbracht hat, vergisst manchmal, dass wesentliche teile der welt aus nichts als geschichten bestehen – und aus geschichten, die sich aus geschichten ergeben, die wieder zu anderen geschichten führen. und der, die, denkt dann vielleicht nicht daran, dass kausalverhältnisse und hierarchisierungen in geschichten eine späte und nicht flächendeckend verbreitete menschliche erfindung sind, dazu dienend, den uferlosen strom der abermillionen geschichten zu begradigen und das lebendige wasser des erzählens in hochreflektierte stabile textflächen zu verwandeln.“ (iris radisch in „warum die franzosen so gute bücher schreiben“, im kapitel über die in cherchell/algerien aufgewachsene assia djebar)
Mittwoch, 24. Januar 2018
MÜNCHEN: EPHEMERAL URBANISM
ein
vorortszug rast in einen mit menschen und waren völlig überfüllten bazar. das
tönt dramatisch, sieht aber nur im zeitraffer so dramatisch aus. in
wirklichkeit pfeift der langsam herannahende zug von ferne, worauf die händler
auf dem markt von samut songkhram (thailand) ihre kisten vom gleis nehmen und
die faltdächer einfahren, damit diese nicht am zug hängen bleiben. kaum ist der
durch, nimmt sich der markt seinen platz wieder. improvisation ist alles. der
zeitraffer-film ist ein eindrückliches dokument in der ausstellung „ephemeral
urbanism“ in der pinakothek der moderne in münchen. sie beschäftigt sich mit
den fragen, ob permanenz und haltbarkeit in zeiten von krisen und migration
noch fixe kriterien von architektur sein müssen und was planer lernen können
von zeitlich beschränkten strukturen und projekten. die beispiele sind
zahlreich, vielfältig und beeindruckend: hunderte von kleinen zeltstädten für
touristen in der jordanischen wüste, ein flüchtlingslager für 47´000 somalier
in äthiopien, pilger-siedlungen für zehntausende (sinakara/peru) oder 25 millionen
(allahabad/indien) während der religiösen hochsaison, festivalcamps, militärlager
– und natürlich das oktoberfest in münchen. der gemeinsame nenner dieser erfolgreichen
temporären siedlungsformen und also eine mögliche leitplanke für die stadt der
zukunft: ausreichend raum für die menschenflüsse; intelligente, grossräumig
gedachte infrastukturen; low-tech-bauverfahren, die die gestaltung erleichtern
und flexibilität und reversibilität ermöglichen. und das wohl wichtigste: eine
atmosphäre, in der sich soziale und materielle grenzen auflösen.
Montag, 22. Januar 2018
MÜNCHEN: AMÉRICA
kyra
menaker-mossbacher ist immobilienmaklerin in den hügeln hinter l.a., die blonde
mähne immer perfekt frisiert, der überschlanke körper immer in einem
pastellfarbigen deux-pièces; ihre hunde und katzen und die hunde und katzen
ihrer kunden sind ihr wichtiger als die menschen um sie herum, seien es
amerikanische eingeborene oder mexikanische einwanderer. weil kojoten ihre
haustiere killen, entwickelt kyra eine absurde wut und hält dann kojoten für
mexikaner oder mexikaner für kojoten. diese kyra ist eine paraderolle für
wiebke puls, sie packt dieses ganze hysterische amerika, das sich aufgrund
eingebildeter bedrohungen in irreale ängste hineinsteigert, in diese eine
person. ihre nachbarn sind subtil rassistische säcke, sie grillen würstchen und
die ganze weltpolitik gleich mit (peter brombacher, stefan merki und jochen noch
haben das erschreckend gut drauf). und natürlich wollen sie, dass um ihre
villensiedlung eine mauer gebaut wird. eine mauer! t.c. boyle schrieb seinen
roman „américa“ 22 jahre bevor trump präsident spielte. und die münchner
kammerspiele setzten ihn auf ihr programm noch bevor seine kandidatur
feststand. regisseur stefan pucher reagiert mit knalligen klischees auf den
umstand, dass die realität die üble phantasie längst überholt hat: die usa als
schäbige show zwischen shopping-malls und swimming-pools. die abgründe sind
überall und keiner will sie sehen. der parallel laufenden zarten
liebesgeschichte von américa und cándido, zwei illegalen, aber harmlosen
einwanderern, die im land ihrer träume grund- und endlos gedemütigt werden,
widmet pucher die feinen momente: spanisch, englisch und deutsch entwickeln
sylvana seddig und gonzalo cunill in einer wild gewordenen welt eine rauhe
poesie. die grenze zu mexiko hiess früher übrigens – wie boyles roman im
original – „the tortilla curtain“. das waren noch zeiten.
