Montag, 28. August 2017

SACHSELN: VO INNÄ UISÄ

wer ist dieser mann? wer ist dieser bruder klaus? auf einer prächtigen grünen anhöhe, sinnigerweise schön in der mitte zwischen dem ruhigen ranft und dem unruhigen talboden von sarnen, wird in einem eigens erstellten grossen holzgaden 41 mal darüber nachgedacht. 41 mal spielen und singen laien „vo innä uisä“, das offizielle gedenkspiel zum 600-jahr-jubiläum des heiligen. autor paul steinmann und regisseur geri dillier fügen fragmente aus der biografie, der rezeptionsgeschichte und der mystisch-mysteriösen pilgervision zu einem neuen bild von niklaus von flüe. einem neuen bild? er selber tritt nicht auf. ein chor charakterisiert ihn mit eindrücklichen und eindringlichen liedern von jul dillier, dorfszenen beschwören die vergangenheit, lichtwürfe von judith albert sorgen für adäquate und meditative atmosphäre. kein neues bild also, aber eine neue, stimmige annäherung an den fernen eremiten. wird er überbewertet? wird er unterschätzt? bruder klaus polarisiert seit jahrhunderten. dieser pendler zwischen innenwelt und aussenwelt, zwischen familie und gott, zwischen politischem engagement und totalem rückzug, zwischen illusion und depression – er schien widersprüche auszuhalten oder sie gar als ansporn zu verstehen; eine ambiguitätstoleranz, die viele, die ihn heute aus distanz beurteilen, offensichtlich nicht nachvollziehen können oder gar teilen. für die einen ist er eine lichtgestalt, für andere ein ärgernis. das wird sich nach diesem spiel nicht ändern. wer ist dieser mann? was sagt er mir heute? die wahrheit über bruder klaus findet jeder nur bei sich.

Freitag, 18. August 2017

MÜNCHEN: THOMAS STRUTH, FIGURE GROUND

in den neunziger jahren erhielt der deutsche fotograf thomas struth (*1954) vom damaligen direktor des kunstmuseums winterthur die einladung, 37 neue zimmer am dortigen spital mit bildern auszustatten. struth streifte durch die ländliche gegend um winterthur, fotografierte wege auf hügeln, wege am waldrand, wege durch wiesen, nicht an grellen sommertagen, sondern wohl eher an milden frühlingsmorgen, an morgen voller melancholisch-weicher poesie. die grossformatigen bilder, die gegenüber dem krankenbett installiert wurden, zeigen die heimat der patientinnen und patienten und vor allem strahlen sie eine grosse ruhe, ja eine absolute stille aus. übers kopfende des bettes hängte struth jeweils die nahaufnahme einer pflanze, zart, verletzlich, eine metapher für die situation des patienten. diese serie mit dem titel „löwenzahnzimmer“ füllt im münchner haus der kunst jetzt den zwölften und letzten raum der umfassenden struth-schau „figure ground“. sie zeigt beispielhaft, wie sich dieser künstler als sozialer künstler versteht, der sich zunächst ausgiebig in eine situation einfühlt, und sie zeigt, wie er in ganzen werkgruppen denkt und arbeitet. weitere beispiele in der ausstellung sind familienporträts rund um den globus, high-tech in internationalen forschungslaboren, menschen in museen, unbewusste strassen in unbewussten orten. anders als andere mitglieder der berühmten düsseldorfer fotoschule bearbeitet thomas struth sein material nicht digital, die wirkung geht so ganz vom moment der aufnahme aus, vom unmittelbaren. bewegung in die oft ausgesprochen statischen bilder bringt die betrachterin und der betrachter. der fotograf macht sie zu komplizen.

