Dienstag, 13. Januar 2026

MADRID: BAILAD COMO SI NADIE OS VIERA

wer den film "sirāt" von óliver laxe gesehen hat, wird ihn nie vergessen: die geschichte eines vaters, der auf der suche nach seiner vermissten tochter raves in der marokkanischen wüste besucht, unterwegs bei einem horrorunfall auch noch seinen kleinen sohn verliert, zwischen sengender sonne und sedierenden drogen neue freunde gewinnt, die dann nahe der mauretanischen grenze wegen minen in die luft fliegen - dieser film ist albtraum und zeitdokument gleichermassen, dystopie total, in cannes letztes jahr zurecht mit dem grossen preis der jury ausgezeichnet und jetzt im rennen für den oscar 2026 als bester internationaler film. das museo reina sofia in madrid, das sich vermehrt auch der filmkunst widmen will, eröffnet seinen neuen "espacio" jetzt passend mit óliver laxe. mit rohmaterial vom "sirāt"-dreh kreiert der galizische regisseur eine installation, die massiv aufwühlt, und zwar ganz offensichtlich sowohl die jüngeren wie die älteren besucherinnen und besucher: "bailad como si nadie os viera" (tanzt wie wenn euch niemand sähe). in einem ersten kleinen raum ist es so dunkel, dass man die pyramide aus lautsprecherboxen zunächst kaum sieht, doch dann wirft sie wie ein totem strenge blicke. im zweiten raum dann auf drei seiten raumhohe screens: man steht oder sitzt quasi mitten in der wüste, der rave-sound bebt krass bis auf leber und niere, die protagonisten aus dem film schwitzen und tanzen und heulen auf leben und tod, im grossformat und endlos. sirāt ist im arabischen die brücke zwischen hölle und paradies, diese menschen geraten an den rand ihrer existenz, nahe an der selbstauflösung. das fährt ein, das muss man aushalten. und wenn man es aushält, ist es ein tiefes kontemplatives und spirituelles erlebnis. immer wieder zeigt laxe gross die sonne hinter der wüste. das ist kein kitsch, es ist die letzte hoffnung.

Donnerstag, 8. Januar 2026

OBERÄGERI: DER MANN AUF DEM KIRCHTURM

„einen abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen.“ mit 65 fiel der grossvater des filmemachers edwin beeler von einem dach, mit 81 erschoss er sich im keller. ein spontaner entscheid? oder war diese tat als konsequenz tiefer depressionen schon lange geplant? edwin beeler hat seinen grossvater, den kaminfeger und dachdecker von oberägeri, geliebt und verehrt: ein kaminfeger verhütet brände und bringt glück. seinen suizid konnte er nicht fassen. das bild vom stattlichen, freundlichen mann bekam plötzlich risse – und damit auch die eigene geschichte. beelers neuer film „der mann auf dem kirchturm“ ist mehr als das porträt eines lebens, das tragisch endete, er ist das porträt einer familie, einer dorfgemeinschaft und eines dorfes, das sich rasant und bis zur unkenntlichkeit verändert hat. und er ist in erster linie die suche nach der eigenen identität. der autor lässt den kleinen david meile als sein kindliches alter ego in den räumen der vergangenheit stöbern, er findet alte fotos in der kommode und als roter faden tauchen immer wieder beelers lieblingsspielzeuge von damals auf, der am reck turnende blechclown jimmy und der schwarze zylinderhut des grossvaters. im sehr persönlichen, poetischen off-text (gesprochen von hanspeter müller-drossaart) fragt sich beeler, ob er diesen grossvater wirklich kannte, ob der etwas vorspielte, er fragt sich, wie es sich als mann lebte in einer zeit, in der man gefühle nicht zeigen und nicht über sie sprechen durfte. dieser film taucht ein in die tiefen der tabus. die mutter des filmers, tanten, bekannte des grossvaters, diese reiche fülle an zeugnissen, stimmungen und alten aufnahmen ergibt ein immer konkreteres bild, was prägend und was lähmend wirkte damals - und später auf die nachfolgenden generationen. „der mann auf dem kirchturm“ ist eine sehr private einladung, die koordinaten im eigenen leben zu hinterfragen und auf ihre verlässlichkeit zu prüfen.