Sonntag, 21. Januar 2018
MÜNCHEN: DAS SCHLANGENEI
es wird zappenduster im cuvilliéstheater, schrille
jahrmarktsmusik, die bilder dazu stellen sich im kopf gleich ein, dann mitten in die dunkelheit ein knall: deutschland
1923, hyperinflation. licht, leere bühne, nur vier sich nach hinten verjüngende
neonrahmen. in diese maximal abstrakte umgebung inszeniert anne lenk ingmar
bergmans filmdrehbuch „das schlangenei“. reduktion auf das
wesentliche, die figuren, die sprache – und die sprachlosigkeit. im zentrum stehen die jüdischen brüder abel und max
rosenberg und dessen frau manuela, drei erfolgreiche zirkusartisten, denen zunächst wegen
einer verletzung, später wegen mysteriösen morden in ihrer umgebung arbeit,
geld, lebensinhalt abhanden kommen. nach dem selbstmord von max fällt abel in
eine uferlose lethargie. franz pätzold spielt diesen tingeltangelkünstler im
brokatbesetzten samtkittel nie zu schmierig, auch im suff einigermassen
kontrolliert, aber angesichts der sozialen isolation und der sich rundherum anbahnenden ungeheuerlichkeiten
völlig unfähig,
aktiv zu werden. er raucht kette und dreht
zunehmend nervös die billigen ringe an seinen fingern. auch polizeiinspektor
bauer (oliver nägele, erfreulich differenziert), der im allgemeinen chaos eine insel
der vernunft bewahren möchte, läuft mehr und mehr ins leere. der albtraum endet
nicht. abel kriegt arbeit im institut von hans vergérus und realisiert, dass
hier aussortierungsexperimente mit menschen gemacht werden. die
nationalsozialistische vernichtungspolitik schleicht sich an („es ist wie ein
schlangenei. durch die dünnen häute kann man das fast völlig entwickelte reptil
deutlich erkennen“). eine welt am abgrund, pätzolds abel wird immer fiebriger. jahrmarktsmusik. noch schriller. ende.
Samstag, 13. Januar 2018
BASEL: ELEKTRA, TRAUMA TOTAL
ein trauma-schocker! elektra kann die ermordung ihres vaters agamemnon durch die mutter und deren geliebten nicht verarbeiten und will die beiden durch ihren bruder hinrichten lassen. "where is papa?" steht auf die blutverschmierten wände gekritzelt. bis sie ihr ziel erreicht, taumelt sie durch diese blutige szenerie, erdrosselt puppen, küsst das bild ihres vaters, macht sich an den herabhängenden kadavern der tieropfer zu schaffen, hantiert mit einer kettensäge, ritzt sich mit einer überdimensionierten schere arme und beine. das zimmer ihrer kindheit wird zum schlachthaus. familientrauma total, alle sind täter, alle sind opfer. die inszenierung, die david bösch 2014 für antwerpen schuf und die am theater basel jetzt mit neuer besetzung übernommen wurde, ist eine überaus deftig illustrierte psychoanalyse. das ist gut so, denn anders als mit derart massiven und verstörenden bildern ist der bombastisch-radikalen musik von richard strauss, die immer wieder die grenzen zum lärm und zur dissonanz streift, wohl gar nicht beizukommen. rachel nicholls als elektra (ihr rollendebut, eine wahnwitzige dauer-ekstase), ursula hesse von den steinen als ihre kalte, zutiefst verunsicherte mutter klytämnestra und pauliina linnosaari als ihre schwester chrysothemis bewältigen ihre mörderischen partien hinreissend: sie alle gehen stimmlich bis zum äussersten, wenn sie in diesem zunehmend bluttriefenden angst- und wutraum gegen den schmerz in ihrer seele ansingen. und auch vor dem sinfonieorchester basel unter erik nielsen, das mit sattem klang noch die monströsesten triebe und gedanken ausmodelliert, hätte richard strauss wohl den hut gezogen. stürmischer applaus für alle beteiligten.