Donnerstag, 17. August 2017

LIUZHEN: BRÜDER

besuchen sie china, bevor china sie besucht! das war einmal, dafür ist es jetzt zu spät. chinesinnen und chinesen stehen bereits am morgen vor unserem küchenfenster. sie kommen immer zahlreicher. sie bevölkern unsere städte. sie kaufen unsere uhren. und ihre eliten kaufen unsere firmen und unsere fussballclubs. es gibt keinen zwang, die menschen aus china zu mögen. angesichts ihrer zunehmenden globalen aktivitäten schadet es aber bestimmt nicht, sie besser zu verstehen. der roman "brüder" von yu hua (fischer taschenbuch verlag) ist geschichtsbuch und schelmenroman in einem, und vor allem ist er ein ausgezeichneter guide zur chinesischen mentalität. auf fast 800 seiten entwirft der autor ein gigantisches china-panorama von der kulturrevolution in den sechzigern bis zum millennium, zusammengehalten durch die geschichte zweier brüder in der kleinen stadt liuzhen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. der eine ein aufschneider und hallodri, der andere schüchtern bis zum abwinken. nichts bleibt den beiden und uns erspart: "brüder", das ist derb und drastisch, brutal und berührend. "brüder", das ist china von unten. atmosphärisch dicht, sprudelnd und aufschlussreich von der ersten bis zur letzten seite. man klappt das buch bereichert zu und denkt sich: ja, es gibt keinen zwang, die menschen aus china zu mögen, allerdings auch kein verbot.

Sonntag, 13. August 2017

WASHINGTON: THE LAST HOPE

"nach 200 tagen trump´schem chaos weiss man schlicht nicht mehr, inwieweit der präsident die realität überhaupt noch zur kenntnis nimmt." schreibt hubert wetzel im leitartikel der "süddeutschen zeitung". und schliesslich: "bei richard nixon endete die sache übrigens so: schon einige stunden bevor er zurücktrat, wurden ihm vorsichtshalber die abschusscodes für die us-atomwaffen weggenommen. seine minister hielten den präsidenten für zu verrückt."

Sonntag, 30. Juli 2017

INGOLSTADT: DAS AUDI-REQUIEM

er sei „der derzeit radikal beste mozart-dirigent“, liest man am vormittag in der „süddeutschen zeitung“,  in einer geradezu euphorischen besprechung seiner „tito“-première bei den salzburger festspielen. am abend erlebt man, entsprechend konditioniert und gespannt, diesen teodor currentzis dann live, mit mozarts requiem in ingolstadt. der magere, bleiche grieche trägt ein freifallendes schwarzes hemd mit stehkragen und eine hautenge schwarze hose. dieses eher atypische outfit unterstützt die dynamik seines dirigats und unterstreicht sein showtalent und seinen spirituellen zugang zum werk gleichermassen. und tatsächlich: so hat man mozarts requiem noch nie gehört. mit ungewohnten tempi, ungewohnten pausen, ungewohnten akzenten – so frisch, so aufgekratzt, so zornig und so innig. die mitglieder von currentzis´ musicaeterna-orchester und –chor aus dem russischen perm dürften im schnitt exakt so alt, resp. so jung sein wie mozart, als er diese musik kurz vor seinem tod komponierte. das gleiche gilt für die vier solisten, darunter – hingebungsvoll und sphärisch – der luzerner mauro peter (vom programmheft als „shootingstar unter den jungen tenören“ gefeiert). die durchgehende jugendlichkeit dieses ensembles schafft phänomenale klanggebilde, ein vom ersten bis zum letzten takt aufwühlendes mozart-erlebnis. nicht enden wollender beifall. dass sich der audi-konzern, der gerade mit beiden beinen tief im diesel-morast steckt, für den abschluss seiner traditionellen ingolstädter sommerkonzerte ausgerechnet ein requiem aussuchte, ist eine andere geschichte.

