Samstag, 29. April 2017

HAMBURG: MAHLER 8 IN DER ELPHI

elbphilharmonie. elphi. mein erstes mal. für ein seit monaten ausverkauftes konzert im letzten moment doch noch zwei tickets ergattert. das opus summum von gustav mahler im opus summum von herzog und de meuron: was für ein ort für dieses werk. die symphonie nr. 8 in es-dur von mahler beschäftigt ein orchester mit 135 musikerinnen und musikern, zwei konzertchöre und einen kinderchor, fünf solistinnen und drei solisten; sie wurde nach ihrer uraufführung 1910 deshalb auch symphonie der tausend genannt – und vom „spiegel“ „mahlers riesenschwarte“. „denken sie sich, dass das universum zu tönen und zu klingen beginnt“, sagte mahler selber; er verwob hier einen mittelalterlichen pfingsthymnus und die faust-schlussszene zu einem 90 minuten wabernden wunderwerk, das sämtliche themen des daseins streift und transzendiert und sämtliche musikalischen möglichkeiten und grenzen auslotet. schon bei den einleitenden tutti-takten („veni creator spiritus“) überzieht, spürbar, eine kollektive gänsehaut das publikum. es dirigiert der mahler-spezialist eliahu inbal, der kurzfristig für den erkrankten kent nagano einsprang, und es ist umwerfend, mit welcher konzentration und kraft der 81jährige diese kiste zusammenhält und wie er ohne ausgiebige vorbereitung diesen neuen und aussergewöhnlichen raum im griff hat und plastisch zu füllen vermag. die akustik? sie bringt dieses monumentale werk zum strahlen, das publikum hört nicht einfach, sondern wird gleichsam eingetaucht, wird teil des gewaltigen musikkosmos; einzig die ganz, ganz zarten passagen strahlen ein wenig zu grell. aber ob das an der akustik liegt? oder am orchester? am dirigenten? an meinem platz (bereich b, reihe 3, platz 8 – ziemlich vorne, ziemlich links, ziemlich nahe bei den violinen)? oder an meinen ohren? who knows? die gesamtwirkung wird dadurch keineswegs getrübt. diese phantastische musik in diesem phantastischen raum – ein wort dominiert danach im publikum: überwältigend.

Samstag, 22. April 2017

SANTA TERESA DI GALLURA: ACCABADORA

das cinema teatro von santa teresa ist gross, für ein kleines städtchen sogar sehr gross. und es ist sehr leer an diesem abend. zunächst sind wir nur vier leute, beim filmstart dann 17. erstaunlich, denn immerhin wird ein film gezeigt, der in sardinien spielt, ein bewegender heimatfilm: „accabadora“, der roman von michela murgia, verfilmt von enrico pau. es ist die geschichte einer frau, tzia bonaria, die in weiten schwarzen kleidern über die felder in die dörfer zieht, um menschen den todeskampf zu verkürzen. oft wird sie von familien gerufen, die sich dann irgendwo ins halbdunkel der häuser zurückziehen, wenn tzia bonaria das zimmer des hoffnungslos kranken betritt, die türe hinter sich schliesst, jesus am kreuz gegen die wand dreht und dann ihr handwerk als sterbehelferin verrichtet. donatella finocchiaro spielt diese frau ganz ergreifend, nicht als kalten engel, sondern wie eine in sich ruhende priesterin, die überzeugt und überzeugend eine erlösende zeremonie vollzieht. oft soll dies auch mit wissen und duldung der katholischen kirche geschehen sein. der film von enrico pau, der nie wertet, hat einen grossen atem, wie man ihn im kino nur noch selten erlebt: minutenlange einstellungen, landschaften, lichtspiele, sardische gesänge, stumme gesichter. auf diese weise wird dieser spielfilm zu einer langen, stillen meditation über unser verhältnis zu leben und tod. accabadoras soll es in sardinien bis in die fünfziger jahre des letzten jahrhunderts gegeben haben; in der offiziellen volkskunde allerdings, so verrät der abspann, sind sie bis heute inexistent. dieser film ist ein intimer blick in eine archaische vergangenheit.

Donnerstag, 20. April 2017

AGLIENTU: LENTICCHIE SARDE

olivenöl. zwiebel. linsen. wasser. salz. pfeffer. aubergine. radicchio. rotwein. salsiccia. petersilie. kümmel. minze. alles der reihe nach in einen topf.