Samstag, 3. Januar 2026

LISSABON: REGENLANDSCHAFT

"mit jedem regentropfen weint mein verfehltes leben in der natur. etwas von meiner unruhe liegt in diesem wechselspiel von regengetröpfel und regenguss, mit dem sich die tristesse des tages zwecklos über die erde ergiesst. es regnet noch und noch. meine seele ist nass vom regnen-hören. (...) eine beunruhigende kälte legt ihre eisigen hände um mein armes herz. die grauen stunden ziehen sich in die länge, ufern aus in der zeit; die augenblicke schleppen sich hin. (...) alles weiche, an das ich mich lehne, hat scharfe kanten für meine seele. alle blicke, in die ich blicke, sind dunkel in diesem erschöpften tageslicht, geschaffen, darin ohne schmerz zu sterben." - fernando pessoa muss das kapitel 141 in "das buch der unruhe des hilfsbuchhalters bernardo soares" an einem tag wie diesem geschrieben haben, es trägt den titel "regenlandschaft". dieser regen, mal dünn, mal heftig, unaufhörlich auch heute. an schönen tagen ist lissabon eine helle, heitere, offene stadt. doch heute wird es seinem ruf als welthauptstadt der melancholie vollumfänglich gerecht. wir gehen durch die rua dos douradores, in der pessoa seinen hilfsbuchhalter ansiedelte, jetzt eine trostlose häuserzeile, vieles verwaist, verfallen - und verregnet. schritt für schritt kann man hier die genial-grüblerische grundstimmung dieses literarischen meisterwerks nachvollziehen. glücklicherweise sitzt unser psychisches korsett recht straff, so arg wie dem herrn soares setzt uns dieses wetter dann doch nicht zu.

Donnerstag, 1. Januar 2026

TAVIRA: WE WILL ROCK YOU

es war einmal ein kleiner junge namens jacob, der davon träumte, céline dion zu sein, nein: er träumte nicht, er war fest überzeugt, céline dion zu sein. auf diese geschichte komme ich in zwei wochen zurück in diesem blog. die realität ist für diejenigen, die ihre träume nicht aushalten. nicht jeder möchte céline dion sein, aber wer hat nicht mal von maria callas oder adriano celentano geträumt, zu ihren stimmen geschmachtet, in ihren melodien gebadet? oder von david bowie oder freddie mercury? freddie for ever, ihn hat sich tavira, die sympathische küstenstadt im süden portugals, jetzt zurückgeholt für die silvesternacht: "tributo a queen", open air auf der zentralen praça da república. vier nicht mehr ganz junge, doch immer noch absolut aufgeladene herren von der portugiesischen cover-band one vision machen voll den freddie, die ganze stadt vibriert und die ganze stadt ist auf den beinen, tausende. "we will rock you", "i want to break free", "don't stop me now", "bohemian rhapsody", all die grossen knaller, volle tüte. alt und jung tanzt und träumt, singt und stampft, viele glückliche gesichter, viele nostalgische momente, und die vier queen-wiedergänger spielen unermüdlich und spielen und spielen bis - haarscharf - 30 sekunden vor mitternacht. goodbye 2025, welcome 2026, we will, we will rock you.....

Dienstag, 30. Dezember 2025

MOSKAU: DIE SACHE MIT DEM PUNKT

"immer dort einen punkt zu machen, wo er am platze ist, ist eine grosse kunst."
sergei michailowitsch eisenstein, 1898-1948, sowjetischer filmregisseur ("panzerkreuzer potemkin", "alexander newski", "iwan der schreckliche").
die sache mit dem punkt gilt nicht nur für filme.
sie gilt für blogs.
sie gilt für schmähbriefe.
sie gilt für romane.
sie gilt für diskussionen.
sie gilt für autokratische ambitionen. 

