elbphilharmonie.
elphi. mein erstes mal. für ein seit monaten ausverkauftes konzert im letzten
moment doch noch zwei tickets ergattert. das opus summum von gustav mahler im
opus summum von herzog und de meuron: was für ein ort für dieses werk. die
symphonie nr. 8 in es-dur von mahler beschäftigt ein orchester mit 135
musikerinnen und musikern, zwei konzertchöre und einen kinderchor, fünf
solistinnen und drei solisten; sie wurde nach ihrer uraufführung 1910 deshalb auch
symphonie der tausend genannt – und vom „spiegel“ „mahlers riesenschwarte“. „denken
sie sich, dass das universum zu tönen und zu klingen beginnt“, sagte mahler
selber; er verwob hier einen mittelalterlichen pfingsthymnus und die
faust-schlussszene zu einem 90 minuten wabernden wunderwerk, das sämtliche
themen des daseins streift und transzendiert und sämtliche musikalischen
möglichkeiten und grenzen auslotet. schon bei den einleitenden tutti-takten („veni
creator spiritus“) überzieht, spürbar, eine kollektive gänsehaut das publikum.
es dirigiert der mahler-spezialist eliahu inbal, der kurzfristig für den
erkrankten kent nagano einsprang, und es ist umwerfend, mit welcher konzentration
und kraft der 81jährige diese kiste zusammenhält und wie er ohne ausgiebige
vorbereitung diesen neuen und aussergewöhnlichen raum im griff hat und
plastisch zu füllen vermag. die akustik? sie bringt
dieses monumentale werk zum strahlen, das publikum hört nicht einfach, sondern
wird gleichsam eingetaucht, wird teil des gewaltigen musikkosmos; einzig die
ganz, ganz zarten passagen strahlen ein wenig zu grell. aber ob das an der
akustik liegt? oder am orchester? am dirigenten? an meinem platz (bereich b,
reihe 3, platz 8 – ziemlich vorne, ziemlich links, ziemlich nahe bei den
violinen)? oder an meinen ohren? who knows? die gesamtwirkung wird dadurch
keineswegs getrübt. diese phantastische musik in diesem phantastischen raum –
ein wort dominiert danach im publikum: überwältigend.
Samstag, 29. April 2017
Samstag, 22. April 2017
SANTA TERESA DI GALLURA: ACCABADORA
das
cinema teatro von santa teresa ist gross, für ein kleines städtchen sogar sehr
gross. und es ist sehr leer an diesem abend. zunächst sind wir nur vier leute,
beim filmstart dann 17. erstaunlich, denn immerhin wird ein film gezeigt, der
in sardinien spielt, ein bewegender heimatfilm: „accabadora“, der roman von
michela murgia, verfilmt von enrico pau. es ist die geschichte einer frau, tzia
bonaria, die in weiten schwarzen kleidern über die felder in die dörfer zieht, um
menschen den todeskampf zu verkürzen. oft wird sie von familien gerufen, die
sich dann irgendwo ins halbdunkel der häuser zurückziehen, wenn tzia bonaria
das zimmer des hoffnungslos kranken betritt, die türe hinter sich schliesst,
jesus am kreuz gegen die wand dreht und dann ihr handwerk als sterbehelferin
verrichtet. donatella finocchiaro spielt diese frau ganz ergreifend, nicht als
kalten engel, sondern wie eine in sich ruhende priesterin, die überzeugt und
überzeugend eine erlösende zeremonie vollzieht. oft soll dies auch mit wissen
und duldung der katholischen kirche geschehen sein. der film von enrico pau, der nie wertet, hat
einen grossen atem, wie man ihn im kino nur noch selten erlebt: minutenlange
einstellungen, landschaften, lichtspiele, sardische gesänge, stumme gesichter. auf diese weise wird dieser spielfilm zu einer langen, stillen
meditation über unser verhältnis zu leben und tod. accabadoras soll es in
sardinien bis in die fünfziger jahre des letzten jahrhunderts gegeben haben; in
der offiziellen volkskunde allerdings, so verrät der abspann, sind sie bis
heute inexistent. dieser film ist ein intimer blick in eine archaische
vergangenheit.
Donnerstag, 20. April 2017
AGLIENTU: LENTICCHIE SARDE
olivenöl. zwiebel. linsen. wasser. salz. pfeffer. aubergine. radicchio. rotwein. salsiccia. petersilie. kümmel. minze. alles der reihe nach in einen topf.