Freitag, 5. Januar 2018
ZÜRICH: DER ZERBROCHNE KRUG
adam
hat heinrich von kleist seinen huisumer dorfrichter genannt, der des nachts ein
verlobtes mädchen in dessen kammer belästigt, dabei einen wertvollen krug
wertlos macht und deshalb des darauffolgenden tags vor gericht in eigener sache
verhandeln muss. adam, der sündige mensch. diese geradezu unkleistsche
holzhammer-symbolik hätten wir auch verstanden, wenn barbara frey in ihrer
inszenierung am schauspielhaus zürich den kerl zu beginn nicht im adamskostüm herumhüpfen
liesse. ob ohne kleider oder mit, markus scheumann ist als sich immer mehr in
seinen lügengeschichten verheddernder richter fabelhaft. seine widerlichen und
seine sympathischen züge vereint er subtil zu einer art landtheater für
fortgeschrittene. dass auch kleine nebenrollen mit spitzeleuten besetzt sind
(beispielsweise das marthaler-urvieh graham valentine als zeugin brigitte, die
nächtens nicht den richter, sondern den leibhaftigen höchstpersönlich gesehen
haben will) mehrt den spass noch erheblich. da sitzt alles: verstohlene blicke,
feinste gesten, spannungsgeladene pausen machen diesen elegant-altertümlichen
text zu einem zeitlosen vergnügen – und einem durchaus hintersinnigen. wie sagt
der kleist-biograf günter blamberger im programmheft so schön: „am ende des
stücks ist jedes vertrauen in die obrigkeit erschüttert.“ entsprechend
verzichtet barbara frey auf das happy-end, kein trost, nirgends. als szenerie
hat ihr muriel gerstner eine art peepshow-karussell gebaut, das mit seinen düsteren
holzwänden und weiten schattenwürfen an den flämischen kupferstich von 1782
erinnert („der richter oder der zerbrochne krug“), der kleist und seine
kollegen zum dichterwettstreit animierte und bei dem der schwermütige kleist
vor allem beweisen wollte, dass es ihm an talent zur komik keineswegs mangle.
was er hinlegte, wurde dann immerhin die meistgespielte deutsche komödie.
Montag, 1. Januar 2018
MÜNCHEN: TOCHTER DER KELCHE
frauen-tarot.
habe fürs neue jahr trotzdem eine karte gezogen: die tochter der kelche. eine
frau, die unter einem zarten baum neben einer schildkröte an einem teich sitzt
und sich von einem wasserfall wohlig besprudeln lässt. im handbuch steht dazu: „die
tochter der kelche stellt den spielerischen, liebevollen teil der
persönlichkeit dar, den teil, der einen wunderbaren sinn für humor hat und
wohlbefinden herzustellen weiss.“ damit kann ich leben für ein jahr. „die
tochter der kelche versinnbildlicht die erschliessung der inneren stimme nach
einem furchtlosen eintauchen in die tiefen bereiche des selbst. (...) ihre
wünsche verwandelt sie in kreative visualisierungen, was dazu beiträgt, dass
ihre träume wahr werden.“ ich bleibe dran. im übrigen kann ich die runden (!)
tarot-karten von vicki noble und karen vogel nur empfehlen, feministisch durch
und durch, poetisch durch und durch, in kräftigen farben und auch für männer
absolut inspirierend.
Dienstag, 19. Dezember 2017
MÜNCHEN: RICHARD III.
er ist
ein widerliches arschloch, ein gemeiner egozentriker, ein irrer machtmensch. er
verhöhnt seine nächsten, begrapscht wahllos frauen und geht über leichen. hauptsache:
der grösste sein. natürlich muss man den ganzen abend an trump denken, obwohl
michael thalheimer in seiner inszenierung von shakespeares „richard III.“ am
residenztheater in münchen den allzu offensichtlichen bezug vermeidet: norman
hacker trägt schulterlange, verschwitzte haarsträhnen und haust in einem
turmhohen bretterverlies (von olaf altmann), auf dessen boden permanent
schwarzes laub raschelt, eine düstere szenerie, durch die wummernden bassakkorde
aus dem off noch düsterer aufgeladen. ein ort des grauens. so richtig irr,
beängstigend irr wird dieser richard nach der pause, als er ganz oben, als er
endlich könig ist. da faucht und feixt er, zerkaut brüllend jede silbe der
thomas-brasch-übersetzung mit dem unterkiefer, wechselt mitten im gespräch
idiotisch die tonart richtung knabensopran, juckt plan- und ziellos durch die
gegend – und immer wieder an die rampe: so einer sucht das publikum, so einer
braucht das publikum, er weiss zwar, dass er nackt ist („oft handeln männer
ohne tiefern sinn“), aber er glaubt auch, dass sein publikum, das er irre
glotzend fixiert, dies nicht weiss. norman hacker spielt diese zynische rampensau,
und ihre abgründe spielt er genial mit. in seinem vertrackten system von machtgier,
schuld und rache macht dieser richard die gegenspieler, die immer von hinten
aus dem dunkel durchs laub angeraschelt kommen, zu unfreiwilligen mitspielern. doch
die rampe, die gehört nur ihm. und er weiss, wie schrecklich einsam man ganz
vorne im scheinwerferkegel sein kann: „i am myself alone.“ endzeitstimmung.
