Samstag, 22. Juni 2013

MÜNCHEN: KÖNIG LEAR UNTER SCHWEINEN

sei´s der britische königshof 800 jahre vor christus, sei´s ein bauernhof in unseren tagen – die grossen themen bleiben: macht, würde, liebe, die suche nach dem sinn. deshalb zeigt intendant johan simons shakespeares „könig lear“ an den münchner kammerspielen als spiel einer laientruppe auf einem bauernhof; er will die fragen, die die welt immer umgetrieben haben, in menschlichen proportionen angehen. eine leicht schiefe, mit grasziegeln belegte holzrondelle von kaum fünf metern durchmesser ist die ganze welt, ist schloss, ist heide, ist heerlager. hier spielen sie in gummistiefeln und kleidern vom dachboden, umwuselt von echten schweinen, diesen grossen düsteren text als herrenbauerndrama: prall, drastisch und damit sehr nahe an shakespeares idee von volkstheater. andré jung als tyrann ohne innere grösse, der königreiche verteilt und töchter enterbt, rennt in roten strumpfhosen durch sein britannien und lässt uns eindrücklich teilhaben an der zunehmenden verdunstung seines gehirns. „du hättst nicht alt werden solln, eh du weise wurdst“, seufzt ihm sein narr voller mitleid zu. dass dieser lear bei der kleinsten unplanmässigkeit aggressiv und laut wird, nährt die vermutung, er sei womöglich nicht dem wahnsinn verfallen, sondern leide an einer perfiden form von demenz. „könig lear“ als welttheater und endspiel – ein grosser abend.

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