Montag, 10. April 2017
LUZERN: LA TRAVIATA, TAUMEL ZUM TOD
„abbandonata
in questo popoloso deserto che appellano parigi!“ sie fühlt sich verlassen,
verloren, völlig einsam in dieser wüste namens paris. violetta valéry, die an
tuberkulose erkrankte edelkurtisane aus giuseppe verdis „la traviata“, steht im
luzerner theater die ganzen zweieinhalb stunden allein auf der vorbühne; alle
anderen singen nur aus dem dunkel der oberen ränge des zuschauerraums, sind
bloss stimmen in ihrem kopf, ferne erinnerungen, fieberträume. so radikal wie
in benedikt von peters inszenierung für die staatsoper hannover, die er jetzt
als intendant nach luzern übernommen hat, so radikal und so tief anrührend hat man
diese oper noch nie gesehen. phänomenal gestaltet die amerikanische sopranistin
nicole chevalier die rolle als rauschhaft erregten taumel zum tod. umgeben und
immer wieder neu verführt von den requisiten ihres lebens – champagnergläser, luftschlangen,
maquillage, die berühmte kamelie – keimt ihre sehnsucht nach echter liebe noch
einmal auf, die sich mit alfredo zu erfüllen schien und dann durch dessen vater
brutal gekappt wurde. zu verdis melodien, die clemens heil wunderbar warm und
weich dirigiert und die immer irgendwo auch hoffnung auf ein besseres leben
durchscheinen lassen, steigern sich ihre seelenqualen, sie irrt – brillant in
allen stimmlichen schattierungen – wie eine wahnsinnige durch erlebtes und
ersehntes, mal ruht sie, mal rast sie, nie kann sie sich diesem schlachtfeld
der gedanken und gefühle entziehen. diese frau verzehrt sich für ihre utopie, erst
der tod bringt ihr licht und erlösung. das sichtlich bewegte publikum bedankt
sich bei der darstellerin, was in luzern ausgesprochen selten vorkommt, mit
einer standing ovation. dieser monolog in der wüste von paris wird lange
nachklingen.
Samstag, 8. April 2017
LUZERN: RUE DE BLAMAGE
der
leichenwagen parkiert nachts um halb elf mitten auf dem trottoir. im fahlen licht hinter dem schaufenster steht
bestattungsunternehmer mühlemann wie ein halbtoter. oder ein todesengel? was
macht der da, nachts um halb elf? solche episoden hat der
gebürtige luzerner filmemacher aldo gugolz für „rue de blamage“ an der baselstrasse zuhauf eingefangen. dass
sich ein zentralschweizer dokumentarfilm mal nicht auf die spuren von sennen
oder kindern in schattigen bergtälern begibt, ist ja an und für sich schon ein
höchst löbliches ereignis. was zu beginn wie die zufällige aneinanderreihung
kurzer baselstrasse-schnipsel wirkt, fügt sich allmählich zu einem grossartigen
mosaik: die ganze welt auf den 750
metern zwischen kasernenplatz und kreuzstutz, die geschichten hinter den gesichtern. da ist daniele, der ex-junkie,
der auf seinem schlafsack in einem parkhaus berührend von der liebe zu
seinem vierjährigen sohn erzählt. da ist heinz, der strassenwischer,
der modell steht für die drei meter hohe kreisel-skulptur am kreuzstutz und
wert darauf legt, dass beim bauch noch ein wenig weggeschliffen wird. da
ist die aus syrien geflüchtete frau, die sich vorwürfe macht, weil sie ihre
tochter zurückgelassen hat. da ist connie, die in ihrer beach bar „95 prozent
verheiratete männer“ erleichtert und der ein „putzsklave“ zugelaufen ist, der
sich von ihr an der leine auf allen vieren durchs treppenhaus führen lässt und
ihr in latex-vollmontur frottiertücher und bettlaken faltet. noch die
allerschrägsten szenen begleitet gugolz mit allergrösster empathie. so
haben auch wir die baselstrasse noch nicht gekannt. einer kommt regelmässig
raus aus seiner dunklen wohnung und setzt sich mit dem gartenstuhl an die
strasse. logenplatz. 30 stühle wurden ihm schon geklaut. er kauft immer wieder
neue. es lohnt sich für dieses theater. rue de blamage. luzerns
wildeste strasse ist auch luzerns farbigste strasse.
