das „obwald“ abgesagt! kein „obwald“ am samstag, „nach rücksprache mit dem wetterdienst und den kantonalen behörden“. glück hatte also, wer sich bereits am donnerstag oder freitag in der waldlichtung bei giswil einfand. wir zum beispiel. zum start bereiten auf der grossen bühne zwei finnische frohnaturen wie geübte tv-köche in einer seelenruhe paistettu kuha zu, den gebratenen zander mit viel dill und schnittlauch, timo saari knallt einen ebenso rasanten wie raumgreifenden tanz auf die bretter, als würde er vom elch verfolgt, und lauri kotamäki erzählt auch mal mitten im spiel einen finnischen witz, ohne untertitel, und kugelt sich. spontan, schräg, neu für giswil. exakt so darf man sich die stimmung beim kaustisen kansanmusiikijuhlat vorstellen, dem finnischen pendant zum „obwald“, zu dem jahr für jahr 50´000 menschen pilgern. sie mögen als wortkarg gelten, diese menschen im hohen norden, ihren emotionen lassen sie dafür umso lieber beim festen und musizieren freien lauf. das beweisen die finnischen gäste mit einer eindrücklichen musikalischen palette jetzt auch hier: venla ilona blom gestaltet allein mit ihrer stimme ein spektakuläres naturschauspiel, wald und vogelgezwitscher, wind und wellen, hanna ryynänen verzaubert mit ihrer kastenzither, dem finnischen nationalinstrument, vom mäsä duo gibt´s eine teuflisch schnelle polka („die schnellste“, klar) und die drei frauen von surento berühren mit einem tieftraurigen klagelied aus karelien, das an der grenze zu russland des öftern schwierige zeiten erlebte. die schweizer formationen, das ist konzept beim „obwald“, gesellen sich immer wieder dazu, doch sie wirken diesmal eher wie eine etwas fade beilage. die musik der gäste hat eine andere tiefe, die finnische seele ist weit wie das land und steckt voller geheimnisse. finnland, die grosse liebe meiner frühen jahre, hat mich wieder. hei suomi.
Sonntag, 30. Juni 2024
Donnerstag, 27. Juni 2024
LUZERN: UMJUBELTER KARRIERESTART
der grosse moment im grossen konzertsaal, der ganz grosse moment für marie hasoňová (violine), mariya kostenko (klavier), tereza kotlánová (sopran), filipe dandalo modafferi (kontrabass) und mikalai semiankou (violine). die fünf absolvierten an der hochschule luzern musik den master-studiengang solo performance – früher: solistinnen-diplom. und jetzt also, grande finale, das abschlusskonzert der solistinnen und solisten mit, was für eine ehre, dem luzerner sinfonieorchester unter dem ebenfalls noch jungen gabriel venzago, und das nicht irgendwo, sondern, was für eine ehre, im kkl-konzertsaal, dem sich alle fünf mit ihrer virtuosität und ihrer musikalischen leidenschaft als absolut würdig erweisen. das ist kein vorspielen, sondern fürs publikum eine entdeckungsreise auf höchstem niveau. denn neben mozart und richard strauss werden auch werke aus musikalischen nischen geboten. der brasilianer filipe dandalo modafferi zum beispiel präsentiert das praktisch unbekannte konzert für kontrabass des tschechischen komponisten františek hertl, eine trouvaille aus dem jahr 1957, die das oft in den hintergrund verdammte instrument in all seinen facetten strahlen lässt, schwelgerisch, energisch, auch witzig, vieles gemahnt an den ventilierenden soundtrack eines tschechischen zeichentrickfilms und genauso herrlich verspielt tanzen modafferis elegante finger über die saiten, während er seinen bass, den er um einiges überragt, von hinten regelrecht umarmt. freuden fürs auge, freuden fürs ohr, ausnahmslos. diese junge energie, die bereit ist für den aufbruch zur grossen, internationalen karriere, steckt sicht- und hörbar auch die musikerinnen und musiker des orchesters an, sie zieht sich durch den ganzen abend. und als dann mariya kostenko den finalen akkord des phantastisch-pompösen fis-moll-klavierkonzerts von alexander skrjabin in die tasten haut: jubel allenthalben, jubel für die vielen grossen momente.