Freitag, 28. Juli 2017

MÜNCHEN: TIEFER SCHWEB

mit marthaler-inszenierungen verhält es sich wie mit freitag-taschen: alles schon gesehen, alles schon gehabt, es gibt immer wieder neue und sie gleichen immer wieder den alten. more of the same. jetzt also "tiefer schweb“ an den münchner kammerspielen. der tiefe schweb ist die tiefste stelle des bodensees, 251 meter unter der oberfläche; hier trifft sich der nationale sicherheitsrat der vereinigten bodenseeverwaltung in der klausurdruckkammer 55b, die bei marthaler – natürlich – mit schwerer eiche getäfelt und mit einem stolzen kachelofen bestückt ist. die acht mitglieder treffen sich, um… ja um was eigentlich? um über die zukunft der über ihnen in schiffen parkierten „menschen mit temporärheimat“ und ihre nebenwirkungen zu beraten. sie machen das an ihrem sitzungstisch wie die garstigsten vereinsmeier, singen dazu unvermittelt liedli der geschwister schmid und bach-kantaten, also ziemlich alles, was nicht zusammengehört. ueli jäggi und walter hess (das ensemble wird je hälftig von den kammerspielen und der marthaler-familie gestellt) diskutieren am pissbecken nicht-könnend über das nicht-wollen im sinne heideggers, hassan akkouch muss als bajuwarisierter libanese fehlerfrei sämtliche zutaten der weisswurst aufzählen und zeigt dann auch gleich noch die artverwandtschaft von schuhplattler und breakdance, annette paulmann gibt grossartig selbstverliebt die „fischerin vom bodensee“ – und als ob das alles nicht reichen würde, geraten die jungs mit drei hammondorgeln auch noch ganz übel ins simonandgarfunkeln. das ganze ist nicht der ultimative beitrag zur lösung der migrationskrise, aber eine bitterböse persiflage auf all jene behörden, die auch nicht können und/oder nicht wollen. ein bunter abend mit, jawohl, tiefgang (251 meter). irgendwie passt halt in so eine marthaler-inszenierung einfach doch mehr hinein als in eine freitag-tasche. und jeder redundanz-fetischist wird sich auch die nächste wieder angucken.

Donnerstag, 27. Juli 2017

ROMA: NABUCCO, OUTDOOR

erst mussten die zahllosen prostituierten weg. als in den fünfziger jahren die tradition der opernaufführungen in den ruinen der caracalla-thermen ihren anfang nahm, wurden jeweils am nachmittag alle prostituierten vom riesigen areal beim circo massimo vertrieben. auf dass der kulturgenuss der römer society ungetrübt sei. und die flugzeuge flogen ciampino an diesen abenden von süden an, um die klassische musik nicht zu stören. tempi passati. geblieben ist das sommerliche festival, geblieben ist die grandiose kulisse. federico grazzini nimmt die wuchtigen ruinen zum ausgangspunkt seiner „nabucco“-inszenierung, er ergänzt sie im vordergrund mit resten eines zerbombten bunkers: in diesem umfeld von terror und zerstörung erzählt er die geschichte der hebräer zeitlos und ewiggültig - als trauma eines volkes, das auf der flucht ist vor herrschern, die ihre macht missbrauchen, eines volkes, das sich nach freiheit sehnt und einer neuen zukunft. es sind bilder, wie wir sie aus syrien, aus afghanistan, aus afrika kennen. und von der balkanroute und der italienischen südküste. sie wirken umso beklemmender, weil dirigent roberto rizzi brignoli der versuchung widersteht, einfach auf die süffigen effekte und die publikumswirksamen hits von verdis musik zu setzen, sondern mit dem orchestra del teatro dell’opera di roma vor allem den menschlichen regungen, abgründen und hoffnungen in diesen melodien nachspürt, vielschichtig und präzis. auch die solisten, allen voran csilla boross als abigaille und gevorg hakobyan als nabucco, ziehen charakterporträts der grossen opernpose vor. ein rundum geglückter abend also, der beweist, dass man eine oper auch auf einer riesigen bühne und vor 3500 zuschauerinnen und zuschauern anrührend aufführen kann, fern aller diven-gesten.

