Montag, 25. August 2025

LUZERN: DAS LIED VON DER ERDE

„…wenn mir jemand sagen würde, dass ich nur noch eine stunde zu leben habe, dann möchte ich den letzten satz – der abschied – vom lied von der erde hören.“ der tod war nicht mehr weit, als dmitri schostakowitsch das 1974 sagte. gustav mahler bedeutete ihm alles. man kann ihn gut verstehen. „das lied von der erde“, der sechsteilige liedzyklus für tenor, alt und orchester, ist eigentlich eine verkappte sinfonie – und was für eine. hier geht es um alles, um leben und tod, um mensch und kosmos, um vergänglichkeit und ewigkeit. simon rattle, der irgendwie zeitlose maestro, der das lucerne festival schon mit verschiedenen orchestern beglückte, wählte mahlers grosses opus jetzt für seinen ersten auftritt mit dem lucerne festival orchestra. ein famoses debut, ein klangrausch, in grossen bögen entwickelt rattle mit seiner frau, der mezzosopranistin magdalena kožená, und dem amerikanischen tenor clay hilley sämtliche dimensionen dieser tiefgründigen musik, schneidend hart beim „trinklied vom jammer der erde“, voller geheimnisse und naturlaute bei den liedern über den frühling, die jugend, die schönheit und dann zutiefst lyrisch, melancholisch und visionär beim 30 minuten dauernden „abschied“. „ist das überhaupt zum aushalten? werden sich die menschen nicht darnach umbringen?“ soll gustav mahler selber gefragt haben. er hat massiv unterschätzt, welche glücksgefühle diese melodien bei aller schwere auch auslösen können. sinnigerweise stellte simon rattle diesem späten mahler einen frühen, sehr frühen schostakowitsch voran. der schrieb seine erste sinfonie mit 18 als abschlussarbeit am petersburger konservatorium, auf anhieb ein wurf, vielschichtig und doppelbödig, auch hier bereits das ganze spektrum menschlicher regungen. mahler und schostakowitsch – zwei seelenverwandte im kkl vereint.

Mittwoch, 20. August 2025

MÜNCHEN: FÜNF FREUNDE

da muss die post abgegangen sein: fünf freunde in den usa, allesamt künstler, allesamt auf der intensiven suche nach neuen ausdrucksformen, fanden mitte des vergangenen jahrhunderts in unterschiedlichen und immer wieder neuen konstellationen zusammen, inspirierten sich, arbeiteten gemeinsam, feierten und stritten gemeinsam, pflegten sowohl ihre freundschaft wie ihre konkurrenz. das museum brandhorst widmet diesen kunst-kumpels jetzt die ausstellung „fünf freunde“. mit über 180 exponaten – musik, bilder, kostüme, objekte – bietet sie einen faszinierenden eindruck, wie sehr der austausch bewegter, suchender, offener geister schöpferische energien freisetzen kann und wie stark dieser künstlerkreis die entwicklung der modernen kunst prägte. wer sind die fünf? neben dem maler cy twombly (1928-2011), dessen werk im brandhorst seit jahren permanent und aufs schönste präsentiert wird, gehören dazu der musiker und theoretiker john cage (1912-1992), der tänzer und choreograf merce cunningham (1919-2009) sowie die maler und bildhauer robert rauschenberg (1925-2008) und jasper johns (*1930). die aktivste periode dieses interdisziplinären kraftwerks fiel ab 1950 zusammen mit der von der amerikanischen regierung eingeleiteten hetzjagd gegen andersdenkende. die kunst der fünf arbeitete sich in der folge ab an macht und unterdrückung, ein auflehnen gegen die zustände, eine konsequente und kreative widerständigkeit. die radikalsten werke aus dieser zeit sind auch die bekanntesten und dominieren gleich den ersten saal: cages musikstück 4´33“ (vier minuten und 33 sekunden stille) und die white paintings von rauschenberg/twombly (leinwände mit nichts als weisser farbe). stille. nichts. wirken lassen. selber denken.