Dienstag, 25. Juni 2024
ENGELBERG: BACKSTAGE
engelberg hat 4619 einwohnerinnen und einwohner und 77 eingeschriebene vereine. einen davon gründeten vor nicht allzu langer zeit der umtriebige zürcher galerist peter kilchmann, der seit kindsbeinen mit engelberg verbunden ist, und die kuratorin dorothea strauss. er heisst „backstage engelberg“ und verfolgt das ziel, im klosterdorf diesen sommer während acht wochen internationale kunst zu präsentieren. das ist ambitioniert in der absicht und, so lässt sich nach dem startwochenende festhalten, beachtlich im resultat. backstage heisst hier: unscheinbare oder unbekannte orte, die den touristenmassen sonst eher verschlossen bleiben, werden mit kunst neu belebt – das ehemalige schlachthaus und der historische eiskeller am bänklialpweg, der dachboden im bellevue-terminus, das billett-hüsli der alten terrace-bahn, die verlotterte kegelbahn hinter dem hotel engelberg (mit zilla leuteneggers „zillagorilla“ besonders gfürchig) und, als absolutes bijou, das kleine schuhmacherhäuschen mitten im dorf, das seit 1996 ungenutzt ist, aber immer noch vollgestopft mit den ursprünglichen utensilien. 53 künstlerinnen und künstler aus 18 nationen liessen sich von den 21 lokalitäten zu mal überschwappenden und mal minimalistischen interventionen inspirieren. wir haben in einem mehrstündigen rundgang gerade mal die hälfte geschafft, das angebot reicht also für mehr als einen engelberg-trip. „backstage engelberg“ bietet eine faszinierende entdeckungsreise im doppelten sinn, zu teilweise hochkarätiger kunst einerseits, zu versteckten winkeln anderseits. hinter den kulissen ergeben sich neue perspektiven, oder wie es backstage-kuratorin dorothea strauss bei der vernissage formulierte: „das dahinter ist das neue vorne.“
Donnerstag, 20. Juni 2024
MÜNCHEN: VALENTINIADE
er hat brecht beeinflusst. er hat beckett beeinflusst („warten auf godot“). karl valentin, der als einfacher volkssänger in der münchner vorstadt au begann, prägte mit seinen aberwitzigen kurzdramen einen neuen stil, der den alltag mit dem weltuntergang verband, das granteln mit der puren panik, das dadaistische mit dem utopischen. „valentiniade – sportliches singspiel mit allen mitteln“ nennen der dramatiker michel decar und die regisseurin claudia bauer, beide mit bayrischen genen, ihr karl-valentin-kaleidoskop am münchner residenztheater, grosse hommage auf der grossen bühne. ein spiel-, tanz- und singwütiges achtköpfiges ensemble und eine formidable combo im hintergrund basteln einen faszinierenden valentin-bilderbogen, tummeln sich durch szenen und assoziationen: die legendäre orchesterprobe, der flug zum mond, das klagelied einer wirtshaussemmel. einiges wird nur angetippt, anderes wird bis zum bitteren ende ausgekostet („fremd ist der fremde nur in der fremde“). michel decar hat dazu geistreiche, um nicht zu sagen kongeniale monologe geschrieben, die valentin zitieren, ihn reflektieren, ihm eine heutige stimme geben, ihn weiterdenken – sein vermächtnis als permanente einladung, die welt, wie wir sie kennen, in frage zu stellen, „der ordnung die stirn zu bieten, die realität zu verneinen“. das komische wird zur therapeutischen flucht (hat georg seesslen einmal treffend geschrieben), doch ängste und verzweiflung kann es nicht nachhaltig übertünchen. kein wunder, landet der temporeiche abend immer wieder bei valentins tieftraurigen spaziergängen am rande des weltuntergangs: „versuchen sie ihn nicht zu verhindern, sondern zu geniessen. denn sie erleben keinen zweiten.“
Montag, 17. Juni 2024
ZÜRICH: DOS AND DON´TS
jakob schmid heisst jakob schmid, weil sein vater, jakob schmid, verhindern wollte, dass später einmal die stempel und drucksachen für die „jakob schmid herren- und kindermoden“ geändert werden müssen. nicht mal ein „jun.“ gönnte er dem sohn. ein name als sparmassnahme. er habe deshalb, erzählt der sohn, ein halbes leben lang das gefühl gehabt, er heisse „jakob schmid herren- und kindermoden“. wie soll man da zu einer eigenständigen persönlichkeit werden, einen individuellen weg finden? zusammen mit drei weiteren ü60, annette, beatrice und fred, steht jakob auf der bühne des theaters neumarkt. im rahmen der stückentwicklung „dos and don´ts“ erinnern sie sich an die sätze, die sie geprägt haben, die einengenden gefühle ihrer kindheit und jugend, die erwartungen. es sind oft traumatisierende erfahrungen: bettnässen („das machsch mer nie meh“), blutwurstessen („mer isst, was uf de tisch chond“), hippieröcke („so gosch mer ned us em huus“). „ich brauche grenzen“, sagt annette einmal, „bei uns gab es zu viele.“ das naturgemäss laientheaterhafte dieser übungsanlage bricht regisseur ron rosenberg gekonnt immer wieder, indem er den schwarzen tänzer challenge gumbodete, ensemblemitglied am neumarkt, im hautengen schwarzen und mit hellblauen crocs durch die szene streifen lässt, wie ein geheimnisvoller zauberer, ein wichtel zwischen nähe und distanz: mal säuselt er aus der ferne eine melancholische melodie, mal zwinkert er einer der seniorinnen zu, reicht einen joint oder flüstert gedankenverloren: „can we learn to live?“ was macht die rolle, die uns zugedacht wurde, mit uns – und was machen wir aus der rolle? als man sich als zuschauer gedanklich schon von der bühne zu entfernen und der eigenen biografie zuzuwenden beginnt, gibt uns der schwarze traumtänzer noch ein zart hingehauchtes „learn to forget“ mit auf den weg.
