jetzt fährt er mit seinem pick-up in ghana ananas, mandarinen und mangos durch die gegend und produziert mit ein paar frauen smoothies. kweku adoboli, der mann, der 2011 am etf-desk der ubs in london 2,3 milliarden in den sand setzte, betrachtet die wirtschaft nun von unten – und erzählt darüber auch in einer eigenen, viel beachteten radio-show. in ihrem film „the narrative“, der jetzt an den solothurner filmtagen première hatte, zeichnen die beiden dokumentarfilmer martin schilt und bernard weber die irre geschichte von kweku adoboli nach. „es war, als wolle man einen jumbo-jet mit vier brennenden triebwerken unter kontrolle bringen“, erinnert sich der heute 45jährige an die fehlspekulationen, die sein leben veränderten. er wollte sich nie persönlich bereichern, er wollte profit machen für die bank. adoboli übernahm die volle verantwortung und wurde in einem weltweit beachteten prozess zu sieben jahren gefängnis verurteilt und ausgeschafft: „ich wurde vom gericht für genau die eigenschaften bestraft, für die ich in der bank hochgelobt wurde.“ die ubs liess ihn erbarmungslos fallen, ein gieriger high-performer, ein sündenbock. doch alle in der bank wussten, wie es läuft, alle trieben die jungen trader an, alle jagten nach immer gigantischeren gewinnen, keiner schaute genau hin, fehlerkultur null. 17 mal wurde adobolis direkter vorgesetzter zu compliance-trainings aufgeboten, 17 mal ignorierte er die einladung. mit lauter schwarzen arrangierten die filmemacher und adoboli in ghana auch ein reenactment seines prozesses, das brutal verdeutlicht, wie niemand in der bank etwas gewusst haben will. doch das narrativ vom perfiden einzeltäter stimmt nicht, adobolis geschichte ist die geschichte eines skrupellosen, kranken systems. überstanden hat er das alles, das zeigt der film sehr schön, weil freundinnen und freunde aus der studienzeit in england immer zu ihm hielten. sie müssen ihn heute in ghana besuchen.
Montag, 26. Januar 2026
Donnerstag, 22. Januar 2026
SOLOTHURN: MEHR LICHT
normalerweise finden sich in jeder kunstausstellung als garnitur auch ein, zwei videos, bisschen bewegung, bisschen auflockerung, tut immer gut. und jetzt: ein ganzes museum, drei etagen voll mit videos, das ist vielleicht eine lust. „mehr licht“ heisst die grosse schau im kunstmuseum solothurn, eine bestandesaufnahme der videokunst von ihren anfängen (mit schweren videorecordern und teuren magnetbändern) bis heute, mit videos und videoinstallationen von über 30 künstlerinnen und künstlern. das führt von reinhard manz‘ aufmüpfigem happening „entschriftung der greifengasse“ in basel (1983) über pipilotti rists legendären „pickelporno“ (1994) und élodie pongs „secrets for sale“ (2003), die die grenzen von privatheit und öffentlichkeit sprengen, zu judith alberts hochpoetischer „engstlenalp“ (2021). besonders prominent ausgestellt wird christoph rütimanns „tetrasphereline“: er baute sich eine riesige skulptur aus stahlrohr, eine verschlungene endlosschlaufe, auf die er eine kamera montierte, die auf dieser schlaufe ihre runden drehte. das ganze fuhr auf einem güterwagen die bernina-strecke von landquart bis tirano ab. man wird hier also teil einer expedition der besonderen art, die bahn in bewegung, die kamera in bewegung, die welt mal von oben, mal von unten, mal seitlich vorbeirauschend, immer neue blickwinkel, eine permanente wechselwirkung von raum und zeit. oft spielt die videokunst mit sich selbst und immer spielt sie mit uns und den grenzen unserer wahrnehmung. dieses medium verwandelt die kritik an den zuständen in einen gigantischen bilderrausch und fordert uns heraus, diesen rausch zu ertragen, die rätsel zu entschlüsseln, kurz: die welt mit anderen augen zu sehen. das ist abwechslungsreich, kurzweilig, anregend, man kann sich hier stundenlang verweilen und verlieren – und das ist noch nicht alles: „mehr licht“ wurde als doppelausstellung konzipiert. die zweite, komplementäre hälfte startet ende monat im aargauer kunsthaus.