Sonntag, 17. August 2025

MÜNCHEN: LIEBESERKLÄRUNG AN DEN BIERGARTEN

wo ist die welt diverser als in einem biergarten? nehmen wir zwecks überprüfung (vulgo: faktencheck) unseren favoriten, das „seehaus“ im englischen garten in münchen. los geht‘s: da sind dänen, eine oberbayerische mädels-polterabendgruppe in pink, sympathische eltern mit ihrem sympathischen erwachsenen sohn ins gespräch vertieft, koreanerinnen, ukrainische flüchtlinge, aufgebrezelte influencerinnen, der vorstand einer csu-ortsgruppe, kanadier, slowakinnen, überparfümierte jungs in lederhosen, eine senioren-wandergruppe mit stöcken, verunglückte frisuren, junior-broker im slimfit-anzug, ein ernsthaft lösungsorientiertes ehepaar, türsteher vor dienstantritt, lateinlehrerinnen nach dienstschluss, mein libanesischer lieblingstenor und sein partner, zwei sich hemmungslos auf torten stürzende hochbetagte damen, eine introvertierte backpackerin mit tagebuch, dicke bierbäuche aus dem umland, ein frauenpaar mit kinderwagen und schwiegervater, vitaminarme nerds, freundliche abräumer aus ghana, einsilbige verliebte, eine bekannte tv-moderatorin mit entourage, portugiesen, rätselhafte tatoos, dirndl, noch mehr dirndl, zwei als priester kostümierte priester, kunstfuzzis, alkoholfreie hausfrauen, frisch diplomierte diplomandinnen, drei kampfradler, austauschstudentinnen aus uruguay, ein total hungriges genderfluides wesen, eine frau mit fünf verhaltensoriginellen hunden – und wir. alle da, alle anders, alle nebeneinander, alle miteinander, ein ort des austauschs, ein ort der toleranz, ein kleiner beitrag zum weltfrieden. man möchte und könnte hier sämtliche haupt- und nebenrollen für einen üppigen film casten. und übrigens: das bier ist meistens stimulans und doch oft bloss nebensache. wo sitzen so verschiedene menschen so nahe und so verträglich beisammen? der menschheit ginge es besser, gäbe es mehr biergärten. ein prosit…..

 

Samstag, 16. August 2025

MÜNCHEN: TREES, TIME, ARCHITECTURE

wer in diesen hitzetagen mit dem rad von einer vierspurigen strasse mitten in einer grossstadt in eine von bäumen gesäumte seitenstrasse abbiegt oder zu fuss von einem bewaldeten seeufer in ein dahinterliegendes zuasphaltiertes und zugeparktes wohnquartier unterwegs ist, realisiert die wirkung von bäumen, wald, grün aufs klima ganz praktisch, ganz physisch: ein wohltuender temperaturunterschied von mehreren graden. sind bäume unsere rettung? die ausstellung „trees, time, architecture“ in der münchner pinakothek der moderne nimmt den kontrast zwischen der extremen langsamkeit, mit der bäume wachsen, und der hohen dringlichkeit, die grossen ökologischen und gesellschaftlichen probleme zu lösen, als ausgangspunkt. dutzende von beispielen aus unterschiedlichen epochen und diversen kulturellen und klimatischen zonen illustrieren die chancen und möglichkeiten, die das lebende baumaterial baum für architektur, landschaftsarchitektur und stadtplanung bietet: architektur auf baum (haus in baumkrone auf neuguinea), baum auf architektur (torre guinigi in lucca und bosco verticale in mailand), baum zwischen architektur (oerliker park in zürich), baum in architektur (daita2019 in tokio), baum als architektur (siej bridge in indien) – eine wundertüte voller ideen und eine wohltat fürs ökosystem. durch vielfältigen und kreativen einbezug von bäumen würden unsere umwelt gesünder und unsere direkte umgebung sinnlicher. diese ausstellung ist ein ausgesprochen inspirierendes plädoyer fürs umdenken, denn die menschheit braucht bäume. wir haben es in der hand. und wollen zu oft nicht sehen, dass wir es in der hand haben. ist leider so. ende der predigt.