Donnerstag, 13. Juni 2024
LUZERN: HEMMIGE
mani matter scheint eine magnetische wirkung auszuüben, nach wie vor, denn so voll erlebte ich das luzerner theater lange nicht mehr. „hemmige“ heisst der abend, den der baselbieter choreograf muhammed kaltuk mit dem tanzensemble entwickelt hat, zu einer fulminanten tonspur von gabriel mareque, der zu den ohrwürmern, die uns alle seit der jugend begleiten, harte beats und dröhnendes cello mischt, laut, knallig, mani matter goes hiphop. viele im publikum schlucken dann erst mal leer, als auf der bühne zunächst ein haufen verkrüppelter gestalten tanzt, mit mechanisch-spastischen bewegungen, trostlos, hoffnungslos, endlos („dene wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit“). vom verschmitzt-sympathischen in den liedern bleibt hier wenig, kaltuk und mareque arbeiten sich zum kern vor, zu mani matters messerscharfen analysen der zustände: die kluft zwischen unterschiedlichen welten pusht ihre phantasie und damit auch die des publikums. mit ungebändigter energie liefert die tanztruppe einen permanenten kampf, sie hämmert und stampft, ein kampf zwischen gruppen, zwischen einzelnen. wer ausbrechen will, wer in eine andere welt vordringen will, hat kaum eine chance, auch kafka lässt grüssen. man sieht – hochemotional und hochexplosiv – den ausgeschlossenen, den geknechteten, den leidenden, den verlorenen menschen. das ist hardcore-mani-matter, das erinnert an eine passion und endet auch so: „und we me gseht, was hütt dr mönschheit droht, so gseht me würklech schwarz, nid nume rot, und was me no cha hoffen isch alei, dass sie hemmige hei.“ alle erstarren auf der bühne, black, schluss. uff! diese drastischen, düsteren choreografien könnte man sich bestens auch zu, beispielsweise, verdis requiem vorstellen. ein aufwühlender abgesang.
Dienstag, 11. Juni 2024
EINSIEDELN: BÄRFUSS´ WELTTHEATER
wo kann man sich für 135 franken wahlweise eine lungen- oder eine blasenentzündung holen? neun grad und regen versprechen die prognosen zum start des einsiedler welttheaters heute. die première findet statt. das klima auch. irgendwann wird der klimawandel vielleicht doch zu einem umdenken bei all den aufwändigen freilichtbespassungen führen, zu einer hinterfragung liebgewordener traditionen. das risiko für durchnässte, unterkühlte abende ist gross – und man hört in der ferne bereits das gejammer der veranstalter über klamme kassen. mein plan b: das welttheater, das lukas bärfuss fürs 100-jahr-jubiläum in einsiedeln verfasst hat, auf dem sofa lesen (rowohlt, 29.90). bärfuss denkt das barocke mysterienspiel von calderòn de la barca in saftiger mundart ins heute weiter; zu seiner mundart gehören auch permafrost und change management, downburst und crack. er konfrontiert zwei kinder, emanuela und pablo, mit den grossen fragen des lebens, es sind die selben wie vor 400 jahren: wer bin ich? wo gehöre ich hin? was ist meine rolle? die beiden begegnen den allegorischen figuren (vernunft, schönheit, reichtum) und die welt dreht sich um emanuela und pablo bis ihnen „ärdebodelos drümlig“ wird. der versuch, ein selbstbestimmtes leben zu führen, wird durch den lauf der dinge und seine zwänge immer wieder amputiert: „ds läbe isch nie was mir händ dänkt. und erscht wenn sie abgschpilt isch, verstönd mir eusi rolle.“ krieg und klima, ungerechtigkeit und utopie, das ganze spektrum fasst bärfuss in einen prallen und doch poetischen text, in dem – that´s real life – vieles ein mysterium bleibt: „d vernunft? die schlaft.“ nie wieder welttheater also? doch, doch. die einsiedlerinnen und einsiedler könnten ja zum beispiel statt vor auch in ihrer prächtigen kirche spielen. wäre gesünder, für sie und für uns.
