Dienstag, 13. Januar 2026

MADRID: BAILAD COMO SI NADIE OS VIERA

wer den film "sirāt" von óliver laxe gesehen hat, wird ihn nie vergessen: die geschichte eines vaters, der auf der suche nach seiner vermissten tochter raves in der marokkanischen wüste besucht, unterwegs bei einem horrorunfall auch noch seinen kleinen sohn verliert, zwischen sengender sonne und sedierenden drogen neue freunde gewinnt, die dann nahe der mauretanischen grenze wegen minen in die luft fliegen - dieser film ist albtraum und zeitdokument gleichermassen, dystopie total, in cannes letztes jahr zurecht mit dem grossen preis der jury ausgezeichnet und jetzt im rennen für den oscar 2026 als bester internationaler film. das museo reina sofia in madrid, das sich vermehrt auch der filmkunst widmen will, eröffnet seinen neuen "espacio" jetzt passend mit óliver laxe. mit rohmaterial vom "sirāt"-dreh kreiert der galizische regisseur eine installation, die massiv aufwühlt, und zwar ganz offensichtlich sowohl die jüngeren wie die älteren besucherinnen und besucher: "bailad como si nadie os viera" (tanzt wie wenn euch niemand sähe). in einem ersten kleinen raum ist es so dunkel, dass man die pyramide aus lautsprecherboxen zunächst kaum sieht, doch dann wirft sie wie ein totem strenge blicke. im zweiten raum dann auf drei seiten raumhohe screens: man steht oder sitzt quasi mitten in der wüste, der rave-sound bebt krass bis auf leber und niere, die protagonisten aus dem film schwitzen und tanzen und heulen auf leben und tod, im grossformat und endlos. sirāt ist im arabischen die brücke zwischen hölle und paradies, diese menschen geraten an den rand ihrer existenz, nahe an der selbstauflösung. das fährt ein, das muss man aushalten. und wenn man es aushält, ist es ein tiefes kontemplatives und spirituelles erlebnis. immer wieder zeigt laxe gross die sonne hinter der wüste. das ist kein kitsch, es ist die letzte hoffnung.

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