die berner oper hat einen echten coup gelandet: der 79jährige italiener salvatore sciarrino gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen komponisten, die berner durften jetzt sein neustes werk zur uraufführung bringen und das gelingt ihnen auf höchstem niveau. «l’agamennone» ist eine anspruchsvolle, verstörende oper über die nicht endende spirale der gewalt. ein steg führt von ganz hinten auf der bühne nach ganz hinten im zuschauerraum, von troja nach argos. im orchestergraben wabern nebel, das grosse orchester ist für einmal prominent auf der bühne platziert. der sieger von troja kehrt nach zehn jahren zurück in die heimat, doch er ist ein gebrochener mann: der bariton timothy connor zeigt und singt agamemnon physisch und psychisch schwerst versehrt, mit armprothese und auf vierfusskrücken schleppt er sich über den langen steg, mit stottergesang antwortet er auf die eiskalte begrüssung seiner gattin klytaimnestra, die ihn kurz darauf umbringen wird, weil er ihre tochter iphigenie geopfert hat. alle sind täter, alle sind opfer. sciarrino komponierte düstere und hochdramatische melodien, der junge dirigent clément lonca lotet sie mit dem berner symphonieorchester und dem chor in allen dimensionen aus, klagende streicher, heulende bläser, dumpfe schläge, schreie, wimmern, alles scheint schwer zu atmen, es ist der soundtrack des grauens und der verzweiflung. iris van wijnen als klytaimnestra flirrt in ihren gesängen vor falschheit, patricia westley als seherin kassandra ist voll panischer ahnung dem wahn nahe. regisseur david hermann beschränkt sich auf schlichte bilder und bewegungen, so kann die musik ihre bedrückende wirkung voll entfalten. nach agamemnons tod wird das theater mit blutrotem licht geflutet, aus einem zwischenreich taucht der ermordete noch einmal auf, bedauert seine taten, hofft auf ein ende der gewalt. zu spät, sohn orest als schwarzer todesengel in motorradfahrer-vollmontur ist bereits unterwegs zum nächsten mord. wir müssen uns der tragödie, dem wahnsinn, dem schmerz stellen, schreibt sciarrino im vorwort zu seiner partitur, «nur so können wir hoffen, uns selbst zu retten.» diese oper ist ein mahnmal.
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