Samstag, 20. Dezember 2025

MÜNCHEN: FIGAROSSINI

man sitzt an kleinen tischen, bestellt sich ein glas wein, vielleicht ein paar antipasti – für den „barbier von sevilla“ ist die pasinger fabrik zum restaurant „zum schwan von pesaro“ mutiert. schwan von pesaro, so nannten sie den ebenso genialen wie lebenslustigen komponisten gioachino rossini. und um die doch etwas abgelutschte geschichte vom cleveren barbier – graf kriegt ehefrau nur durch intrigen und bestechung – doch mal ein bisschen anders zu drehen, verquickt die pasinger fabrik („münchens kleinstes opernhaus“) diese oper mit der biografie: figarossini also. figaro ist hier auch rossini und rossini, bekanntermassen ein nicht zu bremsender feinschmecker, ist hier auch der wirt. mit seinem wendigen bariton und überbordenden temperament ist frederik baldus eine idealbesetzung für diesen dauer-switch, als komponist lässt er uns quasi teilhaben an der verfertigung seines meisterwerks, die story entwickelt er auf einer etwas gar ärmlich ausgestatteten bühne mit kasperlefiguren und lebendigen puppen (tolle stimmen allesamt), er selber singt die hauptrolle, ein tausendsassa. die rezitative hat regisseur florian hackspiel für dieses witzige making-of-durcheinander entsprechend umgeschrieben, die wunderbaren arien und duette und die hinreissenden quintette dagegen bleiben unangetastet. dirigent andreas p. heinzmann beweist mit seinen klugen arrangements, dass sich auch mit kleinster orchesterbesetzung (5 streicher, 1 querflöte, 1 cembalo, 1 schlagwerk) grosse oper machen lässt. der humor und esprit in rossinis melodien, seine aberwitzigen rhythmischen strudel sind und bleiben ein musikalischer leckerbissen. dieser figarossini ist slapstick fürs auge und fürs ohr.

Freitag, 19. Dezember 2025

ZÜRICH: SEELENLANDSCHAFTEN

neben buenos aires und new york gilt zürich heute als die stadt mit der grössten dichte von psychoanalytikerinnen und psychoanalytikern. sigmund freud sprach schon 1910 von der „welthauptstadt“ der psychoanalyse. „im land der dunklen wälder, stillen seen und tiefen tunnel wurde schon seit langem nach dem ‚grund‘ der menschlichen seele gegraben,“ sagt stefan zweifel, der kurator der ausstellung „seelenlandschaften“ im landesmuseum in zürich. ausgehend vom 150. geburtstag von carl gustav jung entwickelt er eine psycho-geographie der schweiz, ein reiches panorama der auseinandersetzung mit der mentalen gesundheit. ein ganzer raum ist dem „roten buch“ von jung gewidmet, wo er mit notizen, skizzen, mandalas die grundzüge seiner analytischen psychologie entwarf. worauf man dann all den von c.g. jung beeinflussten wissenschaftlichen seelensuchern begegnet, deren motivation und ziel es war, die von gesellschaftlichen zwängen und dem beschleunigten lebensrhythmus herausgeforderte psyche in schach zu halten, und die zunehmend auch in kulturelle, spirituelle und mythologische dimensionen vordrangen. hochspannend auch die grosse abteilung zum thema „seelenkunst“: friedrich nietzsche begann im engadin zu ahnen, dass das „ich“ möglicherweise nur eine illusion ist, dann friedrich glauser, ernst ludwig kirchner, annemarie schwarzenbach, annemarie von matt, robert walser, adolf wölfli – sie alle litten und kämpften mit ihren träumen und trieben, ihre kunst wurde zum spiegel ihrer seele. die allerletzten zeilen im katalog zur ausstellung stammen vom grossen tänzer vaslav nijinsky (ja, der!), es ist ein auszug aus seinem tagebuch: „ich bin überzeugt, gott wird mich gewinnen lassen, deshalb gehe ich an der börse spielen. ich habe keine angst vor der börse, denn ich weiss: gott will, dass ich gewinne. er will, dass ich die börse vernichte.“ nijinsky lebte in der psychiatrischen klinik der familie binswanger in kreuzlingen. nicht im weissen haus.

Dienstag, 16. Dezember 2025

KYJIW: DIE STADT

walerjan pidmohylnyj – nie gehört? ich bis vor kurzem auch nicht. pidmohylnyj war ukrainer und schrieb 1927 „die stadt“, einen breit angelegten urbanistischen roman, einen hervorragenden roman, eine echte entdeckung (deutsch im guggolz-verlag). der junge stepan radtschenko kommt aus ländlichem milieu zum studium in die stadt. dieser schritt ist eine verheissung und verändert stepans leben massiv: „seine gefährliche neigung zur verallgemeinerung und der versuch, die gesetze des weltenlaufs auf grundlage der unvollständigen kenntnisse seiner ersten beiden jahrzehnte auf dieser welt zu bestimmen, lächerlicher und naiver jahre, in denen er immer wieder mit dem kopf an die mauer der realität stiess, wandelte sich nun in den weisen wunsch, die welt schritt für schritt kennenzulernen und ausreichend wissen über sie anzuhäufen.“ pidmohylnyj verfolgt seinen protagonisten auf schritt und tritt durch kyjiw: sachte startet dieser stepan erste literarische versuche, was einen durchaus autobiografischen hintergrund hat, er feiert grosse erfolge, stürzt in ebenso grosse krisen, begegnet frauen, die ihn mal inspirieren, mal anwidern, und gerät immer wieder in zweifel, ob er wirklich in diese stadt gehört. dieser wuchtige grossstadtroman ist also auch ein künstlerroman. mit präziser und praller sprache und atmosphärisch dicht gelingt es pidmohylnyj anhand von stepans komplexem slalom durchs leben und durch kyjiw die ukrainische psyche einer ganzen epoche abzubilden. walerjan pidmohylnyj lebte im budynok slovo (haus des wortes), der legendären literatenresidenz in charkiw. dort wurde er wie dutzende andere moderne und avantgardistische künstler bespitzelt, verhaftet, deportiert und 1937 in einem wald in karelien hingerichtet, erst 36jährig. stalin liess eine ganze generation von ukrainischen intellektuellen buchstäblich ausrotten. auch darüber sollten wir mehr wissen, um die verzweifelte situation der ukraine besser zu verstehen und ernster zu nehmen.