Mittwoch, 26. Juli 2017

ROMA: LA MAGNANI

„sono contenta di stare qui in casa mia da sola per giorni, quando sono da sola, non mi annoio mai. ma anche quando io non sono sola fisicamente, posso essere sola spiritualmente, è facile per me essere sola anche in mezzo una folla. poi, a livello spirituale, sono stata da sola tutta la vita.” da sola per giorni, da sola tutta la vita. das italienische „solo/sola“ kann sowohl „einsam“ als auch „allein“ bedeuten. anna magnani (1908-1973) hatte eine schwierige jugend (den vater hat sie nie gekannt, die mutter hat sich nach ägypten davongemacht) und wenig glück mit ihren beziehungen als erwachsene. vielleicht sind es vor allem diese bitteren erfahrungen, die sie zu einer so aussergewöhnlichen und aussergewöhnlich authentischen filmschauspielerin gemacht haben. das vittoriano, mitten im touristischen zentrum roms, zeigt jetzt bisher unveröffentlichte schwarzweissbilder, die diva hinter den kulissen, bei partys mit freunden, in ihrer wohnung, dazu sorgfältig ausgewählte wochenschau- und interviewsequenzen, die einem, wenn man sich zeit lässt, diese frau sehr nahe bringen – und noch sympathischer machen. mamma roma, ganz privat. „non ho fatto mai il minimo sforzo per sembrare un’altra.“ was für ein satz für eine grosse schauspielerin.

Montag, 24. Juli 2017

ROMA: CROSS THE STREETS

metro, s-bahnen und regionalzüge wurden und werden in keiner stadt der welt so konsequent und kontinuierlich besprayt wie in rom (und so wenig in ihren ursprünglichen zustand zurückversetzt). das rollmaterial, das das magliana-depot im süden der stadt verlässt, ist ein gigantischer querschnitt durch über 30 jahre jugendkultur, auflehnung, farben- und formensprache. das macro (museo d'arte contemporanea roma) widmet dem phänomen mit "writing a roma 1979-2017" jetzt eine eigene schau. sie zeigt, wie die graffiti-ausstellung in der galleria la medusa, die erste ausserhalb der usa, 1979 die initialzündung gab, wie sich das erscheinungsbild der stadt durch die writings mehr und mehr zu verändern begann, wie die jungen künstler ihre nächtlichen werke tagsüber mit fotos und videos in einer geradezu atypischen sorgfalt dokumentieren. dieser ebenso faszinierende wie liebevolle einblick bringt viel lokalkolorit zur parallel laufenden, umfassenden ausstellung "cross the streets", die den grössten der zunft (keith haring, obey the giant, wk interact) grosszügig raum gewährt. street art im museum? ein widerspruch, gewiss. bei 36 grad im schatten lässt sich damit allerdings recht gut leben. dass die exponate hier aus dem zusammenhang gerissen sind, ermöglicht neue zugänge, eine art sehschule. sie öffnet die augen für eine entwicklung, die im untergrund begann und uns heute im alltag vielfältig begegnet, in der mode, in der kunst, in der werbung: einst protest, jetzt pop-communication. die welt ist farbiger geworden.

