was die wieder hingekriegt haben: rund 30 studierende der bayerischen theaterakademie füllen die nüchterne betonhalle im untergeschoss des ägyptischen museums in münchen auf faszinierende weise mit gesang, texten, choreografie, videos, installationen – man ist vom ersten moment weg gebannt. auf einer weissen scheibe im zentrum befindet sich eine art endzeitlabor mit einem hochdruckkessel, aus dem es gefährlich brodelt und dampft, ein paar verdorrte bäume wandeln durch den grossen raum, im halbdunkel wird eine leiche präpariert. „chora“ ist das ergebnis eines spartenübergreifenden suchprozesses unter der leitung von balázs kovalik (inszenierung) und johannes schachtner (musikalische leitung) und beschäftigt sich assoziativ mit dem dazwischen, dem raum zwischen leben und tod, der vergänglichkeit und dem verschwinden der liebe. das publikum bewegt sich zwischen den darstellenden wie in einer ausstellung, mal geht da ein spot an, mal dort, man bleibt stehen, man schaut, man geht weiter. eine mutter befragt das kind in ihrem bauch, vielversprechende junge stimmen und das brillante kammerensemble „der gelbe klang“ lassen musik von monteverdi bis schönberg anklingen, sprechchöre rezitieren dystopische texte von thomas köck. man versteht in der hallenden halle nicht alles, muss man auch nicht, denn am besten lässt man sich einfach einlullen von diesen ton- und textfragmenten und einladen zu einer reise in die eigenen erinnerungen und phantasien. „kommst du bald?“ wird immer wieder gefragt. zu mir? ins jenseits? in die vergessenheit? „es gibt kein verschwinden“, ruft einer, etwas bleibt immer. „chora“ ist ein gesamtkunstwerk, musikalisch, poetisch, enigmatisch – und voll junger energie.
Mittwoch, 30. Oktober 2024
Freitag, 25. Oktober 2024
LUZERN: BEYOND
eine baumkrone im nirgendwo, keine blätter mehr, nur plastikmüll hat
sich darin verfangen. sonst alles dunkel, alles leer. „beyond“ heisst der neue
tanzabend am luzerner theater. beyond? jenseits des grossen krieges? jenseits
des klimakollapses? jenseits unseres vorstellungsvermögens? in der choreografie
des singapurer künstlers swee boon kuik hat die menschheit den super-gau knapp
überlebt: ein haufen versehrter kreaturen robbt sich sachte zurück ins leben,
wir blicken auf ein existenzielles drama. immer knistert oder kracht es
irgendwo, doch sie geben nicht auf, suchen festen boden, suchen halt bei den
anderen. das ist es, was swee boon kuik interessiert: mit der kraft der körper
und des körperkontakts krisen zu meistern. hier wird resilienz ausgesprochen
bildhaft dargestellt. das ist mehr als tanz, das sind bewegte und bewegende
körperskulpturen, ein eindrückliches wechselspiel zwischen solidarität, synchronität
und individualität. der zweite teil des abends nimmt die thematik nahtlos auf: weil
digitalisierung und rastlosigkeit zu einem verlust an menschlichen kontakten
geführt haben, weniger handschläge, weniger umarmungen, weniger empathie, will die
us-choreografin andrea miller ein radikales kontrastprogramm liefern. in warme
rot- und orangetöne getaucht bieten die fünf tänzerinnen und fünf tänzer des
luzerner ensembles körperliche erfahrungen, wie man sie in dieser fülle und
vielfalt selten gesehen hat, ein überbordender tänzerischer rausch, mal solistisch,
oft zu zweit, immer wieder im körpergewusel. das ist grossstadthektik, das ist
bodybuilding, folklore, akrobatik, kamikaze, voodoo – und vor allem: power,
power, power. das publikum reagiert begeistert, standing ovation.