Montag, 10. April 2017

LUZERN: LA TRAVIATA, TAUMEL ZUM TOD

„abbandonata in questo popoloso deserto che appellano parigi!“ sie fühlt sich verlassen, verloren, völlig einsam in dieser wüste namens paris. violetta valéry, die an tuberkulose erkrankte edelkurtisane aus giuseppe verdis „la traviata“, steht im luzerner theater die ganzen zweieinhalb stunden allein auf der vorbühne; alle anderen singen nur aus dem dunkel der oberen ränge des zuschauerraums, sind bloss stimmen in ihrem kopf, ferne erinnerungen, fieberträume. so radikal wie in benedikt von peters inszenierung für die staatsoper hannover, die er jetzt als intendant nach luzern übernommen hat, so radikal und so tief anrührend hat man diese oper noch nie gesehen. phänomenal gestaltet die amerikanische sopranistin nicole chevalier die rolle als rauschhaft erregten taumel zum tod. umgeben und immer wieder neu verführt von den requisiten ihres lebens – champagnergläser, luftschlangen, maquillage, die berühmte kamelie – keimt ihre sehnsucht nach echter liebe noch einmal auf, die sich mit alfredo zu erfüllen schien und dann durch dessen vater brutal gekappt wurde. zu verdis melodien, die clemens heil wunderbar warm und weich dirigiert und die immer irgendwo auch hoffnung auf ein besseres leben durchscheinen lassen, steigern sich ihre seelenqualen, sie irrt – brillant in allen stimmlichen schattierungen – wie eine wahnsinnige durch erlebtes und ersehntes, mal ruht sie, mal rast sie, nie kann sie sich diesem schlachtfeld der gedanken und gefühle entziehen. diese frau verzehrt sich für ihre utopie, erst der tod bringt ihr licht und erlösung. das sichtlich bewegte publikum bedankt sich bei der darstellerin, was in luzern ausgesprochen selten vorkommt, mit einer standing ovation. dieser monolog in der wüste von paris wird lange nachklingen.

Samstag, 8. April 2017

LUZERN: RUE DE BLAMAGE

der leichenwagen parkiert nachts um halb elf mitten auf dem trottoir. im fahlen licht hinter dem schaufenster steht bestattungsunternehmer mühlemann wie ein halbtoter. oder ein todesengel? was macht der da, nachts um halb elf? solche episoden hat der gebürtige luzerner filmemacher aldo gugolz für „rue de blamage“ an der baselstrasse zuhauf eingefangen. dass sich ein zentralschweizer dokumentarfilm mal nicht auf die spuren von sennen oder kindern in schattigen bergtälern begibt, ist ja an und für sich schon ein höchst löbliches ereignis. was zu beginn wie die zufällige aneinanderreihung kurzer baselstrasse-schnipsel wirkt, fügt sich allmählich zu einem grossartigen mosaik: die ganze welt auf den 750 metern zwischen kasernenplatz und kreuzstutz, die geschichten hinter den gesichtern. da ist daniele, der ex-junkie, der auf seinem schlafsack in einem parkhaus berührend von der liebe zu seinem vierjährigen sohn erzählt. da ist heinz, der strassenwischer, der modell steht für die drei meter hohe kreisel-skulptur am kreuzstutz und wert darauf legt, dass beim bauch noch ein wenig weggeschliffen wird. da ist die aus syrien geflüchtete frau, die sich vorwürfe macht, weil sie ihre tochter zurückgelassen hat. da ist connie, die in ihrer beach bar „95 prozent verheiratete männer“ erleichtert und der ein „putzsklave“ zugelaufen ist, der sich von ihr an der leine auf allen vieren durchs treppenhaus führen lässt und ihr in latex-vollmontur frottiertücher und bettlaken faltet. noch die allerschrägsten szenen begleitet gugolz mit allergrösster empathie. so haben auch wir die baselstrasse noch nicht gekannt. einer kommt regelmässig raus aus seiner dunklen wohnung und setzt sich mit dem gartenstuhl an die strasse. logenplatz. 30 stühle wurden ihm schon geklaut. er kauft immer wieder neue. es lohnt sich für dieses theater. rue de blamage. luzerns wildeste strasse ist auch luzerns farbigste strasse.

