"da gehen die ersten", stellt die darstellerin der ottilie mit scharfem blick in den zuschauerraum nach 25 minuten ganz trocken fest. da gehen tatsächlich schon die ersten. goethes "wahlverwandtschaften" in der version der mehrfach preisgekrönten regisseurin leonie böhm sind nicht jedermanns sache: die versuchsanordnung goethes mit dem adligen paar eduard und charlotte, dessen ehe durch zwei gäste völlig aus den fugen gerät, dient böhm am theater basel bloss als gerüst. aus ganz heutiger sicht untersucht sie die anziehenden und abstossenden kräfte in beziehungen: begehren, liebe, kontrolle, schuld. auf der völlig leeren bühne experimentieren die figuren während 100 minuten, das hat was von impro-theater, sie jagen assoziationen nach, singen, küssen, tanzen, umschlingen sich, albern mit dem publikum rum, fallen in löcher, kriechen wieder hervor, sie probieren in wechselnden konstellationen nähe und distanz, versuchen zusammenzubleiben, auch wenn es schwierig ist, und das alles immer auch ausgesprochen körperlich. die umwerfende maja beckmann, mit der die regisseurin schon mehrfach arbeitete, und vera flück vom basler ensemble sind das quirlige kraftzentrum dieser durchaus gewöhnungsbedürftigen übungsanlage, kay kysela und dominic hartmann können da in sachen energie und artikulation nicht immer mithalten. das absolut faszinierende an dieser inszenierung - achtung, jetzt kommt's - ist die textebene, die besteht nämlich weitestgehend aus original-goethe. das funktioniert, denn goethes sentenzen - über 200 jahre alt - sind von zeitloser klarheit, die liebe als permanenter kampf zwischen gefühl und vernunft. "je mehr ich deines herzens gewahr werde, desto tiefer blicke ich in meines." dieser sperrige abend bietet überraschend viel gedankenfutter. wer ihn nach 25 minuten verliess, hat etwas verpasst.
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