Montag, 11. August 2025

LOCARNO: MEGALOPOLIS

wer will schon in zeiten von netflix-häppchen und tiktok-schnipseln einen zweieinhalbstündigen film eines 85jährigen mannes sehen? nun, wenn der mann francis ford coppola heisst („der pate“, „apocalypse now“), offensichtlich doch einige: der grosse saal im palacinema in locarno ist komplett ausgebucht, obwohl man ja reichlich gewarnt war vor „megalopolis“, diesem grössenwahnsinnigen projekt über grössenwahn und verwandte charakterzüge. coppola verquickt das alte rom mit den neuen usa („new rome“), filmt hart am rand des untergangs, zitiert immer wieder marc aurel – und eigentlich soll „megalopolis“ sein vermächtnis sein: der alte mann will von den dystopien der gegenwart wieder zu den utopien wechseln, will der jugend die idee einer besseren welt hinterlassen, seine hauptfigur (cesar catilina!!) will mit magisch-organischem material die stadt der zukunft bauen und das imperium retten, make the world great again. so weit, so nachvollziehbar. doch das moderne märchen entgleitet dem grossen regisseur: ein overkill an ideen, nebengeschichten, grauenvoll geschmacklosen interieurs (wie bei trumps zuhause), visuellen effekten, bizarren inhaltlichen sprüngen, ein zirkus des wahnsinns, amerika als albtraum. man ertrinkt als zuschauer in dieser spätrömischen dekadenz, voller korruption, voller affären, alles wirr, abstrus, chaotisch – und die bessere welt am ende ist, wen wundert´s, hochgradiger kitsch. man versteht, dass trotz der marke coppola kein studio diesen aberwitzigen film produzieren wollte. da bezahlte der alte mann die 120 millionen selber und verkaufte dafür einen teil seiner weinberge. was macht man nicht alles, wenn man eine mission hat. und doch, möglicherweise wird man diesen film in 20, in 50 jahren ganz anders anschauen, vielleicht hat er dann plötzlich kultstatus: unsinn als methode, das ultimative sittenbild der trump-ära.

Freitag, 8. August 2025

LOCARNO: SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN

autokennzeichen sgh - sangerhausen im südharz. ostdeutsche prärie, kohleabbau, afd. nicht auf anhieb die vorstellung, die man mit deutscher romantik verbindet. doch sangerhausen nennt sich auch rosenstadt, und dass der dichter novalis in dieser gegend lebte, nimmt julian radlmaier zum ausgangspunkt für seine komödie „sehnsucht in sangerhausen“, die jetzt beim filmfestival von locarno weltpremière hatte. ein abstecher in des frühromantikers leben führt – harter schnitt – zu zwei frauen von heute, ihren träumen, ihren sehnsüchten: ursula (clara schwinning) ist eine von der liebe enttäuschte und einigermassen orientierungslose kellnerin, neda (maral keshavarz) dreht als travel influencerin tipps für billigtrips („mit hartz im harz“). der film begleitet die beiden durch ihren freudlosen alltag, den radlmaier absolut brillant mit den grossen motiven der deutschen romantik verknüpft: der wald, der mond, das unheimliche. „sehnsucht in sangerhausen“ ist deutsche romantik reloaded, extragrosse portion. alte schlager erklingen, pralle kirschen locken, ein aufgebrezelter pudel schleicht durch die jahrhunderte, nudisten frönen der wanderlust, das kamel aus novalis‘ „der mann im brombeergestrüpp“ schaut auch mal an der kohlehalde vorbei, ein blauer stein nimmt einen wunderlichen weg durch die gedärme eines steinschluckers auf die wiesen und bahnhöfe der neuzeit. romantische rätsel, dass es eine freude ist: die vergangenheit winkt der gegenwart und würde ihr gerne was hinterlassen. alles klärt und fügt sich dann in der barbarossahöhle, doch wirklich glücklich werden die beiden frauen auf ihrer suche nicht, wirklich glücklich werden dafür die zuschauerin und der zuschauer durch all die verspielten wendungen und witzigen überraschungen, die dem tristen leben immer wieder luftig-leichte momente gönnen. international wird der film unter dem titel „phantoms of july“ anlaufen, eine abenteuerliche übersetzung für dieses famose abenteuer.  

 