Donnerstag, 24. Oktober 2024
MILANO: TINGUELY 100
am 22. mai 2025 würde jean tinguely 100, einer der revolutionärsten künstler des vergangenen jahrhunderts. das muss gefeiert werden und wird es auch. den anfang macht bereits jetzt der pirelli hangar bicocca in mailand mit einer grossen retrospektive. muss man da hin, wenn man das tinguely-museum in basel quasi vor der haustüre hat? es lohnt sich absolut. das beginnt schon mit dem museum: man betritt diese halle und ist erst mal erschlagen von der schieren grösse. früher wurden im pirelli hangar im industrieviertel bicocca lokomotiven und turbinen montiert, heute ist der gigantische schwarze raum mit 15`000 quadratmetern eine der grössten ausstellungsflächen europas. man kann sich keinen ort vorstellen, wo tinguelys maschinenpark besser zur geltung käme. 36 seiner skulpturen werden hier präsentiert, grosse und kleine, aus basel und paris, aus amsterdam und kyoto, es bleibt viel raum dazwischen, man lustwandelt zunehmend beschwingt zwischen all diesen ratternden und scheppernden und blinkenden ungetümen. tinguely war ein echter pionier des recyclings, für alles fand er eine wiederverwendung, baute kleine denkmäler für seine lieblingsphilosophen ebenso wie eine umwerfende liebeserklärung an die formel 1 oder ein „requiem pour une feuille morte“. immer schon faszinierte sein flair fürs beschädigte und ausrangierte, fürs schräge und klamaukige. die hinreissende schau in mailand bietet nun weit mehr: in dem riesigen dunklen raum ereignet sich ein fest der poesie. schaut hin, scheint uns tinguely heute deutlicher denn je zu sagen, schaut hin auf den zarten zauber, der im alltag steckt.
Sonntag, 13. Oktober 2024
MÜNCHEN: AMERIKA / DER VERSCHOLLENE
die freiheitsstatue dehnt und streckt sich, mustert kritisch das publikum, setzt sich dann an den flügel, der mitten auf der leeren bühne im scheinwerferlicht steht, und singt „new york, new york“ von frank sinatra. der abend beginnt sehr stimmig. miss liberty singt tschechisch, schliesslich kommt der junge mann, der gleich bei ihr eintreffen wird, aus prag. in seinem unvollendeten roman „der verschollene“, der nach seinem tod vor hundert jahren unter dem titel „amerika“ publiziert wurde, spediert franz kafka den 17jährigen karl rossmann in dieses land, das er selber nie bereiste und trotzdem minutiös und beängstigend weitsichtig beschrieb. in der inszenierung von charlotte sprenger an den münchner kammerspielen gibt katharina marie schubert diesen jüngling, keck mit baseball-cap, naiv und neugierig, immer in bewegung, ein liebenswürdiger kerl, der immer an die falschen gerät und immer tiefer in die scheisse und trotzdem weiter an das gute glaubt. doch wir sind bei kafka, der amerikanische traum wird zum albtraum. das gilt auch für alles, was sich um die famose hauptdarstellerin herum abspielt: ein zwar hochkarätiges ensemble in einer allerdings hochgradig wirren show. abraham lincoln im glitteranzug verliert sich zwischen schwingtüren, jeff bezos darf zu einer predigt ausholen, durchgeknallte perücken, peinliches rumgehüpfe, häppchenweise kritik der herrschenden verhältnisse, ein pharma-skandal, ein paar tangoschritte, ein wenig elvis, alles pulsiert und vieles läuft leider ins leere. man leidet mit karl rossmann und der grossartigen schauspielerin, die sich durch diesen ideenbombast kämpft, aber ja, so ist amerika. am ende sind (wir) alle karl rossmann und die freiheitsstatue legt ihre fackel beiseite und zieht sich um. ein abend irr wie trump.
