Dienstag, 30. Juni 2026

MÜNCHEN: OF ONE BLOOD

zwei starke frauen, zwei cousinen, die zu hitzigen rivalinnen werden, machtkämpfe und intrigen inclusive – der stoff hat´s in sich. mary stuart und elizabeth tudor, die im 16. jahrhundert fatal verstrickten königinnen von schottland und england, fesselten schon schiller, donizetti, zweig – und nun auch den australischen komponisten brett dean: „of one blood“ (vom selben blut) heisst sein neues werk, jetzt uraufgeführt an der bayerischen staatsoper. musik von heute verbindet die beiden frauen von einst, die sich im wirklichen leben nie begegnet sind. brett deans frau heather betts schrieb ihm, ausgehend vom briefwechsel zwischen elizabeth und mary, ein psychologisch ausgefeiltes libretto. der prozess des briefeschreibens, das kratzen des federkiels auf papier, fand auch eingang in den reichen musikalischen kosmos, auch das flattern eines raben füllt den zuschauerraum, elektronische zuspielungen bereichern den intensiven, düsteren, gelegentlich schrillen fluss der melodien, den vladimir jurowski mit dem staatsorchester so präzis wie effektvoll auskostet. in einem aseptischen kontrollraum nähern sich stumme assistenten in weissen overalls und mit weissen helmen den protagonistinnen, umstellen sie, studieren sie, bewegen sie – eine laborsituation. die regie von claus guth will nicht einfach historie illustrieren, sondern unseren umgang damit. wie entsteht unser bild von menschen, die wir persönlich nicht kennen? welches bild entwarfen mary und elizabeth voneinander, ausschliesslich auf briefe und gerüchte gestützt? johanni van oostrum lädt elizabeth mit enormer verzweiflung und verbitterung auf, immer wieder klingt ihr wunsch an, eine ganz gewöhnliche frau sein zu dürfen. vera-lotte boecker als mary verdeutlicht die tragik ihrer figur mit einem enormen stimmlichen spektrum, von lyrischer zartheit zu dramatischer wucht. zwei in jeder phase exzellente sopranistinnen. elizabeth singt auf der linken bühnenhälfte, mary auf der rechten, oft singen sie gleichzeitig, doch nicht zusammen, kein duett, sondern ein pathologisch aufgeladenes duell. zeitgenössische oper kann immens packend sein.

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