Dienstag, 5. August 2025

LUZERN: UNSER NAME IST AUSLÄNDER

es beginnt wie eine kuriose performance: vier junge erwachsene schleppen einen grossen wohnzimmerteppich mitten auf einen schulhausplatz, rollen ihn aus und stellen das sofa von zuhause dazu. eine lümmelei? hêlîn, selin, firat und serhat sind geschwister, zwei schwestern und zwei brüder, kinder kurdischer eltern, aufgewachsen in lachen am oberen zürichsee. selin besili hat die anderen drei am ort ihrer kindheit zusammengetrommelt für ihren film „unser name ist ausländer“, der den innerschweizer filmpreis in der kategorie abschlussfilm gewann und jetzt – zusammen mit anderen verdienten winnern – im luzerner open-air-kino gezeigt wurde. mit ruhiger stimme erklärt selin einmal im off, wie sie sich die sprache ihrer eltern bewusst abgewöhnte, weil sie damit immer nur aneckte. andererseits wurde sie in der schule für den kleinsten deutsch-fehler ausgelacht. der tägliche kampf von kleinen secondas und secondos: die schweiz ist ihre heimat, doch diese heimat behandelt sie wie fremde, sie können sich nicht zuhause fühlen. die jungs werden aufgrund ihrer dunklen haare und augen immer wieder kontrolliert, verpassen wegen solchen polizeiinterventionen auch mal den letzten bus in der nacht. unser name ist ausländer: rassistische vorurteile und erfahrungen prägen den alltag. und unspektakuläre bilder aus diesem alltag prägen den film. das unspektakuläre ist hier das spektakuläre: die versteckte oder verdeckte ohnmacht. alle vier erzählen ihre geschichten langsam und nüchtern, ohne wut, ohne aggression, ohne rachegefühle. man merkt, allen widrigkeiten zum trotz haben sie nie aufgegeben, an ein anderes, ein besseres leben zu glauben – hier, in der schweiz, wo sie geboren wurden, wo sie hingehören. die vier tragen den teppich und das sofa dann auch mal an den see, lümmeln mit der ganzen verwandtschaft herum, musik, çai, scherze: hier sind wir! wir, an unserem see! man freut sich mit ihnen über ihr gewachsenes selbstbewusstsein.

Sonntag, 27. Juli 2025

SALZBURG: ZEUGNIS ABLEGEN UND LIEBEN

die ukraine nicht vergessen, heute nicht, morgen nicht, nie! über krieg und literatur, über das verhältnis von gewalt, leiden und sprache hat sich der ukrainische schriftsteller und musiker serhij zhadan, der freiwillig in der armee dient, gedanken gemacht – in seiner dankesrede anlässlich der verleihung des österreichischen staatspreises für europäische literatur in salzburg (abgedruckt in der aktuellen ausgabe der „wochentaz“). der krieg „ändert das gewicht des lebens, ändert das verständnis von zeit, ändert die grundlegende wahrnehmung der zukunft“.  der krieg habe der sprache – und damit auch der literatur – die leichtigkeit genommen: „wir sprechen heute die sprache von menschen, die unbedingt gehört werden wollen, die sich zu erklären versuchen. dahinter steckt kein übertriebener egozentrismus. wir schreien nicht, um die aufmerksamkeit auf uns zu lenken, (…) wir schreien für jene, die im moment nicht sprechen können, die ihrer stimme beraubt sind, die ihres herzschlags beraubt sind.“ allen grauenvollen erfahrungen zum trotz lässt sich zhadan nicht unterkriegen: „wir versuchen heute nicht nur, die überreste der wirklichkeit zu bewahren, die mit dem beginn des krieges zerbrochen ist. wir versuchen, sie, diese wirklichkeit wieder neu zusammenzusetzen, neu zu starten, neu zu erfinden, neu zu benennen.“ ein funke hoffnung, der sich an einem neuen umgang mit der sprache entzündet, an einem neuen auftrag der literatur: „zeugnis ablegen und lieben. manchmal reicht das aus, um dem bösen zu widerstehen.“ das ist kein kitsch, das ist ein kampf, ein kampf mit worten. es ist an uns, diesen kampf zu unterstützen und die ukraine nicht zu vergessen.

Dienstag, 22. Juli 2025

MÜNCHEN: MEPHISTO

chaos pur – die politischen widerwärtigkeiten der dreissiger jahre, das mitläufertum und die speichelleckereien, die ungebremste karrieregeilheit eines schauspielers plus nervöse blicke hinter die kulissen des theaterbetriebs: aus klaus manns roman „mephisto“ (1936) macht jette steckel an den münchner kammerspielen eine heftige, deftige chaos-collage. in hoher kadenz jagen sich die szenen, die den aufstieg von hendrik höfgen illustrieren, für den der schauspieler gustaf gründgens modell stand, der kulturelle repräsentant der nazis. die ganze spannung, die sein lavieren zwischen kunst und macht aufbaut, das chaos von gefühlen und bildern, das an die nieren geht, entlädt sich nach einer stunde, als sich elias krischke ans schlagzeug setzt für ein explosives solo, ein reinigendes gewitter, huch, endlich. doch weit gefehlt, nichts ist geklärt, alles eskaliert noch zwei stunden weiter, die politischen verhältnisse und die künstlerischen ambitionen, keiner in höfgens umfeld bleibt verschont: geht man mit? bremst man ihn? fulminant stürzt sich thomas schmauser in diese paraderolle, entwickelt – in seinem unverwechselbaren schmauser-stakkato und rosa adidas-höschen – diesen höfgen/gründgens vom schmierig-devoten („ich, begabt? ach, das ist ein ganz unbewiesenes gerücht“) bis zur totalen hybris („die hauptstadt kommt nicht ohne mich aus“), seine falschheit ist seine echtheit. die augenbrauen, die ihm für den grossen auftritt als mephisto geschminkt werden, deuten ein hakenkreuz an. man realisiert das erst auf den zweiten blick und erschrickt. noch vor 10, 15 jahren las man klaus manns roman als düsteres dokument vergangener zeiten, doch jetzt, wo dummes und unreflektiertes wieder massiv aufwind haben, wo die demokratie selbst in den usa und in deutschland gefährdet ist, macht er richtig schaudern.