Donnerstag, 6. April 2017

BASEL: WILHELM TELL ALS REVOLUTIONS-RAP

singoh nketia alias dj fink hat seine laptops diskret im halbdunkel am rechten bühnenrand aufgebaut, doch er spielt in diesem „wilhelm tell“ am theater basel eine ganz zentrale rolle. mal gibt er den takt für schillers fünfhebige jamben fein wie ein metronom vor, mal sind es heftigere beats, die den schauspielern als rhythmische basis dienen: die 200 jahre alten blankverse geraten durch diesen strukturierten sound zu einer art poetry-slam – und die gefühlt 500 gymeler im publikum scheinen nachhaltig beeindruckt, wie heutig so ein klassiker klingen kann. ein tolles verdienst dieser aufführung. nicht nur akustisch, auch visuell haben regisseur stefan bachmann und bühnenbildner olaf altmann diesen abend stark strukturiert: ein waagrechter und ein senkrechter schacht bilden ein bühnenhohes kreuz. in diesen schmalen schächten winden sich die geknechteten urschweizer, können nicht aufrecht stehen, selbst den rütlischwur müssen sie in diesen beengten verhältnissen kniend leisten, was der eidgenössischen initiation allerdings auch eine neue, ganz und gar pathosfreie intimität verleiht. es ist ein ausgesprochen körperliches theater, das diesen alpinen kampf um freiheit, diese radikalisierung hin zur revolution eindrücklich illustriert. dass sich bruno cathomas als wilhelm tell aufführt wie gérard depardieu als obelix, stört zu beginn nicht wirklich. doch im letzten drittel verliert der abend auch sonst deutlich an dichte, zerfranst richtung pop (berta von bruneck als conchita-wurst-verschnitt), richtung variété (attinghausens tod als peterchens mondfahrt), richtung beliebigkeit (nicht nachvollziehbarer rollentausch zwischen tell und gessler). diese show-elemente ersticken das fein getaktete kammerspiel; nicht nur gessler liegt jetzt auf der verliererseite, auch der dj.

Montag, 3. April 2017

MÜNCHEN: ARIADNE AUF NAXOS

„völlig verstört torkeln tragik und komik durcheinander. ‚ariadne auf naxos‘ kann man nicht erklären – man kann sie nur vermeiden!“ so schrieb wolfgang körner 1985 bitterbös in „der einzig wahre opernführer“. er hat die inszenierung von robert carsen an der bayerischen staatsoper nicht gesehen, der das chaos ordnet und mit ausgeprägtem sinn für theatereffekte präzis das freilegt, was richard strauss und hugo von hofmannsthal mit ihrer „ariadne“ 1916 schufen: eine ebenso beschwingte wie tiefgründige studie über kunst und künstler, über liebe und leben, über traum und wirklichkeit. die bühne ist im ersten teil (vorspiel im palais des reichsten wieners) ein nüchterner ballettsaal, im zweiten teil (oper auf der „wüsten insel“ naxos) ein weiter leerer schwarzer raum: carsen mag dieses theater im theater, ermöglicht lust- und liebevoll blicke hinter die kulissen – und vor allem stellt er durch den konsequenten verzicht auf allen dekorativen bombast immer, immer die menschen und die musik ins zentrum. eine musik, die seria und buffa geradezu kammermusikalisch verwebt und von kirill petrenkos junger assistentin oksana lyniv mit phänomenaler zartheit dirigiert wird. und es ist schlicht hinreissend, wie die von theseus verlassene ariadne (karita mattila als stimmgewaltige tragödin), die italienische komödiantin zerbinetta (jane archibald mit grandios verspielten koloraturen) und der komponist (tara erraught, in ihrer verletzlichkeit berührend) über festklammern und loslassen – in der kunst, in der liebe – sinnen und singen, sich allein und gemeinsam den themen treue und vergänglichkeit immer wieder neu nähern und schliesslich darin kulminieren, dass verlust befreit. glücksmomente. „der einzig wahre opernführer“ muss dringend überarbeitet werden.

