Donnerstag, 8. Januar 2026

OBERÄGERI: DER MANN AUF DEM KIRCHTURM

„einen abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen.“ mit 65 fiel der grossvater des filmemachers edwin beeler von einem dach, mit 81 erschoss er sich im keller. ein spontaner entscheid? oder war diese tat als konsequenz tiefer depressionen schon lange geplant? edwin beeler hat seinen grossvater, den kaminfeger und dachdecker von oberägeri, geliebt und verehrt: ein kaminfeger verhütet brände und bringt glück. seinen suizid konnte er nicht fassen. das bild vom stattlichen, freundlichen mann bekam plötzlich risse – und damit auch die eigene geschichte. beelers neuer film „der mann auf dem kirchturm“ ist mehr als das porträt eines lebens, das tragisch endete, er ist das porträt einer familie, einer dorfgemeinschaft und eines dorfes, das sich rasant und bis zur unkenntlichkeit verändert hat. und er ist in erster linie die suche nach der eigenen identität. der autor lässt den kleinen david meile als sein kindliches alter ego in den räumen der vergangenheit stöbern, er findet alte fotos in der kommode und als roter faden tauchen immer wieder beelers lieblingsspielzeuge von damals auf, der am reck turnende blechclown jimmy und der schwarze zylinderhut des grossvaters. im sehr persönlichen, poetischen off-text (gesprochen von hanspeter müller-drossaart) fragt sich beeler, ob er diesen grossvater wirklich kannte, ob der etwas vorspielte, er fragt sich, wie es sich als mann lebte in einer zeit, in der man gefühle nicht zeigen und nicht über sie sprechen durfte. dieser film taucht ein in die tiefen der tabus. die mutter des filmers, tanten, bekannte des grossvaters, diese reiche fülle an zeugnissen, stimmungen und alten aufnahmen ergibt ein immer konkreteres bild, was prägend und was lähmend wirkte damals - und später auf die nachfolgenden generationen. „der mann auf dem kirchturm“ ist eine sehr private einladung, die koordinaten im eigenen leben zu hinterfragen und auf ihre verlässlichkeit zu prüfen.

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