Samstag, 3. Januar 2026

LISSABON: REGENLANDSCHAFT

"mit jedem regentropfen weint mein verfehltes leben in der natur. etwas von meiner unruhe liegt in diesem wechselspiel von regengetröpfel und regenguss, mit dem sich die tristesse des tages zwecklos über die erde ergiesst. es regnet noch und noch. meine seele ist nass vom regnen-hören. (...) eine beunruhigende kälte legt ihre eisigen hände um mein armes herz. die grauen stunden ziehen sich in die länge, ufern aus in der zeit; die augenblicke schleppen sich hin. (...) alles weiche, an das ich mich lehne, hat scharfe kanten für meine seele. alle blicke, in die ich blicke, sind dunkel in diesem erschöpften tageslicht, geschaffen, darin ohne schmerz zu sterben." - fernando pessoa muss das kapitel 141 in "das buch der unruhe des hilfsbuchhalters bernardo soares" an einem tag wie diesem geschrieben haben, es trägt den titel "regenlandschaft". dieser regen, mal dünn, mal heftig, unaufhörlich auch heute. an schönen tagen ist lissabon eine helle, heitere, offene stadt. doch heute wird es seinem ruf als welthauptstadt der melancholie vollumfänglich gerecht. wir gehen durch die rua dos douradores, in der pessoa seinen hilfsbuchhalter ansiedelte, jetzt eine trostlose häuserzeile, vieles verwaist, verfallen - und verregnet. schritt für schritt kann man hier die genial-grüblerische grundstimmung dieses literarischen meisterwerks nachvollziehen. glücklicherweise sitzt unser psychisches korsett recht straff, so arg wie dem herrn soares setzt uns dieses wetter dann doch nicht zu.

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