Sonntag, 9. Juni 2024
LUZERN: DER CHOR TANZT MIT DEM TOD
24 menschen werden vom tod umgarnt und umarmt. im innenhof des ritterschen palastes in luzern hängt der totentanz, den – faktenlage unklar – ziemlich sicher jakob von wyl ziemlich sicher um 1610 gemalt hat, eine meisterhafte sequenz grossformatiger gemälde, öffentlich zugänglich (regierungsgebäude), doch gut versteckt in der obersten galerie. so läuft das mit dem tod, man hat ihn nicht gern vor augen. mehr darüber nachdenken, darüber reden, der konfrontation mit der endlichkeit nicht ausweichen – das ist das anliegen, das der chor luzern mit seinem neuen programm „der chor tanzt mit dem tod“ verfolgt. in unmittelbarer nähe der totentanz-bilder führen uns die 40 sängerinnen und sänger unter der leitung von daniela portmann musikalisch durch vier jahrhunderte, schütz, schumann, brahms, britten. es sind nicht einfach klagelieder, sondern bewegende zeugnisse einer intensiven auseinandersetzung mit trauer und abschied, hoffnung und zuversicht. gar mit witz nähert sich der tod den menschen im lübecker totentanz, den christov rolla zwischen den melodien geradezu schelmisch rezitiert: „heut heisst´s: nach meiner pfeife springen. (…) ich pfeif euch in gottes ewigen saal. ich pfeife so laut, dass jeder mich hört.“ schreie, ekstase und wortfetzen jagen dann in der „suite de lorca“ durch den raum, die der finnische komponist einojuhani rautavaara 1973 komponierte, zu gedichten federico garcia lorcas und inspiriert von der andalusischen volksmusik: hier wird die todesnähe durch die hallende akustik in diesem hohen innenhof beinahe physisch spürbar, es sind komplexe und expressive klangfolgen, bei denen der laienchor einmal mehr seine leidenschaft für aussergewöhnliche werke und sein absolut professionelles niveau beweist. überwältigend. eine meditation über den tod, mitten im sommer? unbedingt.
Montag, 3. Juni 2024
MÜNCHEN: FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE
immer wieder verliert jakob fabian den boden unter den füssen: mal dreht sich die drehbühne im münchner volkstheater gegen seine richtung, dann stolpert er endlos über treppen oder stürzt über eine riesige rutsche in die tiefe. es geht bergab mit fabian, es geht bergab mit der welt. erich kästners „der gang vor die hunde“ (1931), später überarbeitet als „fabian“, ist zeitpanorama und sozialdrama gleichermassen, der blick aufs grosse ganze schärft sich im blick auf ein einzelschicksal. im pulsierenden zwischenkriegsberlin – das sebastian pircher mit einer raumfüllenden video-orgie grandios hinzaubert – macht fabian gute propaganda für schlechte zigaretten, zieht durch strassen und betten, ohne ehrgeiz und ohne perspektiven, verliert seinen besten freund durch suizid und schliesslich auch den job. anton nürnberg spielt diesen anti-helden überaus differenziert, ein melancholiker mit einer zarten energie. und da er immer wieder wie ein zaungast auf sein eigenes leben blickt, gibt es ihn gleich doppelt, silas breiding umspielt ihn als alter ego, ein erhellender ansatz. alle suchen hier stabilität, wo es kaum welche gibt: was ist morgen? wie kann ich überleben? woher und wozu hoffnung? „der untergang europas ist unaufhaltsam“, sagt fabian einmal zu seinem freund. regisseur philipp arnold nahm das zum anlass, drei junge autorinnen und autoren aus belarus, litauen und der ukraine um neue texte zu beten, die kästners motive ins jetzt weiterspinnen. diese zeugnisse der verzweiflung im wartesaal europa werden nahtlos in die inszenierung eingebaut, berührend und bedrückend und in der parallelität zwischen damals und heute erschreckend: „der zukunft werden sacht die füsse kalt“, schrieb kästner vor 93 jahren.
Sonntag, 2. Juni 2024
BERLIN: WENN ICH STERBE.....
in bayern führt der dauerregen seit ein paar tagen zu jahrhundertüberschwemmungen, in berlin befinden sich mehrere männer seit wochen in einem hungerstreik. sie fordern, dass bundeskanzler olaf scholz in einer regierungserklärung sagt, dass die erderwärmung in die katastrophe führt. "wenn ich sterbe, hat scholz ein problem", sagt einer der streikenden in der wochen-taz. er könnte sich bald zu tode hungern. "wer, wenn nicht scholz, muss den menschen die wahrheit sagen?" fragt die mediensprecherin der hungerstreikenden. und zitiert dann ingeborg bachmann: "die wahrheit ist den menschen zumutbar."