Donnerstag, 6. April 2017
BASEL: WILHELM TELL ALS REVOLUTIONS-RAP
singoh
nketia alias dj fink hat seine laptops diskret im halbdunkel am rechten
bühnenrand aufgebaut, doch er spielt in diesem „wilhelm tell“ am theater basel
eine ganz zentrale rolle. mal gibt er den takt für schillers fünfhebige jamben fein wie ein metronom vor, mal sind es heftigere beats, die
den schauspielern als rhythmische basis dienen: die 200 jahre alten blankverse
geraten durch diesen strukturierten sound zu einer art poetry-slam – und die gefühlt
500 gymeler im publikum scheinen
nachhaltig beeindruckt, wie heutig so ein klassiker klingen kann. ein tolles verdienst dieser aufführung. nicht nur akustisch, auch
visuell haben regisseur stefan bachmann und bühnenbildner olaf altmann diesen
abend stark strukturiert: ein waagrechter und ein senkrechter schacht bilden
ein bühnenhohes kreuz. in diesen schmalen schächten winden sich die
geknechteten urschweizer, können nicht aufrecht stehen, selbst den rütlischwur
müssen sie in diesen beengten verhältnissen kniend leisten, was der
eidgenössischen initiation allerdings auch eine neue, ganz und gar pathosfreie
intimität verleiht. es ist ein ausgesprochen körperliches theater, das diesen
alpinen kampf um freiheit, diese radikalisierung hin zur revolution
eindrücklich illustriert. dass sich bruno cathomas als wilhelm tell aufführt
wie gérard depardieu als obelix, stört zu beginn nicht wirklich. doch im
letzten drittel verliert der abend auch sonst deutlich an dichte, zerfranst
richtung pop (berta von bruneck als conchita-wurst-verschnitt), richtung
variété (attinghausens tod als peterchens mondfahrt), richtung beliebigkeit
(nicht nachvollziehbarer rollentausch zwischen tell und gessler). diese
show-elemente ersticken das fein getaktete kammerspiel; nicht nur gessler liegt
jetzt auf der verliererseite, auch der dj.
Montag, 3. April 2017
MÜNCHEN: ARIADNE AUF NAXOS
„völlig
verstört torkeln tragik und komik durcheinander. ‚ariadne auf naxos‘ kann man
nicht erklären – man kann sie nur vermeiden!“ so schrieb wolfgang körner 1985
bitterbös in „der einzig wahre opernführer“. er hat die inszenierung von robert
carsen an der bayerischen staatsoper nicht gesehen, der das chaos ordnet und mit
ausgeprägtem sinn für theatereffekte präzis das freilegt, was richard strauss
und hugo von hofmannsthal mit ihrer „ariadne“ 1916 schufen: eine ebenso
beschwingte wie tiefgründige studie über kunst und künstler, über liebe und
leben, über traum und wirklichkeit. die bühne ist im ersten teil (vorspiel im
palais des reichsten wieners) ein nüchterner ballettsaal, im zweiten teil (oper
auf der „wüsten insel“ naxos) ein weiter leerer schwarzer raum: carsen mag
dieses theater im theater, ermöglicht lust- und liebevoll blicke hinter die
kulissen – und vor allem stellt er durch den konsequenten verzicht auf allen
dekorativen bombast immer, immer die menschen und die musik ins zentrum. eine
musik, die seria und buffa geradezu kammermusikalisch verwebt und von kirill
petrenkos junger assistentin oksana lyniv mit phänomenaler zartheit dirigiert
wird. und es ist schlicht hinreissend, wie die von theseus verlassene ariadne
(karita mattila als stimmgewaltige tragödin), die italienische komödiantin zerbinetta
(jane archibald mit grandios verspielten koloraturen) und der komponist (tara
erraught, in ihrer verletzlichkeit berührend) über festklammern und loslassen –
in der kunst, in der liebe – sinnen und singen, sich allein und gemeinsam den
themen treue und vergänglichkeit immer wieder neu nähern und schliesslich darin
kulminieren, dass verlust befreit. glücksmomente. „der einzig wahre opernführer“
muss dringend überarbeitet werden.