Donnerstag, 20. Juli 2017

MÜNCHEN: SCHWANGER IM KIRSCHGARTEN

"brigitte hobmeier wird mutter! die rolle der scharlotta iwanowna übernimmt daher bis zur sommerpause ensemblemitglied thomas hauser." was für eine umbesetzung, die der beizettel im programmheft da knapp annonciert: mann statt frau, newcomer statt diva, die münchner kammerspiele kennen gar nichts. hauser geht die rolle der gouvernante in tschechows "kirschgarten" leise und subtil an, flüsternd fast, die einzige figur, die weiss, dass sie nicht weiss, wer sie ist; die einzige, die zugibt, dass sie keine lösung hat in diesen zeiten des wandels; die einzige, die die anderen allesamt durchschaut, was sich gleich nach der pause zeigt, wo iwanowna/hauser in einem fulminanten "was bisher geschah"-solo die anderen elf figuren im höllentempo imitiert und karikiert und sortiert. coole umbesetzung, die hobmeier muss sich während der schwangerschaft nicht grämen. eigentlich haben wir uns diese vorstellung aus einem ganz anderen grund angeschaut: sie trägt den stempel von nicolas stemann (hausregisseur) und benjamin von blomberg (chefdramaturg), das sind die beiden, die am schauspielhaus zürich als co-leitung die nachfolge von barbara frey antreten. hier machen sie gleich klar: nicht nur im kirschgarten ist gröberer umbruch angesagt, sondern auch im theater, das alte wird abgeholzt, das neue hat - nicht bloss an den kammerspielen - noch keine klaren konturen. die bühne ist bis auf ein paar mikroständer leergefegt, der schwere rote samtvorhang mit goldkante wird in wilder choreografie hin und her gezogen und schliesslich runtergerupft. unruhe, ungewissheit, planlosigkeit, lethargie - den tschechowschen blues, den kriegt diese inszenierung ganz trefflich hin. trefflich und zukunftsschwanger.

Sonntag, 9. Juli 2017

GISWIL: SEELENVERWANDTE AUS GEORGIEN

14 männer in wadenlangen schwarzen röcken, edler stoff, elegant geschnitten. man könnte sie für priester halten oder für magier, wären da nicht die säbel vor dem bauch, die patronentaschen über der brust und die steinschleuder auf der schulter. so hat die georgische tracht, die der didgori choir aus tiflis trägt, etwas martialisches und auch opernhaftes. doch diese männer singen keine kriegshymnen und keine opern. sie singen die lieder aus georgien, polyphone, teils dissonante gesänge, die im alltag ihrer heimat wurzeln und seit generationen grösstenteils mündlich überliefert wurden und werden: lieder über die landarbeit, über die sonne, über die karge landschaft, über die liebe. kräftige stimmen, archaische melodien mit vielen vokalen und vielen obertönen – und die naturkulisse mit den bäumen im vorder- und den felsen im hintergrund könnte passender nicht sein. „obwald“. das volkskulturfest im wald bei giswil. schon zum zwölften mal. und wieder mit einer grandiosen entdeckung. es berührt tief, als die didgoris ein melancholisches schlaflied anstimmen, wie es in georgien eben nicht nur grossmütter und mütter singen, sondern auch kräftige bärtige männer. alle klischees werden überwunden und einmal mehr bei obwald alle grenzen: nach dem begeisterten schlussapplaus setzen die jodlerklubs bärgsee lungern und echo sörenberg gemeinsam zu einem weiteren naturjuiz an und die georgier gesellen sich zu ihnen und stimmen ein. seelenverwandte. martin hess, der obwald-zampano mit der genialen spürnase, hat sie gesucht und einmal mehr gefunden. zutiefst seelenverwandte.

Sonntag, 2. Juli 2017

RIGA: WASSER VOLLER SEELEN

ich überquerte alle flüsse,
doch ich konnte die daugava nicht überqueren,
ich konnte die daugava nicht überqueren,
ihr wasser ist voller seelen.
(aus einem lettischen volkslied)
die gesänge und die gedichte der letten sind meistens in moll gehalten, voller melancholie, poesie gewordene komplizierte vergangenheit. doch jetzt tanzen sie wieder am ufer der daugava und sie singen und sie trinken, auch auf den plätzen der altstadt schlagzeug- und bierorgien. selten in einer nördlichen stadt so viel südliche lebenslust erlebt. deutlich mehr dur als moll. das tut den toten seelen gut und den lebenden.