Sonntag, 18. Januar 2026
BASEL: DIE WAHLVERWANDTSCHAFTEN
"da gehen die ersten", stellt die darstellerin der ottilie mit scharfem blick in den zuschauerraum nach 25 minuten ganz trocken fest. da gehen tatsächlich schon die ersten. goethes "wahlverwandtschaften" in der version der mehrfach preisgekrönten regisseurin leonie böhm sind nicht jedermanns sache: die versuchsanordnung goethes mit dem adligen paar eduard und charlotte, dessen ehe durch zwei gäste völlig aus den fugen gerät, dient böhm am theater basel bloss als gerüst. aus ganz heutiger sicht untersucht sie die anziehenden und abstossenden kräfte in beziehungen: begehren, liebe, kontrolle, schuld. auf der völlig leeren bühne experimentieren die figuren während 100 minuten, das hat was von impro-theater, sie jagen assoziationen nach, singen, küssen, tanzen, umschlingen sich, albern mit dem publikum rum, fallen in löcher, kriechen wieder hervor, sie probieren in wechselnden konstellationen nähe und distanz, versuchen zusammenzubleiben, auch wenn es schwierig ist, und das alles immer auch ausgesprochen körperlich. die umwerfende maja beckmann, mit der die regisseurin schon mehrfach arbeitete, und vera flück vom basler ensemble sind das quirlige kraftzentrum dieser durchaus gewöhnungsbedürftigen übungsanlage, kay kysela und dominic hartmann können da in sachen energie und artikulation nicht immer mithalten. das absolut faszinierende an dieser inszenierung - achtung, jetzt kommt's - ist die textebene, die besteht nämlich weitestgehend aus original-goethe. das funktioniert, denn goethes sentenzen - über 200 jahre alt - sind von zeitloser klarheit, die liebe als permanenter kampf zwischen gefühl und vernunft. "je mehr ich deines herzens gewahr werde, desto tiefer blicke ich in meines." dieser sperrige abend bietet überraschend viel gedankenfutter. wer ihn nach 25 minuten verliess, hat etwas verpasst.
Samstag, 17. Januar 2026
LUZERN: JAMES BROWN TRUG LOCKENWICKLER
ein pelzmantel liegt am boden und wartet auf seine bestimmung, die bühne ist in verführerisches blau getaucht, lichterketten, discokugel, sterne am himmel: auftritt céline dion. respektive: auftritt jacob hutner, der sich für céline dion hält, nächstens zur welttournée aufbrechen will und also in pathologischer sorge um seine stimmbänder ist. seine eltern bringt das zur verzweiflung – und jacob in die psychiatrie. „james brown trug lockenwickler“ heisst die geniale, zwischen irrsinn und melancholie pendelnde komödie der französischen starautorin yasmina reza, die das theater nawal jetzt im luzerner theaterpavillon zeigt. wenn die welt spinnt, findet man das glück möglicherweise nur noch im eigenen kopf. in jacobs kopf wimmelt es von mikrofonen, scheinwerfern, showelementen. in diese surreale welt lässt regisseur reto ambauen das ensemble eintauchen und herumirren, die fünf erledigen das mit viel französischem charme und einem enormen feeling für absurde pointen. die auftritte von jacobs psychiaterin werden immer schräger („ich fahre von paris nach san remo ohne ein einziges mal zu bremsen“), die auftritte von jacobs vater erschreckend aggressiv, womit sich zunehmend die frage stellt, wer eigentlich die wirklich durchgeknallten sind. und vor allem: wer bestimmt, wer auf welche weise glücklich sein darf? jacob/céline findet einen freund in der klinik, philippe, einen bleichen jüngling, der sich als schwarzer aus amerikas süden erlebt. es ist ein genuss, den beiden zuzuschauen, wie sie sich necken, wie sie liebevoll ihre meinungsverschiedenheiten austragen, wie sie es gut haben, einfach gut. doch céline verabschiedet sich, von philippe, von ihren eltern, von der psychiaterin: sie muss ja auf welttournée….. komödie, soll sie richtig sitzen, gehört zum schwierigsten im theater. komödie mit tiefgang und von laien gespielt ist noch um einen dreh anspruchsvoller. dem theater nawal ist es geglückt. chapeau!