Donnerstag, 23. März 2017
ZÜRICH: DIE FLEDERMAUS, UNPLUGGED
„wir
machen’s mit circa 80 musikern weniger als üblich!“ simon brusis als wunderbar
überdrehter conférencier, dem es dann grössten spass macht, im weiteren verlauf
des abends auch noch den advokaten dr. blind, den sturzbetrunkenen
zellenschliesser frosch und adeles ziemlich tuntige schwester ida zu spielen,
warnt das publikum gleich zu beginn: das wird hier keine handelsübliche
„fledermaus“. 80 musiker weniger, nämlich genau zwei. und wie sich markus
reschtnefki am klavier und mit gitarre und martin huber mit schlagwerk von
pauke bis flasche johann strauss‘ walzerseligkeit erobern, um sie immer wieder
auf die spitze zu treiben und aufs übelste, also grossartigste zu parodieren,
das allein schon lohnt den gang ins theater neumarkt in zürich. operette wird
hier normalerweise nicht gespielt und jetzt dafür radikal. ganz nach dem motto:
wenn wir schon nicht singen können, dann aber wenigstens zünftig. frisch und
frech und pointe um pointe demontiert regisseurin friederike heller mit dem
siebenköpfigen ensemble den schönen schein – kurz: was sie immer schon über die
feine wiener gesellschaft wissen wollten, hier bleibt ihnen nichts erspart,
hier gibt’s neben dem lametta-regen die abgrundtiefen blicke hinter bademäntel
und smokings, in décolletés und höschen, hier gibt’s intrigen und champagner à
discretion und kokain für alle, „allerdings erst ab fünf“. der feine „ball beim
prinzen orlofsky“ im zweiten akt ist hier kein ball, sondern eine orgie der
gröberen sorte, wo nichts, wirklich gar nichts ausgelassen wird, dekadenz
total. „die fledermaus unplugged“ quasi. ja, liebe leute, so war es wirklich, damals an der schönen
blauen donau. oma diesmal vielleicht also doch eher dispensieren vom
operettenbesuch.
Montag, 20. März 2017
MÜNCHEN: PASOLINIS SCHWEINESTALL
dreckgeschäfte
während dem krieg, dreckgeschäfte nach dem krieg, schweinische verworfenheit.
julian, der sohn des rüstungsindustriellen klotz, den pier paolo pasolini
ziemlich unverblümt dem rüstungsindustriellen krupp nachempfunden hat, hält das
alles nicht aus: die perversionen und verbrechen im imperium seines vaters,
dessen widerlicher geschäftsfreund, ein ehemaliger kz-arzt, die mutter, die nur
aus oberfläche besteht. mit "der schweinestall" ("porcile") schrieb pasolini 1966 eine
bitterböse satire auf das kapitalistische nachkriegsdeutschland. der kroatische
regisseur ivica buljan zeigt sie im marstall des münchner residenztheaters als
knallbunten bilderbogen mit trash-kostümen und italo-schnulzen – ohne ihr
allerdings die provokative schärfe zu nehmen. im gegenteil: er verdeutlicht,
wie sehr der tanz auf dem vulkan auch in zeiten der zunehmenden globalisierung
der ultimative modetanz geblieben ist. das grosse welttheater also. und julian?
philip dechamps spielt ihn als zunächst abgekehrten, dann zunehmend angewiderten
und verzweifelten jungen mann, der den vielfältigen albträumen mit heissblütigen
monologen begegnet, um schliesslich – blass und nackt – wärme und widerstand
nur noch bei den schweinen im stall zu finden. pasolini schickt, hübscher
theatertrick, den philosophen spinoza zu julian in den koben, hier sibylle
canonica mit funkelnden augen und roter mähne ganz grossartig als kritischer
und warmherziger lehrer und freund. er kommt zu spät. am ende wird julian von
den schweinen aufgefressen. musik! scheinwerfer! showtime! die drei schweine
sind echt.
Sonntag, 19. März 2017
MÜNCHEN: TAGE DER DUNKELHEIT
ein
grauenvoller, herzzerreissender schrei beendet die „tage der dunkelheit“ am
münchner volkstheater. es ist der schrei von ghandari. der schrei einer mutter.
