Dienstag, 30. April 2024

BERN: SIEGFRIED

verdammt anstrengend, das erwachsenwerden! das ist, auf den punkt gebracht, die geschichte, die richard wagner in „siegfried“ erzählt, dem dritten teil seiner macht-und-intrigen-soap „ring des nibelungen“. sich ablösen, sich finden, gross und stark werden und dann auch noch die sache mit der liebe, huch…. „adults out!“ steht mal in grossen lettern auf der bühne des berner stadttheaters: die polnische regisseurin ewelina marciniak wirft sich diesmal ganz auf die seite der jugend und erzählt wagners coming-of-age-story frisch und frech - und durchaus schlüssig. ihrem siegfried gibt sie das von mikołaj karczewski überaus keck choreografierte berner tanzensemble zur seite, eine muntere clique, absolut instagrammable, vielleicht sind es siegfrieds kumpel, die ihn anfeuern, ihm mut machen, vielleicht sind sie sein ziemlich aktives unterbewusstsein. ein gewinn sind sie auf jeden fall. wie geht man mit den erwartungen der gesellschaft und dem druck der familie um? was, um himmels willen, ist männlich? immer neue fragen, „wild und kraus kreist die welt…..“ und da muss er jetzt durch, dieser siegfried. der britische tenor jonathan stoughton spielt ihn nicht als naiven jüngling, sondern – mit pferdeschwanz, brille und holzfällerhemd – als neugierigen nerd. die enorme partie, die die stimme während fünf stunden immer wieder bis an die grenzen fordert, meistert er auch im finalen liebestaumel mit brünnhilde noch bravourös. ebenso überzeugend der bariton claudio otelli als wotan, der seinem enkel siegfried hier inkognito als wanderer entgegentritt und realisieren muss, wie ihm alles zu entgleiten beginnt, überlegenheit, macht, kontrolle. hier wird mit rollenbildern und klischees aufgeräumt und auch wenn im orchester (unter nicholas carter) nicht alles perfekt sitzt: diese inszenierung überzeugt, mit kraft und köpfchen, phantasievoll und verspielt, eine wonne.

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