Samstag, 9. Mai 2026

ZÜRICH: MANIAC

dieses überhebliche im blick, dieses stechende, dieses zynische, es verheisst nichts gutes. matthias neukirch spielt am schauspielhaus zürich den mathematiker john von neumann, einen der einflussreichsten des 20. jahrhunderts, und er lässt keinen zweifel: viel wissen, wenig gewissen. von neumann berechnete für die atombombe von hiroshima die optimale abwurfhöhe um maximale zerstörungskraft zu entfalten. in seinem roman „maniac“ versammelt der chilenische schriftsteller benjamín labatut diesen von neumann und andere superhirne, die sich bei go-partien ihre hybris antrainieren, und starregisseur calixto bieito verdichtet den roman am schauspielhaus in waberndem nebel zu einer art tanz der dämonen. ein maniac ist ein besessener und von neumann nannte bezeichnenderweise auch den von ihm erfundenen monströsen universalrechner „maniac“ (mathematical and numerical integrator and computer). daran erinnern die riesigen gitterrohre, die sich auf der bühne heben und senken, ein maschinenraum des grauens, wo diese wissenschaftler kaum miteinander sprechen, sie monologisieren, sie deklamieren an der rampe, sehr dicht, sehr abgehoben, der blick zurück als irre polyphonie. das hervorragende ensemble führt lauter beängstigend riskante egos vor, deren ziel es ist, „das entscheidungsverhalten von menschen zu modellieren“. sie berauschen sich an der puren freude, das undenkbare zu denken. wohin das im extremfall führen kann, interessiert sie nicht gross, zweifel sind nicht vorgesehen, für einstein, der als marionette auftaucht, haben sie ein müdes lächeln übrig. die möglichkeit abertausender von toten berührt von neumann nicht, nur der gedanke an seinen eigenen tod verunsichert ihn zutiefst. sein maniac war der urgrossvater der künstlichen intelligenz, mit maniac begannen von neumann und seine bande die mathematisierung der kommunikation. diese fratzen der gewissenlosigkeit, wieder und wieder tauchen sie auf aus den nebeln der wissenschaft und blicken überlegen grinsend auf uns herab. wir sind ihre spielfiguren. 

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