vor ihr, zwischen zwei wie vom blitz gespaltenen riesigen metallplatten, die
auf der kleinen bühne das schlachtfeld bilden, liegt ihr ältester sohn
duryodhana, mit zerschmetterten lenden, sterbend. im letzten quälenden schmerz
stammelt er noch: „das ist die folge unersättlicher gier.“ die blutgetränkte
rivalität der kauravas und der pandavas, eine episode nur im unerschöpflichen
mahabharata, veranlasste den indischen dramatiker bhasa im 5.jahrhundert zu
einem einakter, den der junge indische regisseur sankar venkateswaran am
volkstheater mit einer schauspielerin und fünf schauspielern als mehrstimmiges
klagelied inszeniert. ist es möglich, den ozean von blut zu überwinden? sie
beklagen die rache und die regelverstösse, sie beklagen die schlachten und die
parteilichkeit des gottes krishna. sie beklagen das alles, ohne ihm entrinnen
zu können. gerade mal 50 minuten dauert das stück und wirkt doch in seiner
dramatischen und politischen wucht wie ein abendfüllendes epos. in wechselnden
rollen sind die jungen männer handelnde und beobachtende, mal haben sie wie
gierige tiger das feuer der kämpfer in den augen, mal die tränen der opfer. durch
die von den - sichtlich mitgenommenen - jungs mit gewalt geladene atmosphäre
irrlichtert ghandari, die mutter, wie eine blinde seherin, wie eine braut des
todes: „was übrig blieb, war krieg. seit siebzehn tagen tobt der kampf. heute
ist der achtzehnte.“
Donnerstag, 16. März 2017
BEIJING: SILBERSALZ GEGEN WOLKENFÄUSTE
„erst wochen später, und nur als ein
von vielen widersprüchen durchzogenes gerücht, sollte in der purpurstadt und am
ende selbst in den gassen von beijing geflüstert werden, dass es die astrologen
gewesen waren, die astrologen!, die eine drohende widerlegung ihrer günstigen
wetterprognose abwehren wollten, indem sie feuerwerksraketen mit silbersalz
befüllt und damit eine tagelang vor den höhenzügen des shan-gebirges gestaute
wolkenwand beschossen hatten. das hoch über den gipfeln am himmel ausgesäte
silbersalz sollte die wolkenfäuste öffnen und regen, hagel, schnee oder was
immer sie enthielten, weit vor der stadt und vor allem: weit vor den augen des
erhabenen, herabrauschen, hageln oder schneien lassen. aber wie von den
krachenden, im tageslicht blass wie wasserzeichen an den himmel gekritzelten
feuerwerksgarben angezogen, hatte sich zu den von felswänden und aus den
schluchten des shan-gebirges schlagenden echos der explosionen ein böiger wind
erhoben, der die schneeschauer noch hoch über dem erdboden verdichtete und
davontrug, bis in die himmelsareale über der verbotenen stadt – und seine
kristalline fracht erst dort endlich los und fallen liess.“ (christoph ransmayr,
"cox oder der lauf der zeit", s. fischer, s.56) – wieder mal so ein exzellentes stück literatur,
vor dessen sprachmacht und -reichtum man in ehrfurcht erstarrt und nur eines zu
denken vermag: ich schreibe nie wieder einen satz.
Montag, 13. März 2017
MÜNCHEN: NŌ THEATER
immer
wieder wird die tokioter u-bahn-station roppongi, die dominic huber auf die
bühne der münchner kammerspiele gebaut hat, in psychedelisches grün und lila
getaucht. dann erscheint aus dem hintergrund schleichend stefan merki, macht
zur heulenden musik von kazuhisa uchihashi eigenartige schlurfschritte, rudert
zeitlupenartig mit den armen und deklamiert dazu japanische wirtschaftsgeschichte:
plaza-abkommen, bubble economy, staatsanleihen, lost decades. merki ist der
geist eines investmentbankers, der sich hier vor die u-bahn geworfen hat und
bei einem jungen passanten jetzt vergebung sucht für seine sündenfälle. während
die worte wikipediamässig klingen, haben die bewegungsmuster von geist und
jungem mann etwas ungewohntes, undurchschaubares, einlullendes. das nō theater ist
ein theater der übergänge; geister suchen mit kollektiven erinnerungen aufgeladene
orte und verunsichern mit kryptischen anspielungen. regisseur toshiki okada
führt diese stark strukturierte traditionelle form an den kammerspielen mit
neuem inhalt und europäischen schauspielern eindrücklich zusammen. nach dem
schräg-witzigen intermezzo (ebenfalls fixes nō-element), in dem anna drexler
die u-bahn-station und das publikum lustvoll an verschiedenen varianten des
rollen-lernens teilhaben lässt, taucht im zweiten teil der „geist des
feminismus“ auf: eine politikerin, die im parlament von tokio bessere
unterstützung für schwangere und mütter forderte, weil das land sonst keinen
nachwuchs und keine zukunft habe – und dafür mit sexistischen zwischenrufen
niedergemacht wurde. sie steht da, kalt, aseptisch, ein dunkler engel. alles in
allem eine ausgesprochen depressive bilanz für japan: „über 30 jahre hat sich
dieser ort in eine wüste verwandelt.“ ich war noch nie in japan. ich sah nō
theater noch nie im original. ich habe keine vergleichsmöglichkeiten. geister
habe ich mir bis jetzt eindeutig sinnlicher vorgestellt.