Freitag, 12. Dezember 2025

WEIMAR: HEUTE NACHT ODER NIE

die comedian harmonists mal wieder, sie sind unsterblich, sie sind wieder da. die sechs herren lieferten einst den ultimativen sound der weimarer republik. und jetzt also diese zeiten wieder aufleben lassen, diese melodien wieder mal reinziehen - wo? in weimar natürlich, "heute nacht oder nie" im nationaltheater. erst recht, wenn ein freund mitsingt bei "ein freund, ein guter freund" und all den anderen nicht auszurottenden ohrwürmern. ach was, was heisst da mitsingen? nein, der libanesische tenor ziad nehme (früher luzerner theater, jetzt münchen) ist zentraler part of the show, eingesprungen als harry frommermann - und dieser frommermann war der gründer und geniale buffo der comedian harmonists, eine rampensau im besten sinne, ein virtuoses showtalent mit sprühendem charme und witz, was für ziad gleichermassen gilt. zunächst sitzt er als mürrischer alter mann in wolldecke gehüllt einem reporter gegenüber: frommermann hätte 1975 für einen dokumentarfilm interviewt werden sollen über die erzwungene auflösung der harmonists 1935 (weil er und zwei andere mitglieder juden waren) und die anschliessende aufspaltung in zwei formationen. doch frommermann starb kurz vor dem dreh. dieses interview, das nie stattfand, dient der autorin und regisseurin geertje boeden als roter faden für ihr revival. die dunklen schatten der vergangenheit grundieren und begleiten das leben, das dann in die bude kommt, 19 songs, volle ladung. das famose sextett mit dirk sobe am piano liefert dem begeisterten publikum im nationaltheater einen mitreissenden mix aus kultiviertester gesangskunst, perfekter harmonie und schrägem humor, das funkelt in allen farben, frech, anzüglich, optimistisch, tröstlich, immer wieder auch melancholisch: "irgendwo auf der welt gibt's ein kleines bisschen glück", das war einst - und ist es jetzt wieder - nicht zuletzt ein ansingen gegen die zukunftsverdüsterung.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

WEIMAR: POP-UP-WERTHER

"pop-up-oper" heisst ein neues format des nationaltheaters weimar. als erstes poppt hier "werther" auf, die romantische oper von jules massenet, in einem probengebäude in der unwirtlichen peripherie und das ganze eingedampft auf die vier hauptfiguren und um eine stunde gekürzt. pop-up um das budget zu schonen? pop-up um das publikum an niederschwellige orte zu locken? um junges publikum anzufixen, das opernpublikum von morgen? "leicht verständlich" soll die pop-up-oper sein, schreibt das theater, also erzählt regisseur dorian dreher die tragische, tödlich endende liebe von werther (sangmin jeon mit solidem tenor in der titelrolle) und charlotte recht konventionell, üppige kostüme, grosse gesten, und man ist in dieser redoute sehr nah dran an diesen figuren, die von ihren gefühlen immerzu überwältigt werden. nah dran, auch weil kein orchestergraben bühne und publikum trennt: die staatskapelle weimar, unter marco alibrando auf hohem niveau, musiziert in ihrem probensaal nebenan und wird über lautsprecher zugespielt, eine eigenartige übungsanlage. und dann auch noch zwei charlotten zum preis von einer: ekaterina aleksandrova kann die rolle wegen erkältung nur spielen, gesungen wird ihre partie am bühnenrand von der eine stunde vor vorstellungsbeginn angereisten anna-katharina tonauer vom staatstheater am gärtnerplatz in münchen, was den beiden damen zwar einen verdienten spezialapplaus beschert, der stimmigkeit und schlüssigkeit der inszenierung allerdings auch nicht eben zuträglich ist. dieses pop-up-format ist weder fisch noch vogel. und im publikum sitzen keine frisch angefixten, sondern bloss die üblichen verdächtigen. zum beispiel ich.