Donnerstag, 23. März 2017

ZÜRICH: DIE FLEDERMAUS, UNPLUGGED

„wir machen’s mit circa 80 musikern weniger als üblich!“ simon brusis als wunderbar überdrehter conférencier, dem es dann grössten spass macht, im weiteren verlauf des abends auch noch den advokaten dr. blind, den sturzbetrunkenen zellenschliesser frosch und adeles ziemlich tuntige schwester ida zu spielen, warnt das publikum gleich zu beginn: das wird hier keine handelsübliche „fledermaus“. 80 musiker weniger, nämlich genau zwei. und wie sich markus reschtnefki am klavier und mit gitarre und martin huber mit schlagwerk von pauke bis flasche johann strauss‘ walzerseligkeit erobern, um sie immer wieder auf die spitze zu treiben und aufs übelste, also grossartigste zu parodieren, das allein schon lohnt den gang ins theater neumarkt in zürich. operette wird hier normalerweise nicht gespielt und jetzt dafür radikal. ganz nach dem motto: wenn wir schon nicht singen können, dann aber wenigstens zünftig. frisch und frech und pointe um pointe demontiert regisseurin friederike heller mit dem siebenköpfigen ensemble den schönen schein – kurz: was sie immer schon über die feine wiener gesellschaft wissen wollten, hier bleibt ihnen nichts erspart, hier gibt’s neben dem lametta-regen die abgrundtiefen blicke hinter bademäntel und smokings, in décolletés und höschen, hier gibt’s intrigen und champagner à discretion und kokain für alle, „allerdings erst ab fünf“. der feine „ball beim prinzen orlofsky“ im zweiten akt ist hier kein ball, sondern eine orgie der gröberen sorte, wo nichts, wirklich gar nichts ausgelassen wird, dekadenz total. „die fledermaus unplugged“ quasi. ja, liebe leute, so war es wirklich, damals an der schönen blauen donau. oma diesmal vielleicht also doch eher dispensieren vom operettenbesuch.

Montag, 20. März 2017

MÜNCHEN: PASOLINIS SCHWEINESTALL

dreckgeschäfte während dem krieg, dreckgeschäfte nach dem krieg, schweinische verworfenheit. julian, der sohn des rüstungsindustriellen klotz, den pier paolo pasolini ziemlich unverblümt dem rüstungsindustriellen krupp nachempfunden hat, hält das alles nicht aus: die perversionen und verbrechen im imperium seines vaters, dessen widerlicher geschäftsfreund, ein ehemaliger kz-arzt, die mutter, die nur aus oberfläche besteht. mit "der schweinestall" ("porcile") schrieb pasolini 1966 eine bitterböse satire auf das kapitalistische nachkriegsdeutschland. der kroatische regisseur ivica buljan zeigt sie im marstall des münchner residenztheaters als knallbunten bilderbogen mit trash-kostümen und italo-schnulzen – ohne ihr allerdings die provokative schärfe zu nehmen. im gegenteil: er verdeutlicht, wie sehr der tanz auf dem vulkan auch in zeiten der zunehmenden globalisierung der ultimative modetanz geblieben ist. das grosse welttheater also. und julian? philip dechamps spielt ihn als zunächst abgekehrten, dann zunehmend angewiderten und verzweifelten jungen mann, der den vielfältigen albträumen mit heissblütigen monologen begegnet, um schliesslich – blass und nackt – wärme und widerstand nur noch bei den schweinen im stall zu finden. pasolini schickt, hübscher theatertrick, den philosophen spinoza zu julian in den koben, hier sibylle canonica mit funkelnden augen und roter mähne ganz grossartig als kritischer und warmherziger lehrer und freund. er kommt zu spät. am ende wird julian von den schweinen aufgefressen. musik! scheinwerfer! showtime! die drei schweine sind echt.

Sonntag, 19. März 2017

MÜNCHEN: TAGE DER DUNKELHEIT

ein grauenvoller, herzzerreissender schrei beendet die „tage der dunkelheit“ am münchner volkstheater. es ist der schrei von ghandari. der schrei einer mutter. vor ihr, zwischen zwei wie vom blitz gespaltenen riesigen metallplatten, die auf der kleinen bühne das schlachtfeld bilden, liegt ihr ältester sohn duryodhana, mit zerschmetterten lenden, sterbend. im letzten quälenden schmerz stammelt er noch: „das ist die folge unersättlicher gier.“ die blutgetränkte rivalität der kauravas und der pandavas, eine episode nur im unerschöpflichen mahabharata, veranlasste den indischen dramatiker bhasa im 5.jahrhundert zu einem einakter, den der junge indische regisseur sankar venkateswaran am volkstheater mit einer schauspielerin und fünf schauspielern als mehrstimmiges klagelied inszeniert. ist es möglich, den ozean von blut zu überwinden? sie beklagen die rache und die regelverstösse, sie beklagen die schlachten und die parteilichkeit des gottes krishna. sie beklagen das alles, ohne ihm entrinnen zu können. gerade mal 50 minuten dauert das stück und wirkt doch in seiner dramatischen und politischen wucht wie ein abendfüllendes epos. in wechselnden rollen sind die jungen männer handelnde und beobachtende, mal haben sie wie gierige tiger das feuer der kämpfer in den augen, mal die tränen der opfer. durch die von den - sichtlich mitgenommenen - jungs mit gewalt geladene atmosphäre irrlichtert ghandari, die mutter, wie eine blinde seherin, wie eine braut des todes: „was übrig blieb, war krieg. seit siebzehn tagen tobt der kampf. heute ist der achtzehnte.“

