Donnerstag, 14. Mai 2026

BERLIN: NORMA

maximale emotion, maximale eskalation: die bulgarische sopranistin sonya yoncheva als norma lauscht zunächst ganz gerührt, als ihre freundin adalgisa (angela brower) von ihrer neuen flamme berichtet, gerät dann zunehmend in verzückung, da diese schilderungen sie an die anfänge ihrer eigenen grossen liebe erinnern, bis plötzlich klar wird, dass der angebetete ein und derselbe ist, der vater von normas kindern - da wird aus liebe blanker hass. das sind gänsehaut-momente in der berliner staatsoper, absolut erschütternd, wie die yoncheva sich in dieser szene von den zartesten gefühlen steigert in die totale raserei, wie sie ihre freundin abgrundtief verachtet, wie sie mit feurigen augen den auftauchenden geliebten fixiert, wie sie die gemeinsamen kinder verzweifelt zur seite schiebt und nur noch an rache und tod zu denken vermag, mit bebender stimme die dramatische wucht von vincenzo bellinis melodien fulminant auskostend. dieses fatale beziehungsdreieck, reduziert auf engstem raum, in einer kammer, das ist opern-krimi, das ist an spannung und intensität nicht zu überbieten. bedeutend weniger überzeugend das gesamtkonzept von regisseur vasily barkhatov, der die politische rahmenhandlung (aufstand der gallier gegen die römischen besatzer) in eine keramikmanufaktur verlegt, wo die desillusionierten arbeiterinnen endlos an büsten des verhassten diktators rumfummeln müssen. diese idee trägt keine drei stunden. kommt dazu, dass dirigent giuseppe mentuccia mit teils extremen tempi alle immer wieder über ihre grenzen hinaus fordert, die staatskapelle, den chor, die solistinnen - und das publikum. ein abend voller grenzerfahrungen also, in jeder hinsicht.

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