Sonntag, 17. Dezember 2017
MÜNCHEN: TIEF INS GLAS GESCHAUT
"wenn man einen schluck hefeweizen nimmt, dann ist das eine fast spirituelle erfahrung. jeder, wirklich jeder kann die spirituellen und philosophischen aspekte erfahren, die sich in so etwas einfachem wie einem schluck weissbier offenbaren." kann man es schöner sagen als der us-künstler jeff koons, der eine zeitlang in münchen lebte?
Montag, 11. Dezember 2017
KASTANIENBAUM: AUSGESTEMPELT
als
er pensioniert und seine post in 6047 kastanienbaum geschlossen wurde, machte
sich posthalter ruedi zurflüh mit einer schachtel voller trouvaillen auf den
weg ins museum für kommunikation (ehemals postmuseum) in bern, mit dem
vorschlag, einen teil dieser aussergewöhnlichen dokumente, briefe und postkarten dort auszustellen. bescheid negativ, es gebe zu viel sammelgut
von zu vielen ex-posthaltern. nun allerdings haben ruedi zurflüh und sein vater
und sein grossvater, die die postkunden in kastanienbaum zusammen während 98
jahren betreuten, ein viel attraktiveres denkmal erhalten: „ausgestempelt“, der sensible und kurzweilige dokumentarfilm von kurt koller und franz szekeres. nein, es
ist kein jammerfilm über nicht nachvollziehbare poststellenschliessungen und
den abbau des service public. dass sich die zeiten immer wieder und immer
schneller ändern, schwingt zwar durchaus mit, doch im zentrum steht ein liebevoller,
anekdotenreicher rückblick auf drei posthalter-generationen und ihre teils
illustre kundschaft: der belgische könig leopold III. (der hier kurz vor dem
tödlichen unfall mit seiner gemahlin astrid bereits einen töffunfall baute), der
schillernde luzerner bankier ernst brunner, geheimdienstoffiziere, judenhasser
und reihenweise musiker von rafael kubelik über claudio abbado zu dj bobo. der
grosse toscanini kam jeweils zu zurflühs, um mit seiner schwester (offizielle
version für seine frau), respektive seiner geliebten in italien (inoffizielle
version) zu kabeln. ja, die post unmittelbar neben dem hotel war die seele von
kastanienbaum, andere treffpunkte gab und gibt es kaum. dieser film ist eine
liebeserklärung auch an dieses spezielle dorf. wie sagt doch die off-sprecherin
im film lakonisch: „ein ort, an dem zu wohnen man es sich leisten können
möchte.“
Sonntag, 10. Dezember 2017
ZÜRICH: MEISTER UND MARGARITA
der teufel besucht moskau. jan
bluthardt gibt ihn am diesmal zum intimen variété umgebauten theater neumarkt
in zürich total chic im schwarzen sakko mit schmetterlingsmotiven und viel gel
im haar, ein ausgesprochen intelligenter und cleverer typ. er nennt sich hier
voland und gibt sich als deutscher professor für schwarze magie aus. der teufel
ist die zentrale figur in michail bulgakows kultroman „meister und margarita“,
der gerne als „der russische faust“ bezeichnet wird, ein überbordender roman
über kunst und politik, über liebe und andere leidenschaften. in peter
kastenmüllers vortrefflicher regie stürzt dieser teufel das moskau der 30er
jahre nicht ins chaos, sondern in eine abgrundtiefe verunsicherung. er beisst
sich fest am verordneten atheismus und der absurden bürokratie, er umschleicht
die menschen, horcht sie aus (mit mehr erfolg als die miliz) und durchschaut
sie. durchschaut sie und ihre unterwerfungen, ihre lügengeschichten, ihre
skandale. kurz: der kerl verfolgt eine nicht unsympathische mission. bulgakows
grandioses kaleidoskop ist ein gefundenes fressen für die spielfreudige
neumarkt-truppe: die dreieinhalbstündige zickzack-wanderung durch die russische
seele wird hier zu einer ebenso klugen wie kurzweiligen revue, realistisch,
satirisch, phantastisch, mit schrägen videoclips und parodien auf
sandalenfilme, mit russischen schnulzen und schäbigen zaubertricks. die
gesellschafts- und systemkritik entwickelt so einen geradezu opernhaften rausch
– und nüchtern bleibt, natürlich, nur der teufel: „wozu dem nachjagen, was zu
ende ist?“ fragt er final, derweil moskau und das publikum im trockeneisnebel
wegdämmern.
Abonnieren
Posts (Atom)