Mittwoch, 21. Juni 2017

MÜNCHEN: LE RETOUR AU DÉSERT

schauplatz: ein heller, hoher raum. allerdings weckt der, wegen seiner fensterlosigkeit und weil sich die wände unaufhörlich und schier unmerklich verschieben, durchaus klaustrophobische gefühle. die ganze sippe der serpenoise haust in diesem anwesen und mit ihr die gespenster der vergangenheit und die gespenster der gegenwart, ein ganzes heer. der helle, hohe raum ist also überbelegt, lässt kaum luft zum atmen. mit „rückkehr in die wüste“ hat bernard-marie koltès in den 80er-jahren eine bittere komödie geschrieben: algerien-trauma, xenophobie, perspektivenlosigkeit und lethargie in der wüste der provinz – alles verpackt in die geschichte einer spiessigen industriellenfamilie in frankreichs norden. die inszenierung von amélie niermeyer am münchner residenztheater zeigt mit beinahe sadistischer lust, wie brisant dieses 30 jahre alte stück gerade in diesem französischen wahlfrühling immer noch ist. rechtsextreme zombies schleichen durchs haus und schmieden ihre pläne, araber werden abgefackelt und schwarze abwechslungsweise als karikaturen oder als bedrohung wahrgenommen. im zentrum stehen adrien, der firmenchef, und seine schwester mathilde, die nach 15 jahren mit zwei unehelichen kindern aus algerien zurückkehrt und ihr erbe einfordert. götz schulte und juliane köhler keifen und balgen, überhäufen sich mit vorwürfen, verletzen und versöhnen sich, ein tanz am abgrund; geschwisterliche hassliebe mit permanenter explosionsgefahr. es brodelt in der familie, es brodelt in europa, es brodelt zweieinhalb stunden lang. koltès schwingt sich mit seinen messerscharfen dialogen in tschechowsche dimensionen: wenn alles nur wüste ist, wo ist dann die heimat?

Dienstag, 20. Juni 2017

BRUXELLES: ÜBER VOR- UND NACHTEILE

"die eu ist kein verein, der allen mitgliedern immer nur vorteile bietet. sie funktioniert, weil die vorteile alle tatsächlichen oder vermeintlichen nachteile aufwiegen - und zwar für alle." die eu, von sz-korrespondent daniel brössler auf den punkt gebracht.

Donnerstag, 15. Juni 2017

BASEL: SATYAGRAHA, NERVTÖTEND

minutenlang schreitet mahatma gandhi im weissen gewand über die dunkle bühne und singt dazu texte aus dem altindischen epos „bhagavad gita“. eine lichtgestalt. minutenlang tanzt mahatma gandhi im weissen gewand inmitten von farbigen kämpfern, die ihre blutigen hände zum himmel werfen. minutenlang freut sich mahatma gandhi im weissen gewand über die leute, die die gründung seiner zeitung „indian opinion“ feiern. diesem kämpfer für gewaltfreien widerstand wollte der amerikanische komponist philipp glass 1980 ein denkmal setzen. er nannte es eine oper. „satyagraha“ („kraft der wahrheit“) erlebte jetzt, zum 80. geburtstag des komponisten, am theater basel ihre schweizerische erstaufführung, inszeniert vom multikulti-choreografen sidi larbi cherkaoui, dirigiert von jonathan stockhammer: viel bewegung, kaum handlung. eine oper? eher ein oratorium, eine musikalische meditation darüber, wie sehr der wunsch nach abwesenheit von krieg und gewalt auch persönliche veränderung bedingt. und tatsächlich scheinen sich nicht wenige im publikum hier zu einem gandhi-gottesdienst einfinden zu wollen. sie werden aufs äusserste gefordert, denn glass schrieb für gandhi (rolf romei mit strahlendem tenor) zwar sinnlich-schöne melodienbögen und stattete auch die chöre musikalisch gut aus, doch dem orchester verordnete er parallel dazu absolute musikalische einfalt, endlos, wirklich endlos, die immer gleichen zwitschernden tonleitern und die immer gleichen juckenden dreiklänge. definitiv keine oper also, sondern ein strapaziöses, überredundantes klangexperiment. minimal music auf maximale dauer zerdehnt. statt der vom komponisten beabsichtigten hypnotisierenden spiritualität erlebten wir drei letztlich nervtötende stunden. zum glück haben wir von gandhi gelernt, unseren zorn in positive energie umzuwandeln.