Sonntag, 29. Juni 2025

WINTERTHUR: WIE BILDER VERFÜHREN

wo bleibt unser auge hängen? warum bleibt es da hängen? und wie lange? wodurch wird es wieder abgelenkt? die bilderflut, der wir in der digitalen welt ausgesetzt sind, hat ein verstörendes ausmass angenommen. bereits im ersten raum des fotomuseums winterthur werden wir, auf einem riesigen screen, mit bildern bombardiert: frauen, schmuck, promis, werbung, noch mehr frauen, alles wild, alles schnell, die wirkung schon fast hypnotisch. „the lure of the image“ heisst die ausstellung im attraktiv umgebauten und soeben wiedereröffneten museum. sie lässt uns über unser rezeptionsverhalten reflektieren, aufmerksamkeitsökonomie heisst das zauberwort: unsere aufmerksamkeit ist eine knappe ressource, also wird darum gebuhlt, wir werden geködert mit optischen reizen, bilder fesseln uns und oft täuschen sie uns ganz gezielt. viele der 14 ausstellenden künstlerinnen und künstler zeigen mit fotos, videos und installationen, wie im weiten feld zwischen selbstinszenierung und fremdbestimmung neue realitäten entstehen, das kann mal ganz unterhaltend und witzig sein (emojis mit neuer bedeutungsebene), es kann pervers sein (verniedlichung von gewaltvollen inhalten) und es wird für propagandazwecke immer wieder übelst missbraucht (gefaktes „beweismaterial“ für verschwörungstheorien). zoé aubry widmet sich in ihrem raum einem grauenvollen femizid in mexiko, wo bilder des verstümmelten opfers durch korrupte behörden in die sozialen medien gerieten. unter dem hashtag #ingridescamillavargas bildete sich dann eine initiative, deren ziel es war, diese illegalen bilder mit abertausenden fotos von sonnenuntergängen, lavendelfeldern, traumstränden aus dem netz zu schwemmen – auf dass künftige online-suchen nach ingrid nur noch mit schönen bildern verknüpft werden. widerstand im netz, auch das gibt´s erfreulicherweise. und es funktioniert.

Samstag, 28. Juni 2025

GISWIL: BODÄSTÄNDIX US KUBA

¡qué fiesta! das gastland kuba macht die 19. ausgabe des volkskulturfests obwald im wald bei giswil zur grandiosen party mit hoher glücksquote. obwohl, wir wissen es, „es gibt einfachere länder als kuba“, sagt moderatorin selma wick bei der begrüssung: stromausfälle, notstand bei lebensmitteln und benzin, tödliche folgen medizinischer unterversorgung, das land leidet enorm. doch eines lassen sich diese menschen nicht nehmen: ihre musik, ihre rhythmen, rumba und son, ihre ausgelassenen tänze und die gesänge, mit denen sie die götter immer wieder anrufen, auch wenn diese götter offensichtlich schlecht hören. musik ist für die kubaner lebenselixier und ablenkung. los cimarrones und die santiago all stars beweisen beim obwald drei stunden lang, welch befreiende kraft in dieser musik steckt, welche lebensfreude, welcher lebenswille, das bebt, das knallt, das bringt das blut zum kochen, das reisst mit. wie immer lebt das obwald auch von den kontrasten: rein optisch ist der jodlerklub luegisland aus entlebuch-ebnet der maximale gegensatz zu kuba, keine bewegung, kein augenzwinkern in dieser männerrunde – doch durchs band glasklare stimmen und naturjodel vom allerfeinsten. wie jedes jahr beobachtet man als zuschauer fasziniert, wie sich die gäste aus der ferne und die einheimischen musikerinnen und musiker dann zunehmend anfixen und hochschaukeln. plötzlich trommelt der elegante kubaner im anzug und mit hut nicht nur wild auf seinen bongos und congas, sondern auch auf vier milchkannen aus dem muotathal, und plötzlich realisiert man, wie sehr sich die erotisch-ekstatischen balztänze der jungs von bodäständix aus dem kanton schwyz und die balztänze aus havanna gleichen – und beim finale dann prompt zur weltumspannenden balzerei vermischen, zu der auch das publikum unter dem weiten zeltdach tobt. das ist obwald, so muss es sein. das herz geht auf.