Dienstag, 13. Januar 2026
MADRID: BAILAD COMO SI NADIE OS VIERA
wer den film "sirāt" von óliver laxe gesehen hat, wird ihn nie vergessen: die geschichte eines vaters, der auf der suche nach seiner vermissten tochter raves in der marokkanischen wüste besucht, unterwegs bei einem horrorunfall auch noch seinen kleinen sohn verliert, zwischen sengender sonne und sedierenden drogen neue freunde gewinnt, die dann nahe der mauretanischen grenze wegen minen in die luft fliegen - dieser film ist albtraum und zeitdokument gleichermassen, dystopie total, in cannes letztes jahr zurecht mit dem grossen preis der jury ausgezeichnet und jetzt im rennen für den oscar 2026 als bester internationaler film. das museo reina sofia in madrid, das sich vermehrt auch der filmkunst widmen will, eröffnet seinen neuen "espacio" jetzt passend mit óliver laxe. mit rohmaterial vom "sirāt"-dreh kreiert der galizische regisseur eine installation, die massiv aufwühlt, und zwar ganz offensichtlich sowohl die jüngeren wie die älteren besucherinnen und besucher: "bailad como si nadie os viera" (tanzt wie wenn euch niemand sähe). in einem ersten kleinen raum ist es so dunkel, dass man die pyramide aus lautsprecherboxen zunächst kaum sieht, doch dann wirft sie wie ein totem strenge blicke. im zweiten raum dann auf drei seiten raumhohe screens: man steht oder sitzt quasi mitten in der wüste, der rave-sound bebt krass bis auf leber und niere, die protagonisten aus dem film schwitzen und tanzen und heulen auf leben und tod, im grossformat und endlos. sirāt ist im arabischen die brücke zwischen hölle und paradies, diese menschen geraten an den rand ihrer existenz, nahe an der selbstauflösung. das fährt ein, das muss man aushalten. und wenn man es aushält, ist es ein tiefes kontemplatives und spirituelles erlebnis. immer wieder zeigt laxe gross die sonne hinter der wüste. das ist kein kitsch, es ist die letzte hoffnung.
Donnerstag, 8. Januar 2026
OBERÄGERI: DER MANN AUF DEM KIRCHTURM
„einen abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen.“ mit 65 fiel der grossvater des filmemachers edwin beeler von einem dach, mit 81 erschoss er sich im keller. ein spontaner entscheid? oder war diese tat als konsequenz tiefer depressionen schon lange geplant? edwin beeler hat seinen grossvater, den kaminfeger und dachdecker von oberägeri, geliebt und verehrt: ein kaminfeger verhütet brände und bringt glück. seinen suizid konnte er nicht fassen. das bild vom stattlichen, freundlichen mann bekam plötzlich risse – und damit auch die eigene geschichte. beelers neuer film „der mann auf dem kirchturm“ ist mehr als das porträt eines lebens, das tragisch endete, er ist das porträt einer familie, einer dorfgemeinschaft und eines dorfes, das sich rasant und bis zur unkenntlichkeit verändert hat. und er ist in erster linie die suche nach der eigenen identität. der autor lässt den kleinen david meile als sein kindliches alter ego in den räumen der vergangenheit stöbern, er findet alte fotos in der kommode und als roter faden tauchen immer wieder beelers lieblingsspielzeuge von damals auf, der am reck turnende blechclown jimmy und der schwarze zylinderhut des grossvaters. im sehr persönlichen, poetischen off-text (gesprochen von hanspeter müller-drossaart) fragt sich beeler, ob er diesen grossvater wirklich kannte, ob der etwas vorspielte, er fragt sich, wie es sich als mann lebte in einer zeit, in der man gefühle nicht zeigen und nicht über sie sprechen durfte. dieser film taucht ein in die tiefen der tabus. die mutter des filmers, tanten, bekannte des grossvaters, diese reiche fülle an zeugnissen, stimmungen und alten aufnahmen ergibt ein immer konkreteres bild, was prägend und was lähmend wirkte damals - und später auf die nachfolgenden generationen. „der mann auf dem kirchturm“ ist eine sehr private einladung, die koordinaten im eigenen leben zu hinterfragen und auf ihre verlässlichkeit zu prüfen.
