mit dem ersten selbst verdienten geld kauft der achtjährige dinçer im niederrheinischen nettetal seiner mutter fatma pinke high heels, ein türkischer traum, eine süsse erinnerung an ihre herkunft. wie sesede terziyan am berliner gorki theater diese schuhe anzieht, tiefglücklich über die zuneigung ihres sohnes, wie sie mit strahlenden augen beinahe zu tanzschritten ansetzt und dann urplötzlich die schuhe auszieht und wegstellt, weil ihr bewusst wird, dass die hier in deutschland deplatziert wirken, in diesen momenten zwischen freudiger erregung und panik zeigt die schauspielerin ohne ein einziges wort das ganze existenzielle dilemma von migrantinnen: wer zwischen zwei heimaten lebt, hat keine. mit so einfachen wie eindrücklichen bildern setzt regisseur hakan savaş mican „unser deutschlandmärchen“ um, den autobiografischen roman von dinçer güçyeter, der 2023 mit dem preis der leipziger buchmesse ausgezeichnet wurde. taner şahintürk spielt dinçer sowohl als junge wie als erwachsenen mann hinreissend authentisch: einer, der seine eigene stimme finden will, „aber wie?“. einmal entreisst die mutter dem pubertierenden sohn, als er sich für theater zu interessieren beginnt, ein reclam-heft. theater, was soll das? wenig später geht dinçer weg, er will „die vergangenheit löschen“, es werden fünf wilde jahre. eine fetzige live-band begleitet diese inszenierung auf der bühne und unterstreicht das pendeln zwischen den kulturen mit krassen akzenten, fatma und dinçer singen und performen dazu umwerfend das gesamte spektrum vom melancholischen türk-pop der sezen aksu bis zum rauchig-heiseren grönemeyer. so präsentiert sich das leben der beiden als nicht endender eiertanz zwischen türkischer tradition und deutschem alltag, zwischen liebe und abneigung, zwischen scham und wut: zwei starke menschen – und doch nicht stark genug für dieses düstere märchen, diesen permanenten kampf um zugehörigkeit. die pinken high heels, die fatma für immer wegstellte, hat dann übrigens dinçer getragen, wie er der mutter spät gesteht, „immer wenn du nicht zuhause warst.“
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