Donnerstag, 16. März 2017

BEIJING: SILBERSALZ GEGEN WOLKENFÄUSTE

„erst wochen später, und nur als ein von vielen widersprüchen durchzogenes gerücht, sollte in der purpurstadt und am ende selbst in den gassen von beijing geflüstert werden, dass es die astrologen gewesen waren, die astrologen!, die eine drohende widerlegung ihrer günstigen wetterprognose abwehren wollten, indem sie feuerwerksraketen mit silbersalz befüllt und damit eine tagelang vor den höhenzügen des shan-gebirges gestaute wolkenwand beschossen hatten. das hoch über den gipfeln am himmel ausgesäte silbersalz sollte die wolkenfäuste öffnen und regen, hagel, schnee oder was immer sie enthielten, weit vor der stadt und vor allem: weit vor den augen des erhabenen, herabrauschen, hageln oder schneien lassen. aber wie von den krachenden, im tageslicht blass wie wasserzeichen an den himmel gekritzelten feuerwerksgarben angezogen, hatte sich zu den von felswänden und aus den schluchten des shan-gebirges schlagenden echos der explosionen ein böiger wind erhoben, der die schneeschauer noch hoch über dem erdboden verdichtete und davontrug, bis in die himmelsareale über der verbotenen stadt – und seine kristalline fracht erst dort endlich los und fallen liess.“ (christoph ransmayr, "cox oder der lauf der zeit", s. fischer, s.56) – wieder mal so ein exzellentes stück literatur, vor dessen sprachmacht und -reichtum man in ehrfurcht erstarrt und nur eines zu denken vermag: ich schreibe nie wieder einen satz.

Montag, 13. März 2017

MÜNCHEN: NŌ THEATER

immer wieder wird die tokioter u-bahn-station roppongi, die dominic huber auf die bühne der münchner kammerspiele gebaut hat, in psychedelisches grün und lila getaucht. dann erscheint aus dem hintergrund schleichend stefan merki, macht zur heulenden musik von kazuhisa uchihashi eigenartige schlurfschritte, rudert zeitlupenartig mit den armen und deklamiert dazu japanische wirtschaftsgeschichte: plaza-abkommen, bubble economy, staatsanleihen, lost decades. merki ist der geist eines investmentbankers, der sich hier vor die u-bahn geworfen hat und bei einem jungen passanten jetzt vergebung sucht für seine sündenfälle. während die worte wikipediamässig klingen, haben die bewegungsmuster von geist und jungem mann etwas ungewohntes, undurchschaubares, einlullendes. das nō theater ist ein theater der übergänge; geister suchen mit kollektiven erinnerungen aufgeladene orte und verunsichern mit kryptischen anspielungen. regisseur toshiki okada führt diese stark strukturierte traditionelle form an den kammerspielen mit neuem inhalt und europäischen schauspielern eindrücklich zusammen. nach dem schräg-witzigen intermezzo (ebenfalls fixes nō-element), in dem anna drexler die u-bahn-station und das publikum lustvoll an verschiedenen varianten des rollen-lernens teilhaben lässt, taucht im zweiten teil der „geist des feminismus“ auf: eine politikerin, die im parlament von tokio bessere unterstützung für schwangere und mütter forderte, weil das land sonst keinen nachwuchs und keine zukunft habe – und dafür mit sexistischen zwischenrufen niedergemacht wurde. sie steht da, kalt, aseptisch, ein dunkler engel. alles in allem eine ausgesprochen depressive bilanz für japan: „über 30 jahre hat sich dieser ort in eine wüste verwandelt.“ ich war noch nie in japan. ich sah nō theater noch nie im original. ich habe keine vergleichsmöglichkeiten. geister habe ich mir bis jetzt eindeutig sinnlicher vorgestellt.