Donnerstag, 10. Oktober 2024
REGENSBURG: EIN MEILENSTEIN FÜR DIE UKRAINE
die ukraine fand ohne uns statt. ukrainische kultur? wer im westen hatte vor dem russischen angriffskrieg bücher von serhij zhadan („mesopotamien“) oder andrej kurkow („graue bienen“) gelesen? wer kannte sinfonien von borys ljatoschynskyi? oksana lyniv dirigierte zwar bereits grosse orchester im westen, doch wer wusste, dass sie ukrainerin ist? wer hatte schon mal vom leftbanktheater in kyjiw gehört, das in der gleichen liga spielt wie die berliner schaubühne und das zürcher schauspielhaus, und von so vielseitigen theaterleuten wie vitalina bibliv und dmytro oliinyk? der film „slovo house“ von taras tomenko, in dem dmytro oliinyk die hauptrolle spielt, zeigt eindrücklich, wie stalin vor bald 100 jahren das intellektuelle leben in charkiw zerstörte und so die wesentlichen impulse der ukrainischen kultur ausrottete. die geschichte wiederholt sich: es fallen bomben auf universitäten, theater, konservatorien. etwa 200 bibliotheken wurden bereits zerstört und im mai eine druckerei, die die wichtigsten verlage belieferte: „als ich im juni auf der buchmesse in kyjiw die verkohlten überreste dieser bücher in den händen hielt, zitterten meine hände. die geistige kraft und zugleich physische verletzlichkeit eines buches ist überwältigend.“ diese erfahrung schilderte die in wien lebende autorin tanja maljartschuk jetzt an der universität regensburg, bei der eröffnung des „denkraums ukraine“, einem zentrum für interdisziplinäre ukraine-studien. hier soll die vernachlässigte forschung über dieses land und seine kultur endlich fahrt aufnehmen. „warten sie ab“, sagte maljartschuk hoffnungsfroh, „hören sie uns zu, reden sie mit uns.“ die verdienstvolle initiative der uni regensburg dürfte in der breiten öffentlichkeit kaum registriert werden und doch ist sie ein meilenstein für die ukraine, die nicht nur ihr territorium verteidigen muss, sondern auch ihr geistesleben.
Montag, 7. Oktober 2024
INNSBRUCK: VERLANGEN
peter bringt seinen bruder simon um. sein jüngerer halbbruder eben bringt agnes um, die junge frau des alten vaters und seine geliebte, und dann sich selbst. peter ertrinkt, weil ihm geld in den fluss gefallen ist. mina, mit der fast alle ein verhältnis hatten, bringt ephraim um, den autoritären vater. ein neugeborenes wird tot im bett gefunden – und dann sagt einer: „mitgefühl ist das schlimmste aller gefühle.“ im auftrag des landestheaters innsbruck hat die junge autorin lisa wentz eugene o´neills schauspiel „desire under the elms“ (gier unter ulmen, 1924), das in der amerikanischen pampa spielt, in ihre heimat verlegt. statt also das publikum für ein stück aus einem anderen kulturkreis zu erwärmen (was in den theatern leider nicht mehr immer funktioniert), holt sie den stoff in die lebenswelt des publikums. die dysfunktionale familie haust jetzt in einem tiroler bergdorf. bereits der blick auf die riesige bühne macht jedoch klar, dass hier kein volkstheater inszeniert wird, sondern eine tragödie griechischen ausmasses: riesige weisse kuben stehen herum, vielleicht sind es berge, vielleicht ist es das eis, das sämtliche gefühle dominiert, dazwischen viel leere. in dieser leere lässt regisseurin cilli drexel die figuren fast holzschnittartig agieren. das misstrauen und die distanz aller zu allen setzt sie bildlich um, wenn sie sich anschreien, wenn sie gifteln, wenn sie sich quälen bis aufs blut, dann tun sie das alles sehr oft auf grosse distanz, denn hier ist jede und jeder allein, stur, unbarmherzig, hart. kleiner einwand deshalb: dieser streit um ein erbe, einen hof, und die gier nach geld und liebe und sex wird durch den titel „verlangen“, den lisa wentz für ihre überschreibung gewählt hat, nur unzureichend erfasst, „gier“ trifft diese emotionalen explosionen eindeutig besser. im gegensatz zur amerikanischen vorlage wertet die autorin dafür die beiden frauen auf, agnes und mina: es geht ihnen hier nicht besser, doch man versteht besser, wie schlecht es ihnen geht. eugene o’neill goes tirol – das experiment ist absolut geglückt, auch dank einem hervorragenden ensemble.