Sonntag, 12. März 2017
MÜNCHEN: JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN
die
einzigen warmen worte im ganzen stück kommen von rovo (jeff wilbusch), dem
geistig behinderten jungen, in dem alle nur den dorfdeppen sehen. in seiner
grenzenlosen verzweiflung lehnt er sich im unterholz an abram (katja bürkle),
den alle nur „du schwule drecksau“ nennen. er fühlt sich wohl bei ihm und sagt
ihm das auch. sonst: in jeder ecke dieses dorfes nur missgunst und kleinkrieg,
in jedem gesicht verbitterung, in jeder bemerkung kaltherzigkeit („und ich
dachte, der ganze dreck mit dir sei liebe“, „hätt´ ich dich doch gleich nach
der geburt erwürgt“). martin kušej inszenierte martin sperrs „jagdszenen aus
niederbayern“ vor zwei jahren an den münchner kammerspielen und übernahm sie
jetzt an sein residenztheater. er strich das „nieder“ aus dem stücktitel
(reinöd ist überall) und beginnt die szenenfolge von hinten, wo die
dorfgemeinschaft den aussenseiter abram jagt und erschiesst; in abweichung zum
original, wo er eingesperrt wird. bayern unmittelbar nach dem krieg, jeder
gegen jeden, opfer als täter als opfer. kušej illustriert „das phänomen der
jagbarkeit des menschen“ mit archaischen bildern: eine dunkle bretterwand, eine
weiss getünchte mauer, bedrohliche schlagschatten, viel blut von tieren und
menschen – und dazwischen fallen die einzelnen sätze wie axthiebe. axthiebe.
axthiebe. die metzgerin, der knecht, die dorfhure, die kriegswitwe, alle säen
und ernten rotz und mist und niedertracht. „ich komme aus exakt einem solchen
dorf und kenne das alles zu genau“, wird kušej auf der ersten seite im
programmheft zitiert. es ist ein kosmos, den wir kennen müssen, wenn wir uns
kennen wollen.
Donnerstag, 9. März 2017
WIEN: VERGESST ARTHOUSE
josef hader, kabarettphilosoph, schauspieler und neuerdings auch filmregisseur ("wilde maus") skizziert für die "süddeutsche zeitung" den typischen österreichischen arthouse-film: "demenzkranker ehemaliger kz-kommandant hält ein kind im keller gefangen. und vergisst es."
Donnerstag, 2. März 2017
BASEL: DON GIOVANNI IN DER DACKELKACKE
was
bei diesem „don giovanni“ am theater basel zuerst stört: das hässlichste
bühnenbild seit mindestens mozarts tod, schäbige dunkelgraue stellwände und
dutzende von schäbigen dunkelbraun lackierten türen, der ganze abend wird auf
diese weise in die modefarbe dackelkacke getaucht – und das für „die oper aller
opern“ (e.t.a. hoffmann). was zweitens stört: mit seinem berüchtigten applaudierzwang
(xeirokrotorrhoe, siehe auch 19.1.2014) zerlegt das basler publikum leporellos
registerarie an der falschesten stelle in zwei teile; biagio pizzutis
meisterlicher gesang wird zerklatscht und zerhackt. was drittens stört: chefdirigent
erik nielsen kämpft den ganzen abend mit der koordination zwischen den solisten
oben auf der bühne und dem orchester unten (oder kämpft er gar nicht?). daneben
allerdings viel freude! ein bezaubernd junges und attraktives ensemble lässt
sich von regisseur richard jones zu höchstleistungen animieren. noch nie haben
wir donna anna, donna elvira und zerlina so vielschichtig erlebt, die ganze
ambivalenz der verführten erleidend, vom verzehrenden zum verzweifelnden und
wieder zurück. und der erst 25jährige mailänder bass riccardo fassi als don giovanni
ist schlicht hinreissend, tolle stimme, tolle figur, süchtig nicht bloss nach
den frauen, ihren düften, ihrer wärme, ihrer haut, sondern süchtig auch nach
den nebenwirkungen: immer wieder tritt er in den hintergrund und betrachtet
geniesserisch das emotionale chaos, das er mit seinen affären überall
anrichtet. den finalen höllensturz tritt der elegante schuft hier
konsequenterweise gar nicht selber an, sondern schickt seinen diener vor. und
amüsiert sich weiter. das erotische prinzip überlebt die ganze dackelkacke.
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