Sonntag, 12. März 2017

MÜNCHEN: JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN

die einzigen warmen worte im ganzen stück kommen von rovo (jeff wilbusch), dem geistig behinderten jungen, in dem alle nur den dorfdeppen sehen. in seiner grenzenlosen verzweiflung lehnt er sich im unterholz an abram (katja bürkle), den alle nur „du schwule drecksau“ nennen. er fühlt sich wohl bei ihm und sagt ihm das auch. sonst: in jeder ecke dieses dorfes nur missgunst und kleinkrieg, in jedem gesicht verbitterung, in jeder bemerkung kaltherzigkeit („und ich dachte, der ganze dreck mit dir sei liebe“, „hätt´ ich dich doch gleich nach der geburt erwürgt“). martin kušej inszenierte martin sperrs „jagdszenen aus niederbayern“ vor zwei jahren an den münchner kammerspielen und übernahm sie jetzt an sein residenztheater. er strich das „nieder“ aus dem stücktitel (reinöd ist überall) und beginnt die szenenfolge von hinten, wo die dorfgemeinschaft den aussenseiter abram jagt und erschiesst; in abweichung zum original, wo er eingesperrt wird. bayern unmittelbar nach dem krieg, jeder gegen jeden, opfer als täter als opfer. kušej illustriert „das phänomen der jagbarkeit des menschen“ mit archaischen bildern: eine dunkle bretterwand, eine weiss getünchte mauer, bedrohliche schlagschatten, viel blut von tieren und menschen – und dazwischen fallen die einzelnen sätze wie axthiebe. axthiebe. axthiebe. die metzgerin, der knecht, die dorfhure, die kriegswitwe, alle säen und ernten rotz und mist und niedertracht. „ich komme aus exakt einem solchen dorf und kenne das alles zu genau“, wird kušej auf der ersten seite im programmheft zitiert. es ist ein kosmos, den wir kennen müssen, wenn wir uns kennen wollen.

Donnerstag, 9. März 2017

WIEN: VERGESST ARTHOUSE

josef hader, kabarettphilosoph, schauspieler und neuerdings auch filmregisseur ("wilde maus") skizziert für die "süddeutsche zeitung" den typischen österreichischen arthouse-film: "demenzkranker ehemaliger kz-kommandant hält ein kind im keller gefangen. und vergisst es."

Donnerstag, 2. März 2017

BASEL: DON GIOVANNI IN DER DACKELKACKE

was bei diesem „don giovanni“ am theater basel zuerst stört: das hässlichste bühnenbild seit mindestens mozarts tod, schäbige dunkelgraue stellwände und dutzende von schäbigen dunkelbraun lackierten türen, der ganze abend wird auf diese weise in die modefarbe dackelkacke getaucht – und das für „die oper aller opern“ (e.t.a. hoffmann). was zweitens stört: mit seinem berüchtigten applaudierzwang (xeirokrotorrhoe, siehe auch 19.1.2014) zerlegt das basler publikum leporellos registerarie an der falschesten stelle in zwei teile; biagio pizzutis meisterlicher gesang wird zerklatscht und zerhackt. was drittens stört: chefdirigent erik nielsen kämpft den ganzen abend mit der koordination zwischen den solisten oben auf der bühne und dem orchester unten (oder kämpft er gar nicht?). daneben allerdings viel freude! ein bezaubernd junges und attraktives ensemble lässt sich von regisseur richard jones zu höchstleistungen animieren. noch nie haben wir donna anna, donna elvira und zerlina so vielschichtig erlebt, die ganze ambivalenz der verführten erleidend, vom verzehrenden zum verzweifelnden und wieder zurück. und der erst 25jährige mailänder bass riccardo fassi als don giovanni ist schlicht hinreissend, tolle stimme, tolle figur, süchtig nicht bloss nach den frauen, ihren düften, ihrer wärme, ihrer haut, sondern süchtig auch nach den nebenwirkungen: immer wieder tritt er in den hintergrund und betrachtet geniesserisch das emotionale chaos, das er mit seinen affären überall anrichtet. den finalen höllensturz tritt der elegante schuft hier konsequenterweise gar nicht selber an, sondern schickt seinen diener vor. und amüsiert sich weiter. das erotische prinzip überlebt die ganze dackelkacke.