Sonntag, 6. Oktober 2024
VENEZIA: IL MIRACOLO DI HELVETIA
man stellt sich den künstler als ziemlich hippen, ziemlich wilden mann vor, der dauernd unterwegs ist, an tausend orten gleichzeitig, und ununterbrochen notizen macht (skizzenbuch? tablet?), weil ihn die ideen nur so überfallen. denn was guerreiro do divino amor (brasilianische mutter, schweizer vater) im schweizer pavillon an der biennale in venedig anrichtet, ist die attacke einer überbordenden phantasie, der helle wahnsinn. inhalt? die ganze schweiz in 19 minuten und 34 sekunden! eine rauschhafte abhandlung über unsere identität: das publikum liegt im kreis in einem planetarium, verschneite bergspitzen fliegen vorüber, das bundeshaus, eine fettleibige nackte auf einer schaukel (helvetias jüngere schwester oder heidi als erwachsene?), ein roulettetisch, sommarugas legendäre 1.august-ansprache, immer wieder banknoten, mal schleicht sich die wilhelm-tell-ouverture an. mit mitteln von telenovelas, science fiction, musicclips und viel künstlicher intelligenz stellt der künstler die nationalen mythen und klischees hemmungslos aus, hinterfragt sie tief- und abgründig und rückt sie im zweiten raum auch noch in die nähe des altrömischen grössenwahns. mit "il miracolo di helvetia" ist guerreiro do divino amor ein grosser wurf gelungen, seine opulente videoorgie hält uns den spiegel vor und enthüllt den anderen ("stranieri ovunque - foreigners everywhere" lautet das biennale-motto) unsere wahre seele. dieses helvetische panoptikum ist witzig und kritisch und kitschig - und sorgt für auffallend viel geschmunzel im publikum. "abbiamo bisogno di svizzera" flimmert's am ende quer durch den sternenhimmel. klar, es braucht sie. nur, welche schweiz?
Freitag, 4. Oktober 2024
VENEZIA: WZWFFF BU BUUHH!
"tudududz tududz tudududhz....." boris, ein bärtiger älterer herr aus mariupol, wiederholt das geräusch noch einmal. es ist der sound des krieges. auf zwei grossen screens im polnischen pavillon an der biennale ahmen - in nahaufnahme gefilmt von marta czyż - auch halyna, anastasia, samir, inna, valerii und viele, viele andere die geräusche von kalaschnikows, panzern, mortar shellings, fliegerbomben nach und der text wird auch eingeblendet: "wzwfff bu buuhh!", "weee uuu mmm uuuuuu", "tududz", "bumbumbumbumbumbumbum", "sshhhhhh-s-s-s-shhh-sssh". dann wenden sie sich direkt ans publikum: "repeat after me." wiederholt das laut, damit ihr es hört, fordert boris, damit ihr es hört und nie mehr vergesst. denn unser krieg könnte auch euer krieg werden. vor den zwei screens stehen je acht mikrofone. "repeat after me." dann schweigen die ukrainerinnen und ukrainer. und kaum jemand im abgedunkelten raum wagt es, sich auf dieses karaoke des schreckens einzulassen. "this pavillon touched me the most", schrieb jemand ins gästebuch beim ausgang. ja, tatsächlich. - auf der grossen leinwand im österreichischen pavillon, nur ein paar schritte weiter, tanzen vier ukrainische ballerinen tschaikowskys "schwanensee". der lief im sowjet-tv immer, wenn die bevölkerung von heiklen politischen entwicklungen abgelenkt werden sollte. der subversive ansatz der vier ukrainerinnen: sie proben ihren "schwanensee" für den regimewechsel in moskau. im endlos-loop.
Mittwoch, 2. Oktober 2024
TRIESTE: AUF POETISCHEN PFADEN
bei den thurn und taxis auf schloss duino, einige kilometer ausserhalb von triest, gingen neben kaiser franz joseph I. und seiner sisi die grossen künstler ein und aus: victor hugo, franz liszt, mark twain, gabriele d'annunzio, richard strauss, paul valéry, rainer maria rilke. künstlerinnen? bedeutende frauen schienen eher nicht so gefragt zu sein in diesem europäischen salon. das schloss liegt spektakulär auf einem hohen felsen über der oberen adria, umgeben von prächtigen parkanlagen und terrassen mit grandiosem blick auf karst und klippen und das tiefblaue meer. ein wenig versteckt dann plötzlich ein schild: "la terrazza dove r. m. rilke ha scritto le elegie duinesi." hier also. angesichts dieser prachtskulisse schrieb rilke 1912: "das schöne ist nichts als des schrecklichen anfang." hier also kam er ins grübeln und dichten über die widersprüche des menschlichen daseins - und schuf mit diesen duineser elegien sein meisterwerk: "wer, wenn ich schriee, hörte mich...?" zu ehren des dichters wurde durch den pinienwald zwischen duino und sistiana über der 80 meter hohen küstenkante der "sentiero rilke" angelegt, ein wildromantischer pfad und eine wunderbare einladung, über diese melancholischen elegien zu meditieren, über rilkes wandeln zwischen verzweifeln und hoffen: "sollen nicht endlich uns diese ältesten schmerzen fruchtbarer werden?"