Samstag, 3. Januar 2026
LISSABON: REGENLANDSCHAFT
"mit jedem regentropfen weint mein verfehltes leben in der natur. etwas von meiner unruhe liegt in diesem wechselspiel von regengetröpfel und regenguss, mit dem sich die tristesse des tages zwecklos über die erde ergiesst. es regnet noch und noch. meine seele ist nass vom regnen-hören. (...) eine beunruhigende kälte legt ihre eisigen hände um mein armes herz. die grauen stunden ziehen sich in die länge, ufern aus in der zeit; die augenblicke schleppen sich hin. (...) alles weiche, an das ich mich lehne, hat scharfe kanten für meine seele. alle blicke, in die ich blicke, sind dunkel in diesem erschöpften tageslicht, geschaffen, darin ohne schmerz zu sterben." - fernando pessoa muss das kapitel 141 in "das buch der unruhe des hilfsbuchhalters bernardo soares" an einem tag wie diesem geschrieben haben, es trägt den titel "regenlandschaft". dieser regen, mal dünn, mal heftig, unaufhörlich auch heute. an schönen tagen ist lissabon eine helle, heitere, offene stadt. doch heute wird es seinem ruf als welthauptstadt der melancholie vollumfänglich gerecht. wir gehen durch die rua dos douradores, in der pessoa seinen hilfsbuchhalter ansiedelte, jetzt eine trostlose häuserzeile, vieles verwaist, verfallen - und verregnet. schritt für schritt kann man hier die genial-grüblerische grundstimmung dieses literarischen meisterwerks nachvollziehen. glücklicherweise sitzt unser psychisches korsett recht straff, so arg wie dem herrn soares setzt uns dieses wetter dann doch nicht zu.
Donnerstag, 1. Januar 2026
TAVIRA: WE WILL ROCK YOU
es war einmal ein kleiner junge namens jacob, der davon träumte, céline dion zu sein, nein: er träumte nicht, er war fest überzeugt, céline dion zu sein. auf diese geschichte komme ich in zwei wochen zurück in diesem blog. die realität ist für diejenigen, die ihre träume nicht aushalten. nicht jeder möchte céline dion sein, aber wer hat nicht mal von maria callas oder adriano celentano geträumt, zu ihren stimmen geschmachtet, in ihren melodien gebadet? oder von david bowie oder freddie mercury? freddie for ever, ihn hat sich tavira, die sympathische küstenstadt im süden portugals, jetzt zurückgeholt für die silvesternacht: "tributo a queen", open air auf der zentralen praça da república. vier nicht mehr ganz junge, doch immer noch absolut aufgeladene herren von der portugiesischen cover-band one vision machen voll den freddie, die ganze stadt vibriert und die ganze stadt ist auf den beinen, tausende. "we will rock you", "i want to break free", "don't stop me now", "bohemian rhapsody", all die grossen knaller, volle tüte. alt und jung tanzt und träumt, singt und stampft, viele glückliche gesichter, viele nostalgische momente, und die vier queen-wiedergänger spielen unermüdlich und spielen und spielen bis - haarscharf - 30 sekunden vor mitternacht. goodbye 2025, welcome 2026, we will, we will rock you.....