Donnerstag, 26. Juni 2025

SACHSELN: МИР – ХУДОЖНЯ ВИСТАВКА

das haus der orgel- und kammermusik in dnipro in der ukraine ist ein bijou. es befindet sich in der ehemaligen orthodoxen st.nikolaikirche mit ihren verspielten kuppeln, säulen, goldenen zwiebeltürmchen. falsch: dieses haus war ein bijou, die russen haben es 2022 zerbombt. mit präzisen, hübschen kugelschreiber-zeichnungen hat daria lutsyshyna eine ganze reihe solcher ukrainischer kulturstätten festgehalten, die es unterdessen nicht mehr gibt. sie sind jetzt – zusammen mit den werken von 18 weiteren künstlerinnen und künstlern – im museum bruder klaus in sachseln zu sehen. über ihre zeichnungen lässt lutsyshyna per videoprojektion zivilflugzeuge fliegen, eine eindrückliche installation: erinnerungsarbeit und gleichzeitig hoffnung, denn die zivilflugzeuge sind ein symbol für frieden, da sie nur in einem sicheren luftraum fliegen dürfen. „frieden – мирхудожня виставка“ heisst die ausstellung, in der sich die ukrainischen künstlerinnen und künstler dem thema ganz unterschiedlich nähern. frieden? das wort löst ambivalente gefühle aus: einige haben es in früheren zeiten als von oben verordnete ruhe erlebt, stummschaltung abweichender meinungen; für andere ist es ein politisches konzept, das der utopie näher ist als der realität; wieder andere sehnen sich einfach nach stille, nach erholung von diesen unmenschlichen strapazen, nach spiritualität und innerer stärke. und immer wieder dringt die sorge durch, dass hier nicht nur sinnlos menschen sterben und quartiere zerstört werden, sondern dass irgendwann in der erschöpfung die nationale und reiche kulturelle identität der ukraine verloren geht. dieses ende wäre die tragischte form von frieden. der besuch dieser ergreifenden ausstellung ist ein zeichen der solidarität.

Samstag, 21. Juni 2025

LUZERN: DAS ENDE DES THEATERS?

falls die luzerner theaterdirektorin ina karr 2027 neue generalintendantin der deutschen oper am rhein wird (düsseldorf/duisburg) – und im moment sieht es ganz danach aus –, ist das eine mittlere katastrophe. nicht für die deutsche oper am rhein und nicht für ina karr, aber für luzern. der absprung könnte das ende des luzerner theaters besiegeln. tönt dramatisch, ist es auch. warum? erstens hat ina karr hier einen bis 2031 verlängerten vertrag, den sie also vier jahre vorher kübeln möchte – womit sie dann ab sofort gedanklich am rhein wäre statt an der reuss. zweitens ist die zukunft des luzerner theaters, sowohl als bau wie als institution, im moment dermassen offen, dass die überstürzte neubesetzung der direktion energien bindet, die jetzt prioritär für architektonische und inhaltliche diskussionen gebraucht werden. drittens dürfte es für die stimmung und motivation der mannschaft in diesen ungewissen zeiten nicht eben förderlich sein, wenn kapitänin karr jetzt als erste von bord geht – zumal attacken eines übermotivierten opernliebhabers gegen operndirektorin ursula benzing für zusätzliche unruhe im haus sorgen. viertens ist es schon unter normalen umständen schwierig bis unmöglich, im komplexen theaterbetrieb innerhalb von nur zwei jahren eine neue direktion zu berufen. fünftens wird sich in der aktuellen situation kein kompetenter theatermensch auf das abenteuer luzern einlassen, wo baulich und menschlich vieles bröckelt; im besten fall wäre die übernahme dieses jobs rufschädigend, im schlechteren ein selbstmordkommando. man muss sich die ganze dramatik vor augen führen – und nicht wegschauen: das theater brennt. zuerst der negative volksentscheid zum neubau, jetzt der drohende abgang der intendantin, deutlich mehr probleme als lösungen: das luzerner theater brennt.