Freitag, 5. Dezember 2025

ZÜRICH: IL GATTOPARDO

mamma mia! che bello! einen kompletten sizilianischen palazzo hat bühnenbildnerin michela flück in die zürcher schiffbauhalle gebaut, mit einer saalflucht, einem hausaltar, kronleuchtern, ölgemälden, opulentesten gedecken: vergangene grandezza im cinemascope-format. doch die wände bröckeln und, 1860, der adel bröckelt auch. für ihre erste inszenierung am schauspielhaus hat sich co-intendantin pınar karabulut „il gattopardo“ (der leopard) ausgesucht, den jahrhundertroman von giuseppe tomasi di lampedusa. die geschichte der fürstenfamilie salina, den machtverlust in zeiten politischer erdbeben, den aufstieg des bürgertums und die legendäre liebe zwischen angelica aus bürgerlichem und tancredi aus adligem hause erzählt karabulut mit dem neuen ensemble zunächst hyperrealistisch. wann gab´s denn das zuletzt, denkt man da, dass ein klassiker einfach ganz klassisch aufgeführt wird. doch dann kippt die inszenierung ins unentschiedene: mal macht die regie auf grosse oper, mal spastisches bewegungstheater, mal comedy auf tiefem canale-5-niveau, hysterische anfälle werden peinlich überzeichnet, pater saverio wuselt wie der tatort-boerne durch die morbide szenerie – und man fragt sich, ob hier gar kein klassiker gespielt wird, sondern die parodie auf einen klassiker. gran spettacolo also und wer italien liebt, wird sich durchaus heimisch fühlen. der wirklich grosse moment folgt gegen ende der dreieinhalb stunden und er entschädigt für alle ungereimtheiten. der fürst von salina ist jetzt alt und allein in den riesigen räumen, markus scheumann atmet schwer, stützt sich auf, setzt sich zwischendurch und erzählt in der dritten person seinen abgang, das ganze kapitel „der tod des fürsten“ aus dem roman, dargeboten als monolog: die bilanz eines mannes, um den herum sich die welt veränderte, der umwälzungen teils ahnte, immer reflektierte und oft auch verstand und davon jetzt müde und geschwächt ist. ein grandioser monolog, 38 minuten lang, man sieht und hört und ist gebannt von diesem schauspieler, der aus einer rolle einen charakter macht, einen grossen charakter, einen zeitlosen charakter, eine sternstunde des theaters.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

ROMA: LOHENGRIN

"mein lieber schwan"? gar nix schwan. an der römer oper wird lohengrin, der herbeigeträumte grosse problemlöser, nicht von einem schwan auf die bühne gezogen, nein, dieser lohengrin, ganz in weiss, zieht selber - einen ebenso weissen kindersarg. elsa, die holde, wird zu unrecht verdächtigt, ihren kleinen bruder beseitigt zu haben, um an die macht zu gelangen. doch der ist nicht tot, sondern wurde von elsas rivalin ortrud verzaubert, genau, in einen schwan. richard wagners rittermärchen ist komplex und nicht immer stringent. regisseur damiano michieletto, der für seine klugen deutungen nördlich der alpen deutlich mehr geschätzt wird als in seiner heimat, seziert bei seinem wagner-debut höchst präzis die verstrickungen und verzweiflungen dieser figuren, stellt sie in einem abstrakten raum richtiggehend aus, ihre hoffnungen, ihre visionen, ihre albträume, ihre panik. der kindersarg sorgt immer wieder für schockmomente, selbst zum hochzeitsmarsch, auch der totgeglaubte junge erscheint plötzlich und gespenstisch und wie bomben hängen riesige schwaneneier vom himmel, mehr und mehr. diese menschen sind getriebene, von ambitionen und ängsten gequälte, das geht unter die haut. absolut packend, wie alle ihre rollen nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch verinnerlichen und durchdringen. dmitry korchak in der titelrolle, hell strahlend im forte, leise leuchtend im pianissimo und mit perfekter diktion, wird dem derzeit weltbesten lohengrin, klaus florian vogt, schon bald ernsthaft konkurrenz machen. dirigent michele mariotti kostet das sphärische und das wuchtige des romantischen klangzaubers gleichermassen aus. zusammen mit den vieldeutigen bildern und symbolen verdeutlicht auch er, welch raffinierter psychologe wagner war. als der kleine sarg einmal geöffnet wird: nur lauter weisse federn. der ganze wahn funktioniert auch ganz ohne schwan.

Montag, 24. November 2025

LUZERN: ROBIN HOOD

wenn es sich die bande von robin hood nach der pause gemütlich eingerichtet hat im sherwood forest, mit superpatenter baumhütte, alter badewanne irgendwo im laub, farbigen glühlämpchen und gegrillten wildschweinwürstchen, dann staunt man, dass die begeisterten kinder im luzerner theater nicht gleich auf die bühne stürmen und diesen abenteuerspielplatz entern. mit dem diesjährigen kinderstück ist der schauspielchefin (und künftigen co-direktorin) katja langenbach und der bühnenbildnerin katrin hieronimus ein coup gelungen. die geschichte vom rächer der enterbten (max faatz als rundum liebenswürdiger kerl in der titelrolle) wird hier als kurzweilige lektion über freundschaft, freiheit und gerechtigkeit richtig cool erzählt, nach einem text von john von düffel. in zeiten, wo kinder die visuellen welten von games und ki verinnerlichen und täglich mit reizüberflutung zu kämpfen haben, muss sich ein theater ja schon sputen, um noch einigermassen mithalten zu können. die luzerner inszenierung schafft das mit den schönsten theaterillusionen: nebel schleichen durch den sherwood forest, geheimnisvolle lichter tauchen auf, eine feuersbrunst in der ferne, mal schneit es vom bühnenhimmel, mal steckt jemandem ein dolch im kopf, der volle theaterzauber. und es gibt viel action: stockkampf, fetzige musik zum mitstampfen und das grosse pfeilbogenschiessen aus der mitte des zuschauerraumes als witzige computeranimation auf dem eisernen vorhang. die kinder fiebern eifrig mit, das ist absolut ansteckend: eltern und grosseltern dürfen sich noch einmal ganz, ganz jung fühlen, ein spass der besonderen art. remember „peterchens mondfahrt“ 1961 oder so…..

Samstag, 22. November 2025

MÜNCHEN: AND THE WINNER IS.....

…..selin besili from switzerland! die junge frau, die als tochter kurdischer eltern im kanton schwyz aufwuchs und am film department der hochschule luzern studierte, gewinnt am festival of future storytellers in münchen den mit 10´000 euro dotierten hauptpreis für den besten film aus den deutschsprachigen ländern plus den spezialpreis für den "most unique film", den originellsten film im wettbewerb. „unser name ist ausländer“ ist besilis bachelor-abschlussfilm. sie rekapituliert und reflektiert darin ihre jugend, als die schweiz zwar ihre heimat war, ihr zuhause, und sie sich doch immer wie fremde fühlen mussten, sie macht dies gemeinsam mit ihren drei geschwistern: alle vier total authentisch, sympathisch, differenziert, einfach den alltag beschreibend, nie grummelnd, nie nachtragend. im sommer war dieser eindrückliche kurzfilm bereits im luzerner open-air-kino zu sehen (hier mehr dazu: BRANDER LIVE vom 5.8.25). selin besilis siegerfilm steht stellvertretend für den trend, der sich beim festival of future storytellers während der ganzen woche manifestierte: das dokumentarische überwiegt zunehmend das fiktive, die filme sind inhaltlich oft autobiografisch geprägt und formal sehr persönlich umgesetzt: handkamera und schwyzer mundart bei den vier besilis, am festival dann der not gehorchend mit englischen untertiteln und als „our name is foreigner“. es geht in diesen neuen filmen um beziehungen, freundschaften, verluste. in „death’s peak“ (der den publikumspreis gewann) verarbeitet der engländer willy fair den suizid seines stiefvaters - in einer animation mit einer herzerweichenden puppe. in „my friend song zhi“ beschäftigt sich xia fan sehr poetisch mit einer episode ihrer jugend, als sie als einzige in ihrem quartier einen zugang zu einer schrulligen, zurückgezogen lebenden alten fand. diese geradezu intimen geschichten sind die intensivsten. man